DAN SWANÖ im Interview über "Moontower", seinen Alltag und seine Vergangenheit

21.03.2026 | 21:57

Der Meister blickt zurück auf sein Soloalbum "Moontower" und gibt viele Einblicke in das, was war und was die Zukunft für ihn bereithält.

Dan Swanös einziges Soloalbum "Moontower" wurde als einer der letzten Einträge der Re-Release-Kampagne neu remastert. Nachdem Kollege Björn Backes begeistert von der Neuauflage war, mussten wir den sympathischen Schweden nochmal zum Gespräch bitten. Er war kaum zu bremsen, äußerte sich sehr ausführlich über "Moontower", den Entstehungsprozess, was er momentan so macht und schlägt zu seiner musikalischen Zukunft interessante, wenn auch nachdenkliche Töne an. Und gibt eine Kostprobe seiner Deutschkenntnisse.

 

Hi Dan! Zu allererst: Es ist eine Ehre, mit dir zu sprechen! Als ich anfangen habe, Metal zu hören, bin ich auf deine Bands gestoßen und jetzt sprichst du mit mir…das ist ein wenig surreal.

Hehe, freut mich, wenn ich helfen konnte!

So, wie geht es dir? Wie läuft das Leben bei dir?

Es ist gut, danke! Momentan bin ich ein wenig überarbeitet, öh…ich hab ein neues Album zum Mixen bekommen von einer italienischen Band namens THE FORESHADOWING. Das ist eine der besten Bands, mit denen ich bislang zusammengearbeitet habe, damals so 2008 oder 2009 muss das gewesen sein. Es ist immer mehr fordernd, es ist Musik mit klarem Gesang und vielen Ebenen und vielen unterschiedlichen Atmosphären. Und du bist nur so gut wie dein neuster Mix. Daher bin ich aktuell damit beschäftigt, mich selbst zu übertreffen und besser zu sein als letzte Woche (lacht). Ich habe ein und denselben Song jetzt für…keine Ahnung, 24 Stunden durchgängig gehört und ich habe ihn noch nicht satt. Was ein gutes Zeichen ist. Abseits davon bin ich sehr beschäftigt. Ich verpacke momentan hunderte "Moontower"-Vorbestellungen, damit diese endlich versendet werden können, da der Release nun am Freitag ansteht. Ich bleibe also weiterhin sehr beschäftigt.

Sehr schön, ich wurde auch bereits dankenswerterweise mit einer Kopie von "Moontower" versorgt, ich bin also bereit.

Oh, das ist sehr gut. Hast du eine physische Kopie erhalten?

Es ist tatsächlich eine physische Kopie, ja. Alles andere fühlt sich auch so unpersönlich an, mit dem ganzen Streamingzeugs.

Ja und ich habe den Eindruck, dass die Leute, mit denen ich in der Vergangenheit Interviews gemacht habe, nur sehr schlechte Informationen erhalten haben. Zum Beispiel: Obwohl ich sehr viel Zeit damit verbracht habe, "Moontower" zu remastern, habe ich zehnmal mehr Zeit in das Booklet investiert. Ich glaube, ich habe mehr Zeit mit den verdammten Fotos gebraucht als mit dem eigentlichen Remaster. Du kannst bei einem Album jetzt nur begrenzt etwas tun, was bereits gut klingt, weißt du? Aber alles andere, die Liner-Notes, das ganze Eintippen des Textes…ah fuck, das war so verdammt viel Arbeit und hat so viel Geld gekostet. Ich glaube, ich habe jeden einzelnen Cent des Budgets in das Endprodukt investiert. Das Cover wurde vom Scan des originalen Negativs erstellt, was von einer speziellen Kamera gemacht wurde, namens Hasselblad. Das ist wie der Rolls-Royce aller Kameras. Natürlich eine schwedische Firma. Das Problem war, dass das originale Negativ noch beim eigentlichen Fotografen in meiner Heimatstadt Örebro lag. Und der Kerl wurde nie von Black Mark [das alte Label von Dan Swanö - d. Verf.] dafür bezahlt. Also musste ich erst die alten Schulden bezahlen, damit ich an die eigentlichen Negative herankomme. Und dann musste ich noch jemanden finden, der diese alten Negative scannen konnte. Mann, was für ein Drama! Letztlich habe ich dann ein Foto erhalten, was gut genug war, um auf eine LP gedruckt zu werden. Jedes Mal, wenn ich eine LP verpackt habe, habe ich mir gedacht: "Ah, das war es alles wert, 1500€ für dieses Foto allein zu investieren."

Das ist ja absoluter Wahnsinn.

