INFECTED RAIN: Interview mit Lena Scissorhands

13.01.2026 | 09:19

"Wir hassen es, dass wir als Bands nur wegen des Geschlechts unserer Sängerin in eine andere Kategorie gesteckt werden."

Anfang Dezember habe ich mich mit Lena Scissorhands, ihres Zeichens Frontfrau von INFECTED RAIN, zu einem gemütlichen Plausch getroffen. Dabei ging es nicht nur um Weihnachtsgeschenke, sondern vor allem um die kommende Tour, welche INFECTED RAIN im Frühjahr zusammen mit BUTCHER BABIES und BLACK SPIKES in unsere Gefilde bringt. Wir haben auch über das nächste Album gesprochen, an dem die Band bereits fleißig werkelt und über die Themen, welche Lena in ihren Songs verarbeitet. Garniert wird das Ganze mit einem Plädoyer, Musikerinnen und Musiker nicht nach dem Geschlecht zu bewerten, sondern nach dem, was sie auf der Bühne leisten. Langweilig wurde uns also nicht.


Hallo Lena. Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast.

Gerne. Ich freue mich, hier zu sein.

Bist du schon in Weihnachtsstimmung?

Ja und irgendwie auch nicht. Der Dezember ist so unerwartet schnell gekommen. Ich war so beschäftigt, dass die Zeit wie im Flug vergangen ist. Ich freue mich sehr auf die Feiertage, weil ich Besuch von der Familie bekomme. Das wird bestimmt toll. Aber bin ich schon bereit? Nein. Nicht wirklich.

Ich habe das Gefühl, dass noch so viel zu tun ist, bis das Jahr vorbei ist. Aber es ist natürlich eine schöne Belohnung, am Ende Zeit mit der Familie zu verbringen.

Ich nehme folglich mal an, du hast noch nicht alle Geschenke beisammen?

Nein. Ich muss noch alle Geschenke besorgen.

Du kommst aus Moldawien und hast in verschiedenen Ländern gelebt. Hast du irgendwelche Weihnachtstraditionen mitgenommen von einer deiner Stationen?

Ich glaube nicht, dass es in den Ländern, in denen ich gelebt habe, große Unterschiede beim Weihnachtsfest gab. Und ich glaube, ich mag Weihnachten auch aus einem etwas anderen Grund.

Für mich ist Weihnachten eher eine Feier des ganzen Jahres. Am Ende geht es um die letzten Wochen, die noch vor uns liegen, oder eigentlich nur die letzte Woche. Man feiert da dann das ganze Jahr und was man in dem Jahr erreicht und erlebt hat. Ich bin damit aufgewachsen, dass wir eher Silvester als Weihnachten gefeiert haben. Wir haben immer Silvester gefeiert und dann am 1. Januar, um das neue Jahr zu begrüßen. Das war in meiner Kindheit ein großes Ereignis.

Nach meinem Umzug habe ich einige Jahre in Italien gelebt. In Italien ist Weihnachten ein sehr wichtiges Fest. Es wird wunderschön gefeiert. Und ich habe dann angefangen, es auch zu feiern. Ich finde, es ist einfach ein schöner Anlass, mit Freunden und Familie zusammenzukommen und Zeit miteinander zu verbringen.

Ehrlich gesagt bin ich total weihnachtsverrückt. Ich liebe Weihnachtsbäume. Ich liebe Christbaumschmuck. Ich liebe es, albern zu sein und mich weihnachtlich zu verkleiden. Ja, wirklich, aber ehrlich gesagt nicht aus religiösen Gründen oder wegen religiöser Traditionen.

Es geht dir vielmehr darum, dass man mit Menschen zusammenkommt, die man liebt?

Ja, absolut! Ich glaube fest daran und an Verbundenheit. Ich weiß nicht, irgendwie verbringe ich mein ganzes Leben weit weg von meiner Familie. Und wenn ich dann Familie oder gute Freunde in der Nähe habe, ist das für mich etwas ganz Besonderes.

Und dann, ein paar Monate nach Weihnachten, siehst du deine erweiterte Familie wieder – wir sehen dich wieder auf der Bühne in Europa.

