Sziget Festival 2003 - Obuda Insel (Ungarn)

30.07.2003 | 12:37

30.07.2003,

Festival-Tagebuch Sziget 2003

Mittwoch, 30. Juli:

Das hier ist unglaublich. Guckt einfach mal unter http://www.sziget.hu - dann wisst ihr mehr. In Stichpunkten: 350.000 Besucher, fast 1000 Bands und bei weitem nicht nur Metal.
Icke hier. Gestern haben wir Ungarn getroffen, die mir wegen meiner Kutte zehn Bier ausgegeben haben. Das Wetter ist gut, manchmal gibt es Regen, aber meistens ist es warm. Internetzeit: nur 30 Minuten, deshalb die etwas kurze Schreibe. :-)
Viel war bandmäßig auch noch nicht los. Heute fing der Tag mit einem tollen Paintball-Spiel für fünf Euro an. Danach rumpeilen und eine herrliche FAITH NO MORE-Coverband sehen mit allen Hits wie 'Midlife Crisis' oder 'I'm Easy'. Nachher kommen noch SONATA ARCTICA und DUB PISTOLS. Wird groß, vor allem mit Bier für 80 Cent. Bis morgen. :-)

Nachtrag: SONATA ARCTICA haben sich als seeehr langweilig herausgestellt, völlig überprogressive Mugge. Wir hoffen auf die DUB PISTOLS. Und dann soll auch noch eine HELLOWEEN-Tributeband spielen. Juhu...
Im übrigen stellt sich heraus, dass dieses Festival einfach nur ein großer Männerspielplatz ist. Warum, erzähle ich morgen.


Donnerstag, 31. Juli:

Weiter geht’s. Also, warum ist das Sziget ein großer Männerspielplatz? Es gibt Trinkwettbewerbe. Übermorgen will ich gewinnen. Außerdem finden im Durex-Zelt jeden Tag Wet-T-Shirt-Shows mit Frauen aus dem Publikum statt. Gestern war ich dort: Stellt Euch tausend sabbernde Männer vor, die sich dicht an dicht an dicht vor einer Bühne drängen... Und natürlich gibt es Fußball. Keinen normalen Fußball auf dem Rasen, sondern die Hardcore-Variante auf einem Plastikfeld voller Seifenwasser - Rutschen gehört bei dieser Sportart zu den wichtigsten Fähigkeiten.
Wegen all solcher kurzweiligen Vergnügungen muss man auch nur ein paar Bands pro Tag sehen, die meisten fangen sowieso erst gegen 16 Uhr an. Gestern Nacht ging es noch zu den DUB PISTOLS. Es war wild!!! Eine explosive Tanzmischung aus aggressivem HipHop und THE PRODIGY - rund 10.000 Leute tanzten in einem riesigen Festzelt. WOAAAHH!!! Danach ging es völlig verpeilt zur Metal-Stage: Die HELLOWEEN-Tribute-Band stellte sich als klassischer Killer heraus. Die fünf Ungarn coverten Hits aus jeder HELLOWEEN-Phase und der Sänger klang großartig hoch. Spätestens bei "I Want Out" war die Stimme im Arsch. Um drei war dann Schluss...
Heute ging dafür noch nicht soooo viel, weil es seit früh geregnet hat - shit happens. Jetzt wird das Wetter aber besser und das Zelt trocknet hoffentlich auch bald. MY DYING BRIDE werden hoffentlich alles verdunkeln. :-)
Bis morgen, dann gibt es eine kurze kulinarische Führung in die Welt des Sziget. Mampf!


