Stoned From The Underground 2009 - Erfurt

02.08.2009 | 18:18

10.07.2009, Alperstedter See

Das SFTU geht mit neuer Location in eine neue Runde und begeistert zwei Tage lang mit einer ebenso ausgewogenen wie hochwertigen Bandzusammenstellung.

Es ist Juli und es ist November. Wie seit Beginn dessen Zeit brechen wir auch dieses Mal zum herrlich kleinfeinen Familienfestival Stoned From The Underground nach Erfurt auf. Nachdem ein zweijähriges Auswärtsspiel im Unterharz der ganzen wunderbaren Veranstaltung überhaupt nichts anhaben konnte, haben sich in der Nähe des thüringischen Hauptstadtschmuckkästchens an einem Naherholungssee die im weitesten Sinne Psychedelischen eingefunden. Wobei das viel zu vage ist. Das Spektrum ist in diesem Jahr dermaßen weit abgesteckt und spannend, dass die Vorfreude bei allen Mitreisenden seit Monaten die Gespräche durchdringt. Schön, wenn man sich auf so etwas so freuen kann.
Seit dem ersten SFTU habe ich noch nie eine Schlägerei, ja ein böses Wort gehört oder eine wie auch immer geartete körperlich Auseinandersetzung auch nur in Ansätzen wahrgenommen. Alle, vom holländischen Mittfünfziger-Ehepaar unter Rastas versteckt bis mit der Karotte über dem Arsch neunzehnjähriger Scheitel, leben an zweieinhalb Tagen friedvoll und einträchtig nebeneinander. Die jüngere Garde hat in Ansätzen zwar teilweise nicht verstanden, dass zu einer Rundumorganisation auch eine Müllbegrenzung bzw. gewisse Eigenverantwortlichkeit im Verlassen des Gammelplatzes gehört, aber unsere Hoffnung stirbt erst da hinten am Horizont. Und dann muffen, dass die Festivaltickets Kohle kosten, was? Mir geht diese Einstellung gehörig gegen den Strich, nennt Euch bitte nicht "Alternative", wenn ihr Eure sch... Einweggrills im Regen zurücklasst!
Denn, es folgt ein Querverweis zum absolut entspannten Organisationsteam, hier herrscht Bedächtigkeit, Freundlichkeit, Umsichtigkeit, Variabilität ... Lob! Für den Regen, den programmierten, kann nur der Westwind was, den Sömmerda geschickt haben muss. Diese Sömmsen!
Wir rollen also auf den dem überzelteten Festivalgelände direkt anliegenden Zeltplatz. Steigen aus. Trinken das erste Bier. Und es beginnt zu regnen. Regen. Regen. Wind. Regen. In diesem Jahr beweisen wir prophetische Gabe, denn ein frisch erworbener Pavillon wird dem Sömmerdaer Windregen zum Trotze aufgestellt. Zwar knickt dieser an drei Stellen sofort beim Aufbau ein, doch die Verzurrung und Befestigung im lehmigen Thüringen beschert uns endlich ein gemütliches Offenheim.
[Mathias Freiesleben]

Das Ganze hat den Nebeneffekt, dass bereits nach Zelt- und Pavillon-Aufbau die Klamotten nass und die Gräten verdreckt sind - was in eine sofortige "Na, auch egal"-Stimmung mündet. Das tut in gewisser Weise gut, denn ab diesem Moment gibt es nur noch Festival - feinste Mucke, leckere Bierchen und Mit-Leidensgenossen, was das Kämpfen mit Regen und Schlamm betrifft. So, jetzt wird es aber Zeit, aus dem Festivalzelt tönt lautes Gewummer...
[Stephan Voigtländer]

