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Visions 15th Anniversary Festival - Berlin

29.11.2005 | 03:44

25.11.2005, Columbiahalle

Lädt das Visions zur Geburstagsparty ein, dürfte klar sein, dass es ein musikalisch abwechslungsreiches Programm gibt, das nur in die große Schublade mit dem Namen "Rock" passt. Für so, ehm, hartgesottene Metaller wie Elke und mich ist daher auch nur ein Teil des Programms wirklich interessant. Immerhin spielen mit MADSEN, SOUNDTRACK OF OUR LIVES und dem Headliner MANDO DIAO gleich drei Bands, deren Namen weder Elke noch ich bis dato jemals wirklich gehört haben. Was uns antreibt sind ganz eindeutig DREDG (Peter) und LIFE OF AGONY (beide), sowie ein neugieriger Blick auf TURBONEGRO.

Als dann auch schon zur frühen Stunde um 18.30 Uhr in der Halle mächtig was los ist, fühle ich mich alt und out. Die große Masse war noch im Kindergarten als das Visions gegründet wurde und trägt heute stolz ihr MANDO DIAO-Leibchen spazieren. Daneben fallen vor allem die reichlichen Mitglieder der Turbojugend auf, die aus weiten Teilen Deutschlands angereist sind. Kiel, Münster oder auch Neubrandenburg prangt auf ihren Jacken.

MADSEN

Bis wir es uns in der Halle gemütlich gemacht haben (Klamotten weg, Getränke her und so), sind MADSEN auch schon fast wieder von der Bühne runter. Gut, der deutsche Rock hätte es mir eh nicht angetan, aber in den ersten Reihen pogen sich schon die Teenies warm, und mit dem eingebauten Riff von 'Run To The Hills' gibt es zumindest einen Sympathiepunkt.
[Peter Kubaschk]

Wobei ich zwischendurch schwören könnte, dass sich die Band bei irgendeinem Neue-Deutsche-Welle-Hit bedient, den ich schon damals so furchtbar fand, dass ich Titel und Interpret völlig verdrängt habe. Schade, dass offenbar auch die schlechten Musikstile irgendwann ein Revival erleben.
[Elke Huber]

DREDG

Ich glaube, heute habe ich sie gefunden. Die Retter des Musikbusiness. DREDG verstehen es wie keine andere Band Pop, Rock und Prog zu verbinden und dabei gleichermaßen eingängig, unkonventionell und genrefrei zu klingen. Trotz harter Gitarren, abgefahrenen Sounds und unglaublich viel Liebe zum Detail, begeistert das Quartett um Sänger Gavin Hayes sowohl Frickelfreunde als auch alternative Rocker und sogar den Otto-Normal-Radiohörer. Und das ohne jedes kommerzielles Kalkül. Das belegt der schüchterne, natürliche Auftritt nur zu deutlich. Gavin Hayes sagt nur 'Dankeschön' und schon dabei flippen die ersten Reihen aus, während bei Perlen wie 'Ode To The Sun', 'Bug Eyes', 'Same Ol' Road' oder 'The Tanbark Is Hot Lava' gar ein heftiger Pogo das erste Drittel der Halle dominiert. Auf den oberen Rängen schwebt man hingegen eher davon, so gefangen nimmt einen die über allem schwebende Stimme von Gavin Hayes bei 'Jamais Vu'. Ganz nebenbei bedient Hayes noch eine Zither, die zusammen mit dem einmaligen Saitenstil von Mark Engles den einzigartigen Sound dieser Band ausmacht.

Das Alles reicht schon locker aus, um die Fans in Ekstase zu versetzen und mit hoher Sicherheit eine Menge neuer Freunde zu finden, doch mit dem fulminanten Schlusspunkt wird dieser Gig wohl für viele unvergesslich. Verantwortlich dafür ist Schlagzeuger Dino Campanella, der beim letzten Song 'Yakahaze' munter seinen Part, begleitet von Mark Engles und Drew Roulette (b.), weiterspielt, während sein Drumkit schon auseinander genommen wird und ihm nach und nach Snare, Hit-Hat und Bassdrum fehlen. Nichts kann ihn aufhalten, und als das Schlagzeug nicht mehr auf der Bühne steht, spielt er halt noch ein bisschen Klavier. Ganz große Kunst. Und wenn DREDG immer so abräumen wie heute, dann garantiere ich euch, dass das nächste Konzert der Band wieder in der Columbiahalle sein wird. Als Headliner. Diese Band wird groß. Und das ist verdammt gut so.
[Peter Kubaschk]

Auch wenn ich mit DREDG wenig anfangen kann, so sind mir solche durchaus eigenständigen "Retter des Musikbusiness" tausendfach lieber als die hundertdrölfzigste Retortenband. Nur was es bei diesen doch recht ruhigen Klängen da unten zu pogen gibt, verstehe ich beim besten Willen nicht. Aufwärmübungen für LIFE OF AGONY, wo man grad schon mal da vorne steht? Seltsam, diese Jugend von heute...
[Elke Huber]