Freitag, 1. August:

Hallo, Freunde der Sonne. Heute also ein neuer Bericht vom Paradies. Echt, hierhin sollte man kommen, wenn man tot ist. Sex, Drugs and fuckin' Rock'n'Roll. Gestern zum Beispiel mit MY DYING BRIDE. Es war göttlich. Aarons Stimme war hypnotisch, dazu hatte die Band ihren ersten Auftritt in Ungarn. Dementsprechend war das Publikum unterwegs, neben mir hat ein Fan sogar geheult. Und 'Sear Me' war der Hit des Abends. :-)
Später hieß es dann für mich tanzen, bis der Arzt kommt. In einer Disse kam alles von HipHop bis METALLICA, etwa 200 Leute versuchten sich gegenseitig im Bewegen und Absondern von Schweiß zu übertreffen. Grade so konnte ich mich losreißen, denn die JUDAS PRIEST-Coverband MELTDOWN spielte auf der Metalstage. Und sie waren ebenfalls richtig gut - alle Klassiker waren im Gepäck. Breaking the fucking Law!!!
Danach ging noch einiges in einer Tekkno-Disse, irgendwann um sechs oder fünf schlug ich im Zelt auf...
But anyway, ich wollte etwas zu den kulinarischen Köstlichkeiten des Sziget schreiben. Einige Stichpunkte:

Maiskolben - 80 Cent
Pizza, belegt, 23 cm Durchmesser - 2 Euro
Pizza, großes Stück - 1,30 Euro
Gyros, salzig und gut zum Bier - 2 Euro
Pommes - 1 Euro.

Es gibt zudem Stände, an denen am Spieß ganze Ochsen und Schweine gebraten werden. Unglaublich! Wie in Walhalla, oder so?! Jetzt ist gleich ein Abend voller ungarischer Grindcore- und Death Metal-Bands, ich ahne Furchtbares. Falls ich morgen noch klar bin, erzähle ich, welches Preis-Spaß-Verhältnis eine Wasserpistole besitzt. Rock on, be strong!!


Samstag, 2. August:

Kurze schlechte Nachricht: Das Handy ist weg, aus dem Zelt heraus geklaut. Zum Glück war es aus. Ansonsten ist es hier immer noch zu warm und zu heftig. :-)

Gestern war ein Wahnsinnstag. Als erstes spielten zwei ungarische Death Metal-Bands in "Tilos Music Garden". Alles sehr witzig, Namen spielten keine Rolle. Nach zwei Stunden exzessiven Bangens stand ein Fußmarsch an: ab zu CLAWFINGER. Und das war wirklich groß, die Jungs spielten ebenfalls ihren ersten Auftritt in Ungarn. Im Metal-Zelt waren deshalb etwa 10.000 Leute, und das bei Temperaturen von rund 50 Grad. Dazu ein tobender Mob. Vollkommen unklar - die Apokalypse dauerte etwas mehr als eine Stunde. Der Erholungsspaziergang endete bei SENSER, die herrlich RAGE AGAINST THE MACHINE-mäßig die "Wan 2-Stage" abrockten. And then there was silence, nur noch ein kurzes Knallen, als ich im Zelt aufschlug...

Übrigens, die Wasserpistole rockt. Denn jetzt ist es warm und wenn man mitten im Konzert ein paar hübschen Frauen eine kurze Dusche verpasst, besitzt man sofort hübsche neue Freunde. Also: Kauft Wasserpistolen!!! Morgen soll es dann um Chill-Techniken gehen, wenn plötzlich alles zuviel wird...


Sonntag, 3. August:

Okay, die Chilltechniken. Es gibt Stände, an denen man aromatisierte Wasserpfeifen rauchen kann. Kissen zum Wohlfühlen inklusive. Außerdem gibt es sogar sehr hübsche Frauen. Immer wenn du angelächelt wirst, schießt du kurz deine Wasserpistole ab, danach lädst du sie zu einem Bier ein, dann klappt das. :-)

Gestern war ein geglückter Versuch nach APOCALYTICA, die einfach nur schön waren. Gut, am Anfang etwas zu unsauber, sie sahen halt schon leicht bekifft aus. Aber von Song zu Song spielten die Cellisten besser, am Ende wogte durch das Metal-Zelt ein riesiger Pulk und brüllte die ungarische Version von "Zugabe". Wahnsinn. ZION TRAIN war da ein anderes Kailiber - heftige Tanzmusik zum endlosen Abgehen. Doch der Rockfaktor war auch noch da, bei der ungarischen Coverband IRON MAIDNEM ging noch einiges mehr. Songliste? Sachen wie ‘Alexander The Great’ oder ‘The Trooper’. Only old school!

