AXEL RUDI PELL: Interview mit dem Maestro himself

16.03.2026 | 21:42

Doppelt genäht hält besser. Nachdem ich bereits 2024 das Vergnügen hatte, darf ich erneut mit AXEL RUDI PELL über sein aktuelles Album sprechen, das den Namen "Ghost Town" trägt. Und dabei wurde viel gelacht.

Hallo Axel, erstmal herzlichen Glückwunsch. Deine letzten Alben fand ich allesamt gut bis richtig gut, aber "Ghost Town" ist sehr gut geworden. Das hat dieses spezielle Etwas, das den anderen Alben irgendwie fehlt.

Ja, du hast es richtig erkannt. Sehe ich genauso, kein Witz. Der Johnny (Gioelli, Sänger) ruft mich normalerweise nie an, wenn er ein Album zum ersten Mal hört, aber diesmal hat er mich angerufen und meinte: "Wirklich, Axel, seitdem ich seit 1998 in der Band bin, ist das, glaube ich, das beste Album, was wir jemals zusammen gemacht haben. Kann das sein?" 
Ich sage: "Johnny, genau so sehe ich es auch!" Und Du hast es auch erkannt. (grinst)

Mit deutscher Gründlichkeit, alle zwei Jahre in jedem geraden Jahr, gibt es ein neues AXEL RUDI PELL-Album. Ist das so eine Art kleiner Masterplan? Oder ist das einfach der Kreativität geschuldet, wenn ein Album fertig ist, dann nehmen wir es auf und veröffentlichen es auch?

AxelDas ist so. Ich sage mal, die Leidenschaft in mir, die brennt ja noch. Die Flamme ist da, das Feuer brennt. Ich kenne das gar nicht anders, ich schreibe unheimlich gerne neue Songs. Ich habe da auch immer eine Gitarre in der Hand, kreiere ein Riff, was dann gut ist oder auch mal weniger gut. Manchmal fallen mir Melodien ein, die sammle ich immer über mehrere Monate. Und irgendwann merke ich schon, ich muss da jetzt richtige Songs draus machen. Wenn ein Album fertig ist, dann gehe ich zum nächsten Album, wie immer. Und dann rufe ich die Plattenfirma an, ich sage: "Mein neues Studioalbum steht an, wie sieht es mit einer Veröffentlichung dann und dann aus?" Und die Jungs nur so: "Ja, ja, alles gut, machen wir, super! Perfekt." Ist alles ganz easy.

Könnte es auch mal sein, wenn dir mal nichts einfällt oder du einen längeren Urlaub machst, dass ein Album auch mal drei Jahre dauert?

Ich sage mal, nichts einfallen gibt es bei mir eigentlich gar nicht. Im Gegenteil. Mir fällt schon zu viel ein eigentlich. Ich suche selbstverständlich immer die besten Rosinen raus, logischerweise. Klar, ich komponiere auch manchmal Riffs, wo ich mich frage, was hat mich da geritten? Das wird dann sofort verworfen, da kümmere ich mich gar nicht mehr drum, das kommt dann in den Abfall. Aber drei Jahre kann ich mir ehrlich gesagt überhaupt nicht vorstellen. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Jetzt machen die Knochen noch mit. Vielleicht habe ich in einem oder in zwei Jahren Gicht, dann geht es nicht mehr. Also muss ich alles raushauen, was noch geht.

Inwieweit unterscheidet sich denn aus deiner Sicht "Ghost Town" von "Risen Symbol"?

Das Cover sieht anders aus, es sind andere Titel drauf... (lacht)
Ich hasse die Frage, die stellen so viele... Da sage ich immer: Du musst die Platte schon selbst anhören. 
Aus meiner Sicht sind natürlich auf dem neuen Album bessere Songs drauf. Finde ich wirklich. "Ghost Town" ist flüssiger, es ist insgesamt spannender. Man kann das Ding von vorne bis hinten durchhören, ohne dass es langweilig wird, denke ich. Die Produktion ist auch ein bisschen wuchtiger, die Drums kommen mehr raus. Die Rhythmusgitarren sind nicht mehr ganz so kratzig. Da haben wir auch viel dran gearbeitet. Die sind ein bisschen mächtiger und klingen besser. Also alles ist irgendwie besser. 

Da hast du mir die Frage, die ich als nächstes stellen wollte, nämlich ob ihr bei der Produktion der Gitarren irgendwas anders gemacht habt, vorweggenommen.