Hach, da. Wir treten ein. Man nickt sich zu, man winkt sich, erste ausgehangene Textildevotionalien werden beäugt. Die Schweizer von HELLROOM PROJECTORS öffnen. Trotz dieser Position hat sich bereits ein gespanntes Häuflein vor der überdachten Bühne eingefunden. Es ist vermessen, zu behaupten, hier wird artig geklatscht, nein, die ersten Zucker im Sinne von "Zucken" werden in der Nähe ausgesät. Es wird ein dreckig rockiges Set geboten, was die allermeisten jedoch im Umarmungstaumel in Schlafplatznähe am Rande mitnehmen. Was überhaupt da wieder für eine Streuung zu finden ist! Neben uns schlafen eine riesige Eisenacher Horde, Karlsruher Doppelschwestern, Schwaben und Berliner.
Mit B wie Bremen geht's auch weiter. Der kleine Stadtstaat hat ZED gesandt. Das Zelt ist nun zu einem Viertel gefüllt. Die Mischung ist sehr angenehm zwischen Sludge und Stoner angesiedelt. Da hält es mich persönlich nicht mehr auf dem auch frisch erworbenen Klappstuhl.
Auch und vor allem wegen dem nächsten, immer wieder mit Vorfreude gespickten Erscheinen der Berlinamerikaner JUD. Der Band sind wir nun auch schon seit gefühlten zwanzig Jahren treu, und es ist sehr schön zu sehen und zu erspüren, wie sich hier drei Freunde auf der Bühne nach einer langen Zwischen-Pause wieder gefunden haben. Aus den glatzköpfig-halbnackten Griesgramen vor zehn Jahren, die im Duncker ihre formidable Langspielplatte "Chasing California" in das Berliner Volk und noch dazu kostenfrei hineinwellten, sind aufgeräumte Typen mit zu Zweidritteln leichtem Übergewicht geworden. Diese Drei wissen um die Stärke ihrer Songs. Es stellt sich wirklich jedes Mal der Effekt ein, dass die Menge vor den Kabeln vor Ort von Musik und Musikern überzeugt wird. Wie auch hier. Ein Querschnitts-Set, was den Anfahrtsstress nun schon bereinigt hat.
[Mathias Freiesleben]

JUD machen mit ihrem Groove-Rock den Wegbereiter für die wir-spielen-immer-und-überall-Hellrocker von GORILLA MONSOON, bei denen das Zelt (erwartungsgemäß) brechend voll ist. Dabei sind JUD mindestens genauso hörenswert, haben sie doch coole und sofort zündende Nummern am Start, zu denen man wunderbar ankommen kann auf solch einem Festival. Schön melodische und eingängige Rocker sind das, die dafür sorgen, dass man sofort einen Zugang zu der Band findet - so soll es sein.
[Stephan Voigtländer]

Der Grill ruft zum ersten Mal. Zwischendurch hat der Sömmerdaer Regenwind uns bereits die Hälfte unseres Weißpavillons des mittleren Preissegments zerlegt, sämtliche übrig gebliebene Schnüre müssen zur Befestigung herhalten. GORILLA MONSOON aus Dresden füllen die Kampfbahn zum ersten Mal. Viele sind auf diese metallischste Band des gesamten Line-up's gespannt gewesen, wie zu erkennen ist. Routiniert laut, hinter Gamsbockaufhängung und in ein mächtiges Soundgerüst eingepackt, strotzt die Dresdener Sänger-Kotelette dem Regen und brüllt sich durch die Stampfung. Ich finde mit meinem Grillwanst bestückt einen Seitenplatz auf einer Bierbank und benötige während des Mitwippens etwa eine halbe Stunde, um zu erkennen, dass neben mir ein eineiiger Zwilling steht und etwa drei Meter von uns entfernt die Zweite. GORILLA MONSOON rocken die Plane, so weit kann berichtet werden. Das tun sie immer, nicht nur aus regionalen Begierden empfehle ich auch dem klassischen Metalhörbürgertum den Besuch einer GORILLA MONSOON-Tour.
[Mathias Freiesleben]

Rock mit deutlicher Psychedelic-Schlagseite - so präsentieren sich LITMUS nach dem höllischen Doom-Inferno aus Dresden. Bei dieser Band bin ich ähnlich zwiegespalten wie der Kollege Freiesleben. Die Briten wissen zwar mit ausgefeilten und spacig wabernden Soundlandschaften zu gefallen, aber gerade in der Livedarbietung hat das etwas zu wenig Biss. Nach zwei, drei Songs hat man eigentlich alles gesehen und kann sich ein kurzes Päuschen gönnen, ohne Gefahr zu laufen, noch etwas Wesentliches zu verpassen. Das soll das spielerische Können von LITMUS zwar keinesfalls schmälern, dennoch wäre etwas mehr Kurzweil und Prägnanz dem Ganzen durchaus zuträglich gewesen. Und der Typ am Schlepptop will auch nicht so wirklich in die Szenerie passen.
[Stephan Voigtländer]

