Gruppentherapie: LAMB OF GOD - "Into Oblivion"

16.04.2026 | 15:57

Machen um des Machens willen oder aus Lärm Kunst schaffen?

Wir arbeiten uns nach oben im März-Soundcheck. Es wird hart und deftig. Der elfte Angriff von LAMB OF GOD auf zarte Lauscherchen, betitelt mit "Into Oblivion" steht an. Nicht nur für uns' Tobi ist das Beute, auch die Mehrheit der Soundchecker hört hier Kunst bei allem Krach und ist sehr zufrieden, was sich dann auch in Platz 4 widerspiegelt. Außerhalb des Teams, soviel sei schon verraten, haben einige Therapeuten aber zu knabbern. Doch wenn es die Musik schon nicht schafft, kann man sich immer noch vom Bildungsministerium inspirieren lassen.


Oh, ich fange an? Okay, dann schicke ich vorweg, dass ich kein Fan von LAMB OF GOD bin. Musikalisch immer okay, aber nie so, dass ich über den großen Makel der Band hinwegsehen konnte. Makel? Genau, denn anders kann ich Randy Blythe nicht betiteln. Mir geht das Rumgebrülle meist nach ein, zwei Liedern erheblich auf den Nerv. Dabei ist Brüllen am Mikro nicht grundsätzlich ein Ausschlusskriterium für mich, aber ein bisschen artikulierter, etwas variabler hätte ich es dann doch gerne.

Klar, auch Blythe ist viel besser geworden als auf den frühen Werken, den größten Sprung aber hat die Instrumentalfraktion gemacht. Was die auf "Into Oblivion" abliefert, ist absolut beeindruckend. So beeindruckend, dass ich mir vorstellen könnte, das Scheibchen mal irgendwann im Regal stehen zu haben. Trotz Blythe, der in jedem Song eigentlich gut ist, aber eben auf Albumdistanz mehr stört als hilft. So gut sind das Riffing und die Gitarrenarbeit, die übrigens auch den Gesang teilweise brillant unterstützt, dass ich beinahe über den Frontmann hinwegsehen kann.

Note: 7,0/10
[Frank Jaeger]


Nachdem mich EXODUS anno 2026 nicht wirklich vom Weg der Tugend abgebracht hat, habe ich diesen Gruppentherapiebeitrag zugesagt, um mich endlich (!) mal mit einer DER Metalbands der letzten zwei Jahrzehnte zu beschäftigen. LAMB OF GOD. Lief zumeist so nebenbei mal mit. Ich erinnere mich an einen Skandal in Tschechien, glaube ich. Mit Justiz und so. Aber die Band gibt es immer noch.

Was mich sehr freut, denn: Das Album wirkt auf mich recht ungeschliffen, vielseitig in all den Metalklischees und im Vergleich zu EXODUS viel variabler in eigentlich allem. Der Drumsound ist mir sehr angenehm wild, die Saitenmänner mengen altbewährte Griffe und neue Experimente aneinander. Der Gesang ist ein Auf und Ab und Hin und Her, dem ich ebenfalls gern zuhöre. Die diversen Tempi lassen mich in der Platte, die langsamen "Balladen" - da bin ich dabei, das fesselt mich. LAMB OF GOD wirft für mich jetzt nicht ... immer noch nicht ... den Kosmos um mit dieser Darbietung, aber ein spannendes Stück Musik ist das schon.

Note: 7,0/10
[Mattes Freiesleben]

 

Frank, ich bin komplett bei dir. Bei dir auch Mattes, aber ich hab noch nie bewusst EXODUS gehört, deswegen bleib ich erstmal bei Frank. Blöderweise habe ich dem auch nicht mehr wirklich viel hinzuzufügen, was für das Konzept eines Gruppentherapie-Beitrags nicht sonderlich förderlich ist. Aber ich handhabe das einfach mal wie jedes Bildungsministerium der letzten Dekaden und mache einfach mal was um des Machens wegen.

Im Vergleich zu früheren LAMB OF GOD-Werken spielt hier der instrumentale Teil tatsächlich in einer höheren Liga, was natürlich auch das Album dann nach oben hebt. Es bleibt aber dabei, dass LAMB OF GOD für mich einfach keine Album-Band ist. Ich hab mir das gute Stück jetzt mehrmals am Stück reingezogen und nach anfänglichem Gutfinden war der schönste Moment jedes Mal, wenn der Algorithmus nach 'Devise/Destroy' eine andere Band reinhaut und für Abwechslung sorgt.

Erschwerend kommt da natürlich Blythes monotone Stimme hinzu - da kann ich das hohe Ansehen, welcher er in der Metal-Szene genießt, leider nicht nachvollziehen.

Was mache ich also mit "Into Oblivion"? Ich schnappe mir 'The Killing Floor' und 'Bully' und vertraue darauf, dass sie in meinen Playlisten gut aufgehoben sind. Den Rest des Albums stelle ich zurück ins Regal.

Note: 5,0/10
[Chris Schantzen]

Jetzt muss ich Chris in einem Punkt widersprechen. Ich finde durchaus, dass LAMB OF GOD eher eine Albumband ist. Vielleicht keine herausragende, aber die Amerikaner denken ihre Releases eher als Gesamtwerk, anstatt nur zwei oder drei Hits in den Vordergrund zu stellen und diese mit Füllmaterial zu umrahmen. Natürlich könnte man provokant einwenden, dass es dafür eben auch echte Hits bräuchte und wenn ein Album überwiegend aus Durchschnitt besteht, sticht eben auch nichts wirklich negativ hervor. Ganz von der Hand zu weisen ist diese Perspektive nicht.

