Gruppentherapie: CLAWFINGER - "Before We All Die"
11.03.2026 | 18:52Buddeleimer für Senioren?
Spät sind wir dran mit unseren März-Gruppentherapien. Aber wir sterben ja eh bald alle. Doch bevor wir dies tun, hören wir nochmal guten alten 90er Rap-Metal. CLAWFINGER belegt im März-Soundcheck nämlich einen respektablen sechsten Platz, auch unserem Timo gefällt "Before We All Die". Unsere Therapeuten bringt die Musik auch wieder auf allerlei unerwartete Ideen...
Irgendwie hätte ich nie gedacht, nochmal ein neues Album von CLAWFINGER zu hören. Zu sehr war die Band für mich verschwunden und bei mir komplett in Vergessenheit geraten. Erst als die Schweden vor zwei Jahren bei mir um die Ecke in Fahrradreichweite spielten, kamen sie zurück in mein Gedächtnis. Damals hatte ich Angst, eine abgehalfterte Altherrenband zu sehen. Doch was live geboten wurde, hat mich sehr positiv überrascht. Das Quartett strotzte vor Spielfreude und ging angenehm ironisch mit dem eigenen Alter um. Die Hoffnung ist natürlich, dass sich dies auch auf "Before We All Die" überträgt.
Tatsächlich beantwortet der Opener 'Scum' die Frage, ob CLAWFINGER noch nach CLAWFINGER klingt, mit einem dicken fetten "JAAA!!".
Dieses "JAAA!!" lässt sich dann auch relativ unspektakulär auf die gesamte Platte übertragen. Das Quartett zieht seinen typischen Rap-Metal von vorne bis hinten konsequent durch. Die Songs klingen dabei eher nach Alben wie "Deaf Dumb Blind" oder "Use Your Brain" als nach den späteren Werken, die teilweise deutlich melodischer dahergekommen sind.
Vor allem die älteren Fans wird dies freuen und die groovigen und fetten Riffs werden ihre Nackenmuskeln beanspruchen. Eigentlich gibt es an "Before We All Die" nichts auszusetzen, zumal sich der ein oder andere Track wie 'Going Down (Like Titanic)' oder 'Kill The Dream' schon nach einmaligem Hören als Ohrwurm entpuppt. Allerdings gefallen mir persönlich spätere Platten aus der Diskografie wie "Hate Yourself With Style" oder "Life Will Kill You" aus den 2000er Jahren aufgrund ihrer größeren musikalischen Vielfalt auf Albumlänge deutlich besser. Daher zündet "Before We All Die" mit seinem starken Neunziger-Ansatz und seinem stringenten Rap-Metal bei mir nur teilweise.
Note: 7,0/10
[Dominik Feldmann]
Ich kenne nicht viel von CLAWFINGER. Eigentlich kannte ich bislang so wirklich nur die beiden Opener von "Deaf Dumb Blind" und den Song 'Do What I Say'. Aber ich muss Dominik zustimmen, dass ich auf "Before We All Die" deutliche Vibes der drei Songs vernehme und die Platte tatsächlich einen starken Neunziger-Ansatz versprüht. Eigentlich kriegt man mich mit Rap-Metal sehr selten so weit, dass ich die Musik hören möchte. Doch CLAWFINGER schafft es mit geilen Nummern wie 'Scum', 'Tear You Down', 'Linked Together', 'You Call Yourself A Teacher' und 'Going Down (Like Titanic)' mich immer wieder zum Hören zu verleiten.
Insgesamt ist die erste Hälfte von "Before We All Die" wirklich stark und verdammt unterhaltsam. Dabei gefällt mir insbesondere die Mixtur aus fetten Riffs, gerapten Strophen und eingängigen Refrains. Auch wenn nicht alle Songs das hohe Niveau der genannten Tracks halten, macht "Before We All Die" wirklich sehr viel Spaß und wird daher aller Voraussicht nach die erste CLAWFINGER-Scheibe in meiner Sammlung.
Note: 8,0/10
[Mario Dahl]
Überraschend flott geht CLAWFINGER hier zu Werke. Mit Rap und Metal kann man mich eigentlich jagen und ich antworte stets mit einer Kombi aus Schwertchen und Morgenstern, aber hier regiert auch hartes Riffing und ein mitreißender Groove. Zudem agiert die schwedische Combo absolut unpeinlich, was ja im Rap nicht unbedingt Markenzeichen ist: Fette Uhrenplagiate, Netzmuskelshirts, Autos, welche 45 Liter auf 45 Kilometer verbrauchen und die obligatorische große Fresse bleiben hier außen vor. Oooops, das war jetzt ein wenig in das Stereotypen-Kästchen gegriffen, aber ihr wisst doch, was ich meine?
