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Stoned From The Underground 2013 - Erfurt

19.09.2013 | 14:27

12.07.2013, Alperstedter See

Auch im Jahr 2013: ein gelungenes Stelldichein der Stonerpsychedelicdoomrockszene in der Erfurter Hitze.

Wieder Juli. Wieder Hitze, Hitze, Hitze. Riesenhaft, Käseglocke, Thüringer Backofen. Der Alperstedter See ist bevölkert und bald aufgewühlt. Wie jedes Badejahr zeigen sich die Besucher ihre Tattoos und werden mehrheitlich wieder zu Kindern. Wasserschulterwrestling, Untertauchen, "Feigling!"-Geschrei. Ich Ufermuffel halte nichts von Sonnenbad und matschigem Untergrund, lieber baue ich mit meinen Mitstreitern zwischen unsere Kutschen riesige Planenfelder auf, um uns und unseren Grillkäse vor der tropischen Hitze zu schützen. Eigentlich müsste sich der Bierkonsum in die frühen Morgenstunden bis Siebenuhrdreißig verlagern, denn spätestens um Acht fängt auch dieses an, zur lauwarmen Suppe zu werden. Und wiederum stellt sich die Frage: Warum tut man das? Warum tun sich gestandene Frauen und zivilisierte Buben so etwas an: Staub auf dem Toast, Zeltplatzrandurinstreifen, Grillfleischberge, die von grünen Fliegen besucht werden, donnernder Halbschlaf, Zähneputzen im Campingmüll. Weil es dazu gehört, will mannundfrau den dröhnenden Lieblingen ganz nahe sein! Das Festival hat den Donnerstag zum offiziell dritten Tag erhoben, Bands wie EARTHLESS, ATOMIC BITCHWAX und PELICAN läuten das SFTU hochdekoriert und standesgemäß stilsicher ein. Auffällig 2013: Die Thüringer Polizei macht sich in diesem Jahr vorangekündigt besonders viele Sorgen um unser Wohl und baut ein Netz von Straßenkontrollen auf. Und weil das ja geübt und gelernt wurde, und hier eine überschaubare Menge von 2000 Menschen heranfährt, werden wir gleich zweimal gestoppt. Wir haben Glück, uns erwischen jeweils Jungbeamte: Der Erste grüßt freundlich in das Auto und wünscht uns weiterwinkend viel Spaß, ein bisschen Neid blitzt bei ihm auf, während sich im Hintergrund die Altbeamten mit Drogenhunden in netter Zigarettenrunde in einer Fachwerkhausgasse Einsatzgeschichten erzählen. Die zweite Kontrolle ist nicht minder freundschaftlich organisiert, auch wenn wir aussteigen müssen, Ausweise zücken und unser ausländischer Freund und Mitfahrer erst mal durch das Netzwerk gejagt wird. Er darf, wir lächeln gequält, brauchen unser eingewühltes Warndreieck nicht herauswühlen, pflücken glücklich Kamille für unseren Campingtisch. Warum hier zum ersten Mal staatlich verstärkt gesundheitliche Sorge getragen wird? Das Ganze wirkt zunächst wie eine Ausbildungsunterrichtseinheit, ehe nächtliche Laufschrittjagden nach Minderjährigen und die Konfiszierung verdächtiger Rauchwerke nebst Rauchwerkbesitzer steigenden Unmut hervorrufen. Die Festivalbesucher bleiben Staatsbürger und lassen sich durch die Drogenängste der Beamten nicht die Launen verderben. Dann unsere Geländeeinfahrt und schon spüren wir wieder das, was uns alljährlich hierher zieht: Entspannung, grinsende Gäste, gelangweiltes Sicherheitspersonal, Bandshirtgalerie. Dieses Jahr werden übrigens die RAMONES den intern geführten Beobachtungswettstreit gewinnen, welche Band auf den meisten Shirts zu sehen ist. "Da kann man ja auch nix mit falsch machen, wa?", lautet der Kommentar der internen Gewinnerin.
[Mathias Freiesleben]

