Gruppentherapie: THE INTERSPHERE - "Hold On, Liberty!"

13.02.2012 | 18:44

Wenn australophile Progalternisten aus der Kurpfalz des Chefredakteurs Herz im Sturm erobern, dann kann auch die Dollohrigkeit des traditionsmetallischen Vizes nicht verhindern, dass diese Scheibe es im Soundcheck richtig weit nach vorne schafft. In der Gruppentherapie sieht es teilweise etwas anders aus...


Das sind sie also, die Erretter des gefühlsstarken Striktrocks mit variablen Momenten. Die, die DREDG auf die Boje des Vergessens setzen. Der Vergleich drängt sich mir nicht gleich auf, jedoch sickert der Gedanke – einmal beim begeisterten Herrn Kubaschk gelesen – laaangsam ein. Ich scanne meine Erinnerung an DREDG. Die ich lange lange nicht mehr hörte. Das hat wohl auch seine Gründe. Es sind in der Zwischenzeit nämlich eine gewisse Menge an Bands erwachsen oder erwachsen geworden, die pathetisch schwelgende Erzählgesänge durchaus für salonfähig halten und diese auf Alben entfalten möchten, die voll sind von Schraubenden, wirbelnden Gitarren zwischen progressiver Genredisziplin und vollkommen neuen Arten, die Saiten zu benutzen. Nun, im zweiten Anlauf, ist gerade das Titelstück im Ohr und das Befinden steht auf Messers Schneide: Ist das neuartig und innovativ oder allenfalls durchschnittlicher Jungmannenkopfrock? Das zu entscheiden fällt schwer, das ahne ich auch, wird mir nach der zehnten Auflage ebenfalls so gehen. Das zumindest ist beim Paket dieses Dutzend Liedern bereits jetzt schon klar. Heißt aber auf der anderen Seite auch: Das ist ein Album, mit dem sich intensiver beschäftigt werden muss. Wieder dieses Sickern, ein langwierigeres Einkapillieren steht bevor. Zum jetzigen Zeitpunkt vermisse ich die Harmonie, die mir Outfit, Instrumentierung und Singstimme anfangs versprochen haben. Moment: 'Open End' trifft diesen Nerv ziemlich genau, auch, weil sich das Stück letztendlich zur Hymne windet. Ansprechend auch 'Over', wo die Stärken auch eines arrangierten Monumentalhallpops zu Tage treten. Und auch 'Destination' gefällt. Der große Rest des Albums pflügt meinen Geschmack nicht gerade um. Bis jetzt.

Note: 6,5/10

[Mattes Freiesleben]

Einmal mehr klafft Ginnungagap sehr weit zwischen den redaktionseigenen Alternaproggern und der unbelehrbaren, wahrmetallischen Scheuklappenfraktion, deren Fahne dieses Mal scheinbar ich alleine hochhalten darf. Hinein geplumpst ist dieses Mal das neue Scheibchen der Kurpfalz-Pop-Rocker von THE INTERSPHERE, und ich habe mir wahrlich alle Mühe gegeben, das Album aus dem mir unergründlichen Abgrund zu fischen und damit gut Freund zu werden. Doch manche Unterfangen sind eben zum Scheitern verurteilt, egal wie sehr man sich bemüht. Dabei vernehme ich wohl, dass die jungen Herrschaften ihre Arbeit sehr gekonnt und überzeugend machen. Das ist melodisch sehr gefällig, kompositorisch schlüssig, heimelig produziert und es sollte eigentlich Spaß machen. Ja, ich kann wirklich verstehen, was die alternativ rockenden Kollegen an dieser Scheibe finden. Selten habe ich aus dem Genre ein so schlüssig und flüssig funktionierendes Album vernommen, doch leider Gottes plätschert es über ganz weite Strecken einfach an mir vorbei. Der androgyne, schmachtende Gesang, die poppigen Hooks, der fehlende Faustfaktor, ja, das alles ist nicht meine Welt, und daher muss ich bei aller Hochachtung für die Band bei wohlwollenden sechs Punkten hängen bleiben. Genrefreunde dürfen gerne ein paar Zähler addieren.

