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Technical Death Metal-Fest - Berlin

06.04.2005 | 10:23

02.04.2005, Kato

Das Unglück ereilt SINNERS BLEED gegen Mitternacht an diesem Samstag. Rund zwei bis drei Stunden vorher hat schon den Papst das Zeitliche gesegnet: Und nun, mitten in ihrem dritten Song 'Daemons', verabschiedet sich einige Tausend Kilometer vom Vatikan entfernt die Kniescheibe des SINNERS BLEED-Bassisten Gunnar, der bei einer Drehung wie vom Blitz getroffen niedersinkt, zwar noch tapfer den Song zu Ende spielt, dann aber mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rücken liegen bleibt. Eigentlich soll der Auftritt der Hauptstädter der Höhepunkt des "Technical Death Metal"-Fest im Berliner Miniclub "Kato" werden. Doch in diesem Moment, als Gunnar mit seinem kaputten Knie auf der Bühne liegt, weiß erst einmal keiner, ob und wie es noch weitergehen kann...

Dabei beginnt der Abend mit den drei Vorbands CHAOSPHERE, CENTAURUS A und SYMBIONTIC genial. Denn der Name "Technical Death Metal"-Fest ist in diesen Stunden nicht nur Programm, sondern fast schon Schlachtruf. Jede der vier Bands verweigert sich nämlich mit ihrer Musik jeder Art von musikalischer Anbiederung an groovend-billige Zeitgeist-Death-Metal-Bands - die Gruppen im "Kato" zelebrieren ihre Liebe zu hochkomplexen Harmonien, waghalsigen Riffs, vertrackten Drum-Rhythmen und abgefahrenen Experimenten. Schon die wie SINNERS BLEED aus Berlin stammenden CHAOSPHERE sorgen ab 21 Uhr für offene Münder. Schon nach dem ersten Stück steht fest, dass diese junge Band mit aller Macht versucht an große Vorbilder wie CYNIC oder ATHEIST heranzureichen. Leider ist an nach dem Eingangssong kurz Pause angesagt, die Bass-Box versagt. Die bis jetzt rund 150 erschienenen Gäste warten geduldig ab, schnell ist das Problem behoben. Als CHAOSPHERE wieder beginnen, schaffen sie es trotz der Zwangsunterbrechung sofort wieder, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Zwei Bandmitglieder tragen daran die Hauptschuld. Einmal ist das der erst 21-jährige Brüllriese Felix Kögler, der mit seinem geschätzten zwei Metern die anderen Musiker um mindestens einen Kopf überragt und dessen Hammerorgan in den untersten Grunztiefen growlt. Neben ihm zaubert der 23-jährige Martin Bahre Sachen auf seiner Gitarre, die an sich gar nicht möglich zu sein scheinen. So frickelt sich das Quintett gut eine halbe Stunde durch ein atemberaubendes Set und stellt wohl das komplette neue und unbetitelte Session-Demo vor, dass im Januar erschienen ist und auf der Homepage dieser göttlichen Newcomer kostenlos angeboten wird. Wie murmelt es ein Zuschauer in den nicht vorhandenen Bart: "... so jung und schon so verrückt - cool!"

CENTAURUS A scheinen im Anschluss schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel zu haben, ihre Death-Metal-Vollbedienung klingt jedoch genauso frisch und unverbraucht wie die von CHAOSPHERE. Doch auch sie haben Pech - nach dem ersten Stück gibt der Monitorsound auf der Bühne den Geist auf. Nach der fälligen Reparatur geht es richtig los, abgefahrener Todesblei der Marke CRYPTOPSY drischt ballernd und extrem variabel auf die Gäste ein. Dies schaffen die Kölner allerdings mit nur einer (!) Gitarre. Hernan Martinez heißt der ständig breit grinsende Wunderknabe an der Klampfe, dessen Finger zum Teil schon mit seinem Instrument zu verwachsen scheinen. Die Berliner Fans benötigen wohl auch wegen dieses positiven Schocks ein wenig Zeit, um mit den Rheinländern wirklich warm zu werden. Doch spätestens nach Song Numero vier namens 'Resistance Ain´t Futile' schütteln die Köpfe in den ersten Reihen hoch und runter, springt die Spielfreude über. Was ja auch logisch ist, schließlich ist die Band nicht umsonst nach einer besonders energiegeladenen Galaxie im Sternbild des Centaurus benannt, die gleichzeitig einer der stärksten Sender von Funkwellen im Himmel ist. Die Metalheads von CENTAURUS A strahlen dagegen pure Kraft aus, die durch kurze elektronische Einsprengsel aufgelockert und mit Sänger Johannes Henkes derber Stimme verdichtet wird. Nach dem Gig gehen logischerweise einige CDs ihrer Debüt-EP "Narcotic" über den Händlertisch im Kato.

