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Stoned From The Underground 2015 - Erfurt

12.11.2015 | 21:28

09.07.2015, Alperstedter See

Jubiläum! Und wieder alles richtig gemacht.

So, die Kapuzenpullis werden wieder hervorgekramt, Winterräder aufgezogen, die Grills eingemottet und unter großem Geheule dem Sommer diesen Jahres hinterhergetrauert. Warum eigentlich? Ach ja, die Festivalsaison ist vorbei. Mit der Absage des diesjährigen Blue Moon Festivals fällt für die Stoner-Doom-Rocker-Gemeinde ein schöner, kleinfeiner Termin weg. Die nennen sich jetzt Blue Moon Light. Na ja. Die Organisatoren haben sich wohl auf das große Desertfest in Berlin konzentriert. Neben dem Roadburn (immer sofort ausverkauft), dem Desertfest (immer schneller ausverkauft, weil immer größer), dem Freak Valley Festival (idyllisch) hier noch unser Rückblick auf das diesjährige Stoned From The Underground in Erfurt. Familie am See.

Dauergrinsen unter Dauerbeschallung in Dauerhitze. Dauer drei Tage. Donnerstag, leider ohne mich, aber ausgiebige Berichte eingeholt: FIZZT: Netter Auftakt zum Einschaukeln der müden Waderln. Man trifft sich, nickt sich zu, erste Prost-Salven. Passt alles. HIGH FIGHTER aus Hamburg mit präsenter Frontfrau und schickem Schnick. Die Ukrainer STONED JESUS haben Visa-Probleme und fallen aus – sehr, sehr schade. DEAD LORD räumt ja gerade sowieso ab. So auch hier, THIN LIZZY schreit Gefallen. GREENLEAF – Super-Sänger und immer mit starker Publikumsbewegung. So auch hier. Ein richtiger gelungener Gig – mit Langzeitnachwirkung. Für meine Begleiter der Höhepunkt des Tages. Gefolgt von den Pottköppen RADIO MOSCOW. Das erste Mal ist kein Platz mehr vor der Bühne und das Volk gerät in Aufregung. Der Mushroom-Rock des Trios kommt knackig und verspielt herüber. Noch am Folgetag staunen meine Genossen über den druckvollen Sound.

Und da komm dann ich ins Spiel. Nach stimmiger morgensfrühester Anfahrt mit Überlandbus und sonstigem Nahverkehr kann ich nach Berichtsstunde und Nachbarsgeschwätz endlich die erste Band besehen. Und mal wieder euphorisch die Entspanntheit dieser Ansammlung hervorheben. Gefolgt vom Lob für Sound und Organisation. Das 15. Jahr SFTU und der Bitte, dass hier auch noch meine Sprößlinge irgendwann in zehn Jahren im Schatten und am See herumlungern. Brause trinken, Papa winken.

Die Präsenz der Polizei scheint im Vergleich zu den Vorjahren zurückgefahren worden zu sein - wahrscheinlich haben sich die Beamten an den Anblick tätowierter Bandshirtträger - durchsetzt mit einer Vielzahl weiblicher Besucher - gewöhnt. "Durchsetzt" ist daher falsch: Weil ich in diesem Jahr mal genau darauf geachtet habe, kann ich eine Quote von 60% Männer mit 40% Frauenanteil am Publikum vermelden. Das wirkt sich sehr auf die Stimmung aus, welche immer und wieder als äußerst friedfertig bezeichnet werden muss.

Das Duo WHITE MILES aus Österreich beginnt mit ihrem Hard Blues den Freitag im Zelt. Duos auftreten zu lassen könnte auch als das heimliche Neben-Hobby der Festivalmacher gelten, hat man doch in der Vergangenheit mit THE CYBORGS, DYSE, SARDONIS sehr gute Erfahrungen gemacht. Vorgeschaltet oder auch nachgeschaltet dem Bühnenhauptprogramm kann sich das Feiervolk hier dementsprechend einstimmen oder nach Hause in die wallende Zeltstadt schicken lassen. WHITE MILES zumindest gibt eine passende und gute Visitenkarte ab, auch und vor allem weil die Singstimme sich angenehm unaufgeregt ungepresst aus der Masse der Piepsstimmen im "Female Rock" abhebt. Gefällt. Ich gebe hiermit zu, dass ich den Auftritt von Nick Olivieri bewusst ignoriere, auch weil mir der Wir-spielen-KYUSS-Songs-Hoch-und-auch-wieder-runter-Fortgang ziemlich auf die Stränge geht. Olivieri ist gut, wenn er bei den DWARFS oder in schnelleren Eskapaden sein Organ einem kurzknackigen Hardcorepunk anbietet. Aber in der "Accoustic Version" muss ich ihn nicht haben.