Jep, aber das wird das letzte Mal sein, dass ein großes Label "Moontower" veröffentlichen wird. Ich halte es für unrealistisch, dass Universal eine weitere Neuauflage in 20 Jahren machen wird (schmunzelt). Daher dachte ich mir: jetzt oder nie. Ich wollte sicher gehen, dass das, was man sich kaufen kann, die beste Version von diesem Produkt sein wird. Jetzt ist die Zeit, um sich darum zu kümmern. Eben weil es nie wieder passieren wird.

Es sieht auch spektakulär aus, muss ich an der Stelle mal sagen. Ich habe es sehr genossen, durch jede Seite zu blättern. Gerade für mich, der zum Zeitpunkt des Releases sechs Jahre alt war. Es ist jetzt das erste Mal, dass ich das Album selbst in den Händen halte.

Cool, dann bist du etwa im selben Alter wie mein Sohn, der 1993 geboren wurde. Ich habe viel von dem "Moontower"-Material geschrieben, als ich gewartet habe, dass er einschläft. Er war da noch ein kleines Baby. Also nicht wirklich ein Baby. Aber er war in dem Alter, wo gerade das erste "Harry Potter"-Buch erschienen ist und ich saß da bei ihm und habe Gitarre für ihn gespielt. Es war eine sehr inspirierende Zeit in meinem Leben. Das war die Zeit, wo ich nicht mehr Vollzeit in meinem Studio gearbeitet habe. Wo ich nicht mehr die ganze Zeit von Musik umgeben sein musste. Ich habe ja später in einem Musikladen gearbeitet. Und das war die Zeit, wo ich wieder mehr ein Musiker geworden bin. Der erste wirkliche Gewinn, mein Studio nicht mehr zu betreiben, war "Moontower" und damit verbunden sich auf völlig neues Terrain zu begeben und mein bestmögliches Album zu machen.

Ich muss gerade daran denken, als ich das erste Mal in Kontakt mit "Moontower" gekommen bin. Das muss irgendwann mal 2014 gewesen sein. Da habe ich einen Livestream von INSOMNIUM gesehen - kurz vor dem Release von "Shadows Of A Dying Sun" - und jeder konnte sich da einen Song wünschen, der im Stream gespielt wird. Markus Vanhala hatte sich 'Seperate Ways (Worlds Apart)' von JOURNEY gewünscht, während sich Niilo Sevänen 'Uncreation' von "Moontower" gewünscht hat.

Ah, wie cool! Ich weiß, dass er den Song gemocht hat (kichert). Die Jungs sind jünger als ich, aber auch nicht so viel jünger. Aber sie sind Teil dieser Bewegung, die diesen Sound wieder aufgenommen hat. Damals waren die Regeln noch nicht niedergeschrieben, was man mit diesem Genre machen darf und was nicht. Ich hatte das Glück, Teil der Kreation von Death Metal zu sein. Sonst war ich bei allen anderen Genres viel zu spät dran. Heavy Metal, Melodic Rock, Prog Rock, Thrash, Speed…alles Mögliche! Da gab es bereits ein Regelbuch davon, weißt du? Du musst so klingen wie das, die Typen haben das bereits gemacht, du kannst das so nicht machen. Bei der ganzen Death-Metal-Sache war es so, dass ich den Eindruck hatte, ich könnte da ein wenig beeinflussen, in welche Richtung es gehen soll. Du hattest diese Anfänge wie "Left Hand Path", "Leprousy", du hattest "Scream Bloody Gore". Aber ich hatte das Gefühl, da kann man noch wesentlich mehr daraus machen. Also gerade weil diese Ausgangslage noch recht offen war. Darum habe ich mich nie wirklich mehr mit anderen extremen Metal-Genres beschäftigt. Wenn du versuchst, etwas mit Speed Metal oder Thrash Metal zu machen...das wurde bereits alles schon gemacht. Die Bands haben die Geschwindigkeit reduziert, sie hatten Balladen, sie hatten große Labels. Aber da hatte ich das Gefühl: Das möchte ich weiter verfolgen. Ich wollte das Growling beibehalten, aber gleichzeitig wollte ich diese Mixtur aus meinen Gespür für Melodie und allem anderen, was mich interessiert, verfolgen. Und einfach was Neues machen. Und ich glaube auch nicht, dass ein Album wie "Moontower" bis dato veröffentlicht wurde. Aber klar, als Leute wie Markus Vanhala und Niilo darüber gestolpert sind, mochten sie den Vibe von Progressive Rock, ein bisschen Progressive Metal der auf…ja, keine Ahnung auf was getroffen ist. Das Growling sorgt da tatsächlich dafür, dass es in ein bestimmtes Genre einsortiert wird. Rein instrumental hat es nicht wirklich etwas mit Death Metal zu tun. Es hat ja nicht mal wirklich etwas mit Thrash Metal zu tun. Es ist mehr wie ein Progressive-Heavy-Metal-Album, das Growls beinhaltet.

