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Summer Breeze 2015 - Dinkelsbühl

30.08.2015 | 12:44

12.08.2015,

Mucke, (ein) Unwetter und noch mehr Mucke: Unser Bericht von den Dinkelsbühler Krachfestspielen 2015!

Das Summer Breeze ist mittlerweile eine gewachsene, feste Größe innerhalb der metallischen Festivallandschaft. Ein Vergleich mit dem zwei Wochen zuvor stattfindenen großen Fest im hohen Norden drängt sich da immer wieder auf, ist aber eigentlich vollkommen unnötig. Das Summer Breeze kann nämlich jedes Jahr aufs Neue mit einem extrem breiten Spektrum an Stilistiken auwarten, dessen Mix einerseits willkürlich, andererseits auch wunderbar bunt erscheint. Auch 2015 wurden vier Bühnen nahezu durchgängig von ganz großen und (noch) sehr kleinen Acts beackert - und wer auf Rock, Metal, Gothic, Hardcore, Prog oder irgendeinem Ableger dieser Genre steht, hat hier ganz sicher sein musikalisches Glück finden können. Das ausgezeichnete Drumherum, dass die Massen sehr gut bewältigt, tut da sein Übriges. Wettertechnisch passte bis auf einen speziellen Moment auch alles; aber dazu weiter hinten mehr. Bevor ich noch mehr vorwegnehme: Viel Spaß mit unserem Bericht von den Dinkelsbühler Krachfestspielen!

Für POWERMETAL.de ließen sich in diesem Jahr Frank Jaeger, Rüdiger Stehle, Christan Stricker, Nils Hansmeier und Oliver Paßgang eine laue Brise um die Ohren wehen. Die Fotos stammen aus den Kameras von Frank Jaeger und Rüdiger Stehle.

[Oliver Paßgang]


Mittwoch, 12.8.2015

Durch einen Stau auf der Zufahrt zum Camping verpasse ich BATTLE BEAST, so dass AVATARIUM die erste Band des Tages ist. Die T-Stage in einem riesigen Zelt hat die Ausmaße einer normalen Festivalbühne und ist, als quasi dritte und drittgrößte Bühne, immens. Da es mein erstes Summer Breeze Open Air ist, bin ich beeindruckt. Auch die Massen an Menschen, die schon hier rumschleichen, sind unerwartet. Der Schock kommt dann beim Betreten des Zeltes – das sind ja tropische Temperaturen und eine Luftfeuchtigkeit wie im Dschungel! Na, das kann ja heiter werden. Doch zum Beschweren habe ich eine Zeit, es geht los. Die von Leif Edling gegründete Band steigt gleich mit 'Moonhorse' ein, dem Opener ihrer Debüt-CD. Blickfang ist natürlich Jennie-Ann Smith, die nordisch blond das Zentrum der Band bildet. Da können die Jungs nichts gegen machen, denn sobald sie zu singen beginnt, wird klar, dass sich der Gig einzig und allein um sie drehen wird. Dabei mischt sich die Musik von Doom-Kopf Edling, der heute leider nicht selbst dabei sein kann und durch Anders Iwers ersetzt wird, auch durch ihre Stimme mit klassischem Rock der Siebziger, und ein Hauch von Flower Power durchzieht das Zelt, wenn Smíth die Arme hebt und sich im Rhythmus wiegt. Mit dem etwas flotteren 'All I Want' kommt Leben in die doomige Bude, was dem Gig gut tut. Die hypnotischen Riffs wirken eindrucksvoll, aber brauchen gelegentlich einen Tritt in den Allerwertesten, den dieser als Single ausgekoppelte Song mitbringt. Danach geht es mit 'Deep Well' wieder in die langsamen Gefilde. Ich stehe der ganzen Retrowelle ja skeptisch gegenüber, aber AVATARIUM machen wirklich viel richtig. Die fetten Riffs der Jetztzeit mischen sich wohlig mit den ursprünglichen Classic Rock Sounds und sorgen für eine Mischung, die auch über die volle Distanz zu fesseln vermag. Als die Band mit der Bandhymne noch einmal eine besonders eindringliche Komposition kredenzen, sehe ich viele zufriedene Gesichter. AVATARIUM hat durch große Musik und die Präsenz von Jennie-Ann Smith sicher neue Freunde gewonnen.