Recht geil finde ich, dass die Buben manchmal ('Big Brother', ganz besonders: 'A Perfect Day') sogar an FUN LOVING CRIMINALS erinnern. Okay, diese Kriminellen halten auch ihre gebräunten Arme stets aus dem Fenster, wenn sie die Strandpromenade entlang cruisen, aber die sind okay, weil sie so lässige Kompositionen geliefert haben. Die ersten Songs lassen die Sonne nicht nur über Fort Lauderdale, sondern auch über Mittweida, Landshut oder St. Pölten aufgehen. Irgendwie ertappt man sich dabei, Rap doch nicht so ungeil zu finden.
Das metallische Riffing und die wirklich geile Stimme wirken so, als wären meinem Onkel plötzlich Bart und Muckis gewachsen und während er noch harmlos im Garten Holz hackt, brüllt er inbrünstig 'Tear Ya Dooo-oooown', was die Nachbarin außer Fassung bringt, denn sie legt Lippenstift auf, der Rock wird kürzer, die Absätze länger. Kurz, recht cool, der Vortrag.
Der Titanic-Song ist etwas übermelodisch und poppig geraten, der Chorus so eingängig, dass auch Kids und Senioren hier die Buddeleimer, Schaufeln oder Stöcke herumschwenken, was eben gerade zur Verfügung steht. Das Schema erfindet sich nicht neu, sicher, aber für Frühlingsgefühle taugt das Ding recht gut. Und mal ehrlich, wer kann schon unentwegt Runen in Steine hämmern, Bergziegen jagen, sich die Fresse weiß anmalen und teuflischen Ritualen nachgehen? Eben, und für die Pausen zwischen diesen Lebensinhalten bietet sich das Album hier an.
Note: 8,0/10
[Matthias "Stendahl" Ehlert]
Dieser Gruppentherapie darf ich mich als einigermaßen unbeleckter Hort der Unwissenheit anschließen, denn zu einer gründlichen Einordnung ins Gesamtwerk der Schweden sehe ich mich nicht befähigt. Bisher hat es nämlich kein einziges ihrer Scheibchen in meine Schatzkammer geschafft, was letztlich in jener Zeit begründet liegt, in welcher die Truppe zuerst ihr Haupt regte. Um das Jahr 1993 war deren Musik in meiner Welt einfach komplett fehl am Platz. Sie wurde in Fernsehformaten gespielt, welche sich zuvor dem Stahle verschrieben hatten, und sie wurde in Zeitschriften präsentiert, für die dasselbe galt. Obwohl sich doch jene Gesellen ganz offenbar anderen Stilen anzudienen erdreisteten. Zur falschen Zeit für mich am falschen Orte, denn dorten wollte ich nichts hören und nichts lesen, was sprechsang und überkreuzte, sondern nichts als die reine Lehre.
Dabei, wäre ich ehrlich zu mir selbst gewesen, oder hätte ich ernsthaft nach der Wahrheit geforscht, dann hätte ich schon damals zugeben müssen, dass das gar nicht so schlecht war, was aus Schweden über die Ostsee schwappte. Die Gruppe klang seinerzeit durchaus eigenständig, sie hatte eine mächtig fette Attitüde, und ja, jenen Stücken, die ich unverlangt zu hören bekam, konnte ich zu keiner Zeit eine markante Eingängigkeit und auch Eindringlichkeit absprechen. Und das ist nun auch auf dem neuen Album nicht anders.
Auch dreiunddreißig Jahre später muss ich mich schon arg strecken, um mich dem Stile wirklich öffnen zu wollen, denn zu fern sind mir noch immer das kalte, industriell angehauchte Klangbild, zu ungeschmeidig die sprechsingende Sangeskunst und zu laut die Produktion. Auf der anderen Seite sind manche der härteren Abschnitte aber auch gar nicht mal so weit von VENOM in den Spätneunzigern weg, und wenn Zak Tell wie etwa bei 'Ball & Chain' auch melodischere Gesangslinien auspackt, dann fühle ich mich durchaus wohl mit dem Hörerlebnis. Da auch die Botschaft stimmt, und das Ganze sympathisch und überzeugend inszeniert ist, bedauere ich fast ein Stück weit, im Soundcheck nicht einen halben Zähler mehr gezückt zu haben. Das was in der eingangs in Bezug genommenen Ära nämlich eine für mich subjektiv lästige Zeitgeisterscheinung war, ist heute ein Bekenntnis zum eigenen Stil und zur eigenen Geschichte, vor dem ich absolut meinen Hut ziehen möchte. Und vielleicht bringt es mich sogar noch dazu, etwas tiefer in die CLAWFINGER-Welt abzutauchen. Daher dürft ihr die Note gerne mit einer deutlichen Tendenz nach oben lesen.