Ein bisschen wie RUSH mit Growls, oder?

So ungefähr.

Aber als du anfangen hast, an dem Remaster für "Moontower" zu arbeiten, sind dir sicherlich eine Menge Erinnerungen ins Gedächtnis gekommen. Hast du da ein wenig in Erinnerungen geschwelgt?

Ich bin jetzt nicht so der Typ, der herumsitzt und den ganzen Tag die Sachen anhört, die ich selber gemacht habe. Eins der besten Dinge, die mir passiert sind, während dieser…ich glaube, es sind mittlerweile fast 20 Veröffentlichungen, die wir gemacht haben. Die letzten beiden erscheinen dann Anfang April. Ich konnte neben meiner normalen täglichen Arbeitszeit auch dafür bezahlt werden, mich mit meiner eigenen Musik zu beschäftigen. Und da musste ich auch wirklich tief eintauchen. Bei einem Remaster muss du mit sehr feinem Werkzeug durchgehen und schauen, ob du ein kleines Irgendwas finden kannst. "Moontower" klingt ziemlich okay, wie es ist. Wenn du es nur verbessern möchtest und nicht drastisch ändern möchtest, also es viel heller oder dunkler klingen lassen möchtest, dann musst du das Vorhandene um die wenigen extra Prozent verbessern. Und das nimmt dir einfach unheimlich viel Fokus. Ehrlichweise, mein Fokus ist ziemlich furchtbar. Wie nennt man es? ADS? Für mich einfach nur dazusitzen, meine Augen zu schließen und darüber nachzudenken, was das Album verbessern könnte…ist da ein seltsames tickendes Geräusch bei dem Konsonant des Gesangs oder: Was kann ich da überhaupt machen? Was gibt es zu verbessern? Oder darüber nachzudenken, dass es ein bisschen dunkler klingen könnte, ein bisschen hiervon, ein bisschen davon. Was ist beim Mastering passiert, dass es schlechter klingt? Gibt es einen Weg, dass ich das wieder zurückdrehen könnte, so wie bei dem einen Song vom ursprünglichen Tape im DAT-Format, was wie eine kleine digitale Kassette ist, die wir in den 90ern verwendet haben. So konnte ich das mit dem vergleichen, was Peter in de Betou damals beim Mastering getan hat, an dem, was ich ihm geschickt habe. Und das war nicht nur gutes Material. Also dachte ich mir, ich könnte etwas vom Original wieder zurückbringen. Es ging da nur hin und her. Das hat einfach ewig gedauert an einen Punkt zu kommen, wo ich das Gefühl hatte, das alles verbessert zu haben. Und einfach alles Mögliche dazu auszugraben. In dem Fall waren es Kassetten, DAT-Tapes, was ich durchgegangen bin.

Einen Tag später habe ich durch Zufall noch ein weiteres Demo gefunden, als ich dachte, ich hätte alles dazu gefunden. Das war eine weitere Version von 'In Empty Phrases' ohne Gesang, mit echtem Schlagzeug anstatt Drumcomputer, die wohl zufällig auch auf dem DAT-Tape gewesen ist, als ich etwas anderes transferiert habe. Ich habe so viele merkwürdige Versionen von Songs gefunden, an die ich mich nicht erinnern konnte, sie gemacht zu haben. Da waren auch Songbestandteile dabei, wo ich mich nicht erinnern konnte, warum ich sie entfernt habe. Und ich habe das seit 1998 nicht mehr gehört, als ich das Album aufgenommen habe. Das wollte ich alles als ein Bonus auf der zweiten CD dabei haben. Für jeden Nerd da draußen, der sich solches Zeug gerne anhört. Selbst wenn es nur eine Person ist, das ist mir egal. Das musste einfach dabei sein, das ist wie mein Archiv, meine Gedächtniskapsel, die man vergraben hat. Aber so mache ich das eben, das musste auf diese CD. Da ich nicht denke, dass das jemals auf Streamingdiensten landen wird. So ist es für jemanden verfügbar, der das hören und entdecken möchte. Nun haben sie alles. Es war einfach sehr viel Arbeit.

Auf die Demos bin ich auch gespannt, das ist dann ein bisschen wie als würde man in deinen Kopf hineinschauen.

