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THRESHOLD - Aschaffenburg

31.10.2009 | 22:38

30.10.2009, Colos-Saal

THRESHOLD machen Station in Aschaffenburg, einem regelmäßigen Stopp auf fast jeder ihrer Touren.

Dass Aschaffenburg und besonders das Colos-Saal eine Prog-Hochburg sind, hat sich sicher schon herumgesprochen. Überdurchschnittlich häufig gibt es hier progressive Töne zu hören, und auch die Briten um Karl Groom sind Stammgast in den kleinen, aber feinen Club.

Heute haben uns die Herren von der Insel gleich zwei Vorgruppen mitgebracht. Die erste sind SPHERIC UNIVERSE EXPERIENCE aus Frankreich. Die Band ist nur Insidern bekannt, aber sie passen ganz gut auf die Tour, und das letzte mir bekannte Werk "Anima" aus dem Jahr 2007 war ein beachtliches Schmuckstück des progressiven Metal. Dummerweise beginnt das Ganze heute außergewöhnlich früh, so dass ich die ersten zehn Minuten verpasse. Ich erinnere mich noch gut daran, dass man nach dem Colos-Saal die Uhr stellen konnte, da pünktlich um 21.00 Uhr der erste Ton erklang. Diesmal geht es sogar vor der angekündigten Zeit von 19.30 Uhr los. Schade, andererseits schön, dass es ordentliche Spielzeiten gibt. Dazu aber später mehr.

Jetzt rocken erstmal die Franzosen mit dem schwierigen Namen kräftig los. Und zwar wirklich kräftig, denn sie sind eindeutig die härteste Band des Abends. Hektische Drumattacken, wildes Gebange, manchmal überhört man glatt, dass sie mit einem Keyboarder ausgestattet sind. Sänger Franck Garcia gibt sein bestes und bringt etwas Melodie ins Spiel, aber trotzdem dauert es eine Weile, bis das Publikum sich an die aggressive Variante des Prog gewöhnt hat. Davon unbeirrt spielen die fünf versiert, mit Freude und auf hohem Niveau einen Gig, der ihnen am Ende mehr als nur einen Höflichkeitsapplaus einbringt. Eine richtige Beziehung zum Publikum wird allerdings nicht aufgebaut, dazu ist man sich gegenseitig doch zu fremd, und die fehlenden Ansagen von Seiten Garcias helfen auch nicht. Statt dessen lassen die Herren aus Nizza lieber ihre Musik sprechen.

Als Anheizer werden sie schon fast unter Wert ins Rennen geschickt, und es steht zu erwarten, dass einige CDs heute den Besitzer wechselten, besonders auch deshalb, weil sie mit 12 Euro durchaus zu erschwinglichen Preisen angeboten werden. Nach 30 Minuten ist der Set zu Ende, und nun endlich ist der Jubel auch angemessen groß. Dass die Band sich diese Zuneigung heute schwer erarbeiten musste, macht den Applaus um so süßer. Schon kurze Zeit später sieht man daher mehrere Musiker von SPHERIC UNIVERSE EXPERIENCE im Publikum, wo sie die ihnen entgegengebrachte Anerkennung genießen dürfen.

Zweite Band des Abends sind die Österreicher SERENITY. Das Colos-Saal kennen sie ebenfalls bereits, denn sie waren vor etwas mehr als zwei Jahren schon einmal hier gewesen. Und zwar als Vorgruppe von THRESHOLD. Was damals gut geklappt hat, wird heute um so besser, da die Tiroler einige Fans mitgebracht haben, was damals noch kaum der Fall gewesen war. 45 Minuten dürfen sie heute spielen. Diese Zeit nutzen sie ausgezeichnet, aber es scheint, dass sie gerade beim THRESHOLD-Publikum einen Stein im Brett haben.

Schon beim Opener 'Reduced To Nothingness' ist die Stimmung blendend. Der Song vom ersten Album "Words Untold And Dreams Unlived" ist allerdings leider der einzige an diesem Abend, der nicht vom Zweitwerk "Fallen Sanctuary" stammt. Zwar macht Sänger Georg Neuhauser unmissverständlich klar, dass sie nochmal ihr letztes Album bewerben wollen, aber ich vermisse dennoch meinen Lieblingssong 'Canopus Three'. Das ist jedoch mein persönliches Pech, denn an der Stimmung ist abzulesen, dass die Band mit ihrer Songauswahl durchaus den Nerv der Menschen trifft. Obwohl man auch gerade im Kontrast zu SPHERIC UNIVERSE EXPERIENCE sehr seicht agiert und sogar mit 'Fairytales' die Ballade rausholt, was Georg mit der Aufforderung ansagt, es mögen doch bitte die Feuerzeuge gezückt werden oder notfalls eben die Handys, wird nach jedem Song bis ans hintere Ende des Saales applaudiert. Allerdings macht es gerade besagter Sänger leicht, die Band zu mögen, da er in ausgezeichneter Form ist und sich zu einem ganz Großen am Mikro mausert.

Das ist neben der Setlist der auffälligste Unterschied zu vor zwei Jahren. Auch die Kommunikation mit dem Publikum wird groß geschrieben, und einige Versuche, dem Tiroler die korrekte Aussprache des Ortes Aschaffenburg in lokalem Dialekt (wer es nicht weiß, es klingt ungefähr wie "Aschebärsch"), lockern die ohnehin großartige Stimmung zusätzlich auf. Späße machend und lachend spielen sich die fünf durch den Set, schneiden Grimassen und erspielen sich Minute um Minute mehr Fans. Ich denke, SERENITY sind bereit, hier mal einen Headliner-Gig zu spielen. Das Colos-Saal dürfte das richtige Pflaster dafür sein.

