Gruppentherapie: KARNIVOOL - "In Verses"
14.03.2026 | 19:55Sinnliche Überforderung für Professoren oder heilender Balsam für krank ans Bett Gefesselte?
Drei Alben aus dem Februar-Soundcheck bekamen im Hauptreview die zehn Punkte. Der Sieger LEATHERHEAD von Björn (zum Review zu "Violent Horror Stories"), der Zweite MAYHEM von Rüdiger ("Liturgy Of Death") und KARNIVOOL von Kubi ("In Verses"). Nein, nicht auf Platz drei, sondern "nur" Platz 9. Von daher besteht wohl Therapiebedarf für diese Scheibe. Dabei stellen einzelne Therapeuten die These auf, dies sei Musik für Doktoren, die zugleich auch Professoren sind. Doch auch diese sind zeitweise "sinnlich überfordert". Anderen allerdings hilft die Musik bei der schnellen Genesung. Fragezeichen? Lest selbst.
KARNIVOOL ist und bleibt eine Wundertüte, auch nach langer Pause. Das Fundament ist nach wie vor leicht entrückter, spaciger Alternative Rock aus der TOOL-Schule, der mit tollen Gesangsharmonien zu glänzen versteht und der irgendwie intelligent wirkt, ohne verkopft zu sein. Da kommt dann schon mal das eine oder andere wüstenstaubige SOUNDGARDEN-Riff vorbei, das klassische Progressive-Rock-Strophen mit ROB ZOMBIE-Flair versöhnen muss ('Aozora'). Oder die MASTERS OF REALITY spielen auf einmal post-modernen Sludge Metal ('Drone').
Man muss höllisch aufpassen um alle Stimmungen und stilistischen Elemente mitzubekommen, von zerbrechlichem Blues und harschem Straßen-Rock über BEATLES-Melodien bis hin zu katatonischen Klagegesängen. Das ist je nach Gemütslage total faszinierend und spannend oder ziellos mäandernd bis fürchterlich anstrengend. Irgendwie klang KARNIVOOL in meiner Erinnerung auf "Asymmetry" vor zwölf Jahren griffiger, kompakter und weniger introvertiert. "In Verses" bringt mich in einen kaum auflösbaren Widerstreit zwischen Begeisterung und sinnlicher Überforderung. Vielleicht liegt es auch an meinen aktuellen Hörgewohnheiten. Mit dem entfernt verwandten SOEN-Sound (zur Gruppentherapie des neuen Albums "Reliance") bin ich zuletzt besser klargekommen. Trotzdem ist das bemerkenswerte KARNIVOOL-Comeback eine Respekt und Anerkennung verdienende Platte geworden.
Note: 7,5/10
[Martin van der Laan]
Die Gitarren schwer, der Gesang leidend, so möchte ich die Wirkung des Albums "In Verses" von KARNIVOOL auf mich umschreiben. Um die einzelnen Elemente - Alternative, etwas TOOL, mittendrin Emo und mäandernde Melancholie, welche sich in eruptivem Riffgeschiebe auflöst - verstehen zu können, muss der Doktor zudem Professor sein, und zwar an mehrere Universitäten berufen. Auch ich habe diese Combo etwas songdienlicher und zudem weniger um die Welt klagend in Erinnerung: leichter zu hören, etwas mehr Flow und nachvollziehbarer, sozusagen. Den Gefallen tut mir das neue Album so gar nicht.
Von mir aus könnte etwas mehr CULT OF LUNA drin sein und weniger Weinen und Schluchzen: Die Felsgrate sollten karstig bleiben und sich nicht beim Näherkommen in eine den Tränen nahekommende Jesusskulptur verwandeln. Die ist nämlich nicht nur leblos, sondern künstlich und bereits angeschlagen. Ich denke, dass die zumeist recht langen Tracks durchaus anspruchsvoll sind, allerdings habe ich meinen Doktor gar nicht erst angefangen, sondern mich lieber hobbymäßig mit Musik, Geschichte, Politik und Soziologie befasst: Ein tiefgehendes Verständnis dieser Klänge kann bei mir also nicht vorausgesetzt werden.
Was ich aber sagen kann: Der Gesang ist mir zu anstrengend und obwohl manche Passagen aufhorchen lassen ('Reanimation'), geht mir das zerhackte Schema der Songs auf die Prinzenrolle. Technisch ist das astrein, vielleicht auch vom Konzept her, aber nach all dem Herumreiten auf Innerlichkeit erwacht der Valfar in Stendahl: Von wegen naturhafter Atmosphäre, in wilder Anbetung sich erhebender Bergrücken im Sonnenlichte und des Halls entfernt zu vernehmender Fanfaren der Altvorderen ist Stendahl soeben Richtung VREID abgebogen.
Note: 6,0/10
[Matthias "Stehdahl" Ehlert]
Irgendwann vorzeiten habe ich mich zu der Bemerkung hinreißen lassen, dass Bands mit doppeltem "O" im Namen nur selten etwas für mich sind. Es gibt Ausnahmen, habe ich festgestellt. Ob KARNIVOOL derer eine ist?
