top banner 158
side banner 159

Soundattack Festival 2011 - Limburg an der Lahn

22.08.2011 | 21:23

29.07.2011, Freizeitgelände Eppenau

Kleinere Festivals gehören im Limburger Umland schon seit einigen Jahren zum festen Programm. Allerdings fanden Events wie das Tells Bells, das Mach1 oder auch das Kalkwerk Festival nie direkt in der Kreisstadt Limburg statt. Das Soundattack Festival, das nach 2009 zum zweiten Mal stattfindet, füllt somit eine bisher noch offene Lücke in der westhessischen Open-Air-Landschaft. Mit einem Mix aus lokalen Bands und internationalen Headlinern folgt die zweitägige Veranstaltung dem Beispiel anderer Festivals im Umkreis.

PIK SEVEN lassen sich als Opener aber nicht beirren und ziehen mit ihrem alternativen Indie einige Leute vor die kleinere Second-Stage. Deutsche Balladen wie 'Sie tanzt mit dem Tod' kommen bei den Jugendlichen gut an und scheinen für die frühe Stunde genau das Richtige zu sein.

ONE STEP FURTHER sind ein echter Gewinn für das Soundattack und ein Unikat auf diesem Festival. Wo sonst hohe Inhale-Screams und Breakdowns regieren, rocken die wohl dienstältesten Musiker des Konzerts im Stil von MOTÖRHEAD und ähnlichen Bands die Menge. Um diese Uhrzeit ist "Menge" allerdings ein sehr relatives Wort. Ebenfalls ein großes Problem ist die Spielzeit der Bands, die zu dieser Stunde bei 25 Minuten grassiert und ihnen nicht gerecht wird. Und so verlassen die Hardrocker die Bühne viel zu früh und hinterlassen ein Publikum, dessen verlangen nach Metal der ersten Stunde noch nicht gestillt ist.