MOS GENERATOR ist da schon mehr nach meinem Geschmack. Keine Neuerfindung des Genres, aber da spielen drei ziemlich abgehärtete Stullen berstenden Blues – gerade richtig, um hier in diesen zweiten Tag zu kommen. Und dann? Und dann! Kennt hier jemand dieses zottelige Biest aus der Sesamstraße? Das hat seine beiden besten Kuschel-Kumpels mitgebracht, hat mindestens ADHS und arbeitet sich deshalb und folgende vierzig Minuten dermaßen einen ab, dass ich Angst bekomme, ob ihm der Kopf, die Beine oder Arme irgendwann abfallen. Beeindruckend, wie das Trio hier das versammelte Rockvolk auf- und niederpeitscht, es fliegen die Pfandbecher, es wirbelt der Zopf! Grandios, wieder sehr bluesig, aber diesmal in der Vollwert-Stonerrock-Version. Hochachtungsvolles Hochlicht bisher... und gegen diese Monsterstimme kann ja sowieso niemand etwas machen. Hat der Krümel im Mund? Glasscherben auf der Stimme? Kansas, was sendest du uns da? Zitat: "Ich glaube, mein Schwein pfeift!" Sagt das Biest und lässt mich und viele andere hier erstaunt-erschöpft zurück. Einfach so. Die folgende Band MAMMOTH MAMMOTH ist ziemlich auf's Posing bedacht und spielt ein Set herunter, das unterhält, aber eher Hintergrundbeschallung bleibt.

Bei DOZER wird es voll – natürlich. Die schwedischen Ursteine sind SFTU-Gäste der ersten Stunde. Hier gibt es auch wieder ein Wiedersehen mit Teilen von GREENLEAF, sind diese beiden Bands doch personell ziemlich eng verbunden. Der Gig ist somit ein Heimspiel, vollgestopft mit den Stücken ihrer langen Geschichte. Dementsprechend gibt es viele Mitsänger und Damen, deren Einsätze punktgenau kommen.

Auf ELDER bin ich sehr gespannt gewesen. Und: Es wogt! Es wallt! Es hallt! Es rupft einen aus der Frühsommerhitze und einsetzenden Lethargie...! Das Trio reißt mich mit und wird in nicht wenigen Zeltgesprächen der kühlen Nacht als das zweite "Unbedingt" des Tages bezeichnet werden. Was ich vom KYUSS-Zerfleddern halte, habe ich ja oben schon geschrieben. JOHN GARCIA, dem wandlungsfähigen Sänger der Großartigen, traue ich jedoch immer wieder neue Impulse zu. So hat mir sein aktuelles Solo-Album sehr gut gefallen. Leider aber wagt er nur zwei Stücke davon anzubieten. Schade, sehr! Und so scheint auch er auf Nummer sicher zu gehen, indem er bekannte Nummern seiner Vorbands, auf die er die Rechte hat, herunterzuspielen. Na ja, wird mitgenommen. Aber Geschmäckle bleibt.

Und Samstag. Hitze, Hitze, Hitze, Hitze. Am Badestrande findet eine begehrenswert erfreuliche Veranstaltung statt: Mitten im Einlaufgebiet in den Badesee, quasi in Spritznähe, bauen zwei Herren – der eine, der mit den Füssen auch das Percussion-Gerät sowie den den Bass bedient, trägt unverständlicherweise eine schwarze Wollmütze – ein puritanisches Coverset auf. Es werden gegeben: alle, wirklich alle Hits von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL. CCR-Cover aus Leipzig. Famos das! Die Ansagen des Sängergitarristen Hannes Grützmacher bewegen sich zwischen "Jetzt kommt ein Stück, das nicht von uns ist!" bis "Pogo, Ihr Luschen!" Wir dauergrinsen in unserem Schattenbereich und gehen nach dieser Sondershow beschwingt vorgefertigt ins Wasser, jeder einen CCR-Mitpfeifer in die Fluten flötend. Schöne Idee.

Dann wieder Hamburger. Wieder eine Sängerin. Zumindest im Duett. THE MOTH stellt heute die Doomfraktion und das mit großem Erfolg. Die beiden Alben des Trios, das sich zu zwei Dritteln aus Mitgliedern der lange verblichenen SISSIES zusammensetzt, bilden für den Zeltgig den hervorragenden Unterbau. Die Plane ist voll und die Band wird gehörig abgefeiert. Und das ganz zurecht. Für mich folgt einer der weiteren Höhepunkte: das Duo POWDER FOR PIGEONS erspielt sich im Hier und Jetzt eine ganze Menge neuer Verehrer, ohne übertriebenes Posing und ablenkendes Drumherum kloppt es sich durch diesen Gig, die beiden ernten den ganz besonderen Sympathiestern. Die Rostocker Institution TRICKY LOBSTERS ist die erste da oben auf den Brettern der Hauptbühne und muß mit dem Geradezu-Rock gegen den Mittagshunger und die Grillgeilheit ankämpfen. Das tun sie wie immer sehr direkt, schnörkellos, raumgreifend.