Note: 6,0/10
[Rüdiger Stehle]

An und für sich tummeln sich THE INTERSPHERE musikalisch sicherlich nicht in meinem bevorzugten Genre. Von dieser Feststellung einmal abgesehen und die musikalischen Scheuklappen beiseite legend, höre auch ich, dass die Mannheimer Alternative-Rocker ein sicheres Gespür für schöne Melodien besitzen und ihre Songs zumeist sehr klug durchkomponieren. Mit dem Eröffnungsstück 'Masquerade' gelingt der Band ein toller, wenn auch etwas kalkuliert klingender Einstand. Der fluffige Titeltrack des Albums sowie das spritzige 'Capitall' versprühen einen gewissen unwiderstehlichen Charme, den die Band aber auf Albumlänge in meinen Ohren nicht ganz aufrecht zu erhalten vermag. Mit dem nichtssagend säuselnden 'Destination' ist außerdem ein echter Rohrkrepierer enthalten. Wer es ruhig, melodiös und wenig metallisch mag, der wird mit "Hold On, Liberty!" durchaus Freude haben.

Note: 7,5/10
[Martin Loga]


Ein Album, welches während der ersten Durchläufe einen schweren Stand bei mir hatte. Der Grund: Es klang alles nett, aber eben auch nur nett. Widerhaken in den Kompositionen der jungen Band aus Mannheim, die bereits mehrmals beim Rock Am Ring auftreten konnte, ließen erst einmal nicht finden. Das lag eventuell auch daran, dass ich bei den im Netz zu findenden Vorschusslorbeeren und Beschreibungen, in denen man der Band andauernd eine "progressive Note" andichtet, zu hohe Erwartungen hatte. Jetzt, nach etlichen Umdrehungen im Player kann ich der Band attestieren, dass sie sehr angenehme Rockmusik für Briefträger - auch Post-Rock genannt - spielt, der aufgrund seiner Leichtfüßigkeit und einiger sich erst spät entfaltenden Refrains auch im Radio laufen könnte. Als Heavy-Metal-Freund mit beschränkter Wahrnehmung ziehe ich Parallelen zu den knuffigen THE BUTTERFLY EFFECT, die ich aber aufgrund der wundervollen Verspieltheit dieser Band aktuell noch vorziehe. Die als Parallelbands gern genannten DREDG höre ich auch, zumindest, wenn man "Catch Without Arms" im Ohr hat. Wenn man heutzutage schon "progressiv" ist, weil man anspruchsvolle Rockmusik mit fröhlichen "Tralala"-Refrains versehen kann und man nicht immerzu im Dreiviertel-Takt agiert, dann ist dieses Album ein progressives Album. Wer als Freund von Bands wie RUSH hier aber eine ähnlich geartete Truppe erwartet, wird sich enttäuscht sehen. Wer einfach eine schöne Rockplatte, die völlig undeutsch klingt, mag, der ist bei THE INTERSPHERE bestens aufgehoben. Wäre jetzt Frühling, würde ich eventuell noch einen halben Punkt mehr geben. Aber auch so reicht es, eine Kaufempfehlung auszusprechen.

Note: 8,0/10
[Holger Andrae]

Ich tue mich momentan sehr schwer, über solche Stile zu schreiben. Warum? Das ist momentan meine bevorzugte Musikrichtung, wenn ich etwas nicht hören "muss". Darum bin ich zur Zeit sicher ein wenig zu kritisch mit Bands aus der Alternative-Emo-Rock-Prog-Richtung. Aber selbst dann reichen die ersten zwei Minuten von 'Masquerade', um mich zu überzeugen, dass die Mannheimer das Gespür für große Melodien entdeckt haben. Hatten sie das vorher schon? Keine Ahnung, das ist mein Erstkontakt. Aber sicher nicht der letzte. Eingängige, aber auch hart rockige Songs mit Ohrwurmmelodien und einem warmen, weichen Sound, der Emotionen Platz gibt. Radiokompatible Stücke und komplexe Strukturen. Ein Album, das ich gleich beim ersten Hören auf Repeat gestellt habe. Danach stellen sich einige Songs als besondere unter Gleichen heraus, so dass die Gesamtnote etwas sinkt. Ach ja, und dass dies keine 9 ist, liegt sicher an COG, FAIR TO MIDLAND und BUTTERFLY EFFECT. Die höre ich nämlich gerade dauernd. Und deren jeweils bestes Album ist noch einen Tick besser. Aber nicht viel.

Note: 8,5/10
[Frank Jaeger]

Redakteur:
Rüdiger Stehle
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