Ja, die Demos sind schon sehr besonders. Du hast da einfach alles. Von den Anfängen, wo du fast hören kannst, wie ich den Stil finde, über Instrumentalversionen, zu… ich habe es 'Off The Edge Of Sanity' genannt, wo du ein paar der Melodien von 'Uncreation' hören kannst, anderes habe ich für "Crimson II" von EDGE OF SANITY verwendet. Es ist viel Durcheinander, aber auch die erste Version von 'Son Of The Night', dann noch die zweite Version davon…das Meiste davon hat keinen Text, nur ich, der da irgendeinen Kauderwelsch singt. Da gibt es viele gute Parts. Da gibt es noch 'The Tower', ein kleines 30-sekündiges Stück mit Klargesang, was einfach nicht wirklich aufs Album gepasst hat. Ich hatte für das Album erst mehr Klargesang geplant und hatte da mehr einen NIGHTINGALE-Vibe im Kopf, ein bisschen mehr Growls.

Wie ich in den Linernotes schon geschrieben habe: In dem Moment, wo ich angefangen habe, klare Gesangsmelodien über die Songs zu legen, wo ich die Instrumentals schon so lange gehört habe… es fühlt sich so an, als würden die Gesangsharmonien – die ich noch schreiben musste - sofort den Fokus von den Riffs lenken, für die ich viel Zeit investiert hatte, sie zu perfektionieren. Wenn ich da also was Melodisches darüber gesungen habe, ging der Fokus sofort auf den Gesang. Das ist nun mal, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Ich habe mir dann gedacht: Ich kann hier nicht zehn Killer-Gesangsmelodien für die ganzen Strophen, die Refrains schreiben. Aus Verzweiflung habe ich dann einfach angefangen, wesentlich mehr zu growlen. Mehr als ich geplant habe. Am Ende waren es dann zwei Passagen mit Klargesang, der Rest waren Growls. Zum einem, weil ich faul war und zum anderen war ich ein wenig desillusioniert. Ich wollte wirklich, dass die Leute die Riffs hören und sich nicht so sehr auf die Gesangsharmonien konzentrieren. Und Growls verschwinden da ein wenig mehr im Hintergrund, da sie etwas Atonales sind. Bisschen so wie Krach (lacht).

Mehr wie ein weiteres Instrument.

Ja genau. So ein bisschen Gitarre, ein bisschen Schlagzeug…da hatte ich den Eindruck, das funktioniert einfach besser. Aber ich wusste, ich habe ein Album das mehr LEFTFIELD ist als etwas, was man stilistisch mit DREAM THEATER vergleichen konnte. Es klang einfach nicht gut. Ich erinnere mich, wie ich im Studio stand und etwas Melodisches über 'Sun Of The Night' singen wollte und es einfach nicht funktioniert hat. Es klang einfach furchtbar.

Für alle, die sich das nicht vorstellen können: Wie groß ist der Aufwand bei einem Remaster? Kommt das auf das Album drauf an? Du hast ja in den letzten Monaten nahezu alles remastered, angefangen bei EDGE OF SANITY, NIGHTINGALE und jetzt "Moontower". Wie viel Arbeit ist das?

Ähm…die ganzen Releases haben einfach viel zu lange gedauert. Ich würde fast sagen, ich habe da noch draufgezahlt. Wenn ich eine Art Stundenlohn zusammenrechnen müsste und wie viel Zeit ich da in den Remix investiert habe, dann der Remaster, die Linernotes, das Booklet, das Scannen der Fotos, das Scannen von allem Möglichen…ich musste es einfach machen. Ich wusste, das ist einfach das letzte Mal. Wenn du dann erstmal in die Stimmung gekommen bist… wann war das? (überlegt)... was 2018, 2019 angefangen hat, das war nachdem Boss [Chef von Black Mark Production - d. Verf.] gestorben war, dann wusste ich, das ist eine Sache von Monaten, bis Gespräche begonnen werden, was wir mit dem ganzen Zeug machen sollen, was in Schweden herumliegt. In diesem verschimmelten, alten Keller. Ich hatte den Drang, dahin zu gehen und das verdammte Zeug da raus zu holen. Also bin ich dahin gefahren und habe alles mitgenommen, was ich finden konnte und irgendwie mit NIGHTINGALE, EDGE OF SANITY oder "Moontower" zu tun hatte. Was auch die Mastertapes zum ersten und zweiten EDGE OF SANITY-Album beinhaltete. Glücklicherweise konnte ich einen Typen finden, der mir diese beiden 2-Inch/24-Spuren-Tapes, die wir im Montezuma Studio in Stockholm aufgenommen haben, transferieren konnte. Das war für mich der Startpunkt der ganzen Wiederveröffentlichungskampagne. Da ich wusste, irgendjemand wird mich irgendwann fragen: "Hey, dir gehören die Rechte für die Musik wieder, könntest du da nicht was machen?" Und klar, aber nur, wenn ich es remixen kann.