Ja, wir haben mit dem Sound ein bisschen rumgetüftelt, haben weniger Verzerrung, haben andere Sachen mehr nach oben gefahren, wie auch immer. Manchmal habe ich auch andere Gitarren-Modelle gespielt. Alles passte super diesmal, perfekt, ich bin total glücklich. 

Ich hatte das Gefühl, dass der Gitarrensound insgesamt wärmer klingt als auf den letzten Alben.

Ja, ja, absolut, absolut. Der klingt nicht mehr so... mh... ich sag mal, auf manchen Alben war er mir im Nachhinein zu kratzig, zu schrill. Teilweise kam der Sound nicht so richtig durch und war zwar laut, aber ich war nicht hundertprozentig zufrieden. Aber diesmal bin ich hundertprozentig zufrieden.

band1Als ich das Album das erste Mal in einem Rutsch durchgehört habe, habe ich mir tatsächlich gedacht, diesmal ist es vom Songmaterial her ein bisschen mehr BLACK SABBATH aus der DIO/Tony Martin-Ära und weniger RAINBOW.

Kann durchaus sein, aber das war nicht beabsichtigt, das ist vielleicht im Unterbewusstsein bei mir in der Entstehungsphase passiert. Weil ich natürlich die geile DIO-Phase von BLACK SABBATH inhaliert habe, die ist gefressen, die ist bei mir im Hirn abgespeichert. RAINBOW natürlich auch, DEEP PURPLE, die Anfangstage der 70er, Alben wie "Made In Japan", "Machine Head", das ist auch alles abgespeichert, auch UFO, MICHAEL SCHENKER. Und daraus habe ich natürlich irgendwann mal den eigenen ARP-Stil entwickelt. Aber diesmal kommt es auch sehr gut rüber, wie gesagt, alle Songs sind mega. Ich freue mich über das Album. 

Ich finde, das Album atmet mehr, da ist mehr Luft drin. Die Gitarren nehmen sich auch öfter mal zurück. Es gibt sogar ein paar Songs, wo man in den Strophen teilweise gar keine Gitarre hört.

Richtig, und das habe ich bewusst so gemacht. Der Opener-Song nach dem Intro, 'Guillotine Walk', da ist es zum Beispiel so, da fängt das Gitarrenriff an, die ganze Band kommt, aber in den Strophen, da sind überhaupt keine Gitarren zu hören. Da ich habe mir gedacht, das ist nicht vonnöten, weil es dem Song mehr gibt, wie du schon sagst, mehr Atmung, es ist mehr Platz da für die Vocals mit dem leicht melancholisch gespielten Keyboard-Sound, das blüht da mal mehr auf und das hätte die Gitarre nur versaut, sage ich mal.

'Guillotine Walk'



https://www.youtube.com/watch?v=ACpsJoBtlik

Melancholie ist ein gutes Stichwort. "Ghost Town" hat, wie ich finde, eine ganz eigene Stimmung, anders als die anderen Alben. Natürlich ist es ein ARP-Album, aber es hat so eine schöne durchgehende Stimmung, selbst die rockigen Songs bringen eine gewisse Melancholie rüber, ohne dass das Album irgendwie depressiv wird.

Das würde auch gar nicht zu mir passen, ich bin kein depressiver Mensch. Ich freue mich ja immer, ich lache den ganzen Tag, wenn ich kann. Nee, alles ist super, mir geht es gut. 
Aber wie du schon sagst, Melancholie zieht sich durch. Ich arbeite sehr gerne mit Moll-Akkorden. Ich kann auch nur, ehrlich gesagt... Also wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich auch nur auf Moll ein Solo spielen. Auf Dur zum Beispiel, die BEATLES haben ja viel in Dur aufgenommen, da kann ich absolut überhaupt nicht mit klarkommen. Es würde mir auch gar nicht in den Sinn kommen, einen Song in Dur zu komponieren. 
Ich glaube, ich habe das vielleicht einmal gemacht, oder? Keine Ahnung. Aber diese Moll-Akkorde, leicht mit den Keyboards unterlegt, wo die Quarten und die Quinten drin sind... das habe ich irgendwie inhaliert bei diesem Album.

'Breaking The Seals' ist ein Duett mit Udo Dirkschneider. Hast Du den Song mit Udo im Hinterkopf komponiert oder hat sich das im Nachhinein ergeben?