Das Retrospektakel Part eins folgt: HONEYMOON DISEASE hat eine weibliche Front von Saiten und Haaren bereitgestellt und lockt mit dieser Kombination einige mehr vor die Bühne, denn ist man in der Männerdomäne "Rock" doch sehr gespannt auf solche Erscheinungen. Mich hat der Hunger erfasst, sodass ich die Stunde Retrorock auf einem Hocker und mit Toastbrot im Mund erlebe. Der Hype um diese sehr direkte Art, sich dem Rock der quietschenden Ära der Spätziebziger und Frühachtziger zu widmen, war noch nie in meinem Fokus. Genauso wird es mir nachher mit den Quirlen von DANAVA ergehen. DEAD LORD kann da mit in diese Linie gestellt werden. Aber die habe ich ja nicht gesehen. MONOMYTH ist da schon eher was für mich und enttäuscht mich ganz und gar nicht. Zwar stehen da zwei Tasteninstrumente auf der Bühne mit dahinterkauernden Holländern, aber es gibt da eben auch noch diesen famosen Schlagzeuger, der die legendäre 35007 angeführt hatte und diese beiden Saitenbearbeiter, die mich zumindest in einen vorzeitigen Schwebezustand versetzen. Weite Flächen, breite Nebel, leere Köpfe – bestens umgesetzt! MONOMYTH allein schon war meine Anfahrt wert. Ich brauche eine Pause.

Und verabrede mich in Nachbars Garten unterm sächsischen Pavillon zu den Berlinern ROTOR. Die stellen das neue Material aus dem Album "Fünf" vor, haben einen weiteren Gitarristen integriert und pfeffern ihre Salven auf eine erwartungsfrohe Menschenansammlung ab. Wer ROTOR besucht, braucht sich keine Sorgen machen: der wird vollbedient. Ein Instrumentalkracher jagt den nächsten. Durchatmen, glücklich sein.

Was folgt, ist rein stilistisch eigentlich ein "Runterzieher", denn es steht Ami-Doom mit Melancholiegarantie an: PALLBEARER. Diese vier Herren haben aber auch sehr eindrucksvolle Alben auf der Habenseite und beginnen ebenfalls, mich zu fesseln. Ich halte das Quartett aus Arkansas zwar für eine Band, die besser in kleineren Clubs zur vollen Entfaltung kommt, aber da in der Folge ihres Gigs die Sommerdunkelheit ihren gerechte Tribut fordert, wirkt PALLBEARERS Musik zunehmend auch hier. Der Gesang, der zwischen Verzweiflung und Hoheliedern schwankt, passt sich in meinen Ohren sehr gut in dieses klassische Doomset ein. Ich bin überrascht bis begeistert und harre tapfer bis zum Schlussjammer aus.

Dann merkt man es überall. Es flirrt, es okkultet. Schon beim Aufbau. Denn mit ELECTRIC WIZARD wird gleich der Headliner die SFTU 2015 die angebrochene Nacht vertrimmen. Die Dame und drei Herren stehen im Ruf, nicht ganz einfach zu sein, wer sich innerlich mit der Morbidität und dem Zerfall so intensiv beschäftigt und dieses dann in solche Musik flirtet, der ist... mindestens speziell. Das ausverkaufte Festivalgelände zumindest hat alle Besucher vor die Hauptbühne gesogen, in der bereits eine riesige obligatorische Leinwand Schlimmes vermuten läßt. Nackte Frauen, Blut in allen Sorten und Strömungsgeschwindigkeiten, Sensen, dunkle Walddurchfahrten – all das hat dieser tiefsttönende Höhepunkt des Jahres mitgebracht. Und dann geht es los, das Gedröhne! Die Hosen flattern, die Gedanken werden bildgewaltig befeuert, das Ohr gewaltig zugewalzt. Meine persönlichen Lieblinge werden das nie, aber ein Erlebnis ist diese Britenhölle schon. Merklich dampft nun auch der thüringische Boden, viele der gerade gesehen Bands wirken gegen das selten zu erlebene Riffmonstrum geradezu anmutig...

Kurzum: ein dicker Brei zum Abschluss, wiederum klangtechnisch hervorragend in Szene gesetzt von der SFTU-Crew. Fazit: wieder einmal ein Szenetreff der entspannten Sonderklasse, der die Bandbreite der ernst zu nehmenden Rockmusik darstellt und immer wieder für Überraschungen sorgt. Bis nächstes Jahr!

Aber jetzt erst mal: Mützen aufsetzen...

Redakteur:
Mathias Freiesleben

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