Note: 6,5/10
[Rüdiger Stehle]
Auch ich habe CLAWFINGER bisher nicht wahrgenommen. Schade eigentlich. Mich erinnert das hier ein bisschen daran, als hätte jemand MINISTRY mit DEICHKIND in einen großen Topf gekippt, kräftig umgerührt und mit ein bisschen 90er Jahre Industrial und Wut gewürzt. Das Ergebnis schmeckt mir. Mir gefallen das Aggressive und die Texte. Gerade letzteres kommt im Metal aus meiner Sicht ja gerne mal zu kurz: Zumindest in meinen bevorzugten Subgenres geht es bei den Texten in der Regel einigermaßen "fantastisch" zu. Da fahren Piraten übers Meer, werden Kriege gefochten oder Drachen erschlagen. Hier wird hingegen die ganz große Kelle frustrierte Gesellschaftskritik geschwungen und das sagt mir zu.
Mein erster Kontakt mit CLAWFINGER durch "Before We All Die" wird nicht mein letzter Kontakt gewesen sein. Schöne Sache!
Note: 8,0/10
[Nils Pfennig]
Seit Tagen gehen mir einige Refrains der neuen CLAWFINGER-Tracks partout nicht mehr aus dem Kopf und so spuken da Textzeilen wie 'Before We All Die' oder 'We're Going Down Like We're Titanic' (ja, Matthias, ich schwenke schon mal mein Buddeleimerchen) herum. Nach meinem Empfinden hat die Truppe in musikalischer Hinsicht zwar schon ein kleines bisschen an Biss und harter Kante verloren (auf die Texte mag das freilich nicht zutreffen) - die Songs wirken nicht mehr ganz so wütend und wild wie in den Anfangstagen, auch wenn Dominik schreibt, dass das neue Album trotzdem stilistisch eher nach den Frühwerken klingt, was ja kein Widerspruch ist.
Dennoch kann ich sagen, dass ich "Before We All Die" echt gerne höre und auch wenn man sich die Songs sehr schnell erschlossen hat, kommt die Scheibe immer wieder bei mir in die Rotation - und das ganz freiwillig, was vor allem an den mitreißenden Groove-Riffs und den charismatischen Vocals von Zak Tell liegt. Die Band profitiert dabei natürlich auch von ihrem sehr eigenständigen Sound und so erkennt man auch die neuen Nummern sofort unzweifelhaft als CLAWFINGER-Songs.
Mit 'Tear You Down' (schöner elektronischer Beat in der Strophe), 'A Perfect Day' (für mich etwas zu belanglos) und 'A Fucking Disgrace' (mit unerwartet bluesiger Schlagseite, fantastisch!) gibt es auch Stücke, die sich stilistisch etwas weiter vorwagen, sodass auch eine gewisse Abwechslung gegeben ist. Insgesamt ein schönes Ding, und wenn ich "Before We All Die" in einem halben Jahr immer noch so gerne höre wie aktuell, dann darf man die derzeitigen 7,5 Punkte auch noch als nach oben korrigiert ansehen.
Note: 7,5/10
[Stephan Voigtländer]
Oh nein, Klofinger? So hatten wir damals über die Band gespottet. Zwar war ich nicht allzu streng bei der "reinen Lehre", aber diesen Rap-Metal fand ich damals fürchterlich. Und heute?
Nun, ich könnte hier einige meiner Vorredner zitieren, denn im Prinzip ist das Ganze schon recht spaßig zu hören. Auch ich werde dem brav Respekt zollen, was CLAWFINGER hier tut, zumal es Stand heute völlig aus der Zeit gefallen wirkt. Aber bei alten Sounds kommt immer eine Spur Nostalgie dazu, hach, so war das damals, als man noch jung war und über Tanzflächen fegte.
Trotzdem komme ich zu dem Schluss, dass mir die Musik über kurz oder lang nicht gefällt. Vor allem so Tracks wie 'A Perfect Day', die nun absolut nichts mehr mit harten Gitarren und metallischen Grooves zu tun haben, weil sie 100% reiner Rap sind, muss ich nicht mehr hören. Die zwei, drei Tracks, die Laune machen, werde ich mir aber in eine Playlist ziehen.