Lange habe ich nicht daran geglaubt, doch inzwischen haben sich gewisse Türchen geöffnet, die ich ehedem fest verschlossen wähnte. So ist beim Anwerfen des Viertwerkes der Australier der erste wahrgenommene Eindruck keineswegs abweisend oder unzugänglich. Trotz der mit Nachdruck betonten klanglichen Kälte besticht das Album direkt mit einer sehr transparenten, dynamischen Produktion, welche instrumentale Feinheiten sehr schön herausarbeitet und freilegt. Die tolle, vielseitige Perkussion, gerade wenn hölzerne Instrumente angeschlagen werden, die fragilen Leadgitarren und der zarte Gesang bilden immerzu einen wunderbaren Kontrast zu den harten, wuchtigen Riffs der Stromgitarren, die vor allem 'Animation' zu einem echten Brecher ausbauen.
Diese Scheibe ist auf der Ebene ein perfektes Beispiel dafür, warum mit einem differenzierten, nicht auf Lautheit bauendem Klangbild so viel zu gewinnen ist. Wenn alle Regler auf Anschlag sind, dann wirkt die Schwere nur halb so schwer, die Härte nur halb so hart, und jeder Anflug von Feinheit und Zartheit wird im Keime erstickt. Daher sei an dieser Stelle mein Hut gezogen vor der bestechenden Studioarbeit und dem Gespüre für die leisen Töne. Dass die Wertung gleichwohl nicht höher ausfällt, liegt letztlich dennoch daran, dass der emotionale, androgyne Gesang von Ian Kenny, so großartig er sein mag, doch auf einer anderen Gefühlsebene funkt, als meine Empfänger liegen. Nichtsdestotrotz bleibt großartig produzierte, tiefgründige und hochemotionale Musik, die ich fasziniert hören kann, nach der mir jedoch nur selten wieder ein größeres Verlangen erwachsen wird.
Note: 7,0/10
[Rüdiger Stehle]
Sogar Rüdiger kommt langsam an die Australier heran, schau her. Dabei bin ich auch der Meinung, dass "In Verses" zumindest anfangs ein Album ist, das dem Hörer, wenn er nicht wie ich von der Klasse der Band ohnehin überzeugt ist und sich deswegen die Zeit nimmt, tiefer einzutauchen, den Zugang nicht leicht macht. Ja, und manchem bleibt dann selbiger auch weiterhin verwehrt, der hört dann Weinen und Schluchzen, wo keines ist. Und mit Emo als Musikstil haben Band, Album oder Lieder übrigens überhaupt nichts zu tun.
Stattdessen gibt es modernen, kraftvollen Progressive Alternative Rock mit viel Emotion, Dynamik und komplexen Kompositionen, herausragenden Texten voller mitreißender Bilder und Metaphern, bei dem die Qualität der Lieder eigentlich nur ein Problem hat, und das ist die eigene, einfach hervorragende Diskographie. Eventuell ist 'Ghost' nicht der perfekte Opener, ich persönlich glaube, 'Drone' würde noch besser funktionieren, aber das wissen die Künstler selbst sicher am besten.
Ich habe das Album für unseren Soundcheck benoten müssen. Alben mit einem derartigen Wachstumspotential schneiden da natürlich meist schwächer ab, als sie es verdienen. Mittlerweile habe ich "In Verses" noch einige Runden genießen dürfen und muss meine Meinung nochmal revidieren, denn das Viertwerk der Jungs von Down Under wächst. Jetzt benote ich es für diese Gruppentherapie, aber ich bin nicht sicher, dass das Ende der Benotungs-Fahnenstange bereits erreicht ist.
Note: 9,0/10
[Frank Jaeger]
Manchmal ist die persönliche Hörsituation für ein bestimmtes Album ein nicht zu unterschätzender Faktor. Insbesondere dann, wenn man so eingeschränkt ist, dass man für ein Album während einer Gruppentherapie deutlich mehr Zeit aufbringen kann, als ursprünglich geplant oder im Alltag überhaupt möglich wäre. Wenn man krank und ans Bett gefesselt ist, hält sich das Freizeitangebot naturgemäß in Grenzen, aber dafür bleibt umso mehr Zeit zum Musik hören. Sehr viel Zeit sogar.
So durfte "In Verses" quasi in Endlosschleife rotieren, und gerade eine progressive Alternative-Rock-Scheibe wie diese profitiert enorm von einer derart intensiven Auseinandersetzung. Die Jungs aus Perth gehen dabei vielleicht tatsächlich etwas sperriger zu Werke als in der Vergangenheit – ich würde es allerdings eher als nachhaltiger beschreiben. Die Songs fräsen sich deutlich tiefer in die Hirnrinde, als man zunächst erwartet.
