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Siddharta - Wien

30.05.2007 | 14:26

26.05.2007, Planet Music

SIDDHARTA sind in ihrer slowenischen Heimat längst Superstars. Von dem Aufritt in Ljubljanas zentralem Fußballstadion im Jahre 2005 anlässlich der Veröffentlichung des vierten Albums "Rh-" zeugen die beeindruckenden Live-Mitschnitte, welche als Bonusmaterial auf der Special Edition der Scheibe enthalten sind. Über 30.000 Menschen erlebten damals ein Konzert der Superlative, an dem neben der Band selbst das RTV Slovenia Symphony Orchestra und sechzig Tänzer verteilt auf drei Bühnen mitgewirkt haben. Zieht man in Betracht, dass Slowenien gerade mal rund zwei Millionen Einwohner hat, wäre das in etwa so, als wenn in Deutschland über 1,2 Millionen Besucher einem HERBERT GRÖNEMEYER-Konzert beiwohnen würden.

Außerhalb der Heimat funktioniert das "Phänomen SIDDHARTA" leider noch nicht. "Rh-" erschien zwar als erstes Album der bis in die Mittneunziger zurückreichenden Bandgeschichte auch auf Englisch bei uns, dies aber bei einem kleinen Label, und obendrein wurde es völlig falsch mit irgendwelchen "Gothic Metal"-Vergleichen beworben, so dass die sehr vielschichtige Rock-Musik des Sechsers die potentielle Zielgruppe schlichtweg nicht erreicht haben dürfte. Eindeutiger Beweis dieses Fehlstarts war die desaströse Headliner-Tour im Frühsommer 2005, bei der die Band froh sein durfte, wenn sich an einem Abend einmal hundert Nasen eingefunden haben. Seinerzeit bestand die Setliste zum überwiegenden Teil aus "Rh-"-Stücken, doch die beim von mir besuchten Gig in Berlin recht zahlreich anwesenden slowenischen Fans feierten vor allem das ältere, in ihrer Muttersprache vorgetragene Material derart euphorisch ab, dass die Stimmung trotz der geringen Zuschauerzahlen richtig gut war. Auch wenn hundert Gäste nicht annähernd an die in ihrer Heimat erzielten 30.000 heranreichen, so bekam man zumindest eine vage Ahnung, wie ein SIDDHARTA-Heimspiel ablaufen kann.

So in etwa ist auch meine Erwartungshaltung bezüglich des Konzerts im Wiener Planet Music, das ich im Zusammenhang mit einer Kurzreise über das Pfingstwochenende mitnehme. Und als der Opener SIC die Bühne betritt, sehe ich mich bestätigt: Sehr überschaubar geht es nicht nur auf, sondern auch vor der Bühne zu. Das Trio um Sänger/Gitarrist Bernhaar Speer bietet Grunge-lastigen Sound mit zum Teil sehr originellen Instrumentalparts, aber im Vokal-Bereich klingt die Chose für meinen Geschmack etwas zu emotionslos. Naturgemäß bewegt sich bei nur drei Hanseln auf einer dafür viel zu großen Bühne auch nicht sonderlich viel, was die Stimmung trotz der Hand voll erstaunlich textsicherer Fans in der ersten Reihe merklich drückt.

Auch bei SUNSTONE sieht der Headbang-Faktor zumindest vor der Bühne kaum besser aus, doch immerhin macht Frontsau Eddy Ordelt dort oben mächtig Alarm. Meine Begleiter finden seine extrovertierte Performance zwar ein wenig überzogen (und die an Dave Wyndorf von MONSTER MAGNET erinnernde Sonnenbrille hätte auch echt nicht sein müssen), aber mir gefallen seine Schlangentanz-Einlagen, merkwürdigen Zuckungen und perfekt einstudierten Posen ziemlich gut. Die Songs brauchen allerdings eine Weile, um zünden zu können, aber ab ungefähr der Hälfte des Gigs fange ich an, dem Mix aus Grunge, Stoner Rock und einer Prise Prog etwas abzugewinnen, und vor allem in den ruhigeren Momenten kann Eddy auch ohne Gehampel überzeugen.

