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Wave-Gotik-Treffen 2002 - Leipzig

06.06.2002 | 14:32

17.05.2002, diverse Veranstaltungsorte

Einmal im Jahr zu Pfingsten versammelt sich alles Schwarzvolk, das über ausreichend Zeit und Silberlinge verfügt, auf der weltweit größten Zusammenkunft dieser Art in Leipzig: Das Wave-Gotik-Treffen – nunmehr das bereits elfte – liegt hinter uns, und nachdem alle Konzertberichte verfasst sind, ist es Zeit, Resümee zu ziehen.

Trotz des Unbills der letzten zwei Jahre – Pleitekatastrophe 2000 und Sintflut 2001 – hat es wieder 17.000 schräge Gestalten zum Veranstaltungsort gezogen, wo es mehr als 150 Bands, Mittelaltermarkt (leider wieder recht klein und wenig beeindruckend), Heidnisches Dorf (kleiner als zuvor, aber sehr gemütlich und beschaulich), Lesungen, Filme, Partys, Verkaufsmarkt und noch einiges mehr zu erleben gab, und das diesmal bei angenehmem Wetter, bis auf einen Tag Nieselregen.

Das WGT ist ein Festival besonderer Art, wo es mehr um das Zusammentreffen und Beieinander geht als um das Abklappern von Konzertauftritten. (Doch keine Sorge, da wir ein Musik-Magazin sind, wird es eine satte Dosis Konzertberichte geben und das Hauptaugenmerk auf den Bandauftritten liegen.) Und so verbrachte mancher seine Zeit auch vornehmlich auf dem Zeltplatz, bei den Mittelaltermärkten, auf Partys oder schlenderte über die Schwarze Verkaufsmeile. Wer überwiegend der Bands wegen vor Ort ist, hat immer das Problem, dass sieben der zwölf Veranstaltungsorte den Konzerten dienen und über ganz Leipzig verteilt sind, so dass man auch diesmal schweren Herzens auf den einen oder andren musikalischen Liebling verzichten musste. Ein Genuss für sich war auch diesmal bereits das Begutachten all der seltsamen Gestalten, die sich einfanden. Kaum jemand, der sich nicht schwer in Schale geworfen hatte, sei es in Form von Fetisch-Kleidung, mittelalterlicher Gewandung oder gotischer Aufmachung.

Etwas irritierend war die Tatsache, dass Leipzig auf das gleiche Wochenende das Turn- und Sportfest gelegt hatte, das mit seinen weit über 100.000 Gästen für eine zusätzliche Belastung der Verkehrswege sorgte – und den Straßenbahnwaggons, die sonst zu dieser Zeit fest in schwarzer Hand waren, den einen oder anderen Farbklecks hinzufügte. Man beäugte sich zwar etwas misstrauisch auf beiden Seiten, doch das Zusammentreffen zwischen Sportlern in Turnerkleidung und Schwarzvolk in Lack und Leder und nietenbewehrt verlief durchweg entspannt.

Nicht ganz so entspannt verlief die Nacht vom Samstag zum Sonntag am Völkerschlachtdenkmal und dem Haus Leipzig – dank der famosen Medienberichte der letzten Zeit. Da wir Schwarzvolk ja gern alle als faschistoide (Die Gothic-Bewegung ist aus der Punk-Szene entstanden; schönen guten Morgen an SPIEGEL und BILD.), gewalttätige potentielle Amokläufer und Ritualmörder pauschalisiert werden, meinten Gruppen von linksradikalen Jugendlichen, Konzertbesucher abfangen und tätlich angreifen zu müssen. Exzellente Leistung, Applaus bitte. Aber seit Neuestem sind ja selbst Spieler von Ego-Shootern und Metaller asozial und gefährlich. Mit etwas Anstrengung artet die seit dem Ruda-Mord verstärkt betriebene MeinungsBILDung bald in Randgruppenhetze aus, die nicht ohne Folgen von Gewalt bleiben wird. Aber garantiert nicht von unsrer Seite aus.
Das WGT verlief von Seiten der Besucher wie immer völlig gewaltlos, selbst die Zahl der „Bierleichen“ oder auftretender Vandalismus bleiben im Vergleich mit andren Veranstaltungen dieser Form stets weit zurück.