Nonstop ist auch heute das Programm. Kaum sind die letzten Töne der Vorband auf der "Rhino's Energy Stage" verklungen, beginnen auf der Secondstage THE ETERNAL STORY mit ihrer Show. Und nichts, was am Vortag geschehen ist, hätte auf diesen Anblick vorbereiten können: Die fünf Musiker mit einer Vorliebe für Metalcore hampeln auf der Bühne herum, dass es einfach nur Spaß macht, zuzusehen. Bei Betrachtung des Auftritts ist das Wort "albern" fehl am Platze; lächerlich trifft es da wohl besser. Lachkrämpfe (vor allem bei Betrachtung des Bassisten) sind unumgänglich. Alle fünf treten bei jeder Gelegenheit immer wieder auf der Stelle, hüpfen auf der beengten Bühne und Headbangen außerhalb jeglichen Taktes. Alle Songs klingen sehr ähnlich und die Übergänge sind fast fließend. Auch aus der Ferne betrachtet ändert sich nicht viel daran. Allerdings muss man ihnen ihre Fähigkeiten zugestehen: Gitarren, Bass und Drums sind tadellos, leider auch unkreativ und schon mehr als bekannt. THE ETERNAL STORY sind technisch anspruchsvoll… und zum Totlachen.
Ebenfalls albern allerdings auf eine ganz andere Art und Weise sind die direkt darauf folgenden SCREAM OF THE ABYSS - ebenfalls eine der Metalcore/Hardcore Bands. Auch diese hüpfen über die Bühne und verrenken sich, allerdings weiß das Quintett von seinem Unfug und dies verbreitet eine ganz andere, viel sympathischere Stimmung. Was sie ebenfalls von den anderen Bands unterscheidet, sind die zwei Sänger: Einer für Clean- und einer für Screamgesang. Der Rest ist allerdings ein ziemlicher Standardmix aus den üblichen Metalcore-Klischees, aber trotzdem etwas besser als der Durchschnitt. Die Menge reagiert erfreut darauf und belohnt die Band mit einem bis zu diesem Zeitpunkt nicht übertroffenen Stimmungshoch.
UN TIPO DE LANGOSTINO direkt im Anschluss klingen
interessant - vom Namen her. Ansonsten ist aber das aufregenste auf der Bühne das T-Shirt des blonden Gitarristen, denn mit einem LIFELOVER-Shirt hätte man hier sicherlich nicht gerechnet. Musikalisch kann man zwar zufrieden verkünden, dass es hier mal etwas völlig anderes zu hören gibt, aber leider fehlt der letzte Punch. Die Gitarrenschlachten sind ansehnlich und gerade ein Song wie 'New World Genocide' kann Fans von singenden Heavy-Metal-Äxten begeistern, aber irgendwie fehlt die Spannung. Gerade stimmlich müsste die Band präsenter sein und die Menge mehr anheizen. So schauen zwar
viele Besucher gespannt zu, aber bewegen sich kaum. Dennoch ist der Auftritt einer der besseren und ein gewisses Potenzial kann man der Kapelle auch nicht absprechen.
THEIR DECAY setzen die Reihe der Metalcorebands fort und das wohl auch zum richtigen Zeitpunkt. Ihr wilder Mix aus teilweise leicht thrashigen Riffs und den üblichen Hardcore-Elementen kommt bei den vorhandenen Leuten gut an und lässt Raum nach oben. Starker Auftritt, allerdings nicht viel mehr oder weniger interessant als alle anderen Bands.
Es gibt tatsächlich auch Core-Bands auf diesem Open Air, die sich eher der alten Schule verschrieben haben. Das beste Beispiel hierfür sind BUSINESS AS USUAL, bei denen man sogar Tapes am Merhandisestand kaufen kann und die dem Sound alter Hardcore-Bands huldigen. Die Gießener sind aggressiv, schnell und haben die nötige Portion Punk-Attitüde im Sound. Wie es sich gehört, wird auf der Bühne herumgehoppelt und das Publikum angeheizt. Definitiv ein Name, den man sich merken sollte.
Abwechslung ist in Sicht: In Form von AWAITING CRUNCH schüttelt das Festival für einen Moment die Hardcorefesseln ab und ergibt sich dem quakenden Saxophon, Trompetentönen und Rhythmen des Ska.
Die Band ist genau das, was man erwartet: Musik für Frohgemüter und bei dem mittlerweile eingesetzten Nieselregen keine schlechte Belegung, denn die Stimmung kippt langsam. Unglücklicherweise passt diese Band nur unzureichend in das bis dato restliche Konzept des Tages und wird deshalb weniger gewürdigt, doch lässt sich immer Publikum auftreiben. Viele der jüngeren Besucher, die anscheinend nur wegen der Stimmung und nicht wegen der Musik anwesend sind, genießen den Härtewechsel sichtlich. Nette Rhythmen, nette Musik und alles in allem: Nett.
Eine Band, die wahrscheinlich 95% aller Limburger Rock-Fans schon einmal gesehen haben dürften, hört auf den Namen ISETTA DRIVE. Jens Klaus, den ältere Semester auch noch aus seiner Zeit bei MR. ED kennen dürften, ist ein energiegeladener Fronter und Entertainer, der nie um ein Wort verlegen ist und eine Ansage schon mal wie die Moderation einer Comedyshow aufzieht. In Sachen Musik hat sich seit der Entstehung vor sechs Jahren nichts geändert. Die Mittelhessen zocken eine Mixtur aus melodischem Punk, Alternative, Indie und etwas Pop. Jedoch ist es eigentlich sehr schwierig, die Musik der Jungs zu beschreiben. Irgendwie hat es was von den FOO FIGHTERS auf Deutsch und auch softeren WIZO. Sie machen sie auch heute wieder ihr eigenes Ding und ziehen die Menge vor allem durch eigene Quasi-Hits wie 'Zeiten dieser Tage' auf ihre Seite, die so eingängig sind, dass man schon beim ersten Hören mitsingen kann.
Mit noch mehr Punk geht auch die Reise weiter, doch nicht so traditionell wie man es sich vorstellt: VMZT (will sagen: Vom Millionär zum Tellerwäscher) vereinen sich mit der hessischen Hip-Hop-Truppe KOPFHÖRER, um zusammen die Menge zu bewegen. Das Konzept ist nicht allzu innovativ: Rockige Alternativeriffs mit Raptexten und einer Menge Herumgehüpfe. Der Mix scheint allerdings anzukommen und wieder einmal zeigen sich eher die jüngeren Zuschauer als dankbares Publikum. Der Rest klammert sich entweder an der Biertheke fest oder sucht sich einen Platz an den auf dem Gelände verteilten Bänken. Naja, Kunst liegt wohl im Auge des Betrachters.
Ein weiterer alter Bekannter im Raum Limburg-Weilburg ist das LEECHING PROJECT. Auf der Second-Stage erfreut die Post-Hardcore-Formation die stetig größer werdende Menge. Allerdings muss man auch festhalten, dass man hier Eulen nach Athen trägt, denn im Grunde fällt solche Musik hier auf fruchtbaren Boden. Auch wenn die Domstadt keine Universitätsstadt ist, wird alternativer Studentenrock mit Hardcore-Schlagseite angenommen wie Freibier in Wacken.
Als nächstes: 3 TAGE TAPE. Was soll man zu dieser Band sagen? Am besten fängt bei dieser Kapelle, die ebenfalls aus Limburg kommt, bei der Besetzung an. Zu den üblichen zwei Gitarren, dem Bass und einem Schlagzeug sind auch noch ein DJ, zwei Rapper und heute ausnahmsweise eine kleine Auswahl an Streichern (!) dabei. Für eine eigentlich kleine Band auf einem kleinen Festival wird es nun ziemlich eng auf der Bühne. Jedoch hätte man sich die Fidel-Fraktion sparen können, denn auch wenn diese sich Mühe gibt, kommt leider nichts davon beim Publikum an; der Sound ist nicht optimal beziehungsweise die elektrisch-verstärkten Instrumente übertönen ganz einfach alles andere. Dennoch kommt man gut beim Publikum an. Die Rap-Dialoge unterhalten die Menge und die mal funkigen, mal rockigen oder auch leicht metallischen Riff-Akzente sorgen für Abwechselung.
Wer HORDAK hört und sich an das He-Man-Spin-Off "She-Ra" erinnert fühlt, der liegt ganz richtig. Tatsächlich ist Namensvater der Band der Bösewicht aus dieser Serie. Auch wenn der martialische Name ein wenig nach aggressivem Black Metal schreit, ist dem nicht so: Die Jungs aus Koblenz lenken das Konzept wieder in alte Bahnen, in denen sich Hardcore und Metalcore wieder zu einer energiegeladenen Mischung vermixen, die allerdings nichts wirklich Neues zu bieten hat. Trotzdem machen Hordak ordentlichen Druck und dem Publikum scheint der wieder steigende Härtegrad zu gefallen.