Die Pause vor dem Hauptact verbringe ich auf einem der Barhocker im Nebenraum, von wo aus man über einen Monitor die Geschehnisse in der Halle verfolgen kann, um rechtzeitig zu den ersten Tönen von SIDDHARTA wieder einen guten Platz einzunehmen. Doch irgendwas stimmt dort nicht. Auch wenn der kleine Schwarz-weiß-Bildschirm kein wirklich scharfes Bild liefert, so bin ich mir doch ziemlich sicher, dass der ehemals angenehm leere Bereich vor der Bühne plötzlich voller Menschen ist. Die Erklärung dafür finde ich erst nach dem Konzert: Vor dem Planet Music stehen etliche Reisebusse (!) mit slowenischem Kennzeichen, die einige hundert SIDDHARTA-Fans zu diesem für dortige Verhältnisse doch eher intimen Clubgig mit ihren Helden chauffiert haben. Hinzu kommen vermutlich noch etliche Vertreter der vor allem in Kärnten anzutreffenden slowenischen Minderheit plus eine sehr kleine Zahl österreichischer Gäste, die für die nächsten gut neunzig Minuten nichts mehr zu melden haben. SIDDHARTA kommen heute aus Slowenien, um für ihre slowenischen Fans zu spielen, und vergessen dabei fast völlig, die nicht slowenisch sprechenden Anwesenden wenigstens in Form von englischen/deutschen Ansagen ein wenig am Geschehen teilhaben zu lassen. Das ist aber auch schon der einzige Schönheitsfehler an diesem wirklich großartigen Konzert, von dem ich nun Zeuge werden darf. Die Fans feiern, als gebe es kein Morgen mehr, singen fast jeden Song Wort für Wort mit und honorieren nicht nur die gerade mal vier - natürlich ebenfalls in der slowenischen Fassung vorgetragen -"Rh-"-Stücke ('Insane', 'T.H.O.R', 'My Dice' und 'Rave') gebührend.

Wie meine Begleiter feststellen, sind unter den Anwesenden erstaunlich viele attraktive junge Damen, aber am "Boygroup-Faktor" liegt der Erfolg der Formation garantiert nicht. Bis auf den mit angedeutetem Iro und Tattoos dezent punkig herausgestylten Sänger/Gitarristen Tomi und den mit schwarz-glänzendem Shirt und etwas längerem Haar in die Gothic/Wave-Ecke tendierenden Bassisten Jani sehen die Jungs erschreckend normal, fast bieder aus. Vor allem Gitarrist Primož erinnert mich eher an einen tageslichtscheuen Computerfreak als an den Rockstar, der er dem engagierten Stageacting zufolge nach ist. Aber vermutlich ist es genau dieser Effekt, dass sich jeder mit der offenbar völlig starallürenfreien Band identifizieren kann, so wie auch unser HERBERT GRÖNEMEYER gerade durch seine Normalität für sich einnimmt.

Musikalisch jedoch sind SIDDHARTA so bunt, wie man es als Rockband nur sein kann. Spöttische Zungen bemerken zwar bei der einen oder anderen Ballade wie der aktuellen Single 'Male Roke', dass sie damit gut ihr Land beim nächsten Eurovision Songcontest vertreten könnten (sollen sie ruhig - ein gutes Stück kann dieser Schrott gut vertragen, und die Gewinnchancen wären bei der nachbarschaftlichen Vetternwirtschaft nicht schlecht). Aber dann kommt schon wieder ein folkloristisches, rockiges, elektronisches, düsteres, pathetisches, hymnisches, fröhliches, tanzbares oder mitsingkompatibles (na gut, wir Nicht-Slowenen steigen hier aus) Element, und zwar in den mir bekannten vier Songs genau so wie in allen anderen, und ich verstehe, warum die Menschen um mich herum alle so viel Spaß daran haben, lasse mich anstecken und feiere mit. Die Musik mag auf den ersten Blick schlicht und eingängig wirken, begeistert aber immer wieder durch kleine Details. Tastenmann Cene huscht ab und an mit einem Saxophon oder einer Klarinette über die Bühne bzw. hantiert im Hintergrund mit diversen Percussion-Instrumenten, und Tomis abwechslungsreicher Gesang zwischen sanft und rockig wird effektvoll von Background-Vocals untermalt. Ruhige Songs ergänzen sich mit Schunkelelementen und straighten Rockern, und diese Mischung ist zu keiner Sekunde langweilig.

Ich habe mich glaube ich noch nie auf einem Konzert inmitten von Menschen, deren Sprache ich nicht spreche und die Lieder Wort für Wort mitsingen, die ich noch nie zuvor gehört habe, so wohl gefühlt, und renne hinterher zum Merchandising-Stand, um den kompletten Backkatalog plus das neue (leider wieder nur auf slowenisch, dafür aber mit drei verschiedenen Front-Covern erschienene) Album "Petrolea" zum absolut fairen Preis abzugreifen.

Trotzdem sollten SIDDHARTA das sichere Terrain ihres Heimat-Erfolges bald verlassen, um auch den Rest der Rock-Welt mit ihrer Musik glücklich zu machen. Es ist mir ein Rätsel, wie ein solche Band der europäischen Szene bisher weitestgehend verborgen bleiben konnte. Gut, die Sprache mag ein Hindernis sein, aber "Rh-" hat auch auf Englisch wunderbar funktioniert. Wenn sie wenigstens mit ihrem Publikum Englisch reden würden, würde das schon viel nützen. ;-)

Redakteur:
Elke Huber

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