Ja, genau!

Wir freuen uns riesig. Heute Morgen hatte ich sogar mit Heidi zu tun, wir haben über verschiedene Dinge gegrübelt und an anderen Sachen gearbeitet. Und wir haben darüber gesprochen, wie aufregend es für uns beide ist, auf dieser kommenden Europatournee gemeinsam auf der Bühne zu stehen.

Die "MUTATION PHASE"-Tour in Europa wird eine der außergewöhnlichsten Tourneen sein, die wir bisher gespielt haben. Wir stecken so viel Energie und Mühe in jedes einzelne Detail – von der Produktion über die Setlist bis hin zur Zusammenarbeit der beiden Bands.

Ich bin total aufgeregt! Und ich hoffe wirklich sehr, dass viele, die uns schon kennen, das Konzert nicht verpassen. Es wird nämlich etwas ganz Besonderes. Und ich freue mich natürlich auch riesig auf die vielen neuen Fans, die uns bei der Show entdecken werden.

Ich hatte in den letzten Jahren das Glück, euch ein paar Mal zu sehen. 2022 mit den BUTCHER BABIES. Letztes Jahr (2024), als ihr für DRAGONFORCE und AMARANTHE eröffnet habt. Und dieses Jahr (2025) natürlich mit AD INFINITUM und ELUVEITIE. Wie anders ist es für euch, jetzt eure eigene Co-Headliner Tour zu machen, anstatt als Support-Act auf Tour zu sein?

Es kommt ganz darauf an. Jede Tour ist anders. Der wichtigste Faktor für die Stimmung auf der Tour sind natürlich die Bands, die entweder mit dir auf Tour kommen oder die man selbst begleitet. Natürlich hängt es auch vom Musikgenre ab. Und ich finde es sehr spannend, mit Bands auf der Bühne zu stehen, die ein etwas anderes Metal-Genre spielen als wir.

Am Anfang hatte ich echt Angst, wenn wir mit Bands auf Tour waren, die musikalisch mit uns oder von dem, was wir vermitteln wollen, nicht viel gemein haben. Ich war nervös. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Ich dachte, vielleicht gehen wir auf die Bühne und die Leute buhen uns aus, weil sie nur wegen des Headliners da sind.

Ich erinnere mich, als Teenager war ich mal auf einem Konzert. Ich werde jetzt keine Namen nennen, weil es offensichtlich sehr unglücklich und unfair gegenüber der Band war. Aber ich erinnere mich, es war eine riesige Bühne mit einem riesigen Headliner. Und ich war nur ein Teenager-Mädchen im Publikum und habe mir die Vorstellung angesehen. Als die erste Band auftrat, auch eine ziemlich bekannte Band, wurde sie ausgebuht, und einige Leute bewarfen sie mit Plastikflaschen. Ich fand das die respektloseste und absurdeste Reaktion, die man sich vorstellen kann. Wie kann man so etwas nur für akzeptabel halten? Egal, wer auf der Bühne steht, du bist doch gerade eh da, also gib den Leuten eine Chance. Und selbst wenn es nicht dein Geschmack ist, selbst wenn du diese Musikrichtung nicht magst, sei doch einfach höflich und respektvoll gegenüber den Leuten, die extra anreisen, um ihre Show in dein Land oder deine Stadt zu bringen. Es war einfach nur Wahnsinn.

Und ich war selbst noch gar keine Musikerin. Ich hatte damals zwar ein paar Musikerfreunde, aber nichts Vergleichbares mit heute. Ich erinnere mich, wie ich dachte, wie schrecklich sich diese Musiker wohl auf der Bühne fühlen müssen. Es ist wie ein Albtraum für jeden, der auf die Bühne geht. Egal, was man macht, ob Komiker oder Schauspieler. Wenn man auf die Bühne geht und so behandelt wird, geht das gar nicht.