Note: 6,5/10
[Thomas Becker]
Ja, auch 2026 ist es immer noch Gesetz: Die CLAWFINGER-Hymne 'Biggest & The Best' gehört bis heute zu meinen absoluten Lieblingssongs, wenn es ums Pumpen geht und die Muskeln brennen sollen. Das Stück ist im Grunde ein vertontes Gym und getragen von dieser herrlich überdrehten, fast MANOWAR-artigen Over-the-Edge-Attitüde ein All-Time-Classic. Entsprechend stand der Auftritt beim Rockharz 2025 (zum Bericht) für mich schon im Vorfeld als Pflichttermin in der Running Order fest und ich wurde keineswegs enttäuscht.
Besonders beeindruckend war neben den Klassikern auch, wie stark die damals neuen Tracks 'Scum' und 'Ball & Chain' funktionierten. Nicht nur, dass beide Songs für sich genommen echte Brecher sind, sie fügten sich auch erstaunlich gut in eine Setlist ein, die deutlich zur Frühphase der Band tendierte.
Inzwischen ist "Before We All Die" einige Male in der Heavy Rotation gelaufen, und ich kann Dominik nur zustimmen. Auch das übrige Material orientiert sich stark an der CLAWFINGER-Phase der 1990er Jahre. Dennoch wirkt der Sound nicht wie eine bloße Zeitreise, sondern angenehm frisch, zeitlos und erfüllt dabei zu jeder Minute genau den Zweck, den man sich von dieser Art Musik erhofft. Im Mittelpunkt steht natürlich weiterhin die originelle Rap-Performance von Zak Tell. In seinen besten Momenten erinnert seine Art zu phrasieren fast an eine englischsprachige Version von Smudo, auch wenn er dessen Flow und Geschwindigkeit naturgemäß nicht ganz erreicht. Zusätzliche Pluspunkte sammelt die Band erneut mit ihren bissigen, teilweise auch sarkastischen Lyrics, die perfekt zu dieser Spielart des Crossovers passen. Zusammen mit dem sehr gelungenen Artwork ergibt sich so ein rundes Gesamtbild.
Für Freunde des Genres führt 2026 an dieser Platte eigentlich kein Weg vorbei. Und selbst im Vergleich mit "FILLIN_THE_BLANK" von H-BLOCKX wird ziemlich deutlich, wer im Crossover-Kosmos nach wie vor 'The Biggest & The Best' ist. Geiles Teil!
Note: 8,5/10
[Stefan Rosenthal]
Beim Blick nur auf die Noten der Kollegen für dieses Relikt aus den Neunzigern bin ich nun doch kurz entschlossen, den Notenstand nach unten zu ziehen. Ich habe der Band bereits in den frühen Dekaden ihrer Existenz dieses "Ich gucke böse und rappe dazu zu Stakkato-Riffs" der Marke WHITE ZOMBIE oder COAL CHAMBER oder DOWNSET oder SEVENDUST immer nicht so wirklich abgenommen. Die Band aus Schweden tunkt sich in die Klischees, lässt keine aufregende Botschaft aus und ich finde, sie biedert sich mit dieser "Haltung" schon immer auch irgendwie an. So funktioniert Schlager auch. Irgendwo.
Nachdem irgendwann mal eine Gehirngranate eines ihrer Cover zierte, ist es jetzt gleich eine Globalbombe, die natürlich kurz vor der Eruption wabert. Gähn. Verstanden. Jede Musikart hat ihre Berechtigung auf eben jenem Globus, der uns alle trägt. Aber hiermit auch die Berechtigung, dauerhaft einödend zu sein. Was ich mir gern in schwachen Minuten gebe, ist das bockige und auch aufsässige Riffing dieser Bands, aber nach hinten kommen da zumeist nur lahme Botschaften heraus: "Big Brother Watching You!" Danke für die Info.
Dass der irre dahinstierende Glatzkopf immer so böse schaut und Rap-Sprechs aus der Mottenkiste klarmurmelt, macht das Album auch nicht spannender. Weitere Versuche, die mit Sprechsamples, Laut-Leises oder Refrains kurz vor dem Einnicken einhergehen, werden wohlweislich abgebrochen. Mein Senf zu diesem kalten Metalschmalz.
Note: 3,0/10
[Mathias Freiesleben]
Fotocredits: Peter Bjoens (Promofotos) und Sven Reuter (vom Konzert in Berlin, 2018).
- Redakteur:
- Thomas Becker






