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Tourtagebuch Paul Di´Anno - Belgien - Deutschland -Österreich

25.01.2001 | 08:19

14.12.2000,

Bericht von Christoph (Bassist bei re-Vision)

Nachdem wir uns im Rahmen von unzähligen Wochenend-Gigs in den letzten Jahren den Allerwertesten in kleinen Clubs und Jugendzentren wund gespielt hatten, war es nun endlich soweit: re-Vision‘s erste Tour stand an und diese Premiere führte uns geradewegs in das Vorprogramm von Paul Di‘Anno, was mir und unserem Trommler Dominik als Hardcore-Maiden-Fans bereits im Vorfeld die eine oder andere Gänsehaut bescherte.

14.12. B-Verviers „Spirit Of ‘66“

Mit gespannter Erwartungshaltung starten fünf re-Visionäre (Frank-Vocals, Mario-guitar, Daniel-guitar, Dominik-Drums sowie ich höchstpersönlich (Christoph-bass)) und ihr Mischer bzw. Techniker Robert im gecharterten Wohnmobil in Richtung Belgien, um am späten Nachmittag den recht kleinen, aber wirklich sehr feinen „Spirit Of ‘66“-Club zu erreichen, der mit über einhundert Gigs im Jahr zu den ‘veranstaltungsfreudigsten‘ Locations überhaupt zählt. Die Jungs der Di‘Anno-Combo (Gitarrist Cliff Evans, vielen von Euch sicherlich noch als Klampfer von Tank und Killers ein Begriff, sowie die kurzfristig angeheuerte Rhythmus-Sektion mit Drummer und ‘Rob Halford-Lookalike‘ Pete sowie Basser Darayus) entpuppen sich von Beginn an als völlig nett und auch Paul kommt total locker und freundlich herüber. Der Soundcheck ist gleichzeitig die erste Probe der Band, da Pete erst wenige Tage vorher für den ausgefallenen etatmäßigen Drummer Steve Hopgood angeheuert wurde und gleichzeitig auch noch ein Gitarrist wegen Krankheit zu Hause bleiben mußte. Nach dieser relativ chaotischen ‘Feuerprobe‘ und einem kurzen Check unsererseits drängen sich ungefähr einhundertfünfzig Besucher in die Räumlichkeiten, die hiermit wirklich gut gefüllt sind. Den anwesenden Fans heizen wir dann mit einigen Stücken unseres „Whore Venus“-Albums sowie vier neuen Stücken, die auf jeden Fall ihren Weg auf unser noch in diesem Jahr erscheinendes drittes Album finden werden, gehörig ein, was uns - den Reaktionen nach zu urteilen - ganz gut gelingt. Die Bühne ist mal wieder zu klein für unseren Aktionsradius und so lande ich schon beim zweiten Song halb im Schlagzeug, aber ‚that‘s live‘! Im Anschluß wird Paul Di‘Anno nach allen Regeln der Kunst abgefeiert, denn er bietet ein Programm, mit dem sicherlich niemand gerechnet hatte: ein Killers-Track („The Beast Arises“) und ansonsten nur Maiden-Nummern („Prowler“, „Running Free“, „Phantom Of The Opera“, „Sanctuary“, „Wrathchild“, „Murders In The Rue Morgue“, „Killers“). Und als Paul uns dann auch noch mit „Remember Tomorrow“ einen meiner absoluten Lieblingstitel widmet und bei „Strange World“ offenbart, daß er diesen Titel noch besser als in seligen Maiden-Zeiten zu singen vermag, ist für mich klar, daß uns hier einige tolle Tage bevorstehen. Nach dem Abbau und einem gemeinsamen Abendessen brechen wir noch in der Nacht auf.

15.12. D-Lübeck „Werkhof“

Nach wenigen Stunden Schlaf im Wohnmobil und einer ermüdend langen Fahrt erreichen wir am frühen Nachmittag Lübeck. Der Soundcheck kann jedoch erst um 18 Uhr starten, da wir in einer Art Einkaufspassage auftreten sollen und erst nach Geschäftsschluß lärmen dürfen. Bizarr! Dennoch finden wiederum ca. einhundertfünfzig Fans den Weg zu dieser recht kurzfristig gebuchten Show. Wir erhalten erneut gute Reaktionen, müssen unseren Set jedoch leider etwas kürzen, da ich mir die Hand irgendwie und irgendwo am Bass aufschneide, den Hals dabei komplett ‘einsaue‘ und die Blutung beim Spielen einfach nicht stoppen will. Fuck, ein Flug in die Drums, eine blutende Hand, und was soll morgen passieren? Paul Di‘Anno und seine (Aushilfs-)Killers können die Stimmung im Anschluß spielend steigern und sorgen mit ihrem einstündigen Programm für gute Laune. Backstage fällt dann leider ein ziemlich bescheuerter Typ negativ auf. Erst legt er dem hierdurch leicht genervten ex-Maiden-Sänger ungefähr sechzig Vinyl-Scheiben zum Signieren vor und anschließend quatscht er grundlos re-Vision-Drummer Dominik vollkommen blöd an, wofür er dann sowohl von Paul als auch von ‘Dom‘ einige Sprüche kassiert. Der exhibitionistisch veranlagte Stöckeschwinger zieht es aber sowieso lieber vor, mit diversen Anwesenden zu plaudern, Bier zu trinken und ab und zu seinen Popo zu präsentieren. Zum Glück verschont er uns im Wohnmobil mit derartigen Aktionen...