Ich hatte durch diese Erfahrung anfangs immer panische Angst. Aber ehrlich gesagt finde ich es inzwischen ziemlich cool, mit Bands auf der Bühne zu stehen, die ein bisschen anders sind als man selbst. Nur ein bisschen. Natürlich reden wir nicht von komplett unterschiedlichen Genres. Wir hatten jedenfalls eine Menge Spaß und haben auf diesen Tourneen viele neue Fans gewonnen.

Mit ELUVEITIE sind wir eng befreundet, seit wir 2019 mit ihnen und LACUNA COIL auf Tour waren. Wir haben uns mit vielen von ihnen angefreundet. Und jetzt wieder mit ihnen auf der Bühne zu stehen, war fast so, als würde man mit Freunden auf Tour gehen – also ein bisschen anders. Es war echt cool. Wir haben auch die Leute von AD INFINITUM kennengelernt, und die waren total nett. Und sie haben jeden Abend mit einer super Laune eröffnet und gut Stimmung gemacht, was sehr wichtig ist. Denn manchmal ist es schwierig, die Stimmung zu ändern. Man kennt das ja von Festivals, wo oft Bands mit ganz unterschiedlichen Vibes auftreten. Und manchmal denkt man sich: "Okay, was machen wir jetzt? Wie sollen wir da mithalten?" oder "Wie kriegen wir die Leute jetzt noch in Stimmung?" Es ist manchmal eine Herausforderung.

Und irgendwie fühlt man sich verantwortlich, weil man ja auf der Bühne steht. Und mit "man" meine ich die ganze Band, nicht einzelne Personen.

Da stimme ich dir vollkommen zu. Ich finde es auch besser, wenn die Bands bei einem Konzert unterschiedlich sind. So hat man auch ein bisschen Abwechlsung. Aber manchmal sieht man sich bei Festivals das Line-up oder die Reihenfolge an, und manchmal ergibt das überhaupt keinen Sinn. Weil es einfach zu unterschiedlich ist. Da sind dann zu unterschiedliche Leute, die die verschiedenen Bands sehen wollen.

Aber jetzt kommt ihr mit Heidi und den BUTCHER BABIES zurück nach Europa, da ist die Stimmung ja garantiert. Warum geht ihr wieder mit ihnen auf Tour?

Wir waren tatsächlich noch nie zusammen in Europa auf Tour. Wir hatten nur zwei Konzerte. Und du hattest echt Glück, dabei zu sein. Es waren wirklich nur diese zwei Konzerte. Es war damals alles etwas kurzfristig, weil sie gerade in Europa auf Tour waren und wir auch zufällig. Wir haben dann mit unseren Agenten gesprochen, ob wir vielleicht ein oder zwei gemeinsame Konzerte geben könnten. Denn zu der Zeit haben wir in den Sommern zwischen den Festivals auch Clubkonzerte gegeben.

Aber ehrlich gesagt ist das ziemlich schwierig, weil die Leute im Sommer eher draußen unterwegs sind. Und Clubs laufen da nicht so gut. Manche Clubs schließen sogar komplett über den Sommer.

Ja, viele Clubs hier haben im Sommer geschlossen.

Genau. Du hattest also echt Glück, weil wir nur diese zwei Konzerte gespielt haben. Das war's. Und seitdem sind die Leute total ausgeflippt. Sie wollten das unbedingt nochmal haben!

Wir haben allerdings vorher, bevor du uns gesehen hast, bereits eine ganze US-Tournee zusammen gemacht. Heidi und ich haben aber immer wieder darüber gesprochen. Wir fanden den Zeitpunkt etwas ungünstig. Es war nämlich genau der Moment, als nach Corona wieder Konzerte erlaubt wurden. Es war einfach zu früh. Die Leute hatten Angst.

Sie waren in zwei Gruppen gespalten. Die einen waren total furchtlos, denen alles egal war und die zu Konzerten gingen, einfach um Zuhause raus zu kommen. Die anderen waren extrem vorsichtig, und das völlig zu Recht. Schließlich starben ja viele Leute. Und es gab nicht nur diese zwei Gruppen, es gab auch verschiedene Regeln, die die Clubs anwenden wollten und mussten. Manche Clubs meinten zum Beispiel: "Okay, wir brauchen nur deinen Impfnachweis, und dann passt alles." Manche wünschten sich etwas anderes. Es war sehr schwierig. Wir mussten ständig Masken tragen. Wir haben sogar Meet-and-Greets mit Masken veranstaltet. Es war einfach nicht so persönlich und für viele fühlte es nicht so sicher an. Es war eine Herausforderung. Deshalb wollten wir es unbedingt irgendwann wiederholen.

