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THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA - Helsingborg, Schweden

19.04.2020 | 20:21

18.04.2020, Tivoli

Interessante Idee, hervorragend umgesetzt.

Nun, es ist das mit Abstand skurrilste und merkwürdigste Konzerterlebnis in meinem Leben. Aber Not macht erfinderisch. Mit "Aeromantics" startete der orchestrale Nachtflug vor einigen Wochen richtig durch und ihr Bochum-Trip Mitte März machte Appetit auf mehr. Doch von jetzt auf gleich war damit Schluss, als das Coronavirus den weiteren Europatourplänen einen kräftigen Strich durch die Rechnung machte. Doch dann kam Strid mit seiner Crew auf eine – wie ich finde – sehr gute Idee.

THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA live aus dem Tivoli im schwedischen Helsingborg, zwar ohne Zuschauer, aber dafür mit einer Menge Spaß, Spielfreude und Humor. Richtig, übertragen wird das Konzert ab 20 Uhr auf Facebook und jeder kann dabei zuschauen. Natürlich werden Spenden gerne entgegengenommen und bei dieser hervorragenden Idee unterstützt man die Band doch gerne, insbesondere in diesen für die Konzert- und Festivalwelt doch äußerst schwierigen Zeit.

Ein Live-Konzert ohne Publikum? Nun, das klingt nicht nur komisch, sondern ist es auch zu Beginn. Doch ab der ersten Sekunde machen Speed, Sharlee, David und Co. das Beste aus der Situation und senden bei jeder kleinsten Möglichkeit schöne Grüße an die Fans vor den Bildschirmen. Und passend zum Start der Airline lotsen Anna-Mia Bonde und Anna Brygard das Hit-Flugzeug auf die Landebahn, das mit dem "Aeromantics'-Doppelpack 'Servants Of The Air' und 'Divinyls' den Abend mehr als unterhaltsam einleitet. Und von Beginn an steht der Facebook-Chat nicht still, ich bin wohl nicht der einzige, der die THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA-Stream-Idee toll findet.

Pilot Björn – natürlich mit Handschuhen – fordert die Zuschauer an den Mattscheiben zum Klatschen auf und mit 'Living For The Nighttime' wird das Discofeeling perfekt heraufbeschworen. Dann geht die Fahrt erst richtig los, es wird getanzt und ich sitze mit einem breiten Grinsen vor der Flimmerkiste: 'This Boy's Last Summer' ist nicht nur mein absoluter Favorit auf der neuen Scheibe, sondern bringt auch mein heimisches Wohnzimmer zum Beben. Eine tolle Darbietung, bei der die Band sichtlich Spaß hat.

Generell zeigt sich THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA auch heute vor virtuellen Zuschauern von der Schokoladenseite und ist sich für keinen Stimmungsmacher heute zu schade. Heute Abend nutzt die Band die Chance ('If Tonight Is Our Only Chance'), um etwas Mysteriöses ('Something Mysterious') und goldig Glänzendes ('Golden Swansdown') zu schaffen. Und wenn sich Björn nicht gerade mit einem passenden Goldgewand umhüllen lässt, fragt er alle Daheimgebliebenen, wie es ihnen geht, während die beiden Stewardessen auch den bandeigenen Riesling genießen dürfen. Es wird nicht das letzte Tasting am heutigen Abend sein.

'Gemini' verzückt auch vor dem TV, 'Paralyzed' zaubert mir ein großes Lächeln auf die Lippen und 'Can't Be That Bad', das von einem tollen Keyboardsolo eingeleitet wird, scheint sich zum Motto des heutigen Abends zu mausern. Generell sorgen auch ein den Umständen entsprechend guter Sound sowie eine hervorragend eingesetzte Lichtshow für Flair. Björn, nun im schwarzen Jackett, erinnert an dieser Stelle auch an den bandeigenen Rum. Und kurzum gönnt sich die komplette Band einen kräftigen Schluck und stoßt zur Feier des heutigen Tages an.

Nach 'Satellite' gibt es noch spontane Grüße sowohl nach Schottland als auch – Überraschung – nach Bochum, sitzen doch dort zwei Herrschaften, die von allen Zuschauern die meisten Kommentare abgegeben haben. Generell kann sich THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA heute über bis zu 3.300 Zuschauern freuen, ehe es mit 'West Ruth Ave' diesen knapp 75-minütigen Gig sehr stimmungsvoll beendet. Da lassen es sich auch die beiden Annas nicht nehmen, neben Speed den Hüftschwung zu üben. Und um 21:20 Uhr verabschiedet sich die Band in den wohlverdienten Feierabend.

Was bleibt von diesem Auftritt übrig? Ehrlich? Ganz ehrlich? Begeisterung pur! Es war nicht meine erste THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA-Show, doch anstatt die Menschheit in Trauer ob der abgesagten, restlichen Europatour zu lassen, setzt die Truppe eine fabelhafte Idee in die Tat um, die nicht nur unbedingt unterstützt werden muss, sondern die wohl in den kommenden Wochen auch ihre Nachahmer finden wird. Und auch an die leeren Ränge vor der Bühne gewöhnt man sich irgendwann. Was bleibt einem anderes übrig? Bands und ihre Musik müssen unbedingt in dieser Zeit unterstützt werden. Also bitte, liebe Leserinnen und Leser, zeigt euch solidarisch mit den Bands und offen mit ihren Ideen, denn in einer Zeit, in der wir nach Kunst und Live-Darbietungen lechzen, ist dies bei Großveranstaltungsverboten doch eine hervorragende Idee!

Setliste: Servants Of The Air; Divinyls; Living For The Nighttime; This Boy’s Last Summer; If Tonight Was Our Only Chance; Something Mysterious; Gemini; Golden Swansdown; Paralyzed; Can’t Be That Bad; Transmissions; Satellite; West Ruth Ave

Redakteur:
Marcel Rapp
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