Setlist: Reduced To Nothingness, Rust Of Coming Ages, Coldness Kills, Fairytales, Sheltered (By The Obscure), Velatum, All Lights Reversed

Pünktlich um 21.30 Uhr ist es dann soweit, der Headliner THRESHOLD betritt unter großem Applaus die Bühne. Ja, das ist eindeutig ihre Crowd, und die dazu notwendige Selbstsicherheit darob drückt sich auch darin aus, dass sie eben zwei wirklich starke Bands als Vorgruppen mit auf ihre Tour nehmen. Im Wissen um die eigenen Stärken kann man nämlich anderen durchaus einen Platz im Rampenlicht einräumen, und muss keine Angst haben, dagegen weniger großartig zu erscheinen. Denn der Einstieg mit 'Consume To Live' vom Debütwerk "Wounded Land" aus dem Jahr 1993 hätte gar nicht besser gewählt werden können. Das einzige was negativ auffällt ist der Sound, der merkwürdigerweise beim Headliner deutlich schlechter ist als bei SERENITY. Sicherlich liegt das am zusätzlichen Gitarristen, da Pete Morten die Band auf der Tour begleitet und auch ein Grund ist, warum THRESHOLD heute auch ziemlich heavy rüberkommen. Das Soundproblem wird beim nächsten Lied noch offensichtlicher. Denn mit 'Fighting For Breath' kommt der erste Song, der mit dem vorherigen Sänger Andrew McDermott aufgenommen worden war. Ohne die seltsame Geschichte um dessen Ausstieg aus der Band aufwärmen zu wollen, muss ich doch sagen, dass Mac, wie er genannt wird, ein absoluter Ausnahmesänger ist und eine sehr eigene, charakteristische Stimme hat. Der zweite Ausnahmesänger, Damian Wilson, der mittlerweile zum dritten Mal fest in der Band ist, ist nicht besser oder schlechter als Mac, aber er ist anders. Es dauert ein wenig, bis ich mich an die neuen Interpretationen der Songs gewöhnt habe, und da hilft es wenig, dass der Mann am Sound offensichtlich noch nach der optimalen Einstellung sucht.

THRESHOLD haben im Vorfeld der Tour angekündigt, mal eine etwas andere Setlist spielen zu wollen. 'Fighting For Breath' ist dafür bereits ein gutes Beispiel, aber der nächste Song 'Stop Dead' ist nie und nimmer auf meinem Radarschirm gewesen. Ein außergewöhnliches Lied, das bereits auf "Subsurface" hervorstach. Eine weitere Besonderheit des Abends ist Drummer Johanne James, denn was der heute zeigt, ist schier unglaublich. Es macht Spaß, die Augen nur auf ihn zu richten. Der Mann verdient nur einen Namen, nämlich "Groove Machine". Präzise wie ein Uhrwerk, dabei progressive und vertrackt, schafft er es, den Songs tatsächlich einen Groove zu geben. Dadurch fühlen sich auch verschachtelte Kompositionen weniger steril an, und der Funke springt natürlich auch auf das Publikum über. Einfach fantastisch.

Weitere Seltsamkeiten in der Setlist sind das lange 'Critical Mass' und 'Art Of Reason', dass Damian als besten THRESHOLD-Song aller Zeiten ansagt, und es schade wäre, dass er den Song nicht im Original eingesungen hätte. Insgesamt gibt es meiner Erinnerung nach tatsächlich nur vier Übereinstimmungen zum letzten Gig an Ort und Stelle vor zwei Jahren, selbst liebe gewonnene Gassenhauer wie 'Fragmentation' oder Killer Marke 'Light And Space' werden heute nicht gezückt. Statt dessen überzeugen 'Part Of The Chaos' und 'Long Way Home'. Der einzige Track, dessen Ruhm ich noch nie wirklich nachvollziehen konnte, ist 'Pilot In The Sky Of Dreams', der für mich den Schwachpunkt des 2007er Albums "Dead Reckoning" darstellt und der es auch heute wieder auf die Setlist schafft.

Nach einigen Songs wird der Sound viel besser und ist dem musikalischen Genuss angemessen. Damian Wilson geht während einer längeren Instrumentalpassage durchs Publikum, schüttelt Hände und begrüßt Fans, nur um mit Mühe pünktlich für seinen Einsatz wieder hinter dem Mikrophon zu stehen. Nach mehr als 90 Minuten neigt sicher de Set mit 'Slipstream' seinem Ende entgegen, aber natürlich kommen THRESHOLD nochmal wieder, der donnernde Applaus lässt ihnen auch keine Wahl. 'Mission Profile' macht den Anfang vom Ende, zu dem dann 'Paradox' die Kurve zurück zum Debütalbum schlägt. Von mir aus hätten die Briten noch stundenlang weitermachen können, aber nach etwas mehr als zwei Stunden ist dann endgültig Schluss.

Setlist: Consume To Live, Fighting For Breath, Stop Dead, Part Of The Chaos, Avalon, One Degree Down, Critical Mass, Smile At The Moon, Art Of Reason, Long Way Home, Pilot In The Sky Of Dreams, Slipstream, Zugaben: Mission Profile, Paradox

Ein rundum gelungener Konzertabend, den Prog-Metal-Fans auf keinen Fall versäumt haben sollten. Die Tour läuft noch und macht noch einige Stationen, wer Zeit hat, sollte sich das Package nicht entgehen lassen. Natürlich ist das progaffine Publikum im Colos-Saal sicher auch ein Faktor, der einen solchen Abend zum Erfolg werden lässt, aber es würde mich wundern, wenn diese Bands auch nur einen mittelmäßigen Abend servieren würden. Heute war es jedenfalls ein Geniestreich.

Redakteur:
Frank Jaeger
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