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Stoned From The Underground 2014 - Erfurt

20.09.2014 | 21:56

10.07.2014,

Underground ist das sicher nicht mehr, denn wer im Stoner/Psychedelic/Sludge/Doom etwas auf sich hält, der trifft sich alljährlich in Erfurt, um aktuellen und altgedienten Helden zu huldigen. Auch 2014 waren diese wieder en masse am Start.

Die bereits vierzehnte Ausgabe dieses Rockfestes hatte im Vorfeld durch die variable und durchgängig hochkarätige Besetzung geglänzt. Was würde davon im Nachgang übrig und hängen bleiben, frage ich mich jedes Mal, wenn ich das kleinfeine Festivalgelände betrete. Dieses Mal, dem allgemeinen Trend folgend, bereits am Donnerstag, denn unter drei Volltagen machen es die Festivalmacher heute nicht mehr. Also, einsickern in das Gelände, den jungen Damen vor uns beim Stiefelanziehen zusehen, die ersten Wackler links und rechts, lautes Gelächter und Gemänne in der Kartenabholschlange. Unsere Taktik, die sich mit der Realität der fünften Nachmittagsstunde deckt: Auto vorn stehen lassen und mit unserem Huck die paar Meter laufen. Zeltburg steht, alles, was seit Jahren Rang, Namen und dauernd jährlich Lust hat, ist bereits da. So lässt sich's trefflich ankommen, so lässt sich's trefflich auf dem Acker leben!

Die ersten Eindrücke des Tages sind bereits in der kurzen Autoschlange rechts des Festivalgeländes auf uns eingeströmt: Die Briten GONGA haben die Metamorphose von der Gesangesband zum Instrumentaltrio trefflich gemeistert. Es knallert uns ein dickes Set ohne direkte Sicht auf die Band entgegen. Ich reibe innerliche die schwitzigen Autobahnpfötlein. Nachfragen ergeben, dass bei der niederländischen Frauenrockformation CHEAP THRILLS das optisch Ansprechende in der Hauptsache von einem wohl gelungenen Energie-Auftritt überlagert wurde. Also gut waren die.

Dort ein Drückerchen, da ein Hallo, hier ein Halali, die misstrauischen Augen gen launischem Himmel gerichtet, finden wir uns hier endlich verpackt und ausreichend vorfinanziert vor den Isländern THE VINTAGE CARAVAN ein, über die Kollege Voigtländer - nehme ich an - ein paar Lobesworte zusammenkratzen wird. Mir ist das zu überraschungsarm. Ich lass mich berieseln und besehe leicht mitwippend die versammelte bunte Stoner-Rock-Gemeinde.

[Mathias Freiesleben]

Recht haste. Hier sind Lobesworte angebracht. Dass mich ein plötzlicher Hype, wie er auch hier der Fall ist - Nuclear Blast-Deal und angekündigte Tour mit anderen Senkrechtstartern namens BLUES PILLS - immer etwas abschreckt, will ich gar nicht bestreiten. Aber überraschungs- oder gar spannungsarm finde ich das überhaupt nicht, die Platte "Voyage" schlug bei mir Anfang des Jahres fulminant ein. Da die jungen Nachwuchshelden aus Island am Donnerstag also bereits 20 Uhr auf die Bühne gehen, langt es nur für einen kurzen Besuch. Doch der reicht allemal, um zu erkennen, dass die Drei das Begeisternde ihrer jüngsten Scheibe auch auf der Bühne reproduzieren können. Und man höre und staune: Den Kracher 'Midnight Meditation' gibt die Band trotz der schwierigen Gesangshöhe auch ohne weiblichen Gastauftritt zum Besten (bei früheren Auftritten ja von den Frontdamen von SYKUR bzw. BRAIN POLICE gesungen). Überhaupt: Es hat sich rumgesprochen, dass hier etwas heranwächst, die Resonanz ist bereits zu diesem recht ungünstigen Zeitpunkt entsprechend hoch.