Ab diesen Moment ging es los. Da habe ich angefangen, mit den Remixes von "Nothing But Death Remains" und "Unorthodox "herumzualbern. Das war vor acht Jahren. Nur um mal zu schauen, wie es sich anfühlen würde. Da habe ich realisiert, das ist nichts, was man mal an einem Sonntag macht. Das wird wesentlich schwieriger als das Mixen selbst, es ist Restauration. Und um etwas zu verbessern, was ganz okay geklungen hat, muss man sich mit so viel nicht musikrelevantem Bullshit herumschlagen wie dem Säubern der Spuren, man muss tricksen, reparieren, bevor es besser klingen KANN. Die Konsonanten des Gesangs bei manchen Alben sind stellenweise verloren gegangen wegen unterschiedlicher Faktoren wie zum Beispiel das verwendete Band, das kann die Silben fressen beim S, dem T und dem F. Es gibt auch eine Maschine, um sowas zu verringern. Wenn du die falsch einstellst, klingt es so, als würdest du lispeln. Ich musste also durch meinen gesamten Gesang gehen und sichergehen, dass alle S, T und F auf dem richtigen Level waren. Das alleine hat schon Tage gebraucht. Sowas kann bislang keine KI bewerkstelligen. Ich habe es versucht und es funktioniert einfach nicht. Die KI weiß nicht, was ich will. Es ist einfach ein gewaltiger zeitlicher Aufwand, den ich den letzten zwei, drei Jahren dafür aufgewendet habe. Aber es war eine fantastische Reise in die tiefsten Winkel meines eigenen Schaffens. Auf der einen Seite ist es ein wenig traurig, aber gleichzeitig ist es auch ein Neuanfang. Es gibt immer ein davor und danach. Und ich habe da eine Menge gelernt. Ich habe die Art und Weise wie ich arbeite sehr verändert. Es gibt’s nichts schwierigeres, als etwas zu restaurieren, dann zu remixen und letztlich zu remastern. Dafür benötigst du einfach jegliches Wissen, was du jemals dazu hattest. Da kannst du nicht einfach die neusten und coolsten Plugins für Gitarren- und Basssounds nutzen. Gleiches gilt für das Schlagzeug. Es ist alles bereits aufgenommen, in den meisten Fällen katastrophal schlecht (lacht). Da musst du einfach deinen gesamten Werkzeugkoffer nutzen, weißt du?

Verzeihe mir bitte das Wortspiel, aber da hast du eine Remasterclass abgeliefert.

(amüsiert) Hm-hm. Das habe ich tatsächlich. Aber natürlich hat das Remixing zehnmal so lange gedauert wie das eigentliche Remastering. Natürlich kannst du das an einem Tag machen, wenn es z.B. für einen anderen Künstler ist. Aber in meinem Fall habe ich effektiv vielleicht einen Monat für das Remixing und eine Woche für das Remastering benötigt. Für jedes einzelne Album.

Viele wissen sowas vermutlich nicht, daher war es großartig, dass du das mal klargestellt hast. Ohne jetzt albern zu sein, aber ich dachte, du hast da eventuell nur wenige Stunden dafür benötigt.

Nene, so gar nicht (lacht). Es ist ein wahnsinniger Aufwand. Es wäre anders, wenn ich das machen würde und an jemand anderes senden würde und er würde sagen: "Joar, das klingt doch ganz cool, danke." Aber ich bin der Typ, der sagt: Das ist das Beste, was ich abliefern kann. Das ist etwas, in das die Leute investieren, in dem Gedanken, dass es eine Verbesserung und etwas Besonderes ist. Ich bin da mein größter Kritiker. Auf der anderen Seite aber auch mein größter Fan. Darum hat das so verdammt lange gedauert.

Aber hast du nie in Erwägung gezogen, einen Nachfolger von "Moontower" zu schreiben? Oder sollte das immer für sich selbst stehen?

