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Sonata Arctica - New York

05.10.2007 | 11:38

30.09.2007, B. B. King Blues Club

Allmählich finde ich Gefallen an der amerikanischen Eigenart, die Tourpakete möglichst bunt zu gestalten, weiß man doch so im voraus nie genau, was einen erwartet. Auch SONATA ARCTICA haben auf ihrer US-Tour - neben den stilistisch halbwegs zu ihnen passenden FIREWIND - noch zwei mir bis dato unbekannte Bands im Gepäck, die es zu entdecken gilt.

Den Anfang machen UNEXPECT aus dem kanadischen Montreal, deren Name wirklich Programm ist: "Expect the unexpected!" sozusagen. Als erstes erblicke ich Geiger Borboën und grinse erwartungsvoll, denn Geigenklänge mag ich. Dann vernehme ich Sängerin Leïlindel und denke "Oh Schreck, eine Träller-Else!". Womit ich komplett falsch liege, denn nur 30 Sekunden später grunzt die extrem langmähnige Dame wie eine brünstige Elchkuh und balanciert von da an geschickt durch alle nur erdenklichen Stimmlagen, ebenso wie ihre männlichen Counterparts (und Gitarristen) Syriak und Artagoth. Und genauso abwechslungsreich wie der Gesang ist auch die Musik des ein wenig an MR. BUNGLE erinnernden Septetts. Nicht umsonst nennt die Band als Einflüsse auf ihrer MySpace-Seite: "Anything goes, every sound and particles ... From DISSECTION to RADIOHEAD. From JOHN ZORN to GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR and so on for hundreds of lines." Klingt wie: "Colours of your choice. Mood of the day. Life is short." Eine treffende Umschreibung, denn die Songs sind wirklich farbenprächtig (von beängstigendem tiefschwarz bis zu sonnigem gelb) und stimmungsvoll (mal Alptraum, mal Glückseligkeit), und in der kurzen Zeit, die UNEXPECT auf der Bühne stehen, wird jedes, und ich meine wirklich jedes nur erdenkliche musikalische Genre wenigstens kurz angerissen, als gebe es tatsächlich kein Morgen mehr. Die Performance der durchgeknallten Combo ist passenderweise theatralisch, ähnlich wie bei den nicht minder kranken SLEEPYTIME GORILLA MUSEUM. Fast am meisten beeindruckt mich jedoch der vermutlich größte Tieftöner, den die Menschheit je gesehen hat: "7/9 stringed bass" nennt sich das Monster, und der ChaotH (schönes Pseudonym!), der ihn in Händen hält, leistet darauf wirklich Großes! Alle, denen Musik gar nicht schräg genug sein kann, sollten dringend mal reinhören. Ein wenig anstrengend zwar, doch irgendwie überwältigend und völlig unbeschreiblich.

Nach diesem musikalischen Inferno wird es recht vorhersehbar. THE AGONIST, ebenfalls aus dem benachbarten Kanada, haben zwar eine wirklich reizende Sängerin, bewegen sich jedoch stilistisch keinen Millimeter über die üblichen Metalcore-Trademarks hinaus. Gegrunze in den Strophen (hierin ist die zierliche Alissa recht talentiert), klarer, leider etwas schwachbrüstiger Gesang in den Refrains, und dann wieder von vorne. Wiedererkennungswert der einzelnen Songs: gering. Die Bühnenshow ist hingegen engagiert, und die Stimmung im Mob, die schon beim Opener erstaunlich gut war, bekommt nochmals einen ordentlichen Schub. Vielleicht ist meine Erwartungshaltung nach UNEXPECT zu hoch, aber mir persönlich geben THE AGONIST nix. Also raus, Kippe rauchen und auf eine Portion ordentlichen Power Metal freuen.

Denn obwohl ich mir bestimmt keinen FIREWIND-Silberling ins heimische CD-Regal stellen würde, so gehören sie doch zu der Sorte Traditionalisten, die ich mir auf der Bühne gerne anschaue. Das liegt natürlich nicht zuletzt an Saitenhexer Gus. G., der sich bereits quer durch die Power-Metal-Welt ausgetobt hat und zu den besten Gitarristen jüngeren Jahrgangs zählt. Sympathischerweise stellt er sein Talent jedoch nicht zu sehr in den Vordergrund, sein Spiel ist stets mannschaftsdienlich, und auch die Soli sind erfreulich zurückhaltend. METALIUM-Sänger Henning Basse, der den Griechen auf der Tour aushilft, erledigt seinen Job souverän, und über ca. 45 Minuten reckt das Publikum begeistert die Fäuste in die Höhe. Schöne Show, mitreißende Songs - wie Power Metal eben sein sollte.