Das war Zufall. Als ich den Song als Demo fertig hatte, habe ich mir gedacht, Mensch, das klingt so ein bisschen wie ACCEPT Anfang der 80er, so in Richtung vom "Breaker"-Album. Da habe ich mir gesagt, das ist eine gute Idee, den Udo mal zu fragen. Ich habe erst meine Bandmitglieder gefragt, was die davon halten, die meinten aber nur: Ja super, mach! 
Ich kenne Udo auch schon über 40 Jahre. Wir treffen uns immer bei Festivals und sagen: "Hi, wie geht's, alles gut" und wie auch immer. Bei so einer Gelegenheit habe ich ihn dann angesprochen und er meinte, er würde es machen, er hat auch zu dem und dem Zeitpunkt Zeit, aber er will den Song erst hören. Vielleicht passt das ja auch gar nicht zu ihm, vielleicht mag er den ja auch gar nicht. Dann habe ich ihm den Song geschickt, den Johnny schon komplett eingesungen hatte und ich habe ihm die Zeilen dann markiert, die er meiner Meinung nach zu singen hätte - wenn er denn gerne möchte.
Hat er sofort gemacht, der Udo, perfekt, easy, schnell, alles gut. Ich habe Udos Handynummer gar nicht, muss ich sagen, ist aber auch nicht schlimm. Ich hatte aber die von seinem Manager, von daher war das überhaupt kein Thema, es läuft über das Management, aber das wird dann sofort weitergetragen.

Das wäre der zweite Teil der Frage gewesen. Läuft das über das Management oder hat ein AXEL RUDI PELL die Handynummer von Udo Dirkschneider?

Wie gesagt, die Nummer habe ich immer noch nicht, aber die brauche ich auch nicht, ist ja alles gut. Ich bin jetzt auch nicht so ein Typ, der ein Handy hat, wo er sagt, guck mal, die kenne ich, von denen habe ich alle die persönlichen Handynummern. Ist ja Bullshit, braucht keine Sau. Man kriegt sich irgendwie über irgendwelche Ecken, Vitamin B und so, der eine kennt den einen und dann hören wir dann, ja, ich kann dir die Nummer geben oder die E-Mail-Adresse oder wie auch immer, das passt schon.

Beim letzten Mal haben wir uns schon darüber unterhalten, dass du eigentlich permanent im Songwriting bist und dass es dir passieren kann, dass du an der Wursttheke irgendwelche Melodien ins Handy summst. Wo kommen denn die Texte bei dir ins Spiel?

Also erstmal muss ich sagen, bei diesem Album stand ich nicht an der Wursttheke. Ok, da stand ich zwar, aber da ist mir nichts eingefallen. Es gab also keinen peinlichen Moment im Supermarkt und auch nicht an der Fleischtheke. Die Texte, also meistens, wenn ich einen Song schreibe, ich habe natürlich erst die ganzen musikalischen Sachen im Kopf und habe dann meistens schon einen Songtitel.

'Ghost Town'



https://www.youtube.com/watch?v=34ZaILEaUj4

Ich weiß nicht, warum das so ist. Bei 'Ghost Town' zum Beispiel, da waren die Worte 'Ghost Town' da und dann baue ich den Text darum herum, dann habe auch Bilder im Kopf und passe den Text dann halt an. Manchmal dauert das ein bisschen länger, manchmal geht es relativ schnell, je nachdem. Aber alles halb fiktiv, also hat nichts mit mir persönlich zu tun. Es sind alles fiktive Geschichten. Ich war noch nicht auf dem 'Guillotine Walk', nein, nein. (lacht)

Wortkombinationen wie 'Ghost Town' oder 'Holy Water', ergeben die sich aus dem, was du gespielt hast? Oder kann das auch mal völlig unabhängig sein, dass dir bei irgendeinem Film oder sowas was einfällt, wo du sagst, Mensch das klingt geil und du dann guckst, zu welcher musikalischen Idee kann das passen?

Tatsächlich beides, sowohl als auch. Manchmal habe ich einfach so Ideen, wie du schon sagtest, wo ich einfach finde, das klingt ja jetzt mega, muss ich mir merken. Dann schreibe ich mir das auf oder spreche es in mein Handy rein, in mein Diktiergerät (lacht dreckig) und bastle da was drumherum. Das ist schon passiert, aber eher selten. Meistens ist es so, dass ich mir den Song anhöre oder wenn ich beim Schreiben bin, dann fällt mir spontan ein Titel ein. Woran das liegt? Ich habe keine Ahnung, ich weiß es nicht. The Magic has to be right in the air.