Danach: Traurigkeit. Die süße Ungarin musste nach Hause, wegen Arbeit. Kurz noch zur Ausgangs-Brücke gebracht, dann für nächstes Jahr verabredet und E-Mail-Adresse getauscht. Die Trübsal war zum Glück nach zwei großen Cola-Rotwein weg. Heute früh vor’m Zelt aufgewacht. Rock'n'Roll. Morgen soll dann die Frage beantwortet werden: Was passiert hier anderen Leuten, welche Geschichten können die erzählen?


Dienstag, 5. August:

Liebe Leute, ich lebe noch. :-)
Zwar knapp, aber nach dauerhaft maximal fünf Stunden Schlaf war gestern Ende - der Henri brach in seinem Zelt zusammen, SLAYER mussten deswegen ohne ihn auskommen. Jetzt lebt es sich aber wieder angenehm. Inzwischen gleicht die Insel übrigens eher einer Kolonie der Verdammten, die meisten Leute schlafen auch nicht mehr im Zelt, sondern draußen, weil es wahrscheinlich in den Stoffwänden etwas streng riecht. Also liegen jetzt um diese Zeit etwa 100.000 Leute herum, es war eine lange Nacht für die meisten. Wenn ich mir schon unsere Zeltnachbarn vom selbsternannten Fäkalclub Freiburg ansehe, dann wundert mich die Erschöpfung auch nicht. :-)

Ach, und Musik gibt es auch noch. Vorgestern zum Beispiel die FUN LOVIN' CRIMINALS auf der Hauptbühne - tanzend in den Untergang, einer Hölle aus Rotwein und Cola, die anschließend bei einer herrlich KISS-Coverband namens KISS FOREVER schon zum Greifen nah war. Lasst die Finger von solchen Sachen. :-)

Tja, gestern blieb dann nix mehr zu tun für einen etwas kraftlos darnieder liegenden Henri, der hofft, heute das NAPALM DEATH-Überlebenstraining durchzustehen. Dann ist hier zum Glück Schluss, die nächste Nachricht gibt's aus Deutschland, samt großer Grußliste. :-)


Epilog:

Back from the dead. NAPALM DEATH haben am letzten Tag nochmal alles weggerockt, vorher hatte das ungarische Publikum die Lokalhelden von SEAR BLISS gefeiert - war das eine wunderbaren Black Metal-Trompeten-Show!!! Doch Barney von den Napalm-Toten ließ alles versinken - Unglaubliches spielte sich vor der Bühne ab, ein entfesselter Mob. LAIBACH danach in der WAN2-Stage - hier ebenfalls ein riesiger Pulk, tödliche Temperaturen inklusive. Die Show war dennoch nur mittelmäßig, allerdings war das 'Life Is Life'-Cover der absolute Hit. Danach sollte eigentlich schon alles vorbei sein... Denkste. Wie von der Tarantel gestochen wurden sämtliche Bars und Kneipen der Insel besetzt, überall tanzten Menschen auf Tischen und Bänken. PAAAAAAAAARTY!!!!!!

Jetzt wieder zurück in Deutschland. Fahrt war lang. Nächstes Jahr wieder. Jetzt kommt das Party.San zum Aus-chillen. Falls Ihr nächstes Jahr zum Sziget fahrt, nehmt Euch danach eine Woche lang nix im normalen Leben vor, es wird nicht gehen - sonst kommt ihr zu brutal herunter. In diesem Sinne...


Henri Kramer

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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