Ein grüngewandetes Etwas trollt sich kurze Zeit später auf der Bühne herum - und als die Hüllen fallen, entpuppt sich das geheimnisvolle Wesen als der VALIENT THORR-Frontberserker, der sich sofort aufmacht den Rock'n'Roll in seiner reinsten Form ins Publikum zu schmettern. Obwohl das insbesondere live sehr gefällt, ist das musikalisch ja nun sicherlich nicht überraschender als THE VINTAGE CARAVAN, nicht wahr, Herr Freiesleben?

[Stephan Voigtländer]

Was streckt und reckt sich hinterdrein? Der Rotbart, der Rotstiefel und Sänger von VALIENT THORR, der sich mit seinen Kollegen bereits zum dritten Mal am Erfurter Seestrand einfinden darf und im folgenden eine Stunde lang den Diesel-Kraftstoff-Rock auf die Menge pustet. Alles Show, alles ohne Pause, ab und zu mit garstig-witzigen Ansagen gewürzt. Nie abgehoben, nie ärgerlich oder anbiedernd - aber auch nicht mehr vollkommene Euphorie, sind doch der erste und zweite Auftritt in den letzten Jahren bis hin zur eigenen körperlichen Aufgabe und Dehydrierung begangen worden.

Dann das Unerwartete, das erste dicke Pfund des SFTU 2014: Bobby Liebling von einem PENTAGRAM, das alle, alle Hits spielt und sich vor einem zum ersten Mal fast vollständigen Publikum gegenübersieht. Der aufgeplusterte Haarkranz des zitternden Monuments wird von den Bühnenscheinwerfern vollkommen durchleuchtet, fast wie in einer Aurora wirkt er [Ein Polarlicht, wirklich? Da wär ich jetzt nicht drauf gekommen. - SV], der sich da präsentiert. Fast unweigerlich muss ich an die ganzen Geschichten und Bilder denken, die sich um den Mann dort oben ranken. Nüchtern betrachtet, muss ich die gesamte Auftrittszeit über Themen wie "Verfall", "Vergessen" und die Zeit an sich nachsinnen. Nicht die schlechteste Beschäftigung und PENTAGRAM untermalt das mit diesem aus der Zeit gefallenen Doom.

Der Schlaf ist tief, der Schlaf ist nötig. Der erste Festivaltag, der ist der fitteste, der erwartungsdickste. Wir pendeln zwischen Badeseegewimmel und Regenbefürchtung, aber die Stimmung, ja die ist gut. Diverse Spiele versüßen die Zeit, auf die Erinnerung daran aber keiner so wirklich stolz sein dürfte. So macht in der Zeltplanenbehausung ein Produkt von der britischen Insel die Runde, in der sich erwachsene Menschen darin messen, am schnellsten einem Stromschlag zu entgehen. Ich kann es nicht glauben, halte mich raus und versuche, in langsamen Zügen meine Ernährung halbwegs gesund zu halten. Naja. Das war der letzte Satz dazu. Am Ende der drei Tage fühle ich mich in diesem Jahr sogar erholt.

Überraschend erfrischt auch der Auftritt der Regionalen von SLOW GREEN THING, das Dresdner Quartett haut so einige Frühspazierer um zwei Uhr nachmittags aus der Lethargie. Unser Spion deckt sich gleich mal mit dem Material ein und auch wir honorieren den direkt-schnörkellosen Riffrock mit ansteigendem Wohlbefinden. Dann eine größere Wanderung: TREEDEON aus Berlin ist dran. Das Trio besteht aus Splittern der Bands ULME und JINGO DE LUNCH, und was wir erleben, ist ein Sludge-Noise der Extraklasse. Ein Album lässt noch auf sich warten, aber hier hat sich die Krake Kreativität mit der Wollust zur Wut gepaart, es wird gebrüllt, geschwitzt, gewaltig gekloppt und vor allem mitgerissen. Die Fraktion der Hartherzen, die hier kollektiv vermöbelt werden, ist dankbar. Ich auch. Der akustische Höhepunkt. Schon jetzt. Für mich. Er wird es auch bleiben. Hauptsache, bald auch auf Datenträgern für den dauerhaften Konsum.

