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UNDERTOW und MISSION IN BLACK - Ulm

10.05.2018 | 19:34

04.05.2018, Hexenhaus

Den Verantwortlichen von El Puerto Records darf man mittlerweile nicht nur bei ihren Band-Signings ein mehr als glückliches Händchen attestieren, sondern auch bei der geschmackvollen Auswahl ihrer stets passenden Locations für die jeweiligen Album Release Shows. Fanden bisherige Events, bei denen ich anwesend sein durfte, wie beispielsweise bei SAINTED SINNERS oder auch SOULDRINKER in der äußerst charmanten, geschichtsträchtigen "Traube" in Bellenberg statt, so hat man für die aktuelle Präsentation des Debüt-Albums von MISSION IN BLACK und der Vorstellung ihres neuen Label-Matadoren UNDERTOW das Hexenhaus in Ulm auserkoren.

Mit seinen düster wirkenden Gewölben, die durchaus Erinnerungen an mittelalterliche Kerker hervorrufen, und einigen lebensgroßen Deko-Skeletten, Spinnen und weiteren Utensilien, fühlt man sich direkt beim Betreten wie in einem waschechten Hexenhaus. Der Name ist daher mehr als nur Programm und die Location passt wie die sogenannte Faust aufs Auge. Betreiber des Hexenhauses ist ein gemeinnütziger Verein, der vor allem jungen Stoner-, Metal- und Hard Rock Bands eine Möglichkeit für Live-Auftritte bieten möchte. Coole Sache, wie ich finde.

Den Anfang im gut gefüllten Hexenhaus übernimmt MISSION IN BLACK, denen im Vorfeld eine äußerst schwere Bürde auferlegt wurde, da ihre etatmäßige Sängerin Becky Gaber am heutigen Abend aus familiären Gründen leider ausfällt und durch Steffi Stuber (ENSLAVE THE CHAIN, V.O.Y.D.) ersetzt werden muss. Dass aber gerade diese Personalie sich für MISSION IN BLACK zu einem wahren Sechser im Lotto entwickeln würde, hätte im Vorfeld wohl niemand ernsthaft zu hoffen gewagt. War es auf dem Album doch gerade der großartigen Gesangsdarbietung von Becky Gaber geschuldet, dass sich "Anthems Of A Dying Breed" so wohlwollend von vielen ihrer Genre-Kollegen unterschied. Aber Schlagzeuger Andy "Black" Flache und seine Wegbegleiter nahmen diesen Umstand als Herausforderung an und machten aus der Not eine Tugend. Steffi Stuber wiederum dankte den Jungs für das ihr entgegengebrachte Vertrauen und begeisterte nach nur vierwöchiger Vorbereitungszeit mit einer außergewöhnlichen Performance ausnahmslos alle Anwesenden. Die hübsche Frontlady besticht zudem nicht nur mit ihrem makellos vorgetragenen, kraftvollen Klargesang, sondern zusätzlich mit heftig dargebotenen Growls, welche sie mit einer äußerst sympathischen und lockeren Art zum Besten gibt.

Als wären dies nicht schon genug Herausforderungen, müssen Andy Black und Daniel Tschoepe (Lead Gitarre) für die geplanten Live-Auftritte noch weitere Veränderungen im Line-up vornehmen, da die große räumliche Distanz der anderen beiden festen Bandmitglieder Hannes Jäger und Martin Grimm dem Ganzen nicht zuträglich ist. Fabian Guist am Bass und Yannick Hartlieb an der zweiten Klampfe sind die beiden Auserwählten, die MISSION IN BLACK heute Abend bei der Erfüllung ihrer Live-Mission unterstützen. Beide machen ihre Aufgabe sehr zufriedenstellend, halten sich aber eher zurück und überlassen Steffi Stuber und Daniel Tschoepe das Rampenlicht.