Während Mathias erst am Freitag auf dem Gelände einträufelt, ist das Areal auch am Donnerstagabend bereits beachtlich gefüllt. Das ist nur allzu verständlich, wenn drei so beliebte und geschätzte Truppen am "nicht-mehr-nur"-Vorabend ihr Stelldichein geben.
Wenn EARTHLESS wirbeln, dann werden verspielte Klangwände aufgetürmt, und doch ist das verträumt-psychedelische Musizieren mit einer angenehmen Gradlinigkeit versehen. Natürlich ist das repetitive Dahinschweben ein tragendes Element dieser Band, die ihre Stücke behutsam aufbaut. Ein 15-minütiger Song kommt dann frühestens nach 10 Minuten richtig ins Rollen, die wuchtige Dynamik nimmt zu und das anbetende Dahinschmelzen einiger Zuhörer auch. Auf dem Stoned kommt das sehr gut an, das Klangerlebnis namens EARTHLESS funktioniert vor allem live erstklassig – sogar dem Umstand zum Trotz, dass die Amis kurzfristig bereits als dritte Donnerstagsband auf die Bretter müssen anstatt den Abend zu beschließen. So ist es noch hell, wodurch sicherlich die Wirkung etwas einbüßt, als wenn in der Dunkelheit das psychedelische Wabern und das sich hineinsteigernde Dröhnen ertönt wäre.

PELICAN - ebenfalls Amis und ebenfalls instrumental unterwegs - haben mehr Schmackes, mehr grooviges postmetallisches Gebretter ergießt sich über die Zuhörer, unterbrochen durch postrockige Flächen. Die druckvollen Riffs werden genüsslich ausgewalzt, teilweise bis ins Ruppige reichend. Auch in die PELICAN-Songs sind viele Wiederholungsschleifen eingebaut und dennoch fällt das Ganze ungemein kurzweilig aus. Sehr intensiv und mitreißend.
THE ATOMIC BITCHWAX zum Abschluss machen vor allem durch ihr PINK FLOYD-Cover (Frühphase!) auf sich aufmerksam, wie schon auf ihrem letzten SFTU-Auftritt im Jahr 2008. Ansonsten ist das solider, routinierter Psychedelic Hard Rock, bei dem man genau weiß, was man bekommt.
Wer Donnerstag noch nicht anwesend war, hat mit EARTHLESS und PELICAN also bereits zwei Highlights des diesjährigen Festivals verpasst, auch wenn an den beiden Folgetagen natürlich noch einiges passiert.
[Stephan Voigtländer]

Unsere Vorhut berichtet also von eindrucksvollen EARTHLESS und spielfreudigen PELICAN, der Neid wird durch das herüberwallende Set der Dänen PET THE PREACHER etwas abgeschwächt. Später werden viele sagen, dass das kurzfristig ins Festivalprogramm nachgerückte Trio einen der besten Eindrücke hinterlassen hat. Körperlich-ästhetisch orientierte Damen werden außerdem die Präsenz des Frontmannes lobend hervorheben. Augenohrenschmaus sozusagen.
[Mathias Freiesleben]

Es ist eine hingebungsvolle Darbietung des Messias, der seine Botschaften unter seine schwitzig-träge Gemeinde schickt. Ein  eindeutiges Highlight an diesem zweiten Stoned-Tag voller Hitze - passend dazu liefern nun diese Dänen die sehnlich erwarteten Klänge voller staub- und blueslastiger Rockmucke. Eingängig, und stimmlich kraftvoll ist das, was uns Sänger und Gitarrist  Christian Hede Madsen da für wilde Botschaften schickt. Dänische Prediger mit ordentlichem Rock unter der Kutte.