Ghost TownIch hätte mir bei einem Songtitel wie 'Ghost Town' zum Beispiel vorstellen können, dass du beim Songwriting so eine Melodie mit einem Western-ähnlichen Vibe hattest und dann: Mensch, das klingt so nach, "dass hier Tumbleweed durch die Wüste geweht wird".

Gar nicht! Wenn du das Cover siehst, dann hat das auch gar nichts mit einer Ghost Town-Westernstadt mit umherrollenden Strohballen oder Heuballen zu tun. Auf dem Cover ist die "Ghost Town" im Mittelalter, wo der Geist allein vorne auf der Brücke steht, alle anderen sind tot, kaputt, weg. Ich habe keine Ahnung, wo die sind, kann sich jeder selbst ausmalen. Aber es hat mit einem Western-Thema nichts zu tun, sollte es auch von Anfang an nicht. Aber es klingt für mich halt trotzdem nach einer Geisterstadt – nur eben im Mittelalter. 

Du hattest gerade schon gesagt, die Texte sind rein fiktiv. Du benutzt die fiktiven Ebenen also nicht, um persönlichen Inhalt rüberzubringen?

Nein, überhaupt nicht, gar nicht. Die Texte sind weder politisch noch haben die irgendwas mit mir, meiner Person oder Umfeld zu tun. Die sind rein aus den Fingern gesogen und passend zum Songtitel, basteln wir irgendwas zusammen, was dann nicht nur schön klingt, sondern auch Sinn ergibt.

Gibt es denn auf dem Album vielleicht doch ein, zwei Texte, zu denen du inhaltlich vielleicht was verraten möchtest?

Ja, zum Beispiel 'Enemy Within', einer meiner Lieblingssongs vom Album, da geht es um den inneren Schweinehund und den inneren Dämon, der meistens gewinnt, den jeder Mensch in sich trägt. Und wenn man in den Spiegel guckt, sieht man ihn manchmal, manchmal nicht, dann thront er über dir, gewinnt manchmal eine Überhand, manchmal auch nicht, was auch gut ist. Bei mir ist der innere Schweinehund, mein Dämon, das Rauchen. Ich rauche zu viel, definitiv. Das weiß ich auch. Und irgendwann mal, selbst wenn ich in einer Fleischkiste liege, werden da wahrscheinlich immer noch irgendwelche Nikotinschwaden aufsteigen... Das ist halt so. Das ist jetzt zum Beispiel nur ein persönliches Beispiel, wie auch immer.

Du hast schon gesagt, 'Guillotine Walk' handelt von jemandem, der auf dem Weg zum Schafott ist. Das könnte man auch so interpretieren, dass man auf dem Weg, was weiß ich, in das Büro vom Chef ist, um ein sehr unangenehmes Gespräch zu führen.

Du hast das völlig recht, ja, da kann jeder hineininterpretieren, was er gerne möchte. Ich finde, das ist auch gut, wenn man einen Song hat und auch Texte hat, wo sich jeder ein eigenes Bild machen kann. Das finde ich cool, ja.

Ein Stück, was mich wirklich beeindruckt hat, ist 'Towards The Shore'. Sowohl musikalisch als auch vom Text her, finde ich das absolut großartig.

Danke, du bist der erste Journalist, der mir das sagt, der diesen Song hervorhebt. Die anderen sind immer bei 'Sanity', beim Titelsong, auch beim letzten Song, 'Higher Call'. Aber du bist wirklich der erste und das freut mich sehr, denn ich mag den Song auch sehr gerne. Ich finde, der Text ist mir auch sehr gut gelungen. Überhaupt, der ganze Song ist cool. Das ist der Lieblingssong vom Ferdy (Doernberg, Keyboards). Und das nicht, weil da jetzt Klavier drauf ist, das hat er sofort gesagt, als er den das erste Mal gehört hat.

Wenn du an das neue Album denkst und daran, dass ihr demnächst auf Tour geht, weißt du schon, welche von den Songs für die Live-Performance gesetzt sind?