16.12. D-Chemnitz „Südbahnhof“

Nach einer weiteren durchfahrenen Nacht mit begrenzter Schlafzeit kommen wir ‘leicht‘ gerädert im Südbahnhof an. Der sehr geräumige Konzertsaal ist vom örtlichen Veranstalter angemietet worden, aber sowohl dieser schon zugesoffene (oder sind es doch eher Drogen?) Typ als auch sein einziger Gehilfe ‘Zucker‘ bekommen die leichtesten Dinge einfach nicht geregelt, was für den ganzen Abend Böses erahnen läßt. Obskure Statements (z.B. daß dieses Konzert in der ARD beworben worden ist) lassen uns wirklich am Geisteszustand des Promoters zweifeln. In der Tat scheint keinerlei Werbung stattgefunden zu haben, statt dessen hat der Veranstalter lieber noch ein paar zusätzliche Bands (u.a. Wizard) engagiert und alle in einem recht noblen Hotel untergebracht. Es fehlen jegliche Infos über Ablaufzeiten, Soundcheck etc. und backstage findet sich noch nicht mal eine Flasche Wasser. Dennoch erfüllt Paul Di‘Anno seinen Kontrakt und steht nachts um ca. drei Uhr (ein Hoch auf die Organisation!) vor einer nahezu menschenleeren Halle (die wir vorher anheizen durften, hehe). Er ist stocksauer, da seine Gage bei einem derartig zwielichtigen Typ auch nicht gesichert scheint, spielt das Programm aber komplett, allerdings mit einigen wüsten Beschimpfungen in Richtung des Promoters, der zwischendurch in der ersten Reihe steht und uns allen Ernstes fragt, warum Paul so sauer sei, da es doch keine Probleme gebe. Wo sind wir hier gelandet? Für Erheiterung sorgt allerdings backstage ein Klingonen-ähnlicher Typ, der unbedingt irgend etwas zu Paul sagen möchte und mit völlig gepreßt-monotoner Stimme sinnige Statements ala „Paul, go in!“ (auf einen Schrank deutend) oder „Paul, I am your father, go on stage!“ abgibt. Kult und in den nächsten Tagen der absolute „Lacher-Garant“!

17.12. D-Osterode „Haus der Jugend“

Nach einer erholsamen Nacht im Hotel und einem reichlichen Frühstück steht eine weitere längere Fahrt in den Harz an. In Osterode empfängt uns am späten Nachmittag ein kompetentes und freundliches Organisations-Team sowie eine äußerst fürsorgliche und nette Catering-Truppe, die uns rundum zu verwöhnen weiß. Hmh, nochmals besten Dank! Das Jugendzentrum ist mit einhundert Leuten gut gefüllt und wir spielen unter den wachsamen Adleraugen unseres Bookers Liveguard-Christel (hehe, auch Du bekommst hier Dein Fett weg) einen der besten und energischsten Gigs der Tour, auch wenn unser Sänger Frank durch eine vor der Tour eingefangene Grippe angeschlagen ist und heute einige Schwierigkeiten hat. Die Fans honorieren unsere Leistung, beklatschen eifrig „Whore Venus“-Tracks ala „Barricade Exit“ als auch neue Songs wie „Longevity“ und machen somit unseren Auftritt zu einem vollen Erfolg. Als Paul Di‘Anno und seine drei Mitstreiter die Bühne entern steigt die Stimmung stetig an und bei „Running Free“ stürmen Dominik und meine Wenigkeit die Bretter, um einige Backing-Vocals (oder doch eher Shoutings?) beizusteuern. Als letzte Zugabe gibt es im „Haus der Jugend“ dann etwas ganz Besonderes: Gitarrist Cliff Evans tauscht seinen Platz mit den re-Vision-Gitarreros Mario und Daniel, welche mit den „Killers“ noch einmal „Prowler“ intonieren. Da Basser Darayus (der vom Stageacting und Aussehen dem jungen Steve Harris ähnelt) eine Saite gerissen ist und er mit meinem 5-Saiter nicht zurecht kommt, übernehme ich hierbei auch noch den Bass. Die Fans toben, Paul muß nach dem Gig noch zahlreiche Autogramme geben und auch unser Merchandise-Stand wird zahlreich frequentiert. Danke Osterode, es war supergeil bei Euch!

18.12. Day-Off (geplant)

Unseren freien Tag verbringen wir komplett auf der Autobahn, um am späten Abend im österreichischen Spielberg einzutreffen. Unser Sänger Frank und ich beschließen in der Pension zu bleiben, um mal richtig ausschlafen zu können, während sich der Rest unserer Truppe mit Paul Di‘Anno und seiner Band an der Hotelbar trifft.

Christoph (re-Vision)

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