Für mächtig Druck und die nötige Präzision an den Kesseln sorgt der Mann mit dem Herz am rechten Fleck, Schlagzeuger Andy "Black" Flache, der schon seit Jahren der Umweltschutzorganisation Sea Shepherd angehört, die sich insbesondere dem Schutz der Meere verschrieben hat. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass gerade die Ballade 'Oceans Of Blood', welche textlich eben auf jene Missstände in den Weltmeeren hinweist, sich dank einer eindrucksvollen Gesangsleistung von Steffi als absolutes Highlight ihres Sets erweist. Der Song erfährt zusätzlich noch durch Nebelschwaden, die aus dem Rachen eines überdimensionalen Totenschädels mit Flügeln (OVERKILL-like) strömen, optische Unterstützung.

Nach gut sechzig Minuten Spielzeit, in denen letzten Endes das gesamte Album dargeboten wird, muss man den Süddeutschen trotz der nicht ganz einfachen Besetzungs-Wirrungen im Vorfeld einen mehr als gelungenen Auftritt bescheinigen. Ihr moderner, groove-betonter, thrashig vorgetragener Metal hat die Feuertaufe mehr als nur bestanden und traf nicht nur den Nerv meiner Wenigkeit pfeilgenau. Dieser Umstand wird noch zusätzlich durch Zugabe-Rufe des Publikums belegt, das MISSION IN BLACK nach Ende des regulären Sets abermals zurück auf die Bühne beordert. Habe ich im Vorfeld Sängerin Becky Gaber aufgrund ihrer stimmlichen Vielseitigkeit bewundert, bin ich nach diesem grandiosen Auftritt von Steffi Stuber restlos begeistert! Klasse Auftritt von MISSION IN BLACK, die enorm viel Potenzial in ihren Reihen hat und in dieser Form eigentlich als perfekter Anheizer auf die Festivalbühnen dieser Welt gehört. Ich bin mehr als gespannt, wohin die Mission noch führt.
Setliste: Premonition Of Chaos (Intro); Welcome The Apocalypse; Cold Wings Of Vengeance; Into The Flames; First Comes The Blood; Mission In Black; Godless; Oceans Of Blood; Judgment Day; God Forbidden; Where Demons Sleep; World On Fire; Zugabe: The Beast Within


Nach relativ kurzer Umbaupause betreten nun die vier Schwaben von UNDERTOW die Bühne und, soviel sei schon vorab verraten, verwandeln aufgrund einer äußerst energiegeladenen Show das Hexenhaus nicht nur temperaturmäßig in einen wahren Hexenkessel. Ihr Auftritt kommt dem Werk einer Dampfwalze gleich, die alles, was ihr im Weg steht, gnadenlos platt macht. Die bereits seit 1993 bestehende Formation hat es in dieser Zeit auf immerhin sieben, meist hochklassige, Studioalben gebracht. Ihr noch unbetiteltes neues Album wird im Spätsommer diesen Jahres erscheinen und erstmalig unter der Piratenflagge von El Puerto Records vertrieben. Todde Ihlenfeld (BRAINSTORM) ist bereits im Vorfeld verdammt stolz, eine seiner absoluten deutschen Lieblingsbands nun selbst unter Vertrag zu haben. "In Deepest Silence" nennt sich bis dato mein persönliches Lieblingsalbum von UNDERTOW, das laut Aussage von Label-Mitarbeiter Matt Bischof vom kommenden Release locker übertroffen werden soll. In Form von 'Reap The Storm' und dem das Konzert beendende 'Trails For The Blind' präsentiert die Band am heutigen Abend von jenem Album bereits zwei hochkarätige Nummern, welche die gewagte Prognose des Herrn Bischof gekonnt unterstreichen. Ihr Hauptaugenmerk der Setlist legt die Band auf ihre letzten drei Alben, wovon der Großteil auf ihrem 2010er Werk "Don't Pray To The Ashes" liegt, das gleich mit sechs Songs berücksichtigt wird. Verwunderlich ist dieser Umstand nicht, bekam die Scheibe damals in fast allen wichtigen Magazinen zurecht Höchstnoten und wurde gar im Rock Hard Magazin verdientermaßen zum Album des Monats gekürt.

