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Stoned From The Underground - Festival 2016 - Erfurt

09.09.2016 | 21:16

14.07.2016, Alperstedter See

Steinern hält sich das Gerücht: Eines der besten Festivals der Rockszene.

Ja, das war sie. Die nächste schöne Sause. Das nächste, das schon sechzehnte Zusammentreffen einer Unterszene des Rock, die noch vor zehn Jahren unter dem Label Stoner Rock eine eindeutige Einordnung erfahren konnte. Heute, im Juli 2016, gehört auf dem Stoned From The Underground ein großer Anteil dem Classic Rock, dem puritanischen Hard Rock der großen Gesten, der Poser Rock schwillt durch die wärmenden Frühabende, der Schweine-Rock vereint ein Publikum, das gern vom Teenierudel bis zum Blues Rocker im Pensionistenalter reicht.

Schwedische Rockmafia

Auch im Rudel, aber milde lächelnd. Demgegenüber und fein in das Programm eingepasst, gibt es instrumentalen Postrock mit Schmackes und Feinsinn, deftigen Sludge und Doom-Kapellen, die gekonnt Retrospektive auf all die Klassiker des Genres halten.

SFTU-BesucherAber es gibt auch Entwicklungen, Tendenzen und Diskussionen um das Drumherum eines gelingenden Festivals. Schon einfach deshalb, weil sich auch der Musikkonsum an sich sehr geändert hat. Immer faszinierend an diesen drei Erfurter Tagen ist der Mix des Publikums: Frauen wie Männer sind in Hälfte vertreten, was der gesamten friedlichen Stimmung sehr zuträglich ist. Kein Geschubse, wenig Geprolle und Belästigungen, und wenn ein Jungmann die Feinheiten einer freundlichen Bierbestellung vergessen hat, wird er von den aufmerksamen Bierwagenbesetzungen bestimmt und direkt darauf hingewiesen.

Nach der letztjährig aufwallenden Diskussion um einen wahrgenommenen Machismo, der die schnell erreichten Grenzen des Sexismus übertreten haben soll, war ich dementsprechend aufmerksam und suchte nach Anhaltspunkten für genau diese starke Behauptung. Ich kann das 2016 nicht bestätigen. Als ein deutlich angetrunkener Geschlechtskamerad sich im Nachbarzelt in einem Gespräch mit den Nachbarinnen in solchen Phrasen verirrte, wurde er kurzerhand von den beiden resoluten Damen des Pavillons verwiesen. Gut so. Wie gesagt, ich habe Konzertveranstaltungen erlebt, wo auch ich die männliche Hormonschwemme und deren Auswirkungen nicht mehr ausgehalten habe und mir damit auch das Ganze vergällt worden ist.

Diese Gefahr besteht bei diesem Festival nicht. Es ist eine Party, es ist eine Aneinanderreihung von Höhepunkten, die kollektiv entspannt aufgenommen werden.

HYPNO-Gitarrenfront

Zweiter Punkt ist der Platz. Dem Trend zufolge beginnen Festivals heute auch schon am Donnerstag. Als wir am Donnerstag gegen 17 Uhr auftauchen, ist eigentlich schon alles voll. Wir finden einen Platz, sind uns aber nicht sicher, ober da alles hinpassen wird. Der Chef persönlich braust heran. Im knatternden Motorroller-Gedröhn denkt er darüber nach, ein gewisses Quadratmeter-Volumen zusätzlich zu berechnen. Dabei nimmt er lachend zu Protokolle, dass "Ihr alle ja irgendwo unterkommen müsst!" Stimmt. Es bricht trotz der Platzknappheit keine Panik aus. Der Festivalbesucher von heute tritt in Großgruppen auf, er parkt seine Mittelstandskarosse quer, um Sonnensegel zu befestigen. Kleine Dörfer entstehen. Es riecht nach Rührei, das vor Caravans gebraten wird, im Dutzend wird der Billigunterstand besetzt, heute sitzt niemand mehr auf dem struppigen Thüringer Boden und puhlt sich die Rapsstrünke aus der Fußsohle. Die Leute kommen nicht mehr, um einen trockenen Platz zum Ausschlafen des Rauschs zu nutzen, nicht wenige haben gar kein Ticket... Oder die Musik ist bei ihrem Freundeftreffen eher zweitrangig. Vorbei die Zeiten, wo die Anfangzwanzigerin mit dem Angebeteten ein Wurfzelt in die Wiese wirft und kalte Raviolis im Schneidersitz verschlungen werden. Interessant, wo das hingeht. Mit der Raumgreifung wird sich wohl auch das SFTU zu beschäftigen haben.