2 TIMES WASTED sind ein ähnlicher Fall: Auch sie ziehen einige Leute an und das obwohl die Unterschiede zu den anderen Ska-Bands der Veranstaltung eher gering ist. Auch hier ist außer Ska ein gewisser Prozentsatz Core enthalten. Ein Erfolgsrezept, das in im Grenzland zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz wunderbar zu klappen scheint. Gerade der Songtitel von 'Solution Skacore' fasst dies wunderbar zusammen.
Mit den Koblenzern BLOODATTACK bekommt man wieder etwas brutalere Musik. Der Sound kann als aggressiver Hardcore mit einigen Metalanleihen zusammengefasst werden. Man sieht den schwer tätowierten Musikern schon an, dass sie eher auf konventionelle Gitarrenmusik stehen, und bekommt dementsprechend auch eine coole Melange aus Hardcore, Thrash und Death Metal. An diesem Tag gehören die Jungs auf jeden Fall zu den besseren Bands.
Schade, dass man dies nicht von EMMA6 behaupten kann, denn sie kommen mit ihrem poppigem Indie im Stile von JULI und SILBERMOND doch ein paar Jahre zu spät. Das sehen die meist weiblichen Teenager in den vorderen Reihen jedoch völlig anders: Sie singen lautstark bei Songs wie  'Wundervolle Jahre' oder ' 'Paradiso' mit und feiern die balladesken Melodien fanatisch ab. Immerhin ist momentan fast mehr los als am ganzen Wochenende bisher.
Das Kontrastprogramm gibt es anschließend auf der Bühne Zwei mit BETWEEN LOVE AND MADNESS. Die Nordlichter bestätigen einen Eindruck, den man schon das ganze Festival über gewonnen hat: Dass man nämlich Bands nach ihrem Aussehen beurteilen kann und die Hamburger sehen eindeutig nach Hardcore aus. Okay, ihr Sound hat zum Hardcore auch eine gewisse Portion Metalcore im Gepäck, aber im Gegensatz zu den anderen Screamo-Bands auf dem Soundattack ist hier doch eine gewisse Street Credibility vorhanden (das zeigt allein schon ihr Cover der Hardcore-Urgesteine INTEGRITY). In Verbindung mit dem ambitionierten, selbstbewussten Auftreten der Kapelle ensteht so es ein sehr interessanter Auftritt. Man meistert sogar souverän den Stromausfall, der für eine kurzzeitige Unterbrechung sorgt, indem man coole Ansagen wie "Wir machen das immer so mit die Festivals" vom Stapel lässt und so die Pause unterhaltsam überbrückt.
Danach erwartet uns der Samstagsheadliner 5BUGS, der einen krassen Bruch zum gestrigen Top-Act BORN FROM PAIN darstellt. Anstatt metalorientiertem Hardcore bekommen wir heute als Hauptgang eine Mischung aus GREENDAY und BLINK 182. Aber da wir ja inzwischen wissen, wie das Publikum hier gestrickt ist, ist es auch keine Überraschung, dass auch bei dieser Mainstream-Band der Bereich vor der Bühne voll ist. Sehr professionell und selbstsicher präsentieren sich die Berliner und ernten mit ihren persönlichen Gassenhauern wie 'We Stop At Nothing' und 'Maybe Tomorrow' eine Menge Jubel. Seltsam ist irgendwie nur, dass der bullige, leicht bärtige Frontmann Chris eine so pop-punkige Stimme hat - wenn man ihn so sieht, würde man eigentlich eher eine tiefe Rock'n'Roll-Schnauze erwarten. Ansonsten ist es ein guter Auftritt, Fans von Metal und Hardcore kann diese lauwarme Mischung jedoch nicht wirklich hinter dem Ofen hervor locken.

Es berichteten vom Soundattack Festival 2011 in Limburg:

Johannes Lietz und Adrian Wagner

Wir bedanken uns bei unserer Fotografin Elena Wagner für die vielen tollen Bilder und bei unserem Kumpel Lukas Schmidt für seine Hilfe bei der Berichterstattung.

Redakteur:
Adrian Wagner
1 Mitglied mag diesen Konzertbericht.

Login

Neu registrieren