Bassist Andreas Hund ist nicht nur aufgrund seiner auffälligen Haarpracht der unumstrittene Blickfang auf der Bühne, sondern sorgt durch reichlich Stage-Acting für die nötige Bewegung. Oliver Rieger an den Drums ist der verlorene Sohn, welcher auch zur Ur-Besetzung gehörte und nach seinem Ausstieg im Jahr 2004 seit 2015 wieder zur UNDERTOW-Familie gehört. Er verdrischt heute Abend seine Felle mit einem dermaßen harten Punch, dass es für den Betrachter eine wahre Freude ist. Es erweckt fast den Anschein, als wolle er die ihm fehlenden Jahre auf einen Streich wieder einholen. Mit der Verpflichtung von Markus "Brandy" Brand an der Leadgitarre hat UNDERTOW einen absoluten Volltreffer gelandet. Seit seinem Einstieg 2013 und der damit einhergehenden Umstrukturierung vom Trio zum Quartett wirkt die Band wie ausgewechselt. Augenscheinlich brachte er durch sein exzellentes Spiel frischen Wind in die Band und bietet zudem einiges an neuen Optionen, die vor allem live dem Gesamtsound sehr zuträglich sind. Gerade ältere Stücke, die noch für die klassische Triobesetzung geschrieben wurden, entfachen am heutigen Abend durch die zweite Axt wesentlich mehr Kraft und Dynamik und erfahren dadurch noch zusätzliche Aufwertung. Joachim "Joschi" Baschin ist nicht nur optisch der perfekte Frontmann für diese Art der Musik, sondern verfügt zudem über ein besonders einzigartiges Organ, welches mir trotz der hitzigen Temperaturen einen kalten Schauer nach dem anderen beschert. Seine ihm ganz eigene, mitunter theatralische Vortragsweise ist schwer in Worte zu fassen. Der Frontmann präsentiert im Laufe des Auftritts die komplette Bandbreite seines großen Gesangs-Repertoires von normal bis hin zu brüllend, flehend, leidend und verzweifelt (sensationell bei dem Song 'In Deepest Silence') und trägt dies mit voller Inbrunst vor, wie man es leider viel zu selten zu sehen bzw. zu hören bekommt.

Da komme ich dann direkt zu einer der großen Ungerechtigkeiten in unserem ach so schönen Milieu: Während viele, bei weitem untalentiertere Bands wahre Massen an Besuchern anziehen und massig CDs absetzen, hat UNDERTOW trotz der Veröffentlichung einiger hochgelobter Alben, die meist ausnahmslos von der Presse abgefeiert wurden, leider immer noch nicht den verdienten Durchbruch geschafft. Vielleicht gelingt das Unterfangen nun mit dem neuen, hungrigen Label im Rücken. Zu gönnen wäre es den überaus sympathischen Musikern allemal.
Setliste: Intro; The Bitter Taste; Stomping Out Ignorance; Crawler; Zero Type X; Still Waiting; Threedouble Chime; File Under Unexpected; Burdened; Art Of Faling; In Deepest Silence; Canvas Ghosts; Reap The storm; Homemade Funeral; Zugabe: Beyond Dreaming; Trails For The Blind


Fazit: Wir blicken auf einen äußerst kurzweiligen Konzertabend in einer geschmackvoll eingerichteten Location zurück, die weitaus mehr Besucher verdient hätte. MISSION IN BLACK hat wortwörtlich aus der Not eine Tugend gemacht und einen mehr als bleibenden Eindruck beim Publikum hinterlassen. "Aushilfe" Steffi Stuber war dabei die große Gewinnerin des Abends und hat trotz kürzester Vorbereitungszeit mit ihrer Darbietung alle Anwesenden mächtig beeindruckt. UNDERTOW präsentierte sich in aktueller Quartett-Größe von ihrer besten Seite und bestätigte auf eindrucksvolle Art und Weise, dass sie auf dem Live-Sektor mit zum Besten gehören, was Deutschland zu bieten hat. Die Vorfreude auf das neue Studioalbum steigt nach diesem Auftritt ins Unermessliche. Ich drücke beiden Bands die Daumen und wünsche ihnen mit ihrem neuen Label viel Erfolg. Bis hoffentlich bald.

Bilder: Matt Bischof

Redakteur:
Mahoni Ledl

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