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Voice Of Hatred - Paderborn

22.07.2005 | 12:41

07.07.2005, Kulturwerkstatt

Metal Inferno e.V. presents: OVERKILL, 10-FOLD B-LOW, CONTRADICTION, TORIAN.

Am 7. Juli standen OVERKILL auf dem Abendprogramm eines jeden Paderborner Metalheads. Die recht dürftige Plakatzahl in der Innenstadt war wohl durch Mundpropaganda ausreichend kompensiert worden, jedenfalls fand sich bereits im Vorfeld ein gutes Grüppchen entsprechend gewandeter Musikjünger vor den Hallen der Kulte ein. Es war ein ziemlich warmer Tag gewesen, und so drückten sich Fotograf und Rezensent freiwillig noch ein wenig im durchaus noch sonnigen Freien herum, bis der offizielle Einlass schließlich mit gewisser Verspätung eröffnet wurde. In sommerlich nachlässiger Stimmung hatten sie ganz darauf vertraut, auf der Gästeliste zu stehen. Leider schien die Kommunikation zwischen Tourmanagement und Ausrichter nicht ganz so gut funktioniert zu haben wie die späteren Stunden der anberaumten Show, so dass eine glücklicherweise nicht allzu weite Heimreise zwecks Besorgung der für den Einlass benötigten Beweismittel den Schergen eures allerliebsten Metal/Rock/Gothic-Online-Magazins die Vorfreude auf den Hauptact zusätzlich versüßte, allerdings auch um den Genuss der Vor- und Mit-Streiter TORIAN sowie CONTRADICTION brachte. Von letzteren gab es immerhin noch die letzten Riffs der Zugabe abzufeiern. Gesetzt den Fall, dass diese als repräsentativ gelten konnten, so hätte sich deren Set durchaus gelohnt. Die versammelte Zuschauerschar quittierte den Song dementsprechend mit begeisterten Rufen nach einer weiteren Zugabe...doch es stand ja noch einiges mehr auf dem Programm.

Im Anschluss an eine kurze Umbauphase ballerten 10-FOLD BELOW los, und schüttelten eine ordentlich druckvolle Mischung aus Thrash, Hardcore und Nu Metal aus ihrem ebenso derbe wie trocken gespielten Instrumentarium, gepaart mit einigen Death- und Melodic-Metal-Passagen aus der Kehle des charismatischen Frontmannes Thomas, welcher sich trotz der anfangs doch noch eher verhaltenen Publikumsreaktionen in bester Stimmung gab. Vielleicht hatte die Band schon von Vorneherein mit dem nicht so leicht zu beeindruckenden ostwestfälischen Publikum gerechnet, die bestens Songs ganz bewusst nach hinten und die ruppigsten Kracher entsprechend nach vorne gezogen, vielleicht brauchte ich auch einfach eine gewisse Einhörzeit in ihren mir noch unbekannten Stil; jedenfalls verschob sich der erste Eindruck eines eigenwilligen, gut bangbaren aber doch etwas monotonen Gebräus zunehmend Richtung nackenbrecherischer Metalpartysound. Interessant war auch das höchst unterschiedliche Bühnengebaren der einzelnen Bandmitglieder, denen nur eins gemeinsam schien - echte Charaktere zu sein: Shouter und Sänger Thomas schien geradezu darin aufzugehen, den Motivator des bis dato noch etwas spärlich gesäten Publikums zu geben, suchte immer wieder die Kommunikation und brachte in den Ansagen quasi stellvertretend die Spielfreude der gesamten Combo zum Ausdruck; Panicz stürzte sich förmlich in sein Schlagzeug wie ein wildes Tier auf seine Beute, dass es eine wahre Herrlichkeit war, doch auch die Saitenreißer gingen eindrucksvoll ans Werk: Der Mann am Bass schnellte aus hochkonzentriertem Spiel immer wieder weit ausholend hervor und kniete sich mächtig in die wuchtigen Riffs, während Dirk in souveräner Pose wachen Auges die Blicke schweifen ließ. Völlig ins Spiel versunken trug nicht zuletzt auch Gitarristin Steffi zur faszinierenden Ausstrahlung der durchweg sympathisch wirkenden Band bei.