Die Schweden HORISONT sind der traditionellen 70er Schule zuzuordnen und reihen sich stilistisch hervorragend in den   atmosphärisch aufgeladenen, hippiesken Reigen der vormalig auf dem SFTU präsenten skandinavischen Kollegen SIENA ROOT und ASTEROID ein, wobei wie in jedem Jahr für einen großartigen überraschenden Knall auf diesem Festival gesorgt wird. Ist wieder mal gelungen! Zwiespalt in der Hörerschaft sorgt der gesangliche Einsatz von Frontmann Axel Söderberg, wobei seine Koteletten spätestens beim Schlusssong  'Second Assault' mehr als nebensächliches Beiwerk (ab)stehen.
[Jette Harz]

Vor diesen beiden eindrücklichen Auftritten dürfen sich jedoch in der mittäglichen Glut zunächst zwei andere Bands beweisen. TRECKER auf dem thüringischen Acker passt sind nicht nur sinnbildlich wie Arsch auf Eimer, denn der schön groovige Stoner fügt sich perfekt ins Bild. Angenehm flirrendes Gitarrenspiel untermalt den allerdings nicht immer volumig klingenden Gesang. Mittägliches Sonnenbaden am Ufer der Alperstedter Sees wird durch die treibend-rockigen Klänge dennoch formvollendet veredelt. Als ordentlicher Poser entpuppt sich die Rampensau bei den OPERATORS. Während musikalisch zunächst ein paar Wünsche offen bleiben (u.a. zu lauter Bass) und das Ganze ohne Gesang besser tönt, kommen zum Ende des Gigs die coolen Nummern, die es für die Operatoren glücklicherweise wieder rausreißen können.
[Stephan Voigtländer]

An den OPERATORS scheiden sich hier die Geister. Lassen sich die einen von der zappeligen Freundschaft der Berliner anstecken, grummelt das andere Lager wegen so viel öffentlicher Lebensfreude. Ebenso Scheidungsgrund sind die haarigen Schweden von HORISONT, deren Retrorock teilweise mit solchen Kastratenkapriolen belegt ist, dass die einen kapitulieren und die anderen jubilieren. Es geht ein Riss durch's Publikum: Die Verrückten, die sich dauerhaft in die Sonne stellen, sind erprobt und scheinen irgendwann aus Leder gemacht; die Schattenwesen wandern den Schattenkugeln der Bäume hinterher. Hier wie da Fachgespräche, Freundschaftsanbahnungen, ältere Herrengruppen versuchen tanzend Koordination zu finden, vor allem in den Abendstunden des Begängnisses. Sehr begehrt: Der Hügel zum Gammeln und Glotzen, dessen Hänge jeweils dicht mit Menschen belegt sind. Neu ist aber, dass die Live-Aftershow-Parties, die eine gewisse Nebenpopularität ausgebildet haben, wegen der nun nahen Anwohner wegfallen müssen. Die wohnen zwar schon immer da vorn am Seerand, aber deren Bungalows heißen nun Wohnhäuser und in der Nähe eines, nun, Wohngebietes darf es nun mal keinen Lärm geben, auch wenn das einmal im Jahr geschieht. Da ist auch die Kommune Erfurt gnadenlos. Wir sind ja hier immer noch in der Landeshauptstadt, ja! So kommt es dazu, dass der Grandsignieur des Festivals Fred Bienert die QUEEN-gröhlende Menge im Nachtzelt Punkt 2 in der Nacht vor dem weiteren körperlichen Verfall errettet. "Mamma mia, let me go!!!" Aber so weit waren wir ja noch gar nicht. Neben mir kreist innerhalb eines Pärchens eine App, in der eine mies programmierte Miesmuschel Orakel spielt. Einfach das Handgerät befragen und der kurze Dialog mit der Maschine wird von einem launigen "Ja-Nein-Weiß ich doch nicht!"-Zufallsgenerator beendet. "Ooch, Scheißhitze...liebes Miesmuschelchen, soll ich zu SARDONIS bleiben?" - "Ja, unbedingt, ich würde das probieren!", krächzt das Smartphone. Und damit hat es den Besitzer glücklich gemacht. Denn das belgische Instrumentalduo beweist, dass sich der Lärm von nur zwei Typen genauso euphorisch rammend ausbreiten kann, wie eine ganze mehrhändige Gitarrenfront. Einfachste Strukturen, cleverer Spannungsaufbau mit abschließender Rumms!-Garantie, so soll das sein! Haben sich viele Fans erspielt, die beiden. Und sollten nun Miesmuscheln ehren.