THE SOUNDTRACK OF OUR LIVES

Wir haben keine Ahnung, was uns jetzt erwartet. Aber da der Soundtrack unserer Leben nun mal zwischen DREDG und LIFE OF AGONY angesiedelt ist und man in der Columbiahalle auch nicht wirklich flüchten kann, muss man dem Sextett auch lauschen. Was aber kommt, ist definitiv nicht das, womit ich gerechnet habe. Hier wird man mitgenommen auf eine Reise in die Siebziger und Achtziger. Ob man das nun will oder nicht. Die Schweden sind so was von Retro, dass ich es fast schon komisch finde. Sänger Ebbot Lundberg hat ein bisschen was von einem Yeti und Gitarrist Ian Person ist nicht nur wegen seiner roten Hosen und dem dazugehörigen Hemd ein Poser vor dem Herrn. Musikalisch irgendwo zwischen LED ZEPPELIN und THE DARKNESS, treffen auch sie den Geschmack des jungen Publikums, das bei jeder Band zum Pogo lädt, auch wenn die Reaktionen im Vergleich zu DREDG eher verhalten sind. Nett, aber nur nett.
[Peter Kubaschk]

Ja, diese Band ist schon recht unterhaltsam, wobei eigentlich nur Sänger Ebbot die 70er noch aktiv miterlebt haben dürfte. Der Rest lag damals vermutlich noch in den Windeln. Allerdings ist die Position im Billing denkbar schlecht gewählt - stimmungstechnisch wären THE SOUNDTRACK OF OUR LIVES vor DREDG besser aufgehoben gewesen.

LIFE OF AGONY

Keith Caputo ist schon ein seltsamer Kerl. Meist erlebt man ihn auf der Bühne völlig in sich versunken, distanziert und derart wortkarg, dass LIFE OF AGONY-Gitarrist Joy Z. die Kommunikation mit dem Publikum übernehmen muss. Und dann entpuppt er sich plötzlich als richtige Plaudertasche, die fast jeden Song der Setlist irgendjemandem widmet, sich zwischendurch überschwänglich bei den Veranstaltern, dem Visions-Magazin, bedankt oder darüber auslässt, dass sowieso nichts auf der Welt besser sei als Sex. Da er außerdem während der Hälfte der Show sitzender- oder stehenderweise auf einer der Monitorboxen die Nähe zu den Fans sucht, muss man sich fast schon fragen, ob uns da nicht ein Doppelgänger untergejubelt wird. Aber nein, die zuckenden Bewegungen, die unverkennbare Stimme - es ist Mr. Caputo himself, und der hat anscheinend auch mal gute Laune.

Obwohl ihm die letzten Tage schon etwas traurig zumute gewesen sein dürfte, denn eine gute Freundin der Band namens Petra sei kürzlich gestorben und bekommt nach einer kleinen Ansprache, dass ihr Geist jetzt irgendwo herumschwirre und vielleicht in diesem Moment dem Konzert beiwohne, das passenderweise umbenannte 'The Day She Died' gewidmet. Regierungskritisch äußert er sich bei 'Love To Let You Down' und dankbar gegenüber den alten Fans bei 'Weeds' (in dem es nicht um Drogen gehen soll - nee klar, aber geraucht habt ihr vermutlich trotzdem ne ganze Menge davon). Fast scheint ihn die Erkenntnis, dass LIFE OF AGONY schon seit 12 Jahren aktiv sind, selbst zu überraschen. Und tatsächlich, die Brooklyner klingen immer noch frisch, wirken immer noch hungrig, und man hat eigentlich schon beinahe vergessen, dass sie zwischendurch mal weg vom Fenster waren.

Die gewohnt agile Band, die die große Bühne sichtlich genießt, macht aus den knapp bemessenen 50 Minuten Spielzeit das Beste und bringt die Massen derart zum Hüpfen und Crowdsurfen, dass die Security sogar kurzerhand aufgestockt werden muss. Und trotzdem können die Aufpasser eines nicht verhindern: Ein kurzer abschätzender Blick, ein kühner Sprung über den Fotograben - und Keith nimmt selbst ein Bad in der Menge. Ein schöner Anblick nach einem schönen Konzert.

Setlist:
Don't Bother
This Time
The Day He Died
Through And Through
Love To Let You Down
Weeds
Lost At 22
Strung Out
Bad Seed
Underground
River Runs Red
[Elke Huber]

TURBONEGRO

TURBONEGRO sind bei vielen Leuten der totale Kult. Und die unübersehbare Masse an Turbojugendmitgliedern macht klar, dass die hier mächtig abräumen werden. Für mich ist aber der geradlinige Partyrock der Norweger nicht besonders genug, um mitreißen zu können. Da helfen auch das obskure Outfit oder die abgefuckten Ansagen von Sänger Hank nicht. Bei einem Open Air zu vorgerückter Stunde wäre das sicher etwas anderes, aber so wippt bei 'Sell Your Body (To The Night)' maximal ein Fuß. Um es anders zu formulieren: Wer schon mal TWISTED SISTER gesehen hat, den dürfte TURBONEGRO nicht mehr umhauen. Auch wenn der Großteil des Publikums das heute Abend anders sieht und die Jungs mächtig abfeiert.

MANDO DIAO

Als MANDO DIAO die Bühne betreten, sind wir bereits weg.
[Peter Kubaschk]

Redakteur:
Elke Huber

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