[Frank Jaeger]

Wo Schmier dabei ist, kriegt man Thrash. Das genügt eigentlich, um PANZER umfassend zu beschreiben. Warum braucht er dann eigentlich noch ein Projekt neben dem unermüdlichen Outfit DESTRUCTION? Ja, da sieht man, dass es doch nicht so einfach ist. Denn PANZER und DESTRUCTION trennen musikalisch deutliche Gräben. Grund dafür sind die beiden Mitstreiter des Bassisten und Sängers, die bislang von Hard Rock- und gemäßigten Metal-Bands wie ACCEPT und VICTORY bekannt sind, nämlich Stefan Kaufmann am Schlagzeug und Hermann Frank an der Gitarre. Damit bekommt Schmiers charakteristischer Stil eine ungewohnte gitarrenorientierte Tendenz, die mir auf Konserve sogar besser gefällt als die letzten DESTRUCTION-Alben, die auch alle nicht von schlechten Eltern waren, aber doch irgendwie "mehr vom Selben". Nachdem ich DESTRUCTION seit der Debüt-EP kenne, hoffe ich, dass man mir das verzeihen kann. So wäre es vielleicht besser, PANZER als Hard Rock Band mit Schmier-Thrash-Einflüssen zu beschreiben. Doch auf der Bühne muss ich das sofort revidieren. Hier herrscht der Fronter, der Thrash lebt und wahrscheinlich gar nicht anders kann, als mit voller Kraft voraus in die Lieder zu stürmen. Dreimal wird im Midtempo gerockt, darunter die Bandhymne 'Panzer', die von vielen mitgesungen wird, bevor es mit 'Freakshow' schnell wird. Die drei Musiker an den Saiteninstrumenten bewegen sich viel über die Bühne, vor allem Schmier besucht seine Mitstreiter abwechselnd und regelmäßig, allerdings bleibt zum Posen wenig Zeit, da die Soloeinlagen auf "Send Them All To Hell" meist nur kurz ausfallen und sich daran live nichts ändert. PANZER live ist heftiger als auf dem Album, aber auch etwas weniger differenziert und begeistert dann doch eher die härtere Fraktion, womit sie beim Summer Breeze genau richtig sind. Ich persönlich würde mich freuen, wenn sie die Hard Rock-Einflüsse noch mehr in den Vordergrund setzen würden, aber das sehe ich hier und heute wahrscheinlich allein so. Kurz vor Ende des Gigs verlasse ich den Schauplatz, um pünktlich zu DESERTED FEAR an der Camel Stage zu sein. Schade, ich hätte gerne gehört, ob PANZER auch das Gary Moore-Cover 'Murder In The Skies' live umsetzen. Na ja, beim nächsten Mal.

[Frank Jaeger]

Die drei Herren von DESERTED FEAR (Foto rechts) sind momentan eine der angesagtesten Death Metal Bands aus deutschen Landen. Kein Wunder, denn mit Ihren beiden Alben "My Empire" und "Kingdom Of Worms" haben sie innerhalb der Szene mit ihrem wüsten Oldschool Vollgas Death Metal großen Zuspruch erhalten. Entsprechen voll ist es auf dem Vorplatz der Camel Stage, als DESERTED FEAR die Bühne betreten. Mit 'Forging Delusions' geht es direkt zur Sache. Wer nicht im Pit steil geht, schwingt sein Haupt zu den groovenden Riffs. Bei 'Nocturnal Frags' und 'Wrath On Your Wound' gibt es keine Verschnaufpausen. Die Band strotzt nur so vor Spielfreude und feuert ein erstklassiges 45 Minuten Set in den Abendhimmel. Mit DESERTED FEAR ist in naher Zukunft noch zu rechnen und beim nächsten Gastspiel in Dinkelsbühl werden Sie mit Sicherheit auf einer der größeren Bühnen spielen dürfen.