Dafür gab es zwei Möglichkeiten, wo es einen Order auf einer Festplatte gegeben hat, der sich "Moontower 2" genannt hat. Zumindest habe ich sowas gefunden, als ich die ganzen Festplatten durchwühlt habe, die ich besessen habe, seitdem man externe Festplatten kaufen kann. Was irgendwann mal 2004 gewesen sein muss. WITHERSCAPE ist tatsächlich daraus entstanden, was ich mal als einen Nachfolger für "Moontower" geplant habe. Aber ich habe mir gedacht, es wäre spaßiger, aus dem auszubrechen, was ein "Moontower 2" hätte sein können. "Moontower 2" hätte bereits einem Vermächtnis folgen müssen, für mich zumindest. Es hätte wie ein Zwilling sein müssen. Damals wollte ich nicht in dieser "Box" sein. Dann hatte ich mich entschieden, lieber WITHERSCAPE zu machen.

Dann gab es später nochmal die Möglichkeit, "Moontower 2" zu machen, aber es ist immer etwas anderes daraus entstanden, ich habe die Ideen für ein anderes Projekt verwendet. Es müsste in große Fußstapfen treten, um ein angemessener Nachfolger zu sein. Für etwas, was ich für eins der besten Alben halte, die ich je gemacht habe. Ganz ehrlich: Wenn mir nicht jemand eine absurd große Summe Geld geben würde, die ich benötige, um überhaupt die Zeit dafür zu haben, so ein Album zu schreiben und aufzunehmen. Das wird niemals passieren. Es ist einfach nichts, was ich mit meinem alltäglichen Leben kombinieren könnte.

Aber das war ein gutes Stichwort, du hast WITHERSCAPE erwähnt. Ich habe mich immer gewundert, was ist überhaupt der Status deiner anderen Bands und Projekte wie NIGHTINGALE und WITHERSCAPE? "The Northern Sanctuary" wird dieses Jahr bereits zehn Jahre alt und ich habe immer gedacht, da werden in der Zwischenzeit noch mehr Alben kommen.

Hm, nein. Ich denke, WITHERSCAPE war eins der Projekte, die ich gemacht habe und die dann ihren Lauf nahmen. Bereits vor "The Northern Sanctuary" war geplant, eine Art Soloalbum mit Death Metal zu machen. Dann habe ich mit Ragnar [Widerberg, Dans Partner bei WITHERSCAPE - d. Verf.] das WITHERSCAPE-Album Jahre später gemacht und ich konnte einfach nicht aufhören, Musik zu schreiben, die wie ein weiteres WITHERSCAPE-Album geklungen hat. Das habe ich Ragnar gesagt: Sorry, ich muss das nächste WITHERSCAPE-Album jetzt machen, ich kann gerade kein Death-Metal-Album schreiben. Das habe ich nicht mehr in mir. Also habe ich dann fast alles alleine geschrieben und Ragnar konnte seinen Teil nur bei den letzten Songs beitragen. Schon da hatte ich gefühlt, WITHERSCAPE ist so eine einmalige Sache. Aber sowas brauche ich ab und zu. So einen lustigen, kreativen Funken.

Ich hatte das ODYSSEY-Projekt, das INFESTDEAD-Zeugs. Ich bin nicht so der Typ, der nur ein Projekt haben kann. Und wenn das darüber nicht funktioniert, dann möchte ich auch nicht Musik veröffentlichen, wenn es sich für mich nicht würdig anfühlt, mit meinem Vermächtnis assoziiert zu werden. Ich habe in den letzten zehn Jahren keinen anständigen Song geschrieben. Aber ich habe es ehrlicherweise auch nicht so wirklich versucht. Die Sache ist: Ich möchte auch nicht. Ich muss da eine Entscheidung treffen. Ich muss das Geld erwirtschaften, um das Leben zu finanzieren, was meine Frau und ich leben wollen. Und das kannst du nicht als Musiker. Daher muss ich mich komplett auf Mixing und Mastering konzentrieren. Und mehr ist da nicht. Wenn ich mit meiner Arbeit im Studio fertig bin, breche ich auf dem Sofa zusammen und schaue mir "Hot oder Schrott" oder solches Zeug an. Das wars. So geht das dann am nächsten Tag weiter. Da ist für mich einfach kein Funke, um sowas tun zu können. In aller Ehrlichkeit: So wie die ganzen Budgets reduziert wurden, vieles wandert direkt ins Streaming, ich muss dieses Social Media-Gedöns machen, wenn man ein neuer Künstler ist…das will ich alles nicht. Das bin nicht ich. Vielleicht wenn ich (auf Deutsch) Rentner bin, kriege ich vielleicht eine anständige Rente, so dass ich nur halbtags im Studio arbeiten muss und mich um alte Projekte kümmern kann, die noch auf einer Festplatte herumliegen oder neues Zeug schreiben. Ich habe ein Album mit einem ehemaligen Gitarristen der Band EXCITER gemixt, der Typ ist 70 mittlerweile. Es gibt also Hoffnung. Der macht immer noch richtig fiesen Oldschool Black Metal. Ich bin gerade mal 53. Was zur Hölle?