Von den neuen? Ja, ich habe einen Plan! Ich habe jetzt vor zwei Tagen die Setlist fertig gemacht. Verraten werde ich jetzt sowieso nichts. 
Wir müssen auch erst mal gucken. Es ist manchmal komisch, wenn man eine Setlist macht... Bei der "Risen Symbol"-Tour zum Beispiel, da war ja die erste Single aus dem Album 'Guardian Angel'. Wir waren sicher, das ist bestimmt live eine tierische Abgeh-Nummer. Wir haben das Ding am Anfang der Tour zweimal live gespielt, und haben festgestellt, da passiert überhaupt nichts. Das ist kein Live-Song. Das Stück haben wir sofort wieder aus dem Programm genommen. Sowas kann auch passieren.
Manche Songs sind halt nur Album-Songs. Die kommen live überhaupt nicht an, beziehungsweise kommen nicht rüber beim Publikum. Ich hatte auch schon mal vor ein paar Jahren, wie hieß der Song, 'Long Live Rock' mit einer tierischen Gitarre, einem mega Riff, so ein Mitklatsch-Ding und auch mit einem geilen Chorus. Den haben wir auch drei, vier Mal live gespielt und auch da passiert überhaupt nichts. Da habe ich mir auch gedacht, ich habe wahrscheinlich eine andere Denkweise als das Publikum, keine Ahnung. Den haben wir dann auch aus dem Programm genommen. Manche Songs funktionieren halt nicht und manche sind mega.

'Sanity'



https://www.youtube.com/watch?v=g_CLh4aq1Gs

Was spielst du lieber? Eine langsame Ballade oder lieber die schnellen Nummern?

Beides. Das ist relativ schnurz. Ich spiele beides gerne, denn ich habe die Dinge ja alle komponiert, meistens jedenfalls - es sei denn, wir spielen gerade eine Coverversion!  

Könntest du dir vorstellen, die Setlist einfach mal komplett auf den Kopf zu stellen, so wie MAIDEN das bei jeder zweiten Tour macht und bis auf ein, zwei Standards alles rauszukegeln und nur Deep-Cuts zu spielen? Nicht unbedingt komplette alte Alben, aber Songs, die ihr schon lange nicht oder sogar noch nie live gespielt habt?

Ja, ich habe auch schon mal darüber nachgedacht. Du bist nicht der Erste, der das fragt. Ich sage immer ein klares Nein, weil aus dem einfachen Grund, wir haben so viele Klassiker, wenn wir die alle weglassen, bis auf zwei und hauen da ganz andere Songs rein, dann sind die meisten Leute enttäuscht und sagen, was war das? Die haben nicht 'Masquerade Ball' gespielt, die haben nicht 'Oceans Of Time' gespielt, die haben nicht mehr 'Mystica' gespielt, die haben nicht mehr 'Rock The Nation' gespielt. Das geht nicht, das können wir nicht bringen, weil es sind ein paar Songs, es sind noch mehr Songs, die wollen die Leute einfach hören und die bringen wir auch immer und du kannst es nicht ändern und ich habe da keinen Bock, wir sind nicht so fett wie MAIDEN, die Arenen füllen, die sich das erlauben können. Also von daher, nein.

Also ein ganz klares Nein.

Genau, nein! Aus, aus, das Interview ist aus! (lacht)

Ich muss gestehen, ich habe dieses Interview recht kurzfristig bekommen und wir machen das ja auch neben unseren ganz normalen Jobs. Ich habe das Album vier, fünf Mal komplett gehört und habe dann an den Fragen gesessen und es ist ja immer, wenn man einen Künstler hat, wo sich - in dicken Anführungszeichen - nicht viel getan hat, sprich: Wir haben keine Skandale, wir haben keine Umbesetzung, wir haben keinen radikalen Stilwechsel, da wird es irgendwann schwierig, Fragen zu finden. Ich habe mir gedacht, ich frage jetzt mal dieses ominöse und in aller Munde befindliche Chat-GPT, was es AXEL RUDI PELL fragen würde.

Das ist ja eine mega Idee... (lacht) Echt, das finde ich total interessant. 

Und es ist tatsächlich recht lustig, was da alles bei rauskommt. Vieles ist generischer Standard, aber einiges war schon originell. Ich habe nichts davon verwendet und schon gar keine kompletten Fragen, sondern mich nur ein wenig inspirieren lassen. Die Frage nach der Setlist war zum Beispiel eine, die Chat-GPT rausgeworfen hat, aber wie ist das bei dir? Benutzt du KI in irgendeiner Art und Weise?

Nein! Ah, ja doch - die Cover mache ich ja mit KI, ich bin also mittlerweile, was Bilder angeht, ein KI-Weltmeister, also schon nicht mehr Champions League, ich mache ja auch meine T-Shirts, und alle meine Motive selbst. Ich habe mittlerweile auch Anfragen von anderen Bands gekriegt, um für die was zu machen, obwohl da mein Name nicht auftaucht, aus welchem Gründen auch immer. Also ich sage mal, KI-Bilder ja, aber was Musik angeht, nein. Ich habe mich auch damit beschäftigt, ich habe mir zwei Programme heruntergeladen, ich weiß es gar nicht mehr, ich habe die noch im Rechner gespeichert, müsste ich nachgucken.