[Christian Stricker]

Oh, die kenne ich noch. SONIC SYNDICATE (Foto unten) aus Schweden waren Mitte der letzten Dekade auf Nuclear Blast und wurden da durchaus gepusht. Da die ganze Metalcore-Welle jedoch ein wenig an meinem Geschmack vorbei ging, habe ich es damals bei "Only Inhuman" belassen. Und offensichtlich verpasst, dass die Burschen auf einer Erfolgswelle reiten, denn was ist das Zelt plötzlich voll! Der Altersschnitt hat sich verglichen mit PANZER auch eher halbiert, jetzt kommt die Jugend zum Zug. Doch zuerst kommt als Intro 'We Built This City' von STARSHIP. Eine ungewöhnliche Wahl als Intro zu einem Metalcore-Gig, aber die Fans scheinen das bereits zu kennen und singen mit. Cool, musikalische Früherziehung mit SONIC SYNDICATE. Wobei wir diesbezüglich die Auswahl des Introsongs noch einmal überdenken sollten. Ja, und ganz so jung sind die Fans dann auch wieder nicht. Aber dann geht es los und die Band stürmt unter frenetischem Beifall auf die Bühne und legt gleich heftig los. Da wird gehüpft und gesungen, gerannt und gepost, und Sänger Nathan Biggs mit seiner Sonnenbrille macht den Chefanimator. Aber Moment mal, sollte am Bass nicht eine Dame die Saiten bedienen? Entweder lässt sie sich jetzt einen beachtlichen Bart stehen, oder das ist ein Kerl. Leider bin ich völlig überfragt, wer bei SONIC SYNDICATE jetzt den Tieftöner bedient, aber der macht das problemlos. Wobei, zugegebenerweise, live auch eher die Power überwiegt denn die Virtuosität. Immer wieder beschwört Huckefloh Biggs den Zusammenhalt und dass jetzt eine Party steigen würde, leider meiner Ansicht nach etwas zu häufig. Vielleicht muss das bei Metalcore so sein, mir reicht es nach ein paar Ansagen. Aber musikalisch ist das sehr ordentlich. Obwohl ich die Songs zumeist nicht kenne, und auch einige sich live ganz schön ähneln, bleiben ein paar hängen wie 'Beauty And The Freak' und 'Catching Fire', die beide in der Setmitte stehen, also nach der Anfangsoffensive und bevor ich beginne, mich ein wenig zu langweilen. Sie spielen sogar etwas von "Only Inhuman", aber ich erkenne den Song nicht. Ich bin wohl doch einfach der falsche Berichterstatter hier, Kollege Paßgang hätte bestimmt detailreicher berichten können. Ich dagegen bescheinige SONIC SYNDICATE einen kraftvollen Gig, der das ganze Zelt mitreißt, aber auf Dauer bei mir an Wirkung verliert. Nachtrag: Ein Blick auf die Bandhomepage erklärt meine Verwirrung am Bass. Bassistin Karil Axelsson ist kürzlich ausgestiegen und wurde durch Michel Bärzén ersetzt. Aha, hätten wir das also auch geklärt.

[Frank Jaeger]

Wieso ist es bei DEATH ANGEL jetzt leerer als bei SONIC SYNDICATE? Das gibt es doch gar nicht, oder? Das Urgestein aus San Francisco zieht bereits seit über fünf Wochen durch die Festivalszene des Kontinents, immer wieder von Clubgigs unterbrochen. Heute ist der letzte Auftritt, morgen geht es wieder zurück in die USA. Doch vorher wollen die Herren noch einmal auftrumpfen und entern die Bühne mit 'Left For Dead'. Ich habe DEATH ANGEL vor einigen Wochen bereits auf dem Band Your Head gesehen und einige Kollegen durften mit ihnen auf dem Headbangers Open Air kopfschütteln, sodass eigentlich nur die Frage bleibt, ob sie heute besser, schlechter oder einfach genauso gut sind wie beim letzten Mal. Der größte Unterschied bei den Auftritten ist immer die zur Verfügung stehende Spielzeit. Heute hat DEATH ANGEL 60 Minuten, und die nutzen sie sehr ordentlich. Die Songauswahl ist auf die neueren Alben fokussiert, was verständlich ist und sinnvoll in Anbetracht dessen, dass hier doch ein niedrigerer Altersschnitt vorherrscht als auf den beiden zuvor erwähnten Festivals. Trotzdem kommt schon in der Mitte des Sets bereits 'Seemingly Endless Time' vom Meisterwerk "Act 3". Aber obwohl das für mich der Höhepunkt des Auftrittes ist, scheint sich die Stimmung bei dem Lied nicht zu steigern. Ja, der Altersunterschied. Toll, dass die Band es schafft, auch jüngere Fans anzusprechen. Zwar wird auch noch ein Lied vom Debüt gespielt, nämlich 'Evil Priest', aber ansonsten regieren die neuen Alben. Zum Schluss kommt mit dem Titelsong des aktuellen Silberlings "The Dream Calls For Blood" und dem Rausschmeißer 'Thrown To The Wolves' zwei weitere Songs der neuen Phase zum Zuge, zu denen begeistert abgerockt wird. Bleibt die eingangs gestellte Frage, ob sie nun besser sind als bei den anderen Auftritten? Ich würde sagen, nein. Mitreißend, wie immer den Geist der Musik beschwörend, agil, das alles ja, aber ich finde, Mark Osegueda am Mikrophon verlegt sich zu sehr aufs Schreien. Gerade bei 'Seemingly Endless Time' fällt auf, dass der Frontmann die Gesangsmelodie zugunsten von metallischem Brüllen hintan stellt. Trotzdem: DEATH ANGEL geht immer und sollte ein fester Bestandteil eines jeden Festivalbillings sein.