Was aber ist denn nun schief gelaufen? Mit denen. Da auf der Hauptbühne. Sie sind Schotten, zu viert (aber sicher bin ich mir da auf Dauer nicht!) und nennen sich COSMIC DEAD. Ein Pilzesucherverein mit dem Vermögen, diese unsere Welt zu verlassen und in irgendwelchen anderen Dimensionen hinüber und zurück zu hüpfen. Krarrrgghdruuuurghnnnndroooossssssss. Der Gig ein einziges langes Riff, in dem sich der bärtige Mann rechts und der weniger bärtige in der Mitte wie fremdbestimmt hin und her wälzen, zucken und halluzinieren. Etwas Struktur steuert der Schlagzeuger bei, der dünne Mensch am Keyboard ist ähnlich entrückt wie seine beiden stehenden Bandkollegen. Ich finde das alles zunächst befremdlich, aber zunehmend ansprechend und würde mir die Chose sehr gern auch mal in einem Club ansehen. So ist man wohl, wenn mann "durch" ist.

[Mathias Freiesleben]

Nun ja, flüssig und strukturiert durchkomponiert geht sicher anders. Und nur nebenbei beschallen lassen, das funktioniert bei COSMIC DEAD des Nachmittags nicht. Die Schotten beschränken sich nicht auf sphärisches Wabern (ein fledermausartiges Wesen, das uns auch später noch einmal begegnen wird, verstärkt diesen psychedelischen Effekt), da wird gefrickelt und geschnickt, bis der Arzt kommt. Die Band präsentiert sich ausgelassen, ja euphorisch auf der Bühne. Eine gute Abwechslung gegenüber den dampfhammerrockenden Truppen, aber der ganz große Wurf ist's eben auch nicht.

[Stephan Voigtländer]

Völliges Kontrastprogramm sind da die erdigen Blues Rock spielenden Schweden von THE 2120's. Hier kennt das Plektrum noch jede Saite einzeln, der konzentrierte Song wird mit Psychedeliken gezuckert. Espresso-Rock, genau das Richtige für den Nachmittag, mit einem Stück Dinkeleierkuchen geht das am allerbesten. Dann wieder grüner Schwefeldampf, Nebeldämonen, Polendämonen, BELZEBONG. Dieses Quartett schwefelt drängende, undurchdringliche und unerbittliche Instrumentalstücke, musikalische Fragmente voller Fragen und Wortlosigkeiten hinunter. Ich schweife ab, wie auch damals. Trifft mich nicht so richtig heute, hab ja auch gerade Espresso Rock gekostet.

Und dann wieder so ein Stilwechsel, das macht Spaß. Die Grande Nation hat MARS RED SKY geschickt. Ein kleiner Mann mit einer mintgrünen Riesengitarre und einer Originalstimme, die dem Sandmann zu gehören scheint. Filigranstöner. Wer nun vermag zuzuhören, findet seinen Zugang und bemerkt, wie kunstvoll das gallische Trio seine Kostbarkeiten zusammenwebt, für einige hier aber auch eindeutig eine Geduldsfrage. Auf den Platten, den Alben ist auch der meine Eindruck ausdrücklich besser. Die Stimme klingt dort voller, die einzelnen Songelemente sind flüssiger. Aber die wollte ich schon lange, lange mal sehen. Hier bei Erfurt nun mein Urteil: schön, aber zu schlank.

[Mathias Freiesleben]

Auf MARS RED SKY durfte man gespannt sein. Musikalisch wie immer eine Bank, allerdings geht der Gesang tatsächlich etwas unter. Ich habe die Franzosen schon besser erlebt, vor allem der Auftritt auf dem Desertfest 2012 in Berlin ist mir als allererste Sahne in Erinnerung geblieben. Da war es aber auch indoor direkt zu Füßen der Protagonisten stehend, die Wirkung war unmittelbarer, intensiver. Vor allem auch, weil der Gesang mehr Volumen hatte. Hier verfliegt das Ganze tatsächlich ein wenig, doch die musikalische Finesse bleibt dennoch unbestritten und in Erinnerung.