Daran habe ich mich mal versucht und habe dann einfach eingegeben, schreib mir einen Song im Stil von AXEL RUDI PELL. Dann kam sofort, geht nicht, weil sobald du einen Namen eingibst, sträuben die sich, dürfen die gar nicht. Das heißt, dann habe ich gedacht, okay, dann spiele mir ein Solo oder einen Stil von einem blonden Gitarristen aus Deutschland, aber das klang nur scheiße. Da habe ich gesagt, Gott, ich brauche es dann nicht, wie gesagt, ich habe genug eigene Ideen, noch genug Riffs und Melodien im Kopf. Irgendwann mal wird das wahrscheinlich möglich sein, dass du einen Befehl gibst, dann kommt irgendwie was raus, das nach AXEL RUDI PELL klingt. Aber nee, KI ist nicht meine Welt, was Musik angeht. 

Die Cover machst du alle schon seit Längerem mit KI selbst?

Risen SymbolNein, erst seit "Risen Symbol", davor habe ich Coverzeichner gehabt oder Leute, die das für mich kreiert haben. Aber ich hatte mich mit dem Thema KI, weil ich es spannend fand, was Fotos beziehungsweise Motive angeht, richtig intensiv beschäftigt. Und da habe ich mir gesagt, ich versuche jetzt mal, mein eigenes Cover zu machen, weil ich da teilweise Bilder bei manchen Programmen gesehen habe, die waren wirklich beeindruckend. 
Das hat aber ziemlich lange gedauert. Die Befehle, die man eingibt, nennt man ja Prompts. Um die Prompts so zu formulieren, dass wirklich etwas halbwegs Brauchbares rauskommt, ist gar nicht so einfach. Wenn man nur ein Wort irgendwie leicht verändert, dann kommt da was völlig anderes raus, das in eine völlig andere Richtung geht. 
Mittlerweile habe ich aber ein Programm, ich sage dir jetzt aber nicht welches, das ist so geil, das ist wirklich absolut top, viel besser als das Programm, was ich noch bei "Risen Symbol" hatte. Das ist zwar auch gut, aber das Neue ist halt mindestens zehnmal so gut, wenn nicht sogar noch mehr, ha! Also das macht Spaß und was Fotos angeht, was T-Shirts angeht, alles cool, aber sonst nicht.

Bei dem neuen Cover hätte ich es ehrlich nicht gemerkt. Das Einzige, was nicht ganz so gelungen ist, sind die Bandfotos, die Musiker sehen da so ein bisschen in den Hintergrund reingeschubst aus.

Das ist ja ein Ding, das ist ja ein Skandaaaaal! Ja, die Bandfotos... das war eben eine Aufnahme, die wir im Proberaum gemacht haben, da war alles schmutzig, da stand eine Cola irgendwo, da lagen Zigaretten rum, das kannst du natürlich nicht veröffentlichen. Daher habe ich die Musiker aus den Bandfotos komplett aus dem Bild freigestellt und habe was gebastelt, was allerdings auch relativ schnell gehen musste, deswegen sieht es teilweise ein bisschen künstlicher aus. Ein paar der Bilder, eins oder zwei sind ganz gut, aber scheiß der Hund drauf.

Wie gesagt, da gibt es wesentlich schlechtere Bandfotos und das war das Einzige, wo ich gedacht hätte, okay, da sieht man vielleicht, dass es kein Profi gemacht hat. Aber beim Cover wäre ich im Leben nicht draufgekommen. Was anderes: Die Schriftart, die Fonts, die du da drauf genutzt hast, sowohl für das AXEL RUDI PELL-Logo als auch für die Titel, sind das speziell für dich designte, gehören die dir?

Was meinen Namen angeht, mein Namensschriftzug, das ist irgendwann mal von dem Chefgestalter von METAL HAMMER entworfen worden. Der hat das irgendwie von so einem alten, ich glaube, die Dinger hießen Letraset-Bögen oder so, abgeknibbelt. Das ist kein Font, den kannst du nirgendwo kriegen, es gibt auch wirklich nur AXEL RUDI PELL davon.
Den gibt es nicht so, denn der ist nur für mich so entstanden und den benutze ich immer noch. Hat sich so eingebürgert. Und das andere ist ein ganz normaler Font, den kann man kaufen. Ich sag Dir aber nicht, wie der heißt (grinst). Also nö, der ist nicht speziell für mich entwickelt, aber den benutze ich auch mittlerweile, ich glaube, schon 20 Jahre oder länger. Den habe ich irgendwann mal gekauft, weil ich den so cool fand und passt auch immer. 