Der Präsenz solch ruppiger Musik folgt zumeist ein schweres Los, das heute TROUBLED HORSE gezogen haben. Aus der Ferne verfolgt geht das Material als mittelmäßiger Hard Rock durch. Die schwedischen Landsmänner TRUCKFIGHTERS versuchen daher, mit der Herauszögerung und Intro, Spannung aufzubauen, der vollständig gefüllte Bühnenvorplatz verheißt auch, dass das abendsonnenbeschienene Publikum viel erwartet. Rein optisch besehen, müssten die Hardcore von sich geben, so viele Knieeinknicksprünge der Gitarrist da macht, während er auffordernd über die Masse streichelt und seinen langjährig geübten Irrenblick herausgrient. Mmh. Ich habe die Band über. Wer neben dieser Show dann mit Songs nahe des Rockpops à la NADA SURF hantiert, der wirkt verloren. Da hat sich auch 2013 mein Eindruck verfestigt. Das Riff vom ersten Album, was sie berühmt gemacht hat, nämlich das aus 'Desertcruiser', das ist ein Kracher, genauso wie der Song an sich, aber der Auftritt hat mich insgesamt sehr gelangweilt. In ACID KING lege ich nicht nur daher große Erwartungen. Da gibt es Stücke, die ich gerne mal nicht aus der Konserve hören möchte. Aber...aber...auch dieses Trio zündet bei mir heute nicht. Trotz einer hohen Hörmotivation meinerseits verfliegt die Musik der Band über meinen Kopf hinweg. Kaum dass ich mich daran erinnere. Sie verteilt sich irgendwo da vorne und erreicht mich nicht. Das ist das Zeichen. ACID KING kommt in die Akte "Mal gehört. Naja."

Überraschung folgt. MUSTASCH? Sind das diese Reißbrett-Hardrocker mit den grauen Schläfen? Die mit den Nullachtfuffzehnliedern? Ich bleibe und beginne zu staunen. Das ist melodiös, knackig vorgetragen, vor allem professionell. Mit jedem weiteren im Nebel der Abendsonne gegebenen und auf den Punkt gespielten Song der Schweden überzeugen die mich mehr. Und vor allem: Das ist doch endlich mal eine Singstimme! Ich gestehe mir hier ein, dass eine flexible, leicht abgelebte, stark tönende Hardrockerstimme doch ein Element ist, was Bands berühmt machen kann. MUSTASCH sind heute in der Headlinerposition, aber eigentlich sind sie nicht in diesem Status. Trotzdem ein guter Abschluss für diesen meinen Freitag. Eine Folge des verdrehten Billings auf dem SFTU ist ja neben der beschriebenen Anwohnersituation auch die kurzfristige Absage von vor allem POTHEAD. Das Team der Festivalmacher kompensiert diese Nackenschläge hervorragend, sämtliche Buden sind voll, das nächtliche Zelt ist ein Sündenpfuhl, ein tanzender Mob, ein herzlicher szenischer Mittelpunkt.

Vom Gerücht zum Fakt. Die Plauener MOTHER ENGINE wollen ihr mitreißendes Debüt auf einem "Spontangig zwischen Zelten" zum Besten geben. Punkt um 12, wir schlurfen eigentlich gerade mit seenassen Badehosen und den Handtüchern über den müden Köpfen zum Grillmittag, kloppt das Trio unter einem Discounterpavillon los. Wie die Ameisen auf Ameisenstraßen kriechen die Bikinis und die Bärte, die Biere und die Braunhäute herbei, sammeln sich in einem Pulk, der beginnt, rhythmisch zu wippen. Mit jeder sonnigen Spielminute steigert sich die Bekanntheit und die Freundemenge des Trios, das instrumentale Gepfeffer mit Jamcharakter trifft hier viele Nerven. So bringt die Band spontan sehr viele Exemplare unter die Glücklichen. Aus etlichen Hosenbünden ragt nun die "Muttermaschine". Gut so.