Von LITMUS habe ich bisher noch gar nix gehört. Nun aber. Auch ohne später nachgeschlagenen Promotext drängt sich hier ein HAWKWIND-Vergleich auf, aber so ganz, mmh... Da stehen neben der klassischen und schüchtern wirkenden Besatzung Schlagzeug-Bass-Gitarre zwei Laptop-Programmier-Flash-Erzeuger und durchziehen das Set mit allerlei Tönen aus dem Kräuterladen des Universums. Mich fesselt das nicht. Es berührt mich nicht, was in sofortiger kritischer Selbstprüfung auch nichts mit dem vorherigen Metalset zu tun hat. Die werden noch mal in einem Club begutachtet, dann endgültiges Urteil. Zwischendurch haben sich auch unsere beiden eher stilfremden Begleiter herausgewagt und weichen sich nicht von der Seite. Mit denen wird nun das preiswerte Regionalbräu bestoßen.
[Mathias Freiesleben]

Bei der Bierversorgung während der Liveshows gibt es allerdings ein gravierendes Problem: Das Gerstensaft ausschenkende und allerlei Nahrungsmittel ausgebende Zelt ist gut zwanzig Meter vom Festivalzelt entfernt. Dazwischen gibt es viel Regen und mit der Zeit immer tiefere Schlammpfützen (am zweiten Abend suhlen sich dann ein paar Unerschütterliche mit scheinbarer Wonne darin). Da muss klassisches Streichholzziehen herhalten, um die arme Sau zu ermitteln, die die nächste Getränkerunde herbeischaffen muss. Aber nicht zu lange bummeln, sonst ergattert man bei VALIENT THORR nur noch ein Plätzchen in den hinteren Reihen. Denn vorne, da tobt der Mob zu dem ebenso wilden wie formidablen Geknatter der Amis.
[Stephan Voigtländer]

Ach Du Herr, VALIENT THORR (Konzertmitschnitt, und noch einer). Auch noch nie was gehört. Aber es gab ja das Weltweitall. Alter Verwalter, was die so leibhaftig abpfeffern, das ist mindestens hörenswert. Aber was dann wahrhaft hier passiert, ist unerwartet großartig! Der Sängerbart hält mit Ansagen nicht hinter dem Berg, nach knappen fünf Minuten rupft er sich das rote Pseudotextil vom Schwitzebauch. Sein Geheimrezept ist, mit seinen auch sehr politischen Zwischenunken die Menge aufzuheizen, bevor dann der Rest der Bärte ein sehr versiertes und mitreißendes Rockinferno entblättert. Das wirkt trotzdem locker, energiegeladen, nach den ersten Beobachterliedern hält es mich nicht mehr auf der Zuschauerbank und das Getümmel wird mit einem weiteren Ausflipper vergrößert. Einfach großartig, diese Bärte!
Danach gibt es eine längere Umbauphase, sechshundert Musiker rennen und stöpseln auf der Bühne herum. Dann ist Pause, sie kommen zurück, Blut oder Blutartiges in den Gesichtern. Am nächsten Tag beim Frühkaffeeholen wird die entsprechende Vorbereitungswanne beim Caterer vor ort wieder hübsch sauber eingereicht. Das genau ist immer mein Problem. Showgebaren. Umziehen. Blut aus Tüten in die Schnauzen. Kosmetik. Karneval. Wird im Falle von THE DEVILS BLOOD auch nicht durch feistes Satanistengebräu wettgemacht. Trotz dickester Instrumentierung fällt meine Erregungskurve auf den Matschboden - ich finde meinen Zeltgenossen ebenso schlafend, "VALIENT THORRRRR"-schnarchend vor. Und tue es ihm gleich.
[Mathias Freiesleben]

Nachdem VALIENT THORR ordentlich abgeräumt haben und viele begeisterte Menschen zurücklassen (Herr Freiesleben nervt noch am nächsten Tag mit ständigen "VALIENT THORRRR"-Rufen), ist es THE DEVILS BLOOD vorbehalten, den ersten Tag zu beschließen. Mit deutlicher Schlagseite in Richtung 60er- und 70er Rock sowie dem Psychedelischen lassen die Niederländer ihre gediegen-eingängigen Songs erklingen, die durch den weiblichen Gesang noch eine ganz eigene Note erfahren (und welcher auch definitiv nicht jedermanns Sache ist). Allerdings geht auch hier im Laufe der Zeit die Spannung ein wenig verloren - vielleicht liegt der Eindruck aber auch nur an der sehr guten Darbietung von VALIENT THORR zuvor. Deshalb Rückzug - patsch patsch - und eine Mütze voll Schlaf genommen, um für den zweiten Tag gut gerüstet zu sein.
[Stephan Voigtländer]

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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