Denn tatsächlich beginnt "Into Oblivion" stark, lässt im weiteren Verlauf jedoch spürbar nach. Während mich die ersten drei Tracks noch richtig packen, schleichen sich danach zunehmend Wiederholungen ein, je weiter die Spielzeit voranschreitet. Auf der anderen Seite wirkt das Album insgesamt erstaunlich homogen, und immer wieder blitzen kleine Ideen auf, bei denen man sich denkt: "Davon gern mehr." Außerdem ist Randy Blythe, bei aller Kritik in unserem Hause, eben halt doch auch schon irgendwie geil. Seine Mischung aus verständlichen, aggressiven Shouts (ohne ins allzu Gutturale abzudriften) gepaart mit dieser fast perkussiven Art zu singen, ist sicher Geschmacksache, aber qualitativ absolut überzeugend.

Was bleibt also von Album Nummer 11 übrig? Teilweise großartig, über längere Strecken jedoch zu gleichförmig. Vielleicht würde LAMB OF GOD der aktuelle Trend zur EP guttun. In kompakterer Form wäre "Into Oblivion" ein echtes Highlight in dieser Sparte. Stattdessen tun die fast 40 Minuten Gesamtlaufzeit der Band keinen Gefallen und drücken die stärkere ersten Hälfte der Scheibe leider in Summe runter in den Bereich gehobenes Mittelmaß.

Note: 7,5/10
[Stefan Rosenthal]

Soll ich oder nicht? Hier etwas schreiben zu einer Musik, die so gar nicht die meinige ist? 

Frank ist also beeindruckt von der Instrumentalarbeit. Dabei hat das einen Klang, der es mir schwermacht einzuschätzen, ob das hier von Menschenhand gemacht wurde oder von der Maschine. Es ist so abweisend, kalt, steril, das alles.

Mattes findet EXODUS stinkelangweilig, fühlt sich hier aber unterhalten. Ein großes blaues Fragezeichen baut sich vor mir auf. Ich wünschte, ich könnte jetzt gerade EXODUS hören.

Chris' Text kommt meinem Hörempfinden näher, vor allem die Stelle mit dem Algorithmus-induzierten Musikwechsel. Ohne einen solchen ist es schwer zu merken, wo das Album aufhört und wann es wieder anfängt.

Bleibt noch Stefan, der Rosenmann, der ja mit so einer Art Metal viel mehr anfangen kann. Aber auch der schreibt etwas von Eintönigkeit auf Dauer. Nun, ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass mich der Gesangsstil ziemlich abtörnt. Irgendwie alles an der Musik nimmt mir die Lust, hier mal genauer, expliziter, positiv kritischer hinzuhören, doch ich solidarisiere mich mal mit Chris und unserem Bildungsministerium. Hauptsache was geschrieben, haha...

Note: 4,0/10
[Thomas Becker]

Lieber Leserinnen und Leser, bitte lasst Euch nicht von meinen miesepetrigen Kollegen auf die falsche Fährte führen, sondern schaut nach dem Genuss dieser seltsamen Gruppentherapie auch noch mal in unseren aktuellen Soundcheck, denn dort steht die Wahrheit in numerischer Form. Können so unterschiedliche Musikhörer wie ein Timo Reiser, ein Fränky Wilkens, ein Tobias Dahs oder ein Dr. Thunderlaan kollektiv dermaßen falsch liegen?

Zunächst sei noch einmal klargestellt, dass die LAMB OF GOD-Fangemeinde auch im Falle von "Into Oblivion" blind zugreifen kann, denn alle wesentlichen Trademarks der Wutkünstler aus Virginia sind deutlich erkennbar. Ich persönlich lege ein solche Melange aus Groove Metal und Metalcore eigentlich auch eher selten auf - eben aus den von meinen Kollegen hier genannten Kritikpunkten, projiziert auf das Genre an sich. Aber bei der genaueren und konzentrierteren Beschäftigung mit "Into Oblivion" für den Soundcheck haben sich mir eine ganze Reihe exzellenter Songs erschlossen, die zunächst im hypertroph dröhnenden Klangbild fast unterzugehen drohten.

Aber einem Dynamik-Wunder wie 'Sepsis' zum Beispiel kann ich mich inzwischen einfach nicht mehr entziehen; das ist schon ziemlich großer Sport. Und den Spannungsabfall, den Stefan Rosenthal diagnostiziert, mag ich auch nicht erkennen. Mir gefällt die BLACK LABEL SOCIETY-mäßige Abwechslung in Form von 'El Vacio' genauso wie das unkonventionelle Songwriting in 'St. Catherine's Wheel' und die gnadenlose Präzision von 'Bully'. Somit komme ich für mich zu dem Schluss, dass "Into Oblivion" das musikalisch beste und interessanteste Album in der langen und bewegten Karriere von LAMB OF GOD geworden ist. Scheuklappen ablegen, Ohren waschen und zuhören, Folks!!

Note: 8,5/10
[Martin van der Laan]

Fotocredits: Travis Shinn

Redakteur:
Thomas Becker

Login

Neu registrieren