Offiziell geht es heute jedoch mit den Hamburgern HYNE los, die sich auch nach solch verheerenden Rückschlägen wie dreistem Equipmentdiebstahl nicht von ihrem Wege abbringen lassen. Dass die Band sehr stolz ist, hier zu spielen, bemerken die Zuschauer am anfänglichen Respekt oder Lampenfieber, die aber nach dem ersten Applaus weggespielt worden sind. Hier sollte die Geschichte weiter verfolgt werden, Prognose ist ein tolles nächstes Album. HERCULES PROPAGANDA aus Jena. Auweia. Die Nachbarn setzen viel auf... sagen wir mal... auffällige optische Effekte. Was für mich zumeist ein Zeichen ist, dass der eigenen reinen Musik nicht in Gänze vertraut wird. Typische Band zum Polarisieren. Augenverdreher treffen Spaßversteher. Nur, dass die Letzteren nach der Hälfte des Gigs alleine abfeiern. Rote Bürzelschwänzchen aus Lederhosen auf Stöckelschuhen und Unberechenbarkeits-Gesang: Naja, vielleicht wird es ja wieder ein Trend. Gibt ja schon LORDI.

DEVILLE erinnern mich in Auftreten, Stil, Habitus und sogar optisch sehr an MUSTASCH. Professionalisierter, polierter Stonerhardrock, der anfängt und wieder aufhört. Auf diese Skandinavier habe ich mich im Vorfeld auch gefreut. Und werde nicht enttäuscht. Wir hocken in der angefatzten Großgruppe in der Schattenkugel und zeigen alle Anzeichen, dass es fast zu einem perfekten Nachmittag gehört, schwedischen Strukturstoner zum Kaltradler serviert zu bekommen. Irgendwie wirken Bands wie DEVILLE, MUSTASCH, WITCHCRAFT (die bereits zum dritten Mal ihre gegebene Teilnahme am SFTU abgesagt haben) auf mich immer wie kleine Firmen. Organisiert, kalkuliert, kontrolliert. Edelgitarren in allen Hemden, nur das Beste. Ist ja auch ein Markt, auf dem sie sich bewegen.
[Mathias Freiesleben]

Zwischen DEVILLE und MUSTASCH habe ich dann aber doch klare Unterschiede feststellen können. Klar, beides ist in seiner Machart irgendwie Prototyp-Stoner, dennoch ist mir das Ganze speziell bei MUSTASCH zu routiniert und "abgezockt". Bei DEVILLE habe ich mehr Spielfreude ausgemacht, zudem zünden die mit granatigen Riffs garnierten Songs deutlich besser. Mit ihrem dritten Album "Hydra", das dieses Jahr erschien, bewegen sich die Schweden zwar immer noch recht deutlich im KYUSS-Fahrwasser, aber als Liveband ist das richtig gut und kraftvoll-schnittig, was die Herren da vom Stapel lassen.
[Stephan Voigtländer]

Die Psych-Portugiesen von BLACK BOMBAIM sind hier so etwas wie die Exoten, ähnlich wie die Japaner CHURCH OF MISERY 2011, die Rumänen THE EGOCENTRICS oder die Peruaner von LA IRA DE DIOS, die vor Jahren auch mal auffällig wurden. Dieses Trio jedoch betreibt Hochleistungssport. Ein einziges Solo ist dieses Set. Atemlos, unaufhaltsam ideendurchtränkt walzen die zappeligen Soundwellen über unsere Köpfe. Nicht wenige sind überfordert. Durchpusten und dann der Kontrast. Salzburger Feingeister betreten die Bühne und richten ihre Instrumente, während dahinter Crewkinder und Bandkinder im Bühnengerüst Turnübungen veranstalten. BEEN OBSCENE kutschen gemächlich los, sind ganz ganz anders als der portugiesische ICE. Zart entspinnen sich die vom melodiösen Gesang getragenen Liedlein, entwickeln sich zu einer seriösen Abendgestaltung. Es spricht für das Publikum, dass diese Sprunghaftigkeit des Programms ohne Skepsis angenommen wird. Es wiegen sich Wolken und Menschen, das ist eine runde Geschichte. So vielgestaltig die Musik der Österreicher ist, sind auch deren Persönlichkeiten. Wirkt der Basser mit seiner ungeraden Lockenpracht wie ein Sozialpädagoge, beeindruckt der kahlköpfige Drummer durch viele kleine Feinheiten, der Junge am Gesang ist der Bandjugendliche und links bedient ein Doppelgänger von Joaquin Phoenix die große Leadgitarre. Schöner, entspannter Auftritt.