So ganz reibungslos verlief auch der Einsatz der Security nicht wirklich, von denen – glücklicherweise nur – einige wenige hier und dort meinten, ihre Position ausspielen zu müssen und sich etwas überzogen aufspielten, selbst Presseleute, mit teurer Fotoausrüstung schwer bewaffnet und offenkundig in Eile – man darf nur während der ersten drei Songs einer Band in den Graben vor der Bühne – wurden genüsslich ausgebremst. Und gewaltlos ging es auch nicht ab, mir wurde von Augenzeugen von einem besonders herben Fall von körperlicher Gewalt berichtet; die Fotos des Vorgangs sind leider nichts geworden. Aber im Großen und Ganzen gab es – wieder mal bis auf mangelnden Informationsfluss – mit den Sicherheitsleuten keine Probleme.

Einen kleinen Zwischenfall gab es noch wegen der Performance eines Fetisch-Artikel-Anbieters auf dem großen Treffen-Markt, die wegen Überschreitung gesetzlicher Grenzen bei der pornographischen Darstellung abgebrochen werden musste. Das schien allerdings beim Auftritt der Band THE GENITORTURERS irgendwie niemand gestört zu haben – künstlerische Freiheit? Schade jedenfalls, dass ich keins von beiden Schmankerln selbst miterleben konnte, hehe. Wo wir schon beim Treffen-Markt sind: Natürlich wurde auch wieder reichlich dem Konsum gefrönt, der Markt hielt überwiegend Kitsch zu deftigen Preisen bereit, aber auch nette Schnäppchen hier und dorten; und die Preise für Speis und Trank waren allerorten durchaus taschenleerend.

Organisatorisch haben die Veranstalter in jedem Fall dazugelernt, fast jede Veranstaltung fand wie geplant statt, wenn man von kleinen technischen Verzögerungen absieht. Ärgerlicherweise musste ausgerechnet der Auftritt von PERSEPHONE einen Tag vorverlegt werden, was nicht mehr ausreichend verkündet werden konnte, so dass niemand von uns eines dieser ohnehin sehr seltenen Konzerte begutachten konnte.

Was die Bands angeht, so gab es diesmal zwar kaum allgemeine Größen wie WITT, CAMOUFLAGE oder ALPHAVILLE wie in den Vorjahren zu bestaunen, aber es wurden dennoch schwere Geschütze aufgefahren mit Highlights wie THE MISSION, SOFT CELL, GOETHES ERBEN, MOONSPELL, FRONTLINE ASSEMBLY oder HAGGARD. Überdies hielt das „Feuertanz-Festival“ am Montag mit zum Beispiel SCHOCK, MILA MAR, SCHANDMAUL, IN EXTREMO oder SUBWAY TO SALLY nicht nur für Schwarzvolk, sondern auch für die Kilt-Träger unter uns so einiges bereit.

Trotz kleiner Unannehmlichkeiten war das Treffen in Sachen Freundeskreis, Zelten, Konzerte, Mittelaltermärkte und Wetter diesmal ein absoluter Genuss und einen Kurzurlaub wert. Wenn der Geldbeutel mitspielt, darf man sich bereits nächstes Jahr zu Pfingsten vom 6. bis 9. Juni auf ein weiteres Wave-Gotik-Treffen zu Leipzig freuen.

Meinen besonderen Dank an dieser Stelle für die Hilfe der Leute von gothicparadise.de und einige Freunde von Pro7 online / Red7, die den Versuch einer Abdeckung des Festivals überhaupt erst möglich gemacht haben.

Andreas J.

Redakteur:
Andreas Jur

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