Ein Brecher wie 'Aozora' ist aus meiner Perspektive beispielsweise ein waschechter Mammuttrack, der TOOL- oder A PERFECT CIRCLE-Referenzen mit einem PORCUPINE TREE-artigen Songwriting so stimmig verbindet, dass ich vor Begeisterung fast aus dem Bett falle. Zumal das Ganze noch mit einem Killer-Chorus garniert wird.
Doch auch der Rest der Platte steckt voller kleiner Details, die von Song zu Song zum Zungenschnalzen einladen. Besonders eindrucksvoll gelingt das auch beim Albumabschluss 'Salva', bei dem der Dudelsack geschickt integriert und mit den Gitarrenklängen verwoben wird. Selbst für untrainierte Ohren ein echter Genuss.
Darüber hinaus ist "In Verses" durchgehend unfassbar atmosphärisch, bleibt dabei aber stets griffig und kompakt. Wenn Steve Judd sich mit polyrhythmischen Grooves ins Nirvana spielt, setzt Ian Kelly mit seinen eingängigen Gesangslinien den perfekten Kontrapunkt. Und wenn Kelly selbst einmal ungewöhnlichere Wege einschlägt, sorgen genügend musikalische Ankerpunkte dafür, dass man als Hörer nie den Halt verliert. Denn bei aller Vertracktheit bleibt dieses Album erfrischend melodisch.
Da auch die Lyrics äußerst sorgfältig ausgearbeitet sind, ist KARNIVOOL nicht nur ein hervorragender Nachfolger zu "Asymmetry" gelungen, sondern zugleich einer der stärksten Releases dieses Genres seit langer Zeit. Braucht Zeit - aber lohnt sich.
Note: 9,0/10
[Stefan Rosenthal]
Oh. Muckermucke. Da ist man angehalten, "genauer hinzuhören". Weil das fast schon akademisch wirkt in seiner Aura. So weit das Klischee. Ich mache auf Shuffle und erwische gleich mal den Achtminüter 'Conversations'. Und da ist sie, diese Musik. Die mich ausbremst, beruhigt, mir das Gefühl gibt, da besonders zuhören zu müssen. Aus Achtung vor denen, die es entwarfen. Die Schwingungen und Gedanken einzufangen vermögen, famos vertonen und die wir als Hörer wiederum entschlüsseln können. Da habe ich natürlich auch eines der Epen des Albums erwischt. Gleich zu Beginn, sozusagen als Quereinstieg.
Beim Überblick über die lange Spielzeit wird klar, dass da noch weitere Prog-Brocken auf mich warten. Und das ist eine gute Antipode zur rasenden Rasselei und Empörungskultur und all den hastig hingestreckten Stöckchen, die uns hingehalten werden. "Och nöö. Lass ma' lieber australischen Musikprofessoren zuhören!" Was mir das selbst gewählte Einstiegsstück vermittelte, ist auch in weiteren zu finden: 'Opal' besticht durch einen behutsamen Herangang an dann doch einen vielstimmigen Instrumentalausbruch auf Sonderebene. Als Verehrer eines "besonderen" Alternative Metals, der seine Taktiken und Ideen aus dem Wechsel der Tempi und der Intensitäten zu harmonischer Verbindung bringt, kann ich mich sehr gut in "In Verses" hineinlegen. Diese Kopfhörermusik ist in seiner gelassenen Herangehensweise und Spielweise schon fast wieder provokativ. Und nicht einfach so mal "wegzuhören".
Note: 8,0/10
[Mathias Freiesleben]
Auch ich habe versucht, mich hier hineinzufuchsen. Denn vor allem "Asymmetry" war vor 13 Jahren ein Album, das mich sehr begeistert hat (zur damaligen Gruppentherapie). Mit 'Ghost' und 'Drone' geht es dann auch gleich gut los, nicht mehr so verfrickelt wie damals, eher eingängig mit ein wenig Drama, das kommt mir sehr entgegen.
Doch danach nähern sich meine Hörerfahrungen am ehesten denen des Thunderlaan an. Spätestens nach 'Aozora' fängt es an zu mäandern. Aber man schwebt nicht auf flauschigen blau-weißen Himmel-der-Bayern-Wolken, sondern fröstelt eher regengetränkten Schleiern entgegen. So richtig kann mich die Musik, insbesondere die Stimme, nicht einsaugen, so griffig und kompakt wie Herr Rosenthal es darstellt, finde ich sie nicht, ich verliere andauernd den Halt. Ich schmeiße zwischendurch mal "Asymmetry" an, da ging es noch ganz anders ab. Erst bei 'All It Takes' fokussieren sich die Sinne wieder, aber so sehr ich mich auch bemühe, lieber Frank, das Album will bei mir partout nicht wachsen.
So kommt es, dass Rüdiger und ich, die anno 2013 bei KARNIVOOL noch fünf Notenpunkte voneinander entfernt waren, sich nun nur um ein halbes Pünktchen der Hoffnung verpassen.
Note: 7,5/10
[Thomas Becker]
Fotocredits: Tobias Sutter (erstes Foto) Courtney McAllister (zweites Foto)
- Redakteur:
- Thomas Becker





