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TWIN TEMPLE und HEXVESSEL - München

22.02.2020 | 00:01

11.02.2020, Backstage Club

Erst exquisit, dann albern.

Ich sage es gleich am Anfang: Ich bin wegen HEXVESSEL hier. TWIN TEMPLE ist mir nur vom Hörensagen geläufig, das Konzept, satanische Songs im Klanggewand der 50er und 60er zu präsentieren, erscheint mir aber sehr reizvoll und ein HEXVESSEL - München 2020Fan von tollen Frauenstimmen bin ich ja eh seit jeher. Großer Fan bin ich aber insbesondere auch von Mat McNerney (aka Kvohst), dem musikalischen Tausendsassa, der musikalisch in einer sehr breiten Klammer zwischen Extrem-Metal (letztens bei THE DEATHTRIP), Avantgarde und Prog (DODHEIMSGARD, CODE) bis hin zu Post Punk und Gothic Rock (GRAVE PLEASURES und BEASTMILK) agier. Am besten gefällt mir momentan aber sein Kraut-Prog-Blues-Folk-Ensemble HEXVESSEL.

Da steht er, der Mann mit dem Hut, eher introvertiert und in sich gekehrt, ein wenig an Devon Graves (PSYCHOTIC WALTZ) erinnernd und ich freue mich, ihn zum allerersten Mal live zu sehen. Und die Musik ist einfach herrlich und kommt im Live-Kontext auch ein wenig druckvoller rüber als auf den bisweilen etwas mäandernden c-Studiowerken. Und trotzdem ist es vor allem Musik zum Genießen, zum Einsinken, zum Träumen. Besonders wenn das warme Cello ertönt. Ich freue mich, dass die Band gleich ein paar Songs von meinem Lieblingsalbum "When We Are Death" spielt und bei 'Transparent Eyeball' muss ich unerwartet oft an RUSH denken, irgendwie geddyleet Kvohsts Stimme hier ganz wunderbar. Auch der neue Track 'Demain' macht sehr viel Lust auf das kommende Album "Kindred". Leider ist der Auftritt viel zu kurz und ich komme erst kurz vor Schluß in den vollen Flow der Musik, was nicht so einfach es nach einem anstrengenden Arbeitstag. Doch dieser Gig war definitiv ein Fingerzeig, mehr HEXVESSEL zu hören und meine Sammlung aufzustocken.

So, und nun TWIN TEMPLE. Die Pause dauert ungewöhnlich lang, doch der Bühnenaufbau suggeriert, dass jetzt gleich etwas Besonderes kommen könnte. Und als der riesengroße Schlacks an der Gitarre (Zachary James) und seine schwarzbehandschuhte Partnerin (Alexandra James) mit hochgesteckten Haaren samt Begleitband die Bühne entern, verstärkt sich das Gefühl. Ein Tusch, ein Gongschlag und Satans Jungfer liest aus dem Buch des Bösen vor, lässt dann sogar das Publikum rezitieren und dann geht es los: Satanic Doo-Wop nennt es die Band, mich erinnert die Musik an eine Mischung aus Amy Winehouse und Nancy Sinatra, Joan Armatrading oder aber die herrliche kroatische Band PAVEL, um mal etwas zu nennen, was sicher sonst keiner kennt. Kurz gesagt, es gefällt mir sehr, was die Band macht, und Frau James ist eine fähige Sängerin mit viel Charisma und Sex Appeal. Aber jetzt kommt das große Aber: Musik scheint bei TWIN TEMPLE wohl zweitrangig zu sein. Immer wieder versucht man, das Publikum zum Nachsprechen von "satanischen Versen" zu bewegen, doch das Publikum will nicht so recht. Offenbar sind viele wie ich hier "Schaulustige", die einfach nur neugierig sind, was es es mit TWIN TEMPLE auf sich hat. Doch statt einer Show bekommen sie Kasperl-Theater. Die Band bittet sogar jemanden aus dem Publikum auf die Bühne, die Augen werden verbunden und die Hände gefesselt und gefühlt eine Ewigkeit muss die Frau Sätze aus dem Buch nachsprechen. Gut für die Band, dass die Dame sehr witzig ist, das Spielchen mit voller Inbrunst mitmacht, und sogar ein paar Lacher auf sich zieht. Aber im Grunde ist es hart an der Grenze zu peinlich, was die Band hier abzieht. Als nach zwei Songs dann wieder dieses Spielchen beginnt und Frau James sich dann noch fragt, warum das Münchner Publikum denn so kühl sei, ist es es dann für mich. Ich bin genervt und will auch nichts Weiteres sehen, zumal die Musik nach dem Anfangseffekt auch schnell redundant wird.

Bei allem Respekt: Da steht eine feine Band auf der Bühne und wenn sie tatsächlich musizieren würde, anstatt auf Teufel komm raus ihr plakatives, ja sogar dümmliches Konzept durchzuziehen, hätte es ein schöner Abend werden können. Und dass die Band merkt, dass die Blödelei dem größten Teil des Publikums gegen den Strich geht und trotzdem gefühlt das Spielen verweigert, lässt mir den Hut hoch gehen. So gehe ich heim. Zufrieden sogar, denn HEXVESSEL war toll, ganz ohne Firlefanz.

Redakteur:
Thomas Becker
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