[Frank Jaeger]

Zum Abschluss gehe ich nochmal rüber zur Camel Stage, der kleinsten, aber sehr feinen Bühne auf dem Summer Breeze, auf der heute, am Vorabend des Festivals, der allerdings irgendwie schon ein ganzes eigenes Festival ist, noch die Schweden ISOLE meinen Abschluss doomen. Zwar geht das Ganze dann noch drei Bands weiter, aber ich finde das Programm des Summer Breeze völlig übertrieben. Nach mittlerweile elf Stunden habe ich genug und selbst ISOLE schafft es nur mit Mühe, mich zu begeistern. Dabei hatte ich mich sehr auf sie gefreut. Aber nach Mitternacht ist nach meiner Bettzeit, und die Füße wollen auch hochgelegt werden. Trotzdem weile ich noch ein bisschen und lausche dem tollen, melodischen Doom und der klaren, aber zurückhaltenden Stimme von Daniel Bryntse. Nach dem Gebretter auf der Tent Stage ist das ein wohltuender Ausklang für einen heißen, anstrengenden Tag mit einem wirklich schönen und für einen Warm-Up-Tag sehr prominent besetzten Billing. Nach drei Liedern verlasse ich die locker aufspielenden Schweden und gehe Richtung Ausgang und lasse mich begleiten von den schmeichelnden Melodien und dem unaufgeregten Schwedendoom, der mich so erfreut, dass ich auf der Rückfahrt nicht einmal das Radio anstelle, sondern lieber noch ISOLE auf mich wirken lasse.

[Frank Jaeger]

Da lässt man sich belabern, doch noch "mal eben kurz bei Dani Filth neuer Gruppe" DEVILMENT vorbeizuschauen, um es bereits nach wenig Momenten zu bereuen. Dieser musikalisch vollkommen irrelevante Komposthaufen versucht partyfähigen Death Metal mit jeweils einer Brise Industrial und Black Metal auf die Bretter zu bekommen, passend dazu gibt es Verkleidungen mit Schminke (weder böse noch authentisch noch lustig). Dani Filth selbst hüpft wie ein Gartenzwerg auf Crack über die Bühne, schmeißt mit Glitzer (!) um sich und kann Akzente nur durch eben diesen einen Schrei setzen. Schon Achselzucken ist eigentlich zu viel Anerkennung für dieses nichtssagende Etwas an Metal, für das man sich beinahe schämen muss. Immerhin nehmen es einige Leute im Publikum mit Humor und feiern abseits der Bühne ihre ganz eigene kleine Feier – man muss eben das Beste aus der Situation machen. Immerhin hat Dani Filth im Laufe des Festivals noch einmal die Chance, mit seiner Stammband einen besseren Eindruck zu hinterlassen, auch wenn die Messlatte hiernach quasi auf dem Boden liegt.

[Oliver Paßgang]

 

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Redakteur:
Frank Jaeger

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