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Tanzt! - München

24.11.2016 | 21:46

12.11.2016, Backstage

Ein Eldorado für Mittelalter-Fans.

Das österreichisch-bayrische Mittelalter-Folk-Festival feiert seinen zehnten Geburtstag - und ist seit seinen Anfängen in Rosenheim und seinem Zwischenspiel in Kufstein ordentlich gewachsen: Einst ein minimalistisches Underground-Konzert, zog das TANZT! 2013 in die Backstage-Halle in München und präsentiert 2016 neben lokalen Folk-Helden auch Exporte aus südeuropäischen Gefilden und einen Headliner, der sich im Sommer schon auf den großen Festivals als Zuschauermagnet empfohlen hat...

Den "abtrünnigen Spielleuten" von BRACHMOND gebührte die Ehre des ersten Slots an diesem Nachmittag. Die Floskel "Da war die Bühne auf einmal fast zu klein!" passt hier wie die Faust aufs Auge, denn mit insgesamt neun Mitgliedern bieten die Lokalmatadore nicht nur vom Klangbild melodischen Mittelalter-Folks eine immense Vielfalt. Hängen bleibt vor allem die Bandhymne 'Brachmond', bei denen die Jungs und Mädels von BRACHMOND derart Vollgas geben, dass die überschäumende Spielfreude von Frontfrau Steffi und Allrounder Sev bis in die letzte Reihe klar und deutlich zu hören und zu sehen ist. Richtig eng wird es allerdings, als auch noch die Band-Freunde von FUCHSTEUFELSWILD die Show der Newcomer komplementieren. Fast schon ein wenig unübersichtlich, doch der Spaß, der den Musikern bis zum letzten Ton ins Gesicht geschrieben steht, wiegt erste Irritationen fast schon wieder auf. Mit viel Engagement und guter Laune lockt BRACHMOND damit schon kurz nach Beginn überraschend viele Besucher in die Halle und bestätigt mit einer soliden Leistung seinen Platz im Line-Up des Tanzt!-Festivals. Es wird noch spannend werden um die Spielleute, wenn es darum geht, sich über die Rolle als Opener hinauszuentwickeln. Man sollte sie weiter auf dem Schirm haben!


Nach den Aufforderungen zum wilden Tanze wird es mit DELVA im Anschluss beinahe schon besinnlich: In mystisch-abgedunkelter Atmosphäre ist das Trio mit seinem zauberhaften, ruhigen Folk teilweise nur schemenhaft zu erkennen. Doch dies lenkt die Aufmerksamkeit umso intensiver auf das, was bei DELVA wirklich zählt: Die gotisch-angehauchten Texte werden von Sängerin Johanna so gefühlvoll vorgetragen, dass man genüsslich die Augen schließen möchte und sich von dem hypnotischen Klangteppich aus einer Stimme wie schwarzem Samt, den Perkussionselementen und sehnsüchtigen Streicherparts hinwegtragen möchte. Mit DELVA haben die Veranstalter des TANZT! 2016 wieder einen Hang für stilistische Elemente bewiesen, scheinen die drei Musiker mit ihrer träumerischen Musik erst einmal so überhaupt nicht in den Reigen eher dynamischen Mittelalter-Folk-Gruppen auf der Veranstaltung zu passen. Doch die Saat geht auf: Runzeln anfangs noch einige Zuschauer ob der minimalistischen Ausrichtung von DELVA irritiert die Stirn, brandet der Applaus nach dem Ende dieser musikalischen Klangreise euphorisch auf. Eine gelungene Vorstellung des Trios und eine beeindruckende Vorführung darüber, wie man eine feiernde Menge für vierzig Minuten in ein andächtig lauschendes Publikum verwandeln kann.


Nach diesem musikalischen Wachtraum wirkt der folgende Auftritt von NACHTGESCHREI wie ein Weckruf: Schon beim Instrumental 'Kerberos' zeigen die Folk-Metaller eindrücklich ihre wesentlich härtere Linie auf. Rockige, wuchtige Elemente im Vordergrund gehen einen Pakt mit den filigran-verspielten Klängen aus Drehleier und Dudelsack ein. Was schon auf CD eine wahre Traumhochzeit ist, zündet mit der energiegeladenen Bühnenshow von Martin, Nic und Co ein echtes Feuerwerk und sorgt auf dem TANZT! für ein erstes Brodeln im Hexenkessel der Backstage Halle. Jeder der sieben Musiker ist mit Herzblut dabei und gibt ordentlich Gas. Mit launischen Publikumsinteraktionen und einer ausgewogenen Setliste zwischen neuen Songs des letzten Langspielers "Staub und Schatten" wie mein persönlicher Favorit, 'Die wilde Jagd' und Klassikern der Frankfurter wie 'Der Meister' hat NACHTGESCHREI einfach alles richtig gemacht und die Zuschauer schnell in der Hand. Einzig und alleine auf erste Eindrücke des kommenden Silberlings "Tiefenrausch" von NACHTGESCHREI warten Fans der sieben Musiker vergeblich. Doch ein Ende des Sehnens ist nahe, so Laui, die auf den zehnjährigen Bandgeburtstag vertröstet.