Ja. Es war eine sehr schwierige Zeit. Ich erinnere mich, 2021, da habe ich noch als Lehrer gearbeitet. Und für uns änderten sich die Regeln wöchentlich. Wir wussten nie, was wir tun konnten oder mussten.

Und das Gleiche galt für Live-Shows. Es waren harte Zeiten, Mann. Sehr hart für alle.

Wir verurteilen niemanden, der Angst hatte und das Risiko nicht eingehen und nicht zu den Shows kommen wollte. Aber wir sind definitiv der Meinung, dass wir etwas viel Besondereres hätten erleben können, wenn das nicht gewesen wäre.

Nun, in ein paar Monaten haben die Menschen in Europa das Glück, diese besonderen Dinge zu erleben. Kannst du uns schon ein bisschen was verraten? Werden wir dich und Heidi zusammen auf der Bühne sehen?

Ja, tatsächlich. Ich verrate es euch schon mal, aber wir werden es diese Woche auch offiziell bekanntgeben. 'The Realm Of Chaos' ist ein Song mit Heidi von den BUTCHER BABIES von unserem letzten Album. Dieser Song wurde von vielen immer wieder gewünscht. Und live ist er ein absoluter Kracher. Ich liebe es, ihn live zu spielen.

Ich kann es kaum erwarten, ihn jeden Abend mit ihr live zu performen. Ihr könnt euch also auf etwas ganz Besonderes freuen. Das ist eine der Überraschungen, die wir beide mitbringen. Nur eine davon. Es wird noch so viel mehr geben.

Sehr aufregend. Ihr kommt aber natürlich nicht allein. Ihr bringt noch eine dritte Band mit. Was kannst du uns über BLACK SPIKES erzählen?

Ehrlich gesagt, hatte ich vorher noch nie von ihnen gehört. Ich habe sie sofort gegoogelt, als die Entscheidung gefallen war, sie mitzunehmen. Wir recherchieren natürlich, wann immer wir können. Und ich halte sie für sehr talentierte Newcomer.

Ich denke, sie passen hervorragend zu dem, was wir bieten. Ich hoffe, sie sind richtig tolle Leute. Bis jetzt bin ich davon zumindest überzeugt.

Sie waren bisher super nett und ich habe nur Gutes über sie gehört. Einige Leute, die sie live gesehen haben, meinten, sie seien sehr professionell und machten interessante Musik.

Und ja, ich bin total aufgeregt! Ich freue mich riesig darauf, sie kennenzulernen.

Weißt du, ob es Zufall war oder Absicht, dass sie auch eine female-fronted Band sind?

Nein, es war Zufall. Wir machen das eigentlich nie absichtlich, außer es ist eine Tour, die von jemand anderem organisiert wurde. Zum Beispiel Anfang des Jahres: Wir waren im ersten Teil unserer Tour – vor dem Teil mit AD INFINITUM und ELUVEITIE - Headliner. Aber wir hatten noch vier weitere Bands mit Sängerinnen dabei.

Das mit Moto-irgendwas?

Die "MOTOCULTOR Across Europe"-Tour, ja. MOTOCULTOR ist ein Festival in Frankreich. Ein wirklich tolles Festival. Und sie lieben INFECTED RAIN. Deshalb waren wir Teil dieser Tour, welche sie manchmal organisieren.

Sie waren alle super nett und wir hatten viel Spaß. Aber nochmal, wir haben das nicht selbst organisiert. Wir versuchen, das so gut wie möglich zu vermeiden, weil wir es hassen, dass wir als Bands nur wegen des Geschlechts unserer Sängerin in eine andere Kategorie gesteckt werden. Das ist absurd und muss aufhören. Wir versuchen also nie absichtlich so etwas zu tun.