Das ist ein echter Wiedererkennungseffekt!

Danke.

Wenn ich richtig informiert bin und das Internet nicht lügt, wirst du dieses Jahr 66 Jahre alt.

Gespräch is vorbei, tschüss! (lacht)

Ja, leider ist es so. Ich kann den Udo Jürgens-Song bald singen (lacht schmutzig). Ich habe schon bei meinem 65. im letzten Jahr meine neue bayerische Freundin, die hat mir einen Gefallen getan und hat dann in meinem Wohnzimmer oben in meinem Haus, da hat sie so große Ballons gehabt, die 6 und die 5. Und als ich immer daran erinnert wurde, wie alt ich denn bin. Ich sage, mach die Dinger ab... (lacht). Ich muss das jeden Tag bis morgen sehen. (lacht)

Was ich eigentlich fragen wollte, was glaubst du, woran liegt das, dass Leute heutzutage in diesem Alter, ich werde auch 54 dieses Jahr...

Was 54? Echt? ... Du siehst echt keinen Tag jünger aus! (lacht schmutzig) ... war nur ein Scherz.

Warum glaubst du, dass die Leute heutzutage so anders aussehen? Wenn ich an Bilder meiner Eltern in dem Alter denke...

Ich weiß, was du meinst. Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Aber erstmal ist das erschreckend, dass man jetzt im gleichen Alter ist wie alte Leute. Aber es ist ja wirklich so, wenn ich zurückdenke an meine Jugend, als ich aufgewachsen bin, in den 60er Jahren, Ende der 60er, man hat draußen Fußball gespielt, und da war immer die Oma, die lag immer so in so einem geschmierten Top, so einer Schürze, im Küchenfenster. Die Leute waren wahrscheinlich noch jünger als ich jetzt. Ja, die Leute haben sich so verändert, ich weiß nicht, woran das liegt.

Bestimmt am Heavy Metal.

Wahrscheinlich, Musik hält jung.

Gibt es irgendwas, was dich jenseits der Musik begeistert?

Band 2Ja, KI. Ich könnte mich tagelang nur mit KI beschäftigen und irgendwelche Sachen kreieren oder Kunstwerke. Schöne Sachen basteln. Ansonsten, ich fahre gerne Auto. Musik, Autos, Mädels. (kichert) Ich habe keine Briefmarkensammlung. Obwohl ich die manchmal gerne zeige... (lacht dreckig)

Worüber kannst du herzlich lachen? Welche Art von Humor spricht dich an?

Hinterlistigen, der nicht sofort offensichtlich ist. (hustet) Boah, ein harter Winter noch, dann ist es vorbei... Wo waren wir? Ach ja, bei Comedians. Ein Comedian, den ich unheimlich mag, ist Dieter Nuhr. Oft sehr intelligent und spricht mir manchmal aus der Seele. Und Markus Krebs, aber der haut ja nur die Flachwitze raus. Bei dem war ich ja mal im Podcast. Der müsste mal was Neues machen, der wiederholt sich häufig, aber ist trotzdem ein superlustiger Kerl. Hans Werner Olm, da könnte ich mich fett lachen, aber der ist ja leider kaum noch im TV zu sehen. Mega!

Torsten Sträter?

Ja, finde ich auch super! Am Anfang habe ich gedacht, der liest ja alles ab, weil der ja immer in sein Buch geguckt hat, aber macht er ja gar nicht. Ralf Schmitz finde ich auch mega, wenn der nur die Bühne betritt, lach ich mich weg. 
Bülent Ceylan habe ich vergessen! 2024 habe ich die Laudatio auf die SCORPIONS gehalten bei den Metal Hammer Awards, da hat er mich angesagt und dabei gemeint, ich wäre schon selbst eine Legende. Der Türk, ey. Der Bülent ist ein total netter Mensch, richtig cool.

Du hast ja sicher schon fast so viele Interviews in deinem Leben gegeben wie Zigaretten geraucht...

... fast, aber nur fast, hehe ...

... und es gibt wohl kaum eine Frage, die man dir noch nicht gestellt hat. Aber gibt es vielleicht etwas, wo du denkst: Diese Journalisten, die fragen mich alles – aber nie diese eine Frage, da würde ich gern mal etwas zu sagen.