Noch ein langer Weg bis dahin.

(sarkastisch) Ja, super!

Sowas hätte ich aber nicht erwartet, dass du seitdem keinen einzigen Song mehr geschrieben hast. Ich hatte da ein wenig den Eindruck, dass du da sehr still geworden bist und ich war einfach nicht auf dem neusten Stand.

Nein, nein. Ich wollte nie jemand sein, der herumposaunt: "Öh, ich bin im Ruhestand, ich habe aufgehört, Musik zu machen." Ich habe einfach nichts gemacht! Und manche Leute wissen da einfach überhaupt nichts. Ich werde auch manchmal gefragt: "Machst du noch das Mixing und Mastering?" Ja klar, ich habe nichts anderes gemacht in den letzten verdammten zwölf Jahren. Aber da ich nicht so wirklich in der "großen Welt" stattfinde, und nicht ständig gefeatured bin. Viele Leute schreiben schlicht nicht mehr dazu, wer etwas gemixt oder gemastert hat. Das steht bei keiner Werbeanzeige. Die Band bekommt die ganze Aufmerksamkeit. Die Leute, die hinter den Kulissen sind, müssen extrem populär sein. Viele wissen vermutlich nicht mal, wer den letzten großen Release gemixt hat. Selbst, wenn das eine große Nummer gemixt hat. Es interessiert sie nicht. Das findet nicht mehr statt. Ich hätte so viel Musik veröffentlichen können, was komplett unter dem Radar geflogen wäre. Und das war so eine kleine Enttäuschung, dass "The Northern Sanctuary" von WITHERSCAPE das nicht besser gemacht hat. Aber ich habe da auch nichts gemacht. Keine Touren, gar nichts! Einfach nur veröffentlicht, ich habe dazu ein paar Interviews gemacht, wo ich meinte "Öh, warum verkaufe ich nicht so viele Platten wie OPETH, bla bla bla." Es ist eben ein Produkt, was man veröffentlicht. Du sagst da nicht: "Ok, hier ist mein neues Produkt. Wir stellen das in die Regale bei Aldi und dann schauen wir mal, wie es sich verkauft. Und ich mach unterdessen was anderes." So funktioniert das nicht. Da fängt die richtige Arbeit erst an. Wenn das Album veröffentlicht ist, bin ich fertig damit. Ich habe dafür nichts mehr zu tun. Ich gehe nicht auf Tour, ich mache keine massive Promotion dafür und gehe den Leuten damit für Jahre auf die Nerven. Ich hatte einfach das Gefühl, ich kann mich dazu nicht nochmal durchringen. Noch mal so viel Herzblut und Seele in ein Projekt zu stecken und auch meine Stimme während des Prozesses kaputtzumachen. Es ist dann hinterher einfach nichts passiert. Letztlich ist es meine Schuld. Es gab mal eine Zeit, wo ich das machen konnte, weil es da noch mehr wertgeschätzt wurde. Aber das waren andere Zeiten, so Mitte der 90er.

Ich glaube, vor einigen Jahren hatte ich mal ein Video gesehen, wo HEAVEN SHALL BURN 'Black Tears' gespielt hat und du bist da auf die Bühne gekommen und hast mitgesungen.

Jep, das habe ich zweimal gemacht. Und ich habe es beide Male versaut (lacht).

Ich fand das ziemlich gut. Es war auch einer der wenigen Momente, wo man dich mal auf einer Bühne gesehen hat.

Ja, das war aber auch ziemlich cool. Das wurde ja auch von einer großen Firma gefilmt. WackenTV oder sowas.

Da die Jungs von HEAVEN SHALL BURN nicht so weit weg von mir wohnen: Wie ist das zustande gekommen? Haben sie dich gefragt, ob sie 'Black Tears' covern dürfen? Haben sie dich auch gefragt, ob du mit ihnen auftreten möchtest?