Wir treffen uns oft und unternehmen etwas zusammen, einfach aus Freundschaft. Aber es liegt nicht daran, dass wir... Ich spreche nur für mich selbst, okay? Ich finde es toll, wie viele Frauen es heutzutage in meiner Branche gibt, im Vergleich zu früher. Absolut. Aber setze ich mich dafür ein? Protestiere ich dagegen oder dafür? Nicht wirklich.

Denn ich glaube, nur weil wir female-fronted Bands sind, ist die Herangehensweise der Leute an unsere Bands komplett anders. Das muss aufhören. Ich glaube, es liegt daran, dass es früher selten war. Und ich verstehe das. Aber muss es denn dadurch unbedingt ein anderes Genre sein? Eine Band mit einer Sängerin ist doch kein anderes Genre! Warum redet denn niemand von male-fronted Bands?!

Ich stimme dir vollkommen zu.

Wen interessiert schon, was wir tragen? Es gibt Männer, die in Röcken fantastisch aussehen. Und es gibt Frauen, die in Hosen fantastisch aussehen. Lasst uns das einfach akzeptieren. Komm schon.

Vor Kurzem war ich in Berlin auf einem Festival namens "Female-fronted is not a genre". Es wird also immer bewusster.

Ja, das hoffe ich jedenfalls.

Die Bands haben dort alle ihren eigenen Stil. Das liegt aber nicht daran, dass FLINTA*s am Mikro sind. Das spielt keine Rolle.

Es spielt keine Rolle! Denn was kommt dann? Wollen wir dann ein anderes Genre für Bassistinnen in Metal-Bands? Oder für Schlagzeugerinnen in Metal-Bands? Das ist nicht fair. Verstehst du, was ich meine?

Absolut.

Ich muss allen gegenüber fair sein. Im Metal geht es nicht um Geschlecht. Im Metal geht es nicht um Religion. Im Metal geht es nicht um Ethnizität. Im Metal geht es um Zusammenhalt. Und das werde ich verdammt nochmal bis zu meinem Tod sagen.

Bitte mach das!

Für unsere Leser, die euch bisher noch nicht live erlebt haben: Was können sie von einer INFECTED RAIN-Show erwarten?

Nun, genau darum geht es ja. Diese Tour wird komplett anders sein. Deshalb kann ich noch nicht zu viel verraten.

Aber was ihr immer erwarten könnt, egal wo ihr seid, ob Festival oder Club, ist Aufrichtigkeit. Echt sein. Authentisch sein und dem treu bleiben, was wir verdammt noch mal lieben. Darauf könnt ihr euch verlassen.

Und aus eigener Erfahrung: jede Menge Energie.

Ja, jede Menge Energie, denn die gehört einfach dazu.

Wenn man wirklich fühlt, was man sagt, seine Musik fühlt und fühlt, was man tut, dann kann man gar nicht anders. Es ist energiegeladen. Man will sich bewegen.

Du musst wissen, ich bin ein riesiger Musikfan. Wirklich. Schon seit meiner Kindheit. Meine Eltern waren Tänzer und haben mich immer zu ihren Proben mitgenommen. Der Rhythmus hat mich schon immer begleitet. Tatsächlich habe ich als Baby meine ersten Schritte während einer Probe gemacht, dank der Musik. Die Musik hat mich einfach zum Stehen und Laufen gebracht.

Ich werde nie vergessen, als meine Mutter mir das erzählt hat, denn ich glaube, es war ein Zeichen. Ich bin überzeugt, dass Musik eine ganz eigene Sprache ist, eine Sprache, die einen direkt anspricht. Und wenn man sie versteht und sich mit ihr verbunden fühlt, dann ist das einfach unbeschreiblich. Das ist das schönste Gefühl überhaupt. Und genau das bedeutet INFECTED RAIN für uns.

Ich kann auch bestätigen, es ist wirklich schwer, Fotos von euch auf der Bühne zu bekommen, auf denen ihr stillsteht.

Stimmt.

Werden wir auf der Tour neue Musik zu hören bekommen?