Da bist du auch nicht der Erste, der das fragt – aber nee, wüsste ich nicht. Alles gut. Wobei: Mich hat noch nie einer gefragt: Axel, wieviel Geld hast du auf deinem Konto? Das würde ich aber auch nicht beantworten (lacht). Ich sage immer: Mein Geld liegt sicher beim Finanzamt. 

So lang wie du noch in Bochum wohnst, kann es ja auch nicht sooo viel sein... nein!

Stimmt, in die Schweiz lassen sie mich nicht rein, für die habe ich noch zu wenig Geld, von daher... (lacht) alles gut. 

Johnny ist ja nun schon fast 30 Jahre bei ARP. Wenn du an die Sänger, mit denen du vorher gearbeitet hast, zurückdenkst, wie würdest du die mit zwei, drei Begriffen beschreiben? Fangen wir mit Charly Huhn an.

Also, erstmal: Alle sind absolute Professionals, wie man so schön sagt. Puh, Charly Huhn in zwei, drei Worten… erstmal: netter Typ, familiärer Typ, Vollprofi. 

Als ich bei Wikipedia.de etwas recherchiert habe, habe ich gelesen, dass der Keyboarder auf dem Album, das Charly Huhn eingesungen hat, George Hahn heißt.

Ja? ... Ach, Huhn und Hahn, verdammt. (lacht) Der George war nie in der Band, das war ein Studiomusiker. Mein Co-Producer, der Ulli Pösselt, der kannte den. Ich hatte da keinen festen Keyboarder gefunden und der hat das wirklich gut und verdammt schnell eingespielt. Und der hieß wirklich Hahn. Hahn und Huhn. (schüttelt den Kopf) Ich hatte es schon immer mit Geflügel ...

Und dann war da Rob Rock.

Supernetter Typ, sehr christlicher Mensch, total nett und singt sehr hoch. Ja. 

Danach kam Jeff Scott Soto, von 1992 bis 1997.

Der ist für vier Alben geblieben, wenn ich mich nicht irre, der Bub. Mit dem komme ich auch immer noch super klar, wir treffen uns ab und an auf Festivals, wenn er da solo spielt oder mit einer der Kombos, in denen er gerade singt. Einmal hat der mich richtig geärgert, das war 1991 auf der ersten Tour, die wir zusammen gemacht haben. Der Jeff war totaler Anti-Raucher, wenn irgendwo einer in seiner Gegenwart geraucht hat, ach jeh oh jeh. Im Nightliner hast du ja nur diese Kojen, die mit einem Vorhang abgetrennt sind. Jeff ist immer früh ins Bett, der hat auch nicht gesoffen, aber wir hatte sechs oder mehr Raucher im Bus und haben gequarzt wie die Hölle. Das weht natürlich nach hinten zu den Schlafkatakomben. Und auf einmal regt der sich auf: "If you don't stop smoking I can't sing tomorrow!" ... Er war richtig erzürnt und hat den dicken Max gemacht. Ja, irgendwie hat er ja auch recht gehabt. Wir haben dann nur noch vorne beim Fahrer bei offenem Fenster geraucht und das auch durchgezogen und gut wars auch für ihn. 
Und, stell dir vor, vor einiger Zeit, das ist schon was her, treffe ich den Kerl Backstage - mit einer Kippe im Maul. 
Ich so: "Jeff! Das ist ja wohl nicht Dein Ernst!" Und er sagt ganz trocken: "Doch, ich habe vor fünf Jahren angefangen!" Nein, was für ein Idiot! Das weiß er aber auch. (lacht) Aber: ein ganz feiner Kerl. 

Und dann sind wir schon bei Johnny.

Der ist nicht umsonst schon seit 28 Jahren dabei. Der ist für mich einer der Top Five Metal-Hardrock-Sänger. Das Problem ist: Er weiß das auch. (lacht)
Nein, nein, ein super Kerl. Gibt auf der Bühne Vollgas und man kommt immer gut mit ihm klar. 

Dann bin ich am Ende meiner Fragen und meiner Zeit – möchtest du noch was loswerden?

Nö, Du hast ja ein weites Feld beackert und von daher: alles gut! Vielen Dank, hat Spaß gemacht. 

Mir auch! Dann euch viel Erfolg für Album und Tour – und vielleicht bis zum nächsten Mal. Aller guten Dinge sind bekanntlich drei!

Photo Credits: Claudia Kienlein (Axel), Kai Hoffmann (Bandfotos)

Redakteur:
Maik Englich

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