So spannend es auch ist, neue Bands kennen zu lernen - ein Wiedersehen mit "alten Bekannten" ist doch irgendwie gehaltvoller. Keine Ahnung, wie oft ich SONATA ARCTICA schon live erlebt habe, und auch die DVD "For The Sake Of Revenge" rotierte etliche Male in meinem DVD-Abspielgerät. Denn auf der Bühne sind die Finnen eben stets top, und hätte mir der wie immer sehr farbenfroh gekleidete Sänger (heute: helle Hose und ein rot-blau-kariertes Hemd zum obligatorischen Halstuch und Band-Shirt) Tony Kakko vor dem Auftritt nicht erzählt, wie krank er sich gerade fühle, ich würde nichts davon bemerken. Am meisten gespannt bin ich natürlich auf Neuzugang Elias Viljanen, der den hochkant rausgeflogenen Jani an der Gitarre ersetzt. Im Gegensatz zu dem pausbäckig-knuffigen Rotschopf gibt der Neue eher den typisch-unterkühlten blonden Nordmann, und sein effektvoll vom-Ventilator-verwehtes Haar passt auch nicht so recht zur sonst gewohnt natürlichen Ausstrahlung seiner Mitstreiter. Aber Gitarre spielen kann Elias, der im Laufe der Show schließlich etwas mehr aus sich herausgeht.

Die zahlreich anwesenden Fans scheinen das aktuelle Album "Unia" bereits gut verinnerlicht haben. Der Doppelpack 'In Black And White'/'Paid In Full' zündet so ordentlich, dass Tonys Frage "Are you ready to sing?" vor dem folgenden 'Victoria's Secret' eigentlich überflüssig ist. Doch sehr zu meiner Freude liegt der Schwerpunkt heute eher im Midtempo-Bereich. Natürlich drischt Schlagzeuger Marco bei '8th Commandment' oder 'San Sebastian' auch mal kräftig auf seine Felle ein, aber das Verhältnis "Doublebass" zu "Melodie" hat sich nicht nur auf "Unia", sondern auch live merklich geändert. "Hätten wir ein weiteres Album mit überwiegend schnellen Songs aufgenommen, ich hätte vermutlich in Kürze das Interesse an der Band verloren", gestand Tony mir vor der Show im Interview.

Doch zunächst gilt es ein paar Klassiker zu genießen, darunter das wie immer göttliche 'Broken', eine meiner SONATA ARCTICA-Lieblingsballaden, 'Tallullah', und das ebenfalls starke 'Full Moon'. Bei 'Caleb' wird es dann - stellvertretend für die zahlreichen anderen, deutlich bombastischer ausgerichteten Stücke des neuen Albums, spannend: Wie viel von dem, was man an Gesang zu hören bekommen würde, ist live, wie viel kommt vom Band? Fifty-fifty, würde ich sagen. Wo möglich, übernimmt der "Fussballstadion-Chor FC Sonata" selbst das Kommando, doch bei den ganz bombastischen Stellen geht es offenbar nicht ohne Computer-Unterstützung. Fast so, als wolle er dieses Manko ausgleichen, gibt Tony den "Vorturner", tanzt einen kleinen Walzer zum Dreivierteltakt bzw. animiert das Publikum zum ausgiebigen Mitklatschen und die-Arme-durch-die-Luft-schwenken. Niedlich!

Nach dem unvermeidlichen 'Black Sheep' zeigt sich, wie gut die neuen Songs zu einigen der älteren Werke passen, denn 'It Won't Fade' und 'Gravenimage' bilden ein tolles Duo. Und nach 'San Sebastian' kommen SONATA ARCTICA selbstverständlich zurück auf die Bühne - um das Publikum mal so richtig in das Geschehen einzubinden. "Wir bilden jetzt drei Gruppen. Ihr dort rechts seit die Bassdrum ...," (dunkles "bum bum"), "... ihr in der Mitte die Snare ...," (helles "bum"), "... und dann brauchen wir natürlich auch noch die Becken hier links." (helles "zisch zisch zisch"). Daraus wird: QUEENs 'We Will Rock You'! Schöne Idee.

Den eigentlichen Abschluss bilden drei Stücke, die wohl in keinem SONATA ARCTICA-Konzert fehlen dürfen: 'My Land' (alt, aber gut), 'Don't Say A Word' (einstige Single-Auskopplung und im Nachhinein betrachtet ein Indikator für die stilistische Ausrichtung des aktuellen Albums) und 'The Cage', inzwischen traditionelle Schlusshymne vieler Konzerte der Band. Und natürlich 'Vodka', das wird vermutlich in 100 Jahren noch hintendran gehängt. Was soll ich sagen: Es war toll, wie immer!

Setlist:
In Black And White
Paid In Full
Victoria's Secret
Broken
8th Commandment
Tallullah
Full Moon
Caleb
Black Sheep
It Won't Fade
Gravenimage
San Sebastian
---
We Will Rock You
My Land
Don't Say A Word
The Cage
Vodka

Redakteur:
Elke Huber

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