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South Of Mainstream 2008 - Cammer

17.10.2008 | 14:08

29.08.2008, Festivalgelände

Wenn andere die Festivalsaison bereits abgehakt haben, wird beim South Of Mainstream erst so richtig losgerockt. Und wenn dann auch das Wetter an diesen letzten Augusttagen noch mitspielt, ja dann steht einer gelungenen Festivalsause nix im Wege.
[Stephan Voigtländer]

Beschaulichkeit, wohin wir auch gähnen: Die Fahrt ins Kiefernland hält, was sie verspricht. Viel Mais und Sonne, Ende August ist diesmal schön. Wo die Reise hingeht? Nach Cammer ins Brandenburgische, wo ein hervorragender Musik-Fahrplan Großes verspricht. Angesichts der Bandliste durchfahren einen Wonneschauer auf Wonneschauer. Das muss eben überprüft werden. Freitagnachmittag, und alles ist bedächtig. Unaufgeregt wird man auf eine umfunktionierte Pferdeweide gelenkt, wo sich genügend Plätzchen finden lassen. Mit geübtem Auge wird eine Stelle am Rande des Geschehens und in Nähe eines sich selbst überlassenen Heuhaufens angestrebt. Blickt man sich um, ist wieder die enorme regionale Streuung augenfällig. Zwar überwiegen Berliner und nähere Kennzeichen, jedoch nutzt das kleine Doom-Post-Sludge-Szenchen neben dem "Stoned From The Underground" im Harz auch diese Zusammenkunft zum Verbalaustausch, Plattenkauf und zur allgemeinen T-Shirt-Ausstellung. Bierpreise moderat, Sicherheitsleute rekrutiert aus der Unmittelbarumgebung und daher recht entspannt unterwegs. Die umrahmenden Gutsparke zeugen vom familiären Ansatz der ganzen Veranstaltung. Kleine grün-weiß geränderte Wiesenspinnen nehmen die Zelte in ihre Facettenvisiere, schnell sind auch die parkenden Autoräder zum Objekt ihrer Behausungswünsche geworden. Wir nehmen uns außerdem eine Pilzsuche zur Selbstversorgung vor - es ist ja schließlich Ende August.
[Mathias Harz]

Im fast kniehohen Grase ploppen die Zelte auf, eines nach dem anderen, und wenn das erst einmal geschafft ist, ploppen die Hülsenfrüchte ebenso selbstverständlich auf und künden schon mal von dem, was da später am Abend in größerer Häufung noch kommen mag. In entspannter Gemengelage aus ländlichem Charme, vielversprechendem Billing und freundlichem Publikum wird also der ein oder andere Stimmungsaufheller in Flüssigform in den Hals geschüttet, bis ein Blick auf den Ablaufplan verrät, dass das Gerumpel aus Bühnenrichtung keine Aufwärmübung mehr darstellt, sondern es jetzt mit livehaftiger Inszenierung losgeht.
[Stephan Voigtländer]

Es pfeffern sich die FLINTSTONERS ein, für einen Festivaleröffner genau richtig, denn die Vorhörfreude steht den meisten hier ins gekerbte Gesicht gemeißelt. GUNNARY aus Berlin werden auch bereits in Augenschein genommen, spätestens jetzt ist man angekommen. Ein regionaler Pizzabäcker harrt hungriger Bierschnuten. Das moosuntersetzte Rasenstück, auf dem Festivalzelt, saubere Dixies, Verkaufsstände und Konsumierende herumstehen, lädt außerdem zum Ablegen ein, was von einigen seligen Rotaugen auch genutzt wird.

Leider fällt vor allem am zweiten Tag ein regionaler Aufpasser namens "Ronny" [Name ist der Redaktion bekannt - SV] auf, der strack wahllos Leute mit Würzzigaretten anhält, lallend belehren will und auch sonst eher auf seinen Alkoholkonsum achten sollte. Mitgereiste regt das weit mehr als den Schreiber hier auf - "Was Recht ist, muss Recht bleiben!" Wobei ich bis heute grübele, wo der Zusammenhang ist. Roadie Ronny zumindest wird dann irgendwann von den weiteren Crewmitgliedern aussortiert oder liegt wahrscheinlich im hohen Entengras nahe der Voliere herum, in dem eine lärmerprobte, Lärm machende Sittichschar die draußen vorbeischlurfende Schar beäugt. In der Nähe auf dem Wege zur Liegewiese hat es sich ein weiterer Trupp einheimischer Jugendlicher unter einem Pavillon gemütlich gemacht. Interessiert wird der Besuch aus Esslingen bis Zwickau betrachtet, Biersüßmischen kreisen, man freut sich, dass was los ist. Ob es ein Infostand oder das Wachhäuschen ist - es ist nicht herauszufinden.

