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Trail Of Tears - New York

23.01.2008 | 10:13

20.01.2008, B. B. King Blues Club

Erst ein großer Knall und dann - Totenstille. Fast jedenfalls. Nachdem sich TRAIL OF TEARS kurz vor Veröffentlichung ihres letzten Albums "Existentia" Ende 2006 beinahe aufgelöst hätten, scharrte Bandchef und einziges verbleibendes Mitglied Ronny Thorsen klammheimlich eine neue Besetzung um sich herum, um frisch durchzustarten. Die einzige Meldung, die wirklich die Runde machte, war, dass Cathrine Paulsen, die weibliche Stimme auf dem "A New Dimension Of Might"-Album, in den Schoß der Norweger zurückgefunden hatte. Der Rest der Mannschaft? Unbekannt.

Unsere holländischen Nachbarn waren die ersten, die das neue Line-up ein halbes Jahr später bewundern durften, aber die großen Pressemeldungen darüber blieben aus. Und jetzt wollen Thorsen und Co. sich ausgerechnet auf einer ausgiebigen Nordamerika-Tour inklusive Stopps in Kanada und Mexiko (ja, genau da wo das Beinahe-Ende seinerzeit seinen Lauf nahm) beweisen. Ob das gut geht? Ich wage anlässlich des fünften Tourtages im New Yorker B. B. King Blues Club einen kritischen Blick.

Zu meiner Freude machen UNEXPECT den Anfang dieses deutlich von Frauen geprägten Abends. Punkt 18 Uhr steht das verrückte Septett aus Montreal auf der für solche Menschenmassen viel zu kleinen Bühne, um in den nächsten 30 Minuten für reichlich verdrehte Gehirnwindungen zu sorgen. Das ausgiebige Touren (unter anderem im Vorprogramm von EPICA und SONATA ARCTICA ) zahlt sich bereits aus, denn obwohl erst geschätzte 50 Nasen anwesend sind, so feiern diese die Kanadier doch nach Strich und Faden ab. Und nachdem ich bei meiner ersten, "unerwarteten" Begegnung noch mit offenem Mund im Publikum stand und kaum begreifen konnte, was dort oben geschah, bin ich nach dem ausgiebigen Genuss des aktuellen, auf einen kleinen Silberling gebannten Irrsinns namens "In A Flesh Aquarium" heute ein wenig besser gerüstet. Nein, verstehen tue ich diese "anything goes"-Songstrukturen immer noch nicht. Aber das stellenweise an THERION'schen Bombast erinnernde 'Megolomaniac Trees' und das mit wunderbar gefühlvollen Passagen versehene und dennoch völlig bekloppte 'Chromatic Chimera' knallen ordentlich, wie auch die älteren Stücke der Setliste zu gefallen wissen. Doch vor allem bekommt das Auge wieder reichlich Futter, denn da oben steht nichts und niemand still, und Front-Sirene Leïlindel erleuchtet mit ihrem unwiderstehlichen Liebreiz die dunkle Halle bis in den letzten Winkel. Ich wünsche der sympathischen Truppe, die sich den Rest des Abends extrem fannah zeigt, dass sie bald auch den Sprung auf europäische Bühnen schafft, um euch zu begeistern. Denn so überladen, fast schon schwer verdaulich das Material auf CD auch für weniger frickelsüchtige Ohren auch sein mag - live legen sie alles in Schutt und Asche.

Setlist:
Novaë
Megalomaniac Trees
Desert Urbania
The Fall Of Arthrone
Chromatic Chimera

Nach diesem musikalischen Inferno können die nachfolgenden Bands nur verlieren. Hinzu kommt, dass ich in letzter Zeit immer die gleichen Support-Acts zu Gesicht bekomme und mich insgeheim frage, ob die Labels dafür eine gute Stange Geld über den Tisch geschoben haben - denn an der Qualität kann es (UNEXPECT mal ausgenommen) nicht unbedingt liegen. ECHOES OF ETERNITY sind mir auf der Tour mit EDGUY zwar wegen diverser Interviews im Backstage-Bereich durch die Lappen gegangen, aber verpasst habe ich da wirklich nichts. Vor allem das singende Barbiepüppchen Francine Boucher wäre in einer BRITNEY-SPEARS-Coverband viel besser aufgehoben, und das liegt nicht nur an der optischen Ähnlichkeit. Zu bemüht wirkt ihr Auftritt, zu wenig "metal", um dem eher harten Sound der Kalifornier die nötige Würze zu verleihen. Was man von ihrer Kollegin Alissa White-Gluz zwar nicht behaupten kann, denn die drahtige Schlumpfine grunzt auch heute wieder mächtig böse, dass einem Angst und Bange werden kann. Aber beim klaren Gesang hapert es immer noch, und das bereits beim zweiten Act merklich trägere, inzwischen vielleicht auf 100 Personen angewachsene Publikum gibt mir Recht. THE AGONIST sind hier (ebenso wie zuletzt auf der Tour mit SONATA ARCTICA) ziemlich fehl am Platz, wenn sie auch sehr viel engagierter rüberkommen als ihre Vorgänger. Wenn überhaupt, hätten MADDER MORTEM den nahezu perfekten Übergang zwischen UNEXPECT und TRAIL OF TEARS bieten können, doch sind die Norweger leider eine Art ewiger Geheimtipp, der wohl nie den Sprung über den großen Teich schaffen wird.