Das kann ich noch nicht verraten, da wir noch mit unserem Label sprechen und dessen Zustimmung einholen müssen. Wir würden es sehr gerne tun, denn wir arbeiten bereits an neuem Material für das neue Album.

Aber wir können noch nicht hundertprozentig zusagen, da wir da unserem Team vertrauen müssen und es immer einen Plan für die Promotion hat. Leider ist es heutzutage nicht mehr so ​​einfach, seinen Song im Radio oder in den Playlists der Leute zu platzieren. Man muss ihn ordentlich pushen.

Deshalb möchten wir diese Idee unserem Label vorstellen. Mal sehen. Wir hoffen es.

Kannst du uns sonst noch etwas über das kommende siebtes Album erzählen?

Ja. Wir verfolgen mit diesem neuen Album einen etwas anderen Ansatz. Neuer Ansatz, was nicht bedeutet, dass wir einen neuen Stil oder ein neues Genre haben. Es bedeutet einfach, dass wir eine neuere, frischere Version von uns selbst präsentieren. Und wir werden mit ein paar Dingen experimentieren, was ich absolut fantastisch finde. Ich bin so aufgeregt, du glaubst es nicht! Ich spreche jeden Tag mit der Band darüber und kann es kaum erwarten, dass die Leute das hören. Ich habe das Gefühl, dass wir mit diesem Album versuchen, ein etwas anderes Terrain zu betreten als bisher.

Das heißt aber nicht, dass ihr INFECTED RAIN nicht wiedererkennen werdet. Es bedeutet vielmehr, dass ihr eine neue Version von INFECTED RAIN erleben werdet, als die, die ihr bereits kennt.

Das klingt sehr spannend. Wenn man an "Time" zurückdenkt, das vor fast zwei Jahren erschienen ist, war das übergreifende Thema die Zeit, respektive die Vergänglichkeit der Zeit. Aber es gab auch viele persönliche Themen, die ihr angesprochen habt, innere wie äußere Kämpfe. Wird das neue Album auch wieder tiefere Themen aufgreifen und behandeln?

Oh ja, absolut! Das ist etwas, das ich nicht loswerden kann. Und eigentlich will ich es auch gar nicht, denn irgendwie schwingt da schon ein bisschen Egoismus mit, wenn ich das so sagen darf.

INFECTED RAIN bedeutet mir so viel, nicht nur wegen der Musik und weil wir auftreten und reisen, sondern weil ich hier über meine innersten Gefühle sprechen kann. Ich habe schon als Teenager angefangen, all meine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben. Und das habe ich einfach immer weitergemacht, als eine Art Therapie, die mir geholfen hat, bestimmte Zeiten besser zu überstehen.

Genau das habe ich von Anfang an mit INFECTED RAIN gemacht. Und wenn ich Texte schreibe, vertraue ich voll und ganz meinen Gefühlen, denn ich finde, nichts ist aufrichtiger, als authentisch und ehrlich zu sein. Und hey, viele Leute mögen Ehrlichkeit nicht, okay? Aber ich gehe dieses Risiko ein.

Ich bin viel lieber ehrlich und zeige mein wahres Ich, als mich zu verstellen, besonders wenn es um Musik geht. Versteh mich nicht falsch, zu schauspielern und eine Rolle in einer Band zu spielen und auszufüllen, finde ich nicht schlimm. Ich spiele ja auch meine Rolle, aber eine, die ich mir selbst ausgesucht habe und die mir sehr vertraut ist.

Es ist so, als würde ich sagen: "Okay, heute spiele ich diese Rolle." Oder bei diesem Song: "Ich spiele die Rolle der gebrochenen Frau, die ich war, als ich das durchgemacht habe, worüber ich geschrieben habe." Oder: "Heute versuche ich, aus dieser Rolle heraus zu schreiben."

Wir haben einen Song auf dem neuen Album, der wirklich sehr gesellschaftlich relevant ist. Ich wurde vor Jahren von einem Musiker aus einem ganz anderen Genre, den ich absolut liebe, dazu inspiriert. Und ich wollte über ein ähnliches Thema schreiben, weil es mich beschäftigt, weil es mir wehtut, weil ich es fühle. Und ich habe das Gefühl, die Geschichte wiederholt sich. Dieser Song ist uralt. Ich war schon immer ein großer Fan davon und wollte etwas davon Inspiriertes machen. Und das haben wir getan, und ich bin so stolz auf den Song. Ich kann es kaum erwarten, dass die Leute ihn hören.