Die Steigerung in Prägnanz und musikalischer Ausdruckskraft kommt dann direkt im Anschluss. Wären da nicht noch PENTAGRAM und GRAVEYARD gewesen - KYLESA wäre dicht dran gewesen am Headlinerstatus. Doch auch so ist das sehr überzeugend. Die extreme Routine auch eine große Masse zu dirigieren - man könnte auch Abgeklärtheit dazu sagen - ist offensichtlich. Sie wissen, was zu tun ist. Die doppelte Drum-Attacke und der Wechselgesang von Laura Pleasants und Philipp Cope lassen in Verbindung mit der sludgigen Riffattacke den Boden buchstäblich erbeben. Und der seltsame Fledermausmann mit seinem Ausdruckstanz lässt sich auch bei KYLESA noch einmal blicken. Tut aber der Begeisterung keinen Abbruch, auch wenn die Band ihn nach über einer Minute Herumgehampels dann auch sicher gerne wieder von der Bühne verbannt. Die Verwendung eines per Handbewegungen in der Luft gespielten Instruments namens Theremin ist auch nicht gerade alltäglich, passt aber wunderbar zu dieser Band, wo eben vieles nicht dem Standard-Schema entspricht.

[Stephan Voigtländer]

Dieser Hochkaräter wird nach TREEDEON meinen persönlichen Silberplatz einnehmen. KYLESA erweckt von Anfang einen sehr konzentrierten und zielbewussten Eindruck. Und wirkt trotzdem nie aalglatt oder gar gelangweilt. Deren ganze Professionalität und Umfang wird wohltuend von diesem alten Herrn im Fledermauskostüm durchbrochen, der sich hier in den Auftritt mogelt. Der Flattermann tanzt ein wenig und wird von den Musikern halb lächelnd, halb ungeduldig toleriert, beklatscht und letztendlich von der Bühne geblinzelt. Warum ihm, dem Flughund mit seiner dunklen, knienden Mätresse das nicht bei den Schweflern von COSMIC DEAD eingefallen ist? Vielleicht hatte er sich ja im Eingang geirrt oder den falschen gesucht. [Der war ja da und ist von COSMIC DEAD vermutlich direkt hierüber geflogen. - SV] KYLESA jedenfalls hat an sich schon starke Songs in der Tasche und bietet hier Stonersludgeunterhaltung auf Höchstniveau.

Da muss ich nachdenken, ob es das für heute war. Ernsthaft: Grill oder COLOUR HAZE? Ich entscheide mich in dieser luxuriösen Situation für die Kunst. Die Kunst des langen Spiels, des klarsten und beeindruckendsten Sounds des Wochenendes und nicht für Asche, Rost und Discounterbrätlinge. Gut so, denke ich mir, als ich vom Abschlussaufritt der Bayern ins temporäre Zuhause stapfe. Wach bin ich und zufrieden. Der Diskurs beginnt - er wird zu einer langen und redefreudigen Nachtzusammenkunft wachsen. COLOUR HAZE, in Ermangelung von Geduld von uns zumeist in die Gniedelecke gestellt, die haben sich heute rehabilitiert. Asche auf die Häupter, wer sich dem Grill heute ergab.

Besonders frisch sehen sie hier alle nicht mehr aus, die da aus den Velour- und Dämmsäcken kriechen, wortkarg Frischkäsebrote zermalmen und Instantkaffee inhalieren. Aber die Stimmung ist bestens. Nun ist aber auch der Tag des Wetterumschwungs gekommen. Ständig wälzen sich seit gestern Wolkenbänder heran und überziehen die Besucher mit ihrer höhnischen Freilandbewässerung. Das führt aber auch zu spontanen Zusammenkünften und dem Zusammenschluss neuer Runden überall zwischen den knapp zweitausend Geladenen.

Ab ins Zelt, pünktlich sein. Das Thüringer Brüderpaar von BLACK MOOD steht auf der Tent Stage und eröffnet den dritten Konzertabschnitt des SFTU. Da lecken sich die Metaller alle Zähne, wir treffen auf ein Sauerstoff saugendes, vollkörniges Vollkontakt-Duo, was Thrash Metal mit dem Doom und Southern Sludge der NOLA-Marke bindet. Brüllend, laut und aus der hiesigen Reihe tanzend. Auch gar nicht weit weg leben in Jena die Männer, die GRANDFATHER sind. Auch hier überraschte und zunehmend heiße Ohren bei vielen Zuschauern. Starke Liedlein mit vielen kleinen Aufhübschungen. Hat auch einen Treppchenplatz erobert. Und wird hiermit wärmstens für den Herbst empfohlen!