Als dann die letzte Umbauphase einsetzte, waren der Schweißgehalt und die Temperatur im Raum doch schon merklich gestiegen. Das Team schleppte allerlei fledermausverziertes auf die Bühne, und als die einsetzende Lightshow die Hauptband ankündigte, erfüllte sogleich ein erster Jubel den mittlerweile gut gefüllten Raum.

OVERKILL rockten sofort hochmotiviert und hochprofessionell los, und obgleich die Motivation der Bandmitglieder ohrenscheinlich durchaus gleichmäßig verteilt gewesen sein durfte, stahl Frontmann Bobby Blitz seinen Mitstreitern doch von Anfang an die Show: Wie ein psychotischer Feuerteufel flippte der Sänger über die Bühne und füllte sie mit seiner hochenergetischen Präsenz: Sein ebenso diabolisch begeistertes wie selbstverjüngendes Grinsen erinnerte tatsächlich an einen als Straßenjungen verkleideten Loki, und ließ den ersten etwas abgehärmt wirkenden Eindruck vom in seltenen Ruhemomenten fast schon zierlich wirkenden Menschen mit dem im Scheinwerferlicht rotblond leuchtenden Lockenschopf im funkenschlagenden Nichts einer fiebrigen Show verglühen. Und was für eine Show ist das gewesen! Aus den auf manchen Alben etwas festgefahren wirkenden, im Laufe der Bandkarriere jedoch immer wieder variierten Stilen haben OVERKILL an diesem Abend eine gehörige Spannweite an Abwechslung herausgeholt und versorgten das moshende Publikum so mit überbordender Antriebskraft. Aus allen Rohren feuerten sie satten Thrash, punkige Heavy-Riffs, rockenden Power Metal, röhrende Soundmauern und schrille Speed-Soli in die pogenden ersten Reihen, zwischenzeitlich gab es sogar einen knochentrockenen, mächtig dicken und stählern harten Funkbass auf die Ohren. Symptomatisch für das, was in ausgereizter Form sowohl von Band wie auch von Publikum noch kommen würde, waren bereits die ersten Takte des Sets: Kaum waren die Klänge des Intros verklungen, schmetterte die zuvor noch harmlos klein wirkende Dame in der Reihe vor mir ihre die Körperhöhe in Sekundenbruchteilen nahezu verdoppelnde Haarpracht volle Lotte ins mächtig erschrockene Antlitz, und hätte ich da nicht noch meine Brille aufgehabt, so wäre ich wohl auf der Stelle erblindet, wenn nicht gar aufgrund eines naturpeitschenpürierten Augapfels verblutet. Von peitschenden Knüppelkrachern über sleazige Gossenhauer bis hin zu hymnischen Songs in gemäßigtem Tempo gab es dann auch musikalisch so einiges in die Fresse, denn egal welche Subgenre-Einflüsse auch gerade reinspielen mochten, stets handelte es sich um straighten und unverkennbaren Metal, wie ihn die Fans wohl auch erwarteten; von denen schienen auch entsprechend viele anwesend zu sein, wie sich aus den zahlreichen Skullkrusher-Shirts (neben anderen und auch einigen oldschool Blue Jeans Kutten) unschwer schlussfolgern ließ. Überhaupt schien sich außer dem typischen Metalpublikum kaum jemand hergetraut zu haben. Neben dem durchweg saftigen und auch gehörig laut aus den Boxen spritzenden Sound der Band sorgte vor allem der spinnenbeinige Blitz im eng anliegenden Black Denim für eine immer ausgelassenere positive Stimmung im Raum: Sofern er nicht durch aggressiv theatralische Gesten oder die halbe Bühne überspannende dynamische Moves die Menge anfeuerte, gab er seiner guten Laune durch