Hathors

Drittens. Kurz nach dem Festival - und eigentlich schon währenddessen – entspannt sich im Sozialnetzwerkaustausch eine Diskussion über die "Penetranz der Polizei" - im Speziellen von umherstreifenden Zivilbeamten, die Tüten auf der Spur waren. Zum Teil auch sehr restriktiv. Was auch immer dies bedeutet. Auch die Alkoholkontrollen im Umkreis des Idylls werden wieder kritisch bedampft. Für einige scheint es auch ein Kriterium zu sein, dem Festival zukünftig fern zu bleiben, weil da "so viele Bullen sind". ToundraDazu ist zu sagen, dass die SFTU-Macher da eine sehr klare Linie fahren. Die Versuche einiger, die Eigenverantwortung über freiheitlich gewählte Zustände, aber auch Straftatbestände irgendwelchen anderen Instanzen entgegenzusetzen und vorzuwerfen, finde ich gelinde gesagt absurd und überflüssig. Die Kompetenzen der aufgeräumten Festivalorganisatoren liegen bei der famosen Musikauswahl und dem immer flüssigen und entspannten Verlauf, für die Erwartungen sind die gestreichelten Besucher immer noch ganz allein zuständig.

Und á propos Musikkompetenz. BREIT und CHURCH OF MENTAL ENLIGHTMENT eröffnen im Zelt. Beides Leipziger Bands, beide an verschiedenen Polen der Gitarrenmusik beheimatet. BREIT setzt Kontraste, indem einer Sängerin mit melodiösem Gesang ein schepperndes Doomset beigestellt wird, die COME frönt einem nie in die Jahre kommenden Bluesrock. Beide füllen das Partyzelt, beide werden abgefeiert. Die Hauptbühne betreten daraufhin die gebeutelten Ukrainer von STONED JESUS. 2015 aufgrund von Visa-Problemen mit kurzzeitiger Absage geschlagen, fehlt auch heute der Bassist im Trio. Die beiden Musiker jedoch spielen sich die Anspannung von der Seele und bringen daraufhin die frühabendliche Versammlung sehr in Wallung. Darauf folgen Griechen. 1000 MOODS reitet der Ruf voraus, eine sehr energetische Liveband zu sein. Das stimmt.

Iron Walrus Die Betriebstemperatur ist schnell erreicht, was an der Anzahl der euphorisch quer geschleuderten Bierbecher zu erkennen ist. Der Ruf ist bestätigt. Dann knurrt und murrt, knarzt und ballt es sich auf den Brettern. Die kanadischen Nihilisten von DOPETHRONE treten aus dem Dunkeln. Das Trio sludget sich durch ein düsteres Set, das mit vielen Fucks und Shits begleitet wird. Mehrmals werden Staatsorgane beschimpft, die Herren machen aus ihrer destruktiven Weltsicht keinen Hehl. Musikalisch ist das eindrucksvoll laut, gute Gefühle werden hier verdampft, der ganze Ärger in Töne gegossen und wohlwollend aufgenommen. Irgendwie geht man da auch nicht einfach weg, man gibt sich diesem Weltenbrand gern und mit gesundem Negativmitnicken auch gern hin. PETER PAN SPEEDROCK beschließt den ersten Abend mit Stoner'n'Roll, ist unterhaltsam, spielt aber auch gegen die vorherige kanadische Dunkeldoomwalze an. Nach diesem SFTU wird diese Band wohl altersbedingt aufgelöst, wie schon vorher zu hören ist. Dafür noch mal einen guten Abschiedsgig hingelegt, liebe Herren.

Freitag ist. Spaziergänge. Badestrand. Wunden lecken. Kein Rührei. Schweizer Interdisziplinär-Noise-Rock. HATHORS vermengt Grunge, Punk, Metal und herrlich bekloppte Rhythmuswechsel zu einem Aufwacher, der den trägen Schlafsand aus den Augen bröckelt. Famos, diese Unbefangenheit im Ausprobieren, in der Spielfreude und im Abgang. Eigentlich sollten nun die Dresdner Metaller von GORILLA MONSOON folgen, die aber aufgrund von Unzufriedenheiten mit dem Auftrittsort kurzerhand ausgeladen wurden. Sagt das Gerücht. Noch famoser die Nachbuchung. Die Schweden von THE ORDER OF ISRAFEL stehen auf der Hauptbühne. Und da gehören sie auch hin.