Direkt im Einfahrtsbereich befindet sich ein altes, schickes ehemaliges Gesindehäuschen, wo wir die Festivalorganisation und die Musiker vermuten. Apropos: Inzwischen sind ANDROID EMPIRE als erster wirklicher Geheimtipp zu erleben, die eine saftige erste Platte abgeliefert haben. In der Realität kann das Projekt ebenfalls mit seinem rustikalem Musikstil überzeugen, da sollten folgende Tourdaten durchaus mal in den Fokus gezogen werden.
[Mathias Harz]

Den Tritt in den Allerwertesten gibt es hier mit Anlauf und Wucht. Ein Blickfang ist der Schlagwerker, der ungestüm und mit grimmigem Mienenspiel lostrommelt und die wuchtigen Riffs im klassischen Stil zersägt. Die Riffmonster werden immer wieder mit atmosphärischen Doom-Parts versetzt, das sorgt für Kurzweil und hält das Level hoch. Der chilenisch-stämmige Frontmann im kleidsamen Holzfällerhemd (nein, das ist nicht sarkastisch gemeint) röhrt sich dazu die Kehle blutig. Sehr griffiger Auftakt, perfekt geeignet, um die nach und nach eintrudelnden Neuankömmlinge gleich schön auf Betriebstemperatur zu bringen. Und weiter geht's ...
[Stephan Voigtländer]

Scheppernd geht es weiter. THE ANTIKAROSHI fallen zum Teil dem einsetzenden Hunger zum Opfer, allerlei Zeltplatzausflugsfraß wird gierig durch den durchgebierten Schlund gesandt. Überall haben sich Gruppos gefunden, die einen entspannten, manchmal entrückten Freitagsausklang begehen. Auch wir haben nunmehr die Stimmung erreicht, wo es in einem zappelt, vorfreudig auf das Kommende. Doch der Lärmgott spielt uns übel mit! Wir müssen einen kurzfristigen Wechsel hinnehmen: Die Skandinavier ARABROT stecken im Stau oder haben die Beschaulichkeit nicht gleich gefunden. Österreich hilft aus. Das Wieder-einmal-ein-Trio BULBUL geht mit ganz persönlichen Vorschusslorbeeren an die Bühnenkante, diverse Vorweghörungen haben eher Stirnrunzeln erzeugt, aber - um es gleich einmal vorwegzuhauchen - das spaßigste Set der Zeitgenossenschaft erwartet uns. Der Basser macht faxige Ansagen und kündigt an, drei Stunden spielen zu wollen, der Perkussionist scheint mit allen Körperöffnungen Musik zu machen, der krautige Feinrippschnauzbartvokalist setzt dem Tand die optische Krone auf. Es ist eine Überraschung, wie wunderbar das funktioniert. Die gute Laune jagt mir und meiner Begleitung durch die Adern, entrückt tanzen wir auch hier.
[Mathias Harz]

Schließlich und endlich haben sie dann doch den Weg aus freitagnachmittäglichen Autokarawanen heraus und in die brandenburgische Pampa gefunden. ARABROT, ein Noiserock-Trio aus Norwegen, ziehen da derber vom Leder als die durchgeknallten BULBUL oder auch ANDROID EMPIRE. Die Vocals sind eher im Kreischbereich angesiedelt, dazu kommt ein wüstes Geknatter. Aber es gefällt. Egal, ob man im Highspeed losrattert oder ein noisiges Krach-Brett rauspfeffert - eingängige Songstrukturen sind hier Mangelware, werden aber auch überhaupt nicht vermisst, da ARABROT durch ihre ansteckenden impulsiven Ausbrüche und die Vehemenz ihres Musikschaffens viele Punkte sammeln können. Definitiv nix für Zartbesaitete und ein Hochgenuss für alle anderen.
[Stephan Voigtländer]

