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Samael - Berlin

29.11.2004 | 12:42

21.11.2004, Columbia Club

Eigentlich ist es nicht verwunderlich, dass an diesem Abend so wenige Leute ihren Weg in den Columbia Club in Berlin gefunden haben: Es ist Sonntag, es ist kalt, drei völlig unterschiedliche Bands kosten zusammen 22 Euro. SOON verpasse ich souverän. Soll wohl nicht schlimm gewesen sein - Synthie-Gitarren-Plörr-Mugge. Den Beginn machen also FLOWING TEARS. Für die Band muss die Tour mit SAMAEL ein echter Horror-Trip sein, denn eigentlich interessieren sich klassische SAMAEL-Fans nicht unbedingt für Gothic-Metal aus Saarbrücken. Das ist in Berlin nicht anders. Obwohl Sängerin Helen ständig das Publikum auffordert, seine "Ärsche zu bewegen", bleiben die Zuschauer gelassen. Als Helen weiter vergebens um Stimmung bittet, wirkt es langsam nervig und kindisch. Und da dieses einmal aufgetauchte Nervgefühl nicht wieder verschwindet, klingen die Songs von FLOWING TEARS noch eine Spur durchschnittlicher als sonst. Warum nur musste diese Band SAMAEL supporten? Eine späte Rache ihres Ex-Labels Century Media, bei denen FLOWING TEARS ebenfalls unter Vertrag sind? Wie auch immer, die Gothic-Metaller wirken gänzlich deplatziert. Wahrscheinlich wünschen sich nicht nur ein paar Zuschauer, dass die Windkanal-Ventilatoren, die den Musikern schwungvoll die Haare zurück blasen, noch ein paar Stufen stärker eingestellt sein könnten - und FLOWING TEARS von der Bühne wehen. Oder dass Helens peinliche Ansagen in den Pausen von Mikrofon-Ausfällen begleitet werden: Mit diesem Dazwischengequatsche wird aus einer halbwegs erträglichen Allerwelts-Gothic-Kombo ganz schnell eine rotes Tuch.

Dagegen sind SAMAEL die erwarteten Götter. Nach dem klassischen Intro startet sie, die dunkelste Großraumdisko des Jahres. Die Schweizer werden dabei wie auf ihren vergangenen Touren von allerlei Multimedia-Schnickschnack unterstützt, in Berlin sorgen zwei große Leinwände hinter Syntesizer- und Drumstick-Abgeher Xytras für viel bewegtes Bild. Doch der Mann, der vor den Film-Schirmen ekstatisch auf seine Keyboard-Tasten haut und beim Trommeln immer wieder wild in die Luft springt, dieses SAMAELsche Mastermind ist dafür verantwortlich, dass die viele Technik eigentlich überflüssig wird. Denn was soll erkennbar sein, wenn der eigene Kopf wie an einer Gummifeder auf und ab schwingt?! Besonders die neuen Stücke des fantastischen "Reign Of Light"-Albums funktionieren live allesamt hervorragend. Der Titelsong ist mit seinen schnellen Passagen eine Wucht und zeigt eindeutig, dass SAMAEL bei aller tekknotischer Weiterentwicklung immer noch SAMAEL sind: Hart, kalt, zupackend. Nur nicht mehr ganz so tödlich böse, wie noch auf den älteren Alben. Die früheren Stücke wie 'Baphomets Throne' sind bis auf die ersten beiden Alben allerdings noch in das Konzert integriert, nur klingen sie um Längen elektronischer als die Originale. Dennoch, sie funktionieren in ihrem neuen Gewand, trotz der Samples. So etwas schaffen nur wenige Bands, auch die Fans im Saal murren nicht und schütteln lieber Köpfe. Unterstützung erhalten SAMAEL zusätzlich noch durch die abwechslungsreiche Lichtshow. Sie rückt die vier Musiker ins passende Licht. Sänger und Gitarrist Vorphalack wirkt dadurch so schick, wie er immer bei Konzerten aussieht, trägt einen schwarzer Männerrock, ein rotes eng anliegendes Shirt und einen kurzer Zopf - und bewegt sich kaum. Bassist Masmiseim und sein klampfenschwingender Widerpart Makro auf der anderen Seite sind dagegen die Aktiv-Bangmonster bei SAMAEL, besonders Masmiseim springt umher wie unter Drogen. So spielen sich SAMAEL fast durch die gesamte "Reign Of Light", reißen die "Eternal"-Scheibe an, legen einen zweiten Schwerpunkt auf "Passage" und streifen die Black Metal-Vergangenheit von "Ceremony Of Opposites". Die Begeisterung der Fans ist groß, allerdings sind erst rund 200 bis maximal 300 Leute da. Auch bei den anderen Auftritten der Schweizer während ihrer ausufernden Tour sollen weniger Leute als erwartet gewesen sein. Woran liegt's? Genießen SAMAEL nach dem noch elektronischeren "Reign Of Light" doch nicht mehr die unbegrenzte Narrenfreiheit gegenüber ihren Fans, wie jeder denkt? Oder sind die 22 Euro schlicht zu teuer für einen Abend mit reichlich anderthalb Bands? Ich persönlich würde ja auf Antwort Nummer Zwei tippen.

Redakteur:
Henri Kramer

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