Aus den Abschiedsschwaden von REVEREND BIZARRE ist der LORD VICAR auferstanden. Und was darf mannfrau da erwarten? Doom! Mit Druidensprechgesang. Und so kommt es auch. Auf einem beschwörerischen Schlagzeugsound schieben sich mürbende Gitarren voran, der wiederum den Gesang vor sich herschiebt, alles sehr finnisch, melancholisch.

Nächster Quantensprung zu den Sumpfmücken von FIVE HORSE JOHNSON. Entertainment durch und durch. Dankeshymnen nach jedem Song, dass "das alles hier oben ohne Euch alle da unten" gar nicht möglich wäre. Bitteschön. Bitteschön. Bitteschön. "Langsam beschämst Du mich, aber vor allem. Spiel weiter!" Der Sänger ist ein hyperaktiver Pferdefreund und Ungerechtigkeitshasser, der wie ein Josh Homme in bequemeren Lebensumständen aussieht. Ständig feuert er sich selbst und ganz Erfurt an. Muss er gar nicht, der geschliffene Southern Blues der Südstaatler ist das richtige Mittel, diesen immer noch aufgehitzten Abend kulturell abzurunden.
[Mathias Freiesleben]

Bei FIVE HORSE JOHNSON, die wenig später noch einmal beim Leipziger Klubkonzert begutachtet werden und auf kleinerer Indoor-Bühne nicht ganz so abräumen können wie vor den Hundertschaften unter freiem Himmel, gibt es eigentlich nur eine Sache zu bemeckern. Dieses übertriebene Ami-Dankbarkeits-Gehabe, das sich durch alle Ansagen zieht. Die Musike selbst ist über jeden Zweifel erhaben und zieht selbst Skeptiker ("Wir hör'n jetzt alle Country." - "Es ist Blues, Junge!") in den Bann. Bluesiges Geschrubbe nebst Southern-Rock-Einladen und einer dominanten Power-Mundharmonika - das kommt gut an. Das neue Album "The Taking Of Black Heart", für das man sich sieben Jahre Zeit ließ, enthält einige Kracher und diese werden trotz beachtlicher Discographie auch in gebührender Zahl in das Liveset integriert. Hell yeah!
[Stephan Voigtländer]

Dann folgt als Headliner die Saisonüberraschung aus Schweden: LOWRIDER. Das Gesangsmikrofon ist zwar von der Pest befallen, was mit lächelndem Charisma ertragen wird. Der hoch aufgeschossene Bassist und Sänger wirkt überüberglücklich, sich mit seinen Freunden hier präsentieren zu dürfen. Er beginnt mit den Worten: "Wir sind eine Band, die über zehn Jahr schlief, jetzt sind wir wieder da und spielen zusammen." Jubel. Das Material vom bisher einzigen Album "Ode To Io" ist vielen hier bekannt und die, die es nicht kennen, werden vom vollwuchtigen Stonersound mitgerissen. Die Beiträge aus dem Jahre 1999 finden auf höchstem Niveau komponiert viele Freunde, sind in sich schlüssige Perlen des Genres, vergleichbar mit dem Feinsinn von GOMER PYLE oder MARS RED SKY. Das ist ein würdiger kunstvoller Abschluss des Festivals. Auch optisch, da sich nach einer Lobhudelei der Festivalmacher und Besucher und giftigen Fäkalwünschen für die nahen Anwohner das Quartett wie im Theater verbeugt und trotzig wieder zurückgepfiffen, rebellisch noch eine Zugabe herunterhustet. Der Strom wird erst abgeschaltet, als wirklich alles vorbei sein will. Wenn ich eine Befragung gemacht hätte, wer 2014 wiederkommen wird: Ich hätte Höchstprozentiges erfahren.
[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Mathias Freiesleben
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