MANDALA sind aus dem Preußischen herangereist und prägen den gesamten Platz mit vor allem der sehr markanten Rockerröhre des Sängers, der seine Beiträge gern auch einmal variiert. Meine Aufmerksamkeit können sie aber heute nicht halten, genau wie im Anschluss die Portugiesen von MISS LAVA, die mir etwas zu vorhersehbar erscheinen. Kann aber auch Augenblicksstimmung sein.

[Mathias Freiesleben]

Ich möchte das mal annehmen, mir zumindest gefallen beide Kapellen ausnehmend gut, die nun auch zu ihrem Recht kommen sollen. In der Nachmittagssonne (während davor und danach passenderweise die Regenwolken dominieren) tauchen die MANDALA-Typen auf und hauen einen raus. Fluffiger Stoner mit angenehm brummelnden Gitarren und tanzbarem Rhythmus erfreut die bereits anwesende Gesellschaft. Besonders der sehr in die Beine gehende Song 'Mr. Running Whipstitch' vom Album "Fink" sticht hier nochmal heraus. Eines von zugegebenermaßen vielen Festivalhighlights. Guter Rock geht doch eigentlich ganz einfach. Wer MANDALA auf der großen Bühne fröhlich abrocken sieht, weiß was ich meine. Irgendwie sympathisch, inklusive des Abschiedsgrußes: "Bis bald und grüßt eure Eltern."

Wie in der Vergangenheit bereits häufiger hat das SFTU auch in diesem Jahr mal wieder Erhebendes aus Portugal zu bieten. MISS LAVA punktet nicht nur mit einem rundum sympathischen, bodenständigen Auftreten - der griffige Heavy/Earth Rock ist dermaßen wirkungsvoll und eingängig aufgezogen, da kann man nicht stillstehen. Mal wieder eine dieser Bands, die man "irgendwie mitnimmt", die sich dann aber schnell als heißes Eisen entpuppt und am Ende nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Da war kein unnötiger Schwenk zu Psychedelic-Sludge-Core-whatever - einfach prima Wohlfühl-Rock mit genügend Schmackes und auf's Wesentliche konzentriert.

Während von BRAVE BLACK SEA nur der Wind bekannte KYUSS-Tonfolgen und ein 'July' von SLO BURN zur Zeltstatt herüberweht, gibt es bei MOTHER ENGINE kein Halten mehr.  Deren Erfolgsgeschichte findet 2014 auf dem SFTU seine Fortsetzung. Der Zeltplatzgig vom letzten Jahr war so sehr in aller Munde, dass die Stoned-Crew gar nicht anders konnte, als die Plauener dieses Mal fest zu buchen. Und dann spielt auch noch der Tausch mit COSMIC DEAD in die Karten, denn ob man 16:00 oder 18:30 ran muss, macht schon einen Unterschied. Psychedelischen Stoner (auch wie hier ohne Gesang) gibt es vielfach in diesem Universum, doch da ist etwas Spezielles, Mitreißendes im Sound dieser Band. Da es nicht die musikalischen Elemente oder deren Zusammenstellung sind, kann es also nur daran liegen: Sie haben gute Songs am Start, die den Hörer in luftige Sphären abdriften lassen, um ihn dann mit Wucht und Schmackes wieder zurück auf den Boden zu holen. Eine Mischung, die bei MOTHER ENGINE wunderbar funktioniert. Im Laufe des Auftritts nutzt sich das zwar etwas ab, dennoch: Von dieser Band wird man noch mehr hören.