Also, was ich eigentlich sagen will: Schauspielerei ist fantastisch und einfach großartig. Ich darf ja in Musikvideos mitspielen. Ich hoffe, ich kann eines Tages auch in einem Film mitspielen, aber man kann nicht schauspielern, wenn man über die Wahrheit schreibt. Deshalb habe ich mich mit INFECTED RAIN für diesen Weg entschieden und werde dabei bleiben, denn sonst weiß ich nicht, wie die Leute sich damit identifizieren sollen. Musik bedeutet für mich auf die eine oder andere Weise Emotionen. Man kann Emotionen nicht vortäuschen, vielleicht bis zu einem gewissen Grad, aber ich kann es einfach nicht. Ich bin nämlich sehr leicht zu durchschauen. Manche Leute mögen mich nicht, weil ich meine Gefühle nicht verberge.

Ich sehe das als eine positive Eigenschaft an.

Danke, danke. Mir gefällt es so, und besonders bei INFECTED RAIN möchte ich einfach ich selbst sein.

Wie fühlt es sich an, auf der Bühne vor all diesen Menschen zu stehen und deine eigenen Dämonen so offen zu zeigen?

Das ist eine sehr gute Frage. Es ist keine leichte Aufgabe, und anfangs war es definitiv frustrierender und emotionaler für mich. Mittlerweile sehe ich den heilenden Aspekt darin, und wenn ich dasselbe Lied immer und immer wieder spiele, besonders auf derselben Tour, ein Lied, das immer noch schmerzt, dann betrachte ich es als Weg zur Heilung. Denn ich glaube, dass man Feuer mit Feuer heilen kann, verstehst du? Für mich ist es der beste Weg zu heilen, und wenn das dann etwas egoistisch klingt, entschuldige ich mich, aber diese Art von Egoismus bringt mein wahres Ich zum Vorschein. Und ich weiß, dass ich nichts Besonderes bin und dass es Menschen gibt, die so viel mehr durchgemacht haben als ich. Und wenn sie sich mit der Musik identifizieren können und ein Lied oder ein Album ihnen in einem dunklen Moment beistehen kann, dann ist das alles, was ich will.

Das ist für mich der größte Lohn.

Es hilft den Menschen oft einfach zu wissen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Dass Künstler diese Kämpfe auf die Bühne bringen, ist für viele Menschen auch eine Art Therapie.

Stimmt, aber für mich geht es nicht nur darum, meine Ideen darzulegen oder über meine Gefühle zu sprechen. Ich bin in dem Moment auch Teil des Publikums. Es tut mir so gut zu wissen, dass ich nicht allein bin, auch wenn es mich sehr traurig macht, dass andere Menschen denselben Schmerz durchgemacht haben. Gleichzeitig gibt es mir aber auch das Gefühl, in der Gesellschaft und im Leben akzeptierter zu sein, wenn ich weiß, dass es Menschen gibt, die das nachvollziehen können, die wissen, wovon ich spreche und die genau verstehen, was ich erlebt habe. Vielleicht haben sie sogar noch Schlimmeres durchgemacht. Wie gesagt, es geht nicht darum, wer im Leben mehr Pech hatte oder zu vergleichen. Es geht darum, sich nicht allein zu fühlen.

Gerade heutzutage, mit all der Technologie und den Privilegien, die wir genießen, können wir uns einfach in unseren vier Wänden verbarrikadieren und nie soziale Kontakte pflegen. Wir können uns alles nach Hause liefern lassen, sogar Essen und Lebensmittel. Wir können von zu Hause aus arbeiten. Viele Jobs bieten das ja inzwischen an. Wir können so vieles tun. Wir können uns kostenlos virtuell mit unseren Freunden treffen - und das war zu meiner Kindheit alles andere als selbstverständlich. Und deswegen weiß ich unsere Shows so sehr zu schätzen.