Nein, das war etwas, was sie einfach gemacht haben. Ich würde da auch niemanden fragen, ob ich ihren Song covern darf. MANOWAR,THE POLICE oder CANDLEMASS oder wen auch immer ich in den ganzen Jahren über gecovert habe. Du machst das einfach. Heutzutage ist es aber fast so, als könnten sie "Nein" sagen. Eben weil das da draußen eine andere Welt ist. Wenn du den Song veränderst oder was auch immer. Aber da gab es vor HEAVEN SHALL BURN noch eine andere Band aus Finnland namens ETERNAL TEARS OF SORROW, die 'Black Tears' gecovert hat. Daher hatte ich erst gedacht: "Ah, eine weitere Band, die 'Black Tears' gecovert hat." Das hat sich dann allerdings als eine wahre Goldmine herausgestellt. Egal, was sie veröffentlichen, ein Video, ein Livealbum oder etwas Ähnliches, eine Neuauflage von dem Album, wo das Cover drauf ist. Es ist dann eine gute Bezahlung, da ich der einzige Songwriter und Besitzer des Songs bin. Ich bin den Jungs also unheimlich dankbar. Sie sind auch super nett. Das ist einfach super cool.

Und eine weitere recht ungewöhnliche Zusammenarbeit war mit THRESHOLD, der englischen Progressive-Metal-Band. Da hast du Growls für zwei Songs, 'Slipstream' und 'Elusive', beigesteuert. Das war 2007. Wie war das denn damals? Wie ist THRESHOLD auf dich aufmerksam geworden? Sie machen ja doch recht andere Musik als du.

Jaaaa, das stimmt! Und ich habe ehrlicherweise keine Ahnung, warum sie mich auf dem Album growlen hören wollten! Die Connection kam über Clive Nolan (ARENA) und Karl Groom (Gitarrist von THRESHOLD), sie sind Freunde und hatten ein gemeinsames Projekt und arbeiten im gleichen Studio zusammen, glaube ich. Irgendwie bin ich dann auf dem Radar von den beiden Typen gelandet. Ich glaube, ich habe auch ein bisschen was für das STAR ONE-Projekt von Arjen Lucassen beigesteuert. Das ist alles eine kleine Blase in der Progressive-Metal-Szene. Das ist aber eine sehr coole Sache gewesen. Ich erinnere mich, dass ist mir dachte: "Äh, was? Sie wollen mich auf einem THRESHOLD-Album growlen hören?" Ich singe da ja nur ein paar wenige Zeilen wie "Do you really think so?" Das waren dann so 20 Takes mit allen möglichen Stimmvariationen, die mir so eingefallen sind. Das Ergebnis war dann schon ziemlich cool. Das spielen sie ja auch bei jeder Show.

Das ist mir damals schon aufgefallen, gerade weil du eine sehr eigene Growl-Stimme hast, die sich von den meisten anderen Sängern abhebt.

Cool, danke dir!

Jetzt geht uns aber langsam die Zeit aus. Dan, ich habe gehört, du lebst seit geraumer Zeit in Deutschland. Wie steht es denn mit deinem Deutsch?

(auf Deutsch) Joar, ich glaube, es ist okay. Ich rede nicht so viel, da meine Frau und ich nur Englisch oder Schwedisch miteinander reden. Ich glaube, für einen Schweden in Deutschland – ich bin jetzt hier seit 14 Jahren – ist das total schlecht. 14 Jahre ist eine lange Zeit, ich schreibe wie ein Dreijähriger. Und ich spreche wie vier Monate in Deutschland. Mit Schule und so. Ich verstehe alles. Ähm. Es gibt manchmal so komische Sätze oder einfach Wörter, wo ich denke: "Was ist das denn?" Ich habe keine Ahnung, was reden die da? Solche alten Sprichwörter wie "F*** dich ins Knie" oder "Alle sind komisch." Was? Aber ich meine, ich lese sehr viel wie das RockHard, Deaf Forever, ganz viele Bücher, alles in Deutsch. Das ist jetzt nicht so, dass ich sage: Ich lese in Deutsch. Ich lese einfach, Punkt. Ich verstehe auch diese ganz schnell gesprochenen Sachen. Wir waren mal im Kino, mit Untertiteln ist das kein Problem. Meine Grammatik ist immer kacke, alles so komplex für mich mit diesem "die, der, das". Dann bin ich ziemlich perfektionistisch. Da rede ich lieber englisch. Das ist eher so mein Ding.

Die Grammatik ist aber auch für uns Deutsche schwer genug.

(wieder auf Englisch) Ja, es ist komplex. Ich habe gehört, die Türken hier sagen "de", also "de Auto". Es geht immer mit einem D los und dann sage ich auch einfach "de". Das ist einfacher.

Dan, danke dir vielmals für deine Zeit!

Sehr gerne, danke fürs Zuhören und bis bald! (auf Deutsch) Tschüss!

 

Photocredits:

Dan am Schlagzeug: Anders Mareby

Dan im Studio: Dag Swanö

Portraitaufnahme: Erik Ohlsson

Foto mit Brille: Eva Maria Swanö

Redakteur:
Kevin Hunger

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