[Stephan Voigtländer]

Groß war sie, die Vorfreude auf mein drittes Glanzlicht - die Sachsen MOTHER ENGINE. Ganz wie es sich gehört, bedanken sie sich fassungslos über diesen Riesenzuspruch, der den Dreien da entgegenweht. Volle Bude, voller Platz. Und von Augenblick zu Augenblick mehr Fans. Der Gitarrist gibt zu, "so richtig die Hosen voll zu haben" - aber unbegründet ist das. Denn durch den Zeltplatzauftritt des letzten Jahres bereits zum Geheimtipp avanciert, spielt das Instrumentaltrio seine "Plautzen" in gewohnt erfrischender Manier herunter, definitiv eine der Gewinnerbands dieser Tage. Ein neues Album ist bereits im Entstehen, ist aktuell zu hören.

BRAVE BLACK SEA davor - berichten die Geschmacks-Spione - ist nicht zuletzt wegen der teilweisen KYUSS-Vergangenheit grandios. Der Bericht klingt authentisch. Der Ärger darüber kürzt sich ab, indem ich zur nächsten Band hinüber wechsele: UFOMAMMUT aus Norditalien. Mal wieder vollblutig, knarzig, trocken, ausufernd und spielwütend. Klangungeheuer und voll in die Seele gezielt. Als Gäste immer ein Pflichtbesuch. Auch schon zwei Mal da gewesen, aber gern auch immer wieder.

Das Duo namens DŸSE habe ich willentlich ausgelassen, da ich dessen Humor und narrativen Ansatz nicht zu verstehen scheine. Geschichtenlieder laut leise.

[Mathias Freiesleben]

Okay, auch ich erinnere mich noch sehr gerne an den ersten DŸSE-Auftritt auf dem SFTU im Jahre 2007 (damals am schönen Kyffhäuser) zurück. Da ließ das Duo tatsächlich die mit mitreißenden Wierdo-Ausbrüchen gepflasterte Musik sprechen, heute sprechen sie eben auch viel selbst. Dennoch muss man anerkennen, was für ein Unterhaltungs-Potenzial damit freigelegt wird. Wie wild gewordene Berserker wirken sie heute nicht mehr, da geht es eher um eingängige Singalongs, die vom Publikum dann in gefühlter Endlosschleife mitgeträllert werden. Dies ist keine grundlegende Kritik, denn ich verstehe schon, wieso das ankommt und gut gefunden wird - nur fehlt mir persönlich der eine entscheidende Baustein von anno dazumal zum Zugang zu dieser Band: Von Geplänkel und Geblödel umrahmt, wird man plötzlich von einem Orkan schierer Energie erdrückt. Das spürt man in dieser Form bei DŸSE heute nicht mehr.

Ganz anders dann der Schweden-Retrorock derer von GRAVEYARD. Hier wird mit bekannten und lieb gewonnenen Stilistiken der Ursprungs-Rock zelebriert. Ein wunderbarer Ausklang, etwas zum Wohlfühlen und "nochmal Anschmiegen" an die letzten livehaftigen Töne dieser erlebnisreichen drei Tage. Keine wuchtigen Ausbrüche wie bei KYLESA, keine monumentale Geschichtsstunde wie bei PENTAGRAM und auch keine mit Galligkeit und Druck aufbrausende Krachattacke wie beispielsweise TREEDEON - hier spielt sich alles gediegener, etwas verhaltener und wunderbar harmonisch ab. Genau das was man als Festivalbesucher braucht, um etwas sentimental zu werden und sich schon mal auf die Neuauflage im nächsten Jahr zu freuen.

[Stephan Voigtländer]

Ja, den Abschluss bildet heute und für ein weiteres Jahr der Warterei die Schwedenkombo GRAVEYARD, bei der alle aus einem Nest zu kommen scheinen. Die Musiker sind sich optisch sehr ähnlich, was sich aber auch sehr positiv auf die Abstimmung dieser Retrorocker untereinander auszuwirken scheint. Die entworfenen Gebilde zeugen von großer Vielfalt und dem gemeinsamen Sehnsuchtsblick nach dem "guten alten Handgriffrock". Ihnen gelingt ein würdiger und fast glamourhafter Festivalabschluss. Also, mehr brauche ich eigentlich nicht mehr sehen, nun ist sich zu Neuem aufzuraffen. Es fällt schwer nach diesem Kontrastprogramm, dem Auf und Nieder, diesem Ritt durch die Genres - die Fahrt ist nächstes Jahr bereits fest eingebucht.

[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Stephan Voigtländer
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