Ein Päuschen zwischendurch wird genutzt, Pullis werden rausgekramt und die Fratzen eingecremt, es ist doch schon empfindlich brandenburgisch frisch geworden. In vorheriger selektiver Recherche ist die norwegische Lärmtroika ARABROT favorisiert worden, so dass wir uns demnach vorzappelnd vor der Bühne einfinden. Was die seltsamen Vögel dann so abbrennen, ist disharmonisches Agressiven nebst gehörigem Wohlbrüllfaktor. Der hagere Hutmann an Mikrofon und Gitarre beeindruckt durch das hohe Maß an gesanglicher Flexibilität: ein Ächzen und Fauchen, Stechen und Wispern. Trotzdem ist die gesamte Stimmung trocken und grausam-schön. Wo man sich auch umsieht, es strahlen alle Umstehenden, wenn sie nicht gerade den Boden küssen. Diverse Bierbecherlein haben uns umkreist, die bange innere Frage schwappt nach oben: "Lieber Scholli, halten wir das Tempo hier überhaupt durch?" Wir müssen, ist es doch das mit Abstand interessanteste Set der Gegenwartsmusik, jaaa, auf dem untergrundigen Sektor.

Nachfolgende QUI haben auch viel Vorlob erhalten, doch wird das Set fressend am Auto hallgehört, man ist ja auch nur Mensch. WE INSIST! ist fleischgewordene Franzosendelikatessenpastete mit Saxophon und viel, viel Schal auf der Bühne. Ein außergewöhnliches und doch treibendes Tun überfordert den einen oder anderen. Wie auch unsere Kräfte schwinden! Die brachialen KNUT werden wie in Trance mitgeschüttelt, das ballert und dreht sich, nicht mehr ganz bei mir. Und mit 62 Grünarschkreuzspinnen im Zeltdach schlurfe ich dem trägen, dumpfen und ach so ersehnten Ausschlaf entgegen. Schnitt!
[Mathias Harz]

Bei allem Verständnis für ein alkoholgeschwängertes und stressgeplagtes Haupt, das irgendwann einfach keine Aufnahmefähigkeit mehr ermöglicht, sollen doch den finalen Ohrenfreuden des Tages ein wenig mehr reflektierende Worte zuteil werden: Fangen wir mit WE INSIST! an, einem anspruchsvoll rockenden Haufen aus Paris, denen man auf der Bühne sofort anmerkt, wie sehr sie in ihrer Musik aufgehen. Die Franzosen kommen mit zwei Saxophonen, was das Ganze stellenweise in die Nähe des (Free) Jazz rückt. Die Musik von WE INSIST! ist ein ständiges Auf und Ab, hier wird kein eingängiges Riff bis zum Gehtnichtmehr ausgeschlachtet, vielmehr werden die Songs von einer nervösen Rhythmik getragen und klingen durch die stetigen Richtungswechsel reichlich experimentell, wodurch das Ganze ein bisschen an die Klangkunst von TOOL erinnert. Wenn man die Ohren richtig justiert und sich nicht nur auf brachiale Gitarrenwände eingestellt hat, dann kann das Material von WE INSIST! durchaus begeistern. Sollte auf jeden Fall noch mal auf Pladde angehört werden.

Anschließend lärmen KNUT los und pflügen aus vollster Überzeugung mit einem noisig wummernden Wutklumpen durch die Botanik (höre ich da ein wenig CULT OF LUNA heraus?). Ein elektronisch verzerrtes Monstrum haben wir hier, welches allerdings auf Platte noch kälter und "mechanischer" klingt als in der Livedarbietung, bei der der Fokus mehr auf Druck und Heavyness gelegt wird, was ja keinesfalls verkehrt ist. Doch KNUT klemmen nicht in einem starren Korsett, sondern sorgen für einen erstaunlichen Abwechslungsreichtum in ihren Stücken und beackern das Feld zwischen Noisecore und Drone mit einiger Inbrunst. Wer KNUT nur von CD kennt, könnte vielleicht ins Grübeln kommen, ob die verworrenen Geräuschkulissen denn auch live funktionieren. Aber wer das Quintett einmal schwitzend über die Bühne berserkern sah, weiß, dass jeglicher Zweifel fehl am Platze ist.
[Stephan Voigtländer]

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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