Als ob zwei abwechslungsreiche wie auch tödliche Technik-Geschwader nacheinander noch nicht genug wären, setzen SYMBIONTIC noch einen neuen Akzent. Ihre Todesblei-Version trägt nämlich einen dermaßen apokalyptischen Klang in sich, dass Assoziationen an den Traum "NEUROSIS auf Death Metal" entstehen. Dazu ist Sänger Volker Binias ein Furcht erregender Frontmann, mit massiger Statur, schmalen Augen und einem fiesen Brüllorgan ausgestattet stolziert er finster über die Bühne. Wo CHAOSPHERE und CENTAURUS A bewegungsmäßig noch eher verhalten agierten, sind die Ruhrpottler extrem agil. So begeistern sie das Publikum immer stärker, bessere Werbung für ihre am 1. April erschienene zweite CD "Vaya" können sie an diesem Abend nirgends machen. Stücke wie 'Shotgun Surgery' vom ersten Album "BioConstruct" sind ohne Ende kraftvoll, massiv und doch sensibel-filigran in ihren Gitarrenharmonien. Viele Zuschauer, die nicht mitbangen, stehen wie auch schon bei den ersten beiden Bands einfach da und lächeln, selbst ihre meist verblichenen T-Shirts der Marken DEATH oder MORBID ANGEL scheinen zu strahlen. Ein Fan auf dem Weg zum Klo fasst im Vorbeigehen die Situation zusammen: "Es ist toll, dreimal so gut überrascht zu werden - und das für nur acht Euro Eintritt. Wie geschenkt..."

Schließlich sollen noch die Lokalhelden von SINNERS BLEED kommen, die Band, die erst am 12. März die Berliner Wacken-Open-Air-Ausscheidung souverän und erwartungsgemäß gewonnen hat. Den Erfolg heimsten die Death-Metal-Künstler sogar ohne ihren regulären Sänger Jan ein, der gerade auf Promotour durch Indonesien für das Debüt "From Womb To Tomb" weilte. Ihn vertrat ein Freund der Band. Doch heute ist er da, top-motiviert bis in die blonden Haarspitzen. Schon nach dem furiosen Beginn mit 'From Womb To Tomb' feuert Jan die austickenden Fans an: "Ihr dürft ruhig diven - ich mach's auch vor." Es folgt ein hämmerndes 'Agony Of Self Denial'. Doch dann fällt Bassist Gunnar um. Ratlosigkeit macht sich breit ob seines Knieschadens. Besorgt beugen sich die Musiker über ihren verletzten Mitstreiter. Jan versucht die Fans zu beruhigen: "Wartet kurz und versucht euch die Haare zu kämmen." 15 Minuten später treffen zwei Notärzte ein, auf einer Trage und unter donnernden Beifall wird Gunnar aus dem Club getragen und ins Krankenhaus gefahren. Doch es geht weiter. Jan: "Jetzt erst recht - für Gunnar!!!" Ohne ihren Basser klingen SINNERS BLEED zwar nicht mehr ganz so druckvoll wie am Anfang der Show, doch würde es wohl auch an diesem Abend dazu reichen, fast jeden Newcomer-Wettbewerb der Republik zu gewinnen. Denn SINNERS BLEED verbinden eben unheimlich gekonnt die Brutalität von CANNIBAL CORPSE mit dem filigran-durchdachten Gitarrenspiel einer Band wie DEATH. Dies scheint auch bei den neuen Songs so zu sein, zwei davon stimmen die Fan bereits darauf ein, dass es ein Leben nach dem Mördererstling "From Womb To Tomb" gibt. Trotz des Unfalls von Gunnar wollen sich die Fans im Saal ihre Stimmung nicht trüben lassen, im Gegenteil. Durch die positive Energie aus dem Moshpulk findet auch die Band immer mehr zu ihrer Bestform. Am Schluss grunzen Jan und sein Organvertreter beim Wacken-Battle im Duett und beenden ein "Technical Death Metal"-Fest, das trotz aller Probleme in irrer Erinnerung bleibt - wäre ein Talentscout vom Edel-Label Relapse vor Ort gewesen, er hätte allen vier Bands gleich einen Sammelvertrag anbieten müssen...

Redakteur:
Henri Kramer

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