diverse Kurzansprachen Ausdruck, in denen er auch immer wieder an die Zusammengehörigkeit der versammelten Metalgemeinde appellierte und die alleinseligmachende Bedeutung der Musik in den Vordergrund rückte. Sogar einige anfangs noch etwas rüpelig auch Unbeteiligte in ihre wilden Pogoattacken Einbeziehende beschränkten sich dann auch brav darauf, ihre überschüssigen Energien einzig und allein aneinander auszulassen, und so nahm die Party dann auch einen durchweg friedlichen Verlauf, selbst als zu fortgeschrittener Stunde sich der Boden in eine schweiß- und bier-benässte Schlitterbahn verwandelt hatte. Crowdsurfing, Headbanging, Moshen, Umfallen und Aufhelfen bis zum Exzess im Mittelfeld, eine durchaus ungewöhnliche Nähe zur Band in den ersten Reihen und eine immer noch gute Sicht aus den entspannteren Reihen im Hintergrund machten das Konzert für alle Anwesenden zu einem Ereignis, das einmal mehr unter Beweis stellte, dass es keineswegs immer große Hallen sein müssen, in denen die Stimmung überkocht. Nur gut, dass euer Rezensent vorausschauend nur seine alte Ersatzbrille mitgenommen hatte und sich so in der zweiten Hälfte des Sets auch selbst ins Getümmel der ausgelassen moshenden Körper schmeißen konnte, was besonders gegen Ende freilich zu einer immer glitschigeren Angelegenheit wurde, als immer mehr nicht gerade gladiatorisch anmutende nackte Oberkörper nichtsdestotrotz um keinen Deut weniger heroisch aneinanderklatschten. Bewundernswerterweise hielten es einige der dort Versammelten tatsächlich aus, das wilde Bewegungsprogramm fast konstant durchzuziehen. Da die Anwesenden jedoch keinesfalls so aussahen, als hätten sie Batterien einer einschlägigen Long-Life-Marke zum Frühstück verspeist, dürfte auch das auf die besondere Leistung der Band an diesem Abend zurückzuführen sein. Selbst ein sichtlich stark überhitzter Anzugträger mischte sich unters rempelnde Volk. Der Rest der Gemeinde huldigte den Priestern auf der Bühne nicht weniger frenetisch, als es zu mehreren Mitgröhlpassagen und schließlich dann doch an die unvermeidlichen Zugaberufe in zweiter Instanz ging. Hier ließen OVERKILL das Publikum dann auch entsprechend zappeln und sich weiter auspowern, bevor sie noch ein weiteres Mal richtig loslegten. Vermutlich ahnten sie da schon, dass sie sonst gar nicht mehr von der Bühne gekommen wären. Tja, sie sind eben in jeder Hinsicht Profis... (...und wie ihre Tourkumpanen von 10 FOLD B-LOW anderenorts verlautbaren ließen, geben sie sich hinter der Bühne genauso sympathisch wie darauf.)

Da euer Rezensent mit der OVERKILL-Diskografie nicht allzu gut vertraut ist und darüber hinaus beim Konzert selbst sich dazu hinreißen ließ, anstelle pflichtbewusster Dokumentation sich voll und ganz dem Abgehen hinzugeben, möge man über das Fehlen einer vollständigen Setlist an dieser Stelle bitte verständnisvoll hinwegsehen und statt dessen mit einer Aufzählung der aus seiner persönlichen Sicht größten Highlights des Abends in alphabetischer Reihenfolge Vorlieb nehmen:

Elimination
Hello From The Gutter
In Union We Stand
Nice Day For A Funeral
Old School
Rotten To The Core
Thankx For Nothin'
Wrecking Crew

Redakteur:
Eike Schmitz

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