The Order Of israfel

Graumelierte Grinsmatten. Das Quartett, welches mit dem aktuellen Album auch starkes Material zu bieten hat, setzt sich hier sehr gekonnt und vor allem melodiös in Szene. Das Publikum fließt herbei und lässt sich von der Lässigkeit der skandinavischen Schwere überzeugen. Nicht nur einmal nicke ich den Umstehenden mit zusammengekniffenen Lippen zu, um meiner Begeisterung einen (natürlich) kontrollierten Ausdruck zu verleihen. Und sie nicken zurück. Scheiß auf Kontrolle daraufhin, die Köpfe wiegen sich nun sehr schnell im Takt. Danach gibt es mehrere Treffen von diversen Musikern direkt vor der Bühne, die sich gegenseitig abfeiern und gekonnt in das aufgehitze Publikum einfliessen. Eines dieser Qualitätsmerkmale dieses Festivals: kein Star-Gehabe, keine Berührungsängste. Apropos Ängste: HYPNOS, ebenfalls aus Schweden, schickt vier blonde Lederjacken und einen gebräunten Flachbauch los, um Haaardddd Rock der Kategorie Posing 4.0 zu vergegenwärtigen. Was für ein schwerelos-schmalziges Gebaren, vom Teufel daselbst geschickt. Mit Flöte natürlich. Ich sehe es und denke...tja, was denke ich...Schön, es ist Sommer, und das gehört dazu.

Flöte mit Mann

Und Schweden die Dritte: Auf KAMCHATKA bin ich gespannt. Bluesy Rock mit Dauergrinsen. Eigentlich dauerverzerrtes Sologesicht. Jedem Ton seine Gesichtsmuskelkombination, sozusagen. Ich werde auch nicht enttäuscht. Aber: Auf Dauer verliert sich der Obersympath da oben zu sehr in seinen Jam-Sessions und Gniedeleien, so dass ich mir bei dem Trio vor allem den Himmel angucken kann. Die Augen schwenken irgendwann wieder zurück, und...

IRON WALRUS gibt den Sludge, was ich gut eine halbe Stunde mitmache, aber aufgrund des Magenlochs verlasse. Auf dem Rückweg vom Gebelle der Maskierten sinniere ich darüber nach, wie eigentlich Robbenfleisch schmecken könnte. In größerer Erwartung eines Überraschungsgigs nun SPIRITUAL BEGGARS. Aber das erscheint mir zu schnell zu glatt, zu seelenbeschieden. Es geht auf den berühmten Stoned-Hügel, wo wir mit einigen anderen Abendsonnen-Anbetern ins Gemurmel kommen und diese viel gelobte Band aus sicherer Entfernung betrachten. Man sieht: Ausschließlich dunkelsthaarige Musiker, die ihre Musik irgendwie nicht recht ernstzunehmen scheinen. Aber so wirken wollen. Naja. Betroffenheit ist nicht, eher Enttäuschung. Der Brant kommt. Das ist eine Schlagzeugerlegende, die bei KYUSS und FU MANCHU, ich glaube auch bei NEBULA definitiv soundprägend war. Seit einigen, nicht wenigen Jahren aber auch eigene Alben herausbringt. Groovende, bluesige Nuschelstücke, die in besten Momenten runtergehen wie ein Wassereis am Pizzaofen. BRANT BJORK kündigt verlegen mit knappen Worten das nächste Stück an. Und dann kommt eben auch das nächste. Und immer unaufgeregt, wohl temperiert, das passt als Abschluss des Abends.

Toundra

HypnosSamstag ist erreicht. HATHORS im Zelt. Drei Schweizer mit einer Macke. Einer tollen. Die mixen alles zusammen, was seit 30 Jahren durch die alternativen Szenen fleucht. Ohne Black Metal vielleicht. Aber Hardcore, Stoner, Noise, die Leute sind hier und heute begeisterungsfähig. Ich beginne darüber nachzudenken, warum die kleine Schweiz immer wieder so famose Schätze herausgletschert. Und wir bleiben gleich im Nachbarland: Die PASTOR-Jungs sind Österreicher und geben uns eine schicke halbe Stunde Anschauungsunterricht in Sachen Striktgestrickt-Rock. Das Quartett bollert durch die Mittagshitze, lieber Kreislauf, halte stand.

Tut er. Hauptbühne geht weiter. Aber leider nicht mehr mit mir. Denn ich muss hier und jetzt die Segel streichen, die familiäre Pflicht ruft. Aber schon der Klang der folgenden Bands macht die Trauer groß. CAUSA SUI und MOTHER TONGUE...und... vor allem beschluchzt...GOMER PYLE.

Nächstes Jahr, das STFU wird die Pubertät langsam verlassen haben... da gibt es die nächsten Verliebtheiten...mit mir. In Dich.

Redakteur:
Mathias Freiesleben

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