Ich weiß es sehr zu schätzen, dass völlig Fremde meinen Schmerz nachempfinden und für mich da sind. Sie sagen dann so etwas wie: "Okay, ich verstehe dich." Ich sehe manchmal Leute in unseren Shows weinen, und das ist manchmal stärker als mein eigener Schmerz. Ich fühle ihren Schmerz und denke: "Ah, weißt du, ich weiß, wovon ich rede. Ich weiß, wie du dich gerade fühlst."

Ist diese Verbindung zu den Fans also das, was eine gute Show zu einer großartigen macht?

Ja, für mich definitiv, ja.

Ich möchte diese Interviews immer gerne mit einer lockeren Frage abschließen, auch um vielleicht noch eine andere Seite von dir zum Vorschein zu bringen oder einen neuen Aspekt kennenzulernen. Du arbeitest neben INFECTED RAIN ja mit vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Du warst aktuell bei LORD OF THE LOST an der neuen Single beteiligt, hast mit NERVOSA, SEAS ON THE MOON und vielen anderen Bands zusammengearbeitet. Ich würde es gerne mal andersherum betrachten.

Wenn du zwei Künstlerinnen oder Künstler auswählen müsstest, einmal aus der Metal-Szene und einmal von außerhalb - also jemanden, die oder der weder Metal noch Rock spielt - die mit INFECTED RAIN an einem kommenden Song oder Album zusammenarbeiten würden, wen würdest du wählen?

Eine sehr schwierige Frage, weil ich so viele Leute bewundere.

Aber du darfst nur zwei auswählen.

Ich darf nur zwei auswählen. Du bist echt gemein. Trotz diesem pinken Shirt, sehr gemein.

Okay, also wenn ich mich wirklich auf eine Person aus der Metal-Szene beschränken müsste, würde ich Chino Moreno von den DEFTONES nehmen.

Der ist doch auch auf deinem Bein tätowiert, oder?

Ja, ich habe ihn tätowiert. Ich bin ein riesiger Fan, seit meiner Jugend.

Und wir sind noch nie zusammen aufgetreten. Ich habe sie live gesehen, weil ich zu einem Konzert gegangen bin - ich hatte das Glück, zu Hause zu sein, als sie hier auftraten. Aber ich habe nie jemanden von der Band getroffen oder mit ihnen auf der Bühne gestanden. Das steht auf meiner To-Do-Liste. Hoffentlich klappt es eines Tages.

Und zweitens, jemand nicht aus unserer Welt...

Oh Gott, das ist echt schwierig. Ich glaube, ich wähle PINK. Ich finde, sie ist total fucking Metal. Ich liebe sie schon seit ihren Anfängen, ihrem riesigen Erfolg bei MTV, als ich noch ein Teenager war. Und sie war damals so innovativ und einzigartig und ist es immer noch. Ich habe sie live gesehen und meine Güte, sie ist der Wahnsinn!

Also ja, wenn ich mich wirklich entscheiden muss, dann Chino Moreno und PINK.

Das schließt doch wunderbar den Kreis zu INFECTED RAIN, denn ich finde PINK mutiert, verändert und entwickelt sich ständig auch weiter.

Ja, genau. Sehr schön.

Vielen Dank, Lena, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Genieß die Feiertage und ich freue mich schon sehr darauf, euch im Frühling live auf der Bühne zu sehen.

Weißt du schon, wann du kommst? Also zu welcher Show?

Ich werde auf jeden Fall in Hamburg dabei sein, vielleicht schaffe ich es auch noch zu einer anderen.

Hamburg. Okay, dann sehen wir uns dort. Vielen Dank für die Einladung und schöne Feiertage. Vielen Dank.

Bis dann, auf Wiedersehen.

Wir sehen uns alle bei der Show. Tschüss.

 

Die Livebilder stammen von mir und wurden bei INFECTED RAIN-Auftritten in Berlin, Hamburg, Hannover und Oslo in 2024 und 2025 aufgenommen.

Redakteur:
Chris Schantzen

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