Nach diesen zwei verschenkten Stunden erwarte ich mit mulmigem Gefühl die Show des Headliners. Denn ehrlich gesagt mochte ich TRAIL OF TEARS erst seit und vor allem wegen des Einstiegs von GREEN-CARNATION-Stimme Kjetil Nordhus, und mit "Existentia" haben sie nicht nur in musikalischer Hinsicht ein kleines Meisterstück vorgelegt, auf dem neben Ronny und Kjetil auch die Stimme von Gast-Sängerin Emmanuelle Zoldan für eine fette Gänstehaut sorgte. Die knubbelige Cathrine Paulsen gewinnt jedoch sogleich meine Sympathie, als sie im zwar sehr unvorteilhaften Bühnenoutfit (man stelle sich die berühmte Wurst in der Pelle vor, so eingezwängt wirkt sie in ihre Leder-Corsage), aber mit einem bezaubernden Lächeln und einer erfrischen "Hey, ist mir doch egal, wie ich aussehe"-Ausstrahlung ihren ersten tänzelnden Einsatz hat. Wenig überraschend ist, dass ihr bisher einziges Album im Dienste der Norweger, "A New Dimension Of Might", mit sechs (!) Songs einen erheblichen Teil des Sets ausmacht. Dabei sollte doch eigentlich "Existentia" - mit fünf Stücken leicht abgeschlagen auf Platz zwei - den Auftritt prägen. Das sperrige 'Free Fall Into Fear', auf dem erstmalig die beiden Männer die Regie übernahmen, wird komplett ausgeklammert, stattdessen gehen Ronny und seine Truppe sogar bis ganz zurück in selige Demo-Zeiten. Die eher im Hintergrund agierende Begleit-Combo sieht übrigens richtig schön nordisch aus, (rot-)blonde Haare, wohin das Auge auch schaut.

Da ich nur besagte fünf Beiträge des aktuellen Outputs überhaupt kenne, muss sich mein Urteil auf diese beschränken. Und auch hier überrascht nicht, dass Ronny und Cathrine bevorzugt jene Stücke ausgewählt haben, in denen auf Platte bereits weiblicher Gesang vorhanden war. Daran, dass Cathrine auch Kjetils Parts übernimmt, muss ich mich erst einmal gewöhnen. Immerhin wandelt die zuweilen auch in sehr hohen, jedoch nicht immer besonders sauber intonierten Tonlagen beheimatete Sängerin nichts ab, und ihre tiefe Stimme gefällt. Doch liegen ihr die auf den Leib der französischen Gastsängerin zugeschneiderten Passagen sehr viel besser, vor allem bei 'Decadence Becomes Me' glaube ich fast, das Original zu hören.

Ronny Thorsen selbst hat sich nicht verändert. Seine Gesangsleistung mag nie überragend gewesen sein, aber seine charismatischen Ausstrahlung gleicht das locker aus. Und der Gegensatz zwischen dem leicht unterkühlt-grimmigem, schlanken Sänger und der dauergrinsenden, wonneproppigen Sängerin ist schon reizvoll. Was der Formation für den perfekten Neustart fehlt, ist ein weiteres Album in der aktuellen Besetzung. Denn Cathrine ist talentiert und für das sonst eher "engelsgleiche" Gothic-Genre erfreulich klischeefrei, wird jedoch durch die meiner Meinung nach nicht ganz so starken Songs der älteren Werke und die nicht unbedingt auf ihre Stimme zugeschnittenen Gesangslinien von "Existentia" ein wenig ausgebremst. Doch Stehaufmännchen Ronny beweist heute zweifellos, dass TRAIL OF TEARS noch lange nicht Geschichte sind. Wohin die Reise künftig geht, muss die Zukunft zeigen.

Setlist:
Ecstatic
Obedience In the Abscence of Logic
Deceptive Mirrors
My Comfort
Profoundemonium
A Fate Sealed In Red
Disappointment's True Face
She Weaves Shadows
Decadence Becomes Me
Splendid Coma Visions
Denial and Pride
As It Penetrates
When Silence Cries...
Crashing Down

Redakteur:
Elke Huber

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