Den nachfolgendenen Barden von VERSENGOLD hat der Bühnenurlaub sichtlich gut getan: Wirkten die Herren aus dem hohen Norden auf den letzten Open-Air-Veranstaltungen noch ziemlich ausgelaugt, laden Malte und Co auf dem TANZT! wieder voller Elan zur gepflegten Eskalation. Eine Aufforderung, der die Münchener nur zu gerne nachkommen. So begleiten gleich zu 'Versengold' Sprechchöre die sympathischen Bremer Barden, die Stimmung ist den ganzen Auftritt hindurch losgelöst und derart ausgelassen, dass im Rahmen der 'Drei Weiber' endlich der imperative Name der Veranstaltung in die Tat umgesetzt und getanzt wird. Einen partytauglichen Stimmungsmacher nach dem anderen schüttelt VERSENGOLD aus dem Ärmel, ehe die Nordlichter mit dem Bandklassiker 'Ich und ein Fass voller Wein' in den gemütlichen Teil zum Schunkeln und Mitgrölen übergehen. Neben der großartigen Stimme von Malte und seiner lockeren Anmoderation begeistern vor allem die virtuosen Soli von Honza an der Geige und Hengest an der Nyckelharpa. Spielen die beiden dann noch ihre Parts gemeinsam - ganz großes Kino, sowohl für die Ohren als auch für die Augen.


Die Spanier von MÄGO DE OZ lassen sich erst einmal jede Menge Zeit, ehe sie die  Bühne betreten. Gut zwanzig Minuten nach dem veranschlagten Beginn betritt zunächst Michael Sackermann die Bühne, um die Südländer anzukündigen. Der Veranstalter zeigt sich sichtlich begeistert von den Heavy Rockern, die optisch mehr an THERION als an mittelalterliche Folk-Gruppen erinnern. Musikalisch finden vor allem Fans progressiver Rock-Nummern und klassischem Heavy Rock Gefallen an MÄGO DE OZ, die in ihrer Heimat und im Süden Amerikas vor ausverkauften Hallen spielen. Irgendwo zwischen altgedienten Größen des True Metal und folkigen Einflüssen durch Akkordeon und Dudelsack bewegen sich die Spanier ein wenig abseits der ursprünglichen Ausrichtung des TANZT!, was jedoch in keinem Falle und zu keinem Moment störend wirkt. Stattdessen spielt MÄGO DE OZ mit geballter Power und jeder Menge Spaß auf der für die Band verhältnismäßig kleinen Bühne sämtliche Zweifler an die Wand.


Der Auftritt von VROUDENSPIL verfolge ich hingegen mit einem lachenden und einem weinenden Auge, läutet er doch das Ende der Freibeuter unter dem Regiment von Kapitän Ratz von der Planke ein. Dieser sticht nämlich in Zukunft als Kapitän wirklich in See. Doch Trübsal lassen die Münchener bei ihrem Auftritt gar nicht erst aufkommen. In gewohnt amüsant-authentischer Bühnenshow und jeder Menge Stimmungsheber wie 'In der Halle des Dattelschnapskönigs' bringen die Musiker auch ohne angestrengte Aufrufe zum gemeinschaftlichen Ausrasten die mittlerweile ordentlich gefüllte Halle des Backstage zum Kochen. Ihre Setliste garnieren die Seeleute selbstverständlich auch mit frischen Juwelen aus der Bandtruhe. Besonders 'Püppchen' und die 'Spilmannsweise' aus dem neuen Album "Fauler Zauber" verdienen dabei größten Respekt und werden vom Publikum dementsprechend enthusiastisch honoriert. Damit hängt er die Planke...pardon, die Latte für einen potentiellen Nachfolger ganz schön hoch. Denn Ratz überzeugt wie immer nicht nur mit seiner markanten Reibeisenstimme und den launigen Ansagen, sondern weiß auch, die Gitarre äußerst virtuos zu bedienen. Es wird spannend bleiben um die Folk-Piraten von VROUDENSPIL!


Nach einer letzten Umbaupause lässt der Headliner schließlich grüßen: SUBWAY TO SALLY legt eine gewohnt düstere, doch musikalisch einwandfreie Show aufs Parkett und präsentiert in München eine handverlesene Auswahl aus neuen Hits der "Mitgift"-Scheibe sowie altgedienten Band-Klassikern wie 'Sieben'. Doch auch diese zeigen sich auf dem TANZT! in neuem Gewand, setzt Geigerin Ally in ihrer Performance doch hörbar andere Akzente als Frau Schmidt. Diese Frischekur tut den Liedern von SUBWAY TO SALLY richtig gut. Vor allem 'Kleid aus Rosen' klingt in der neuen Variante ungewohnt aufregend und dynamisch. Getrübt wird diese grandiose Leistung mit Wow-Effekt höchstens dadurch, dass SUBWAY TO SALLY sich gleich zweimal im Ton vergreift. So wummert ab der Nummer 'Eisblumen' der Bass der Potsdamer in einer solchen Intensität, dass es kaum auszuhalten ist und es die weiteren Songs dem Publikum ein wenig verleidet. Und auch die Mutmaßung Eric Fishs, dass die Probleme des Backstage vielleicht auf die strikte Curfew des Clubs zurückzuführen sei, sorgt vielerorts für Irritationen.


Mit dem TANZT! 2016 haben die Ausrichter ein goldenes Händchen bewiesen: Vielfältiger kann man das Line-Up eines Folk-Rock-Festivals wohl kaum gestalten. So befindet sich unter den spielenden Bands kein einziger Ausreißer, jede Gruppe versteht es, auf ihre Art und Weise eine ganz einzigartige Stimmung zu erzeugen. Ob das wohl nächstes Jahr zu toppen sein wird...?

Redakteur:
Leoni Dowidat

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