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In der Gruppentherapie: SIGH - "Scenes From Hell"

28.01.2010 | 07:17

Noten in der Spanne von 4.0 - 10.0 sprechen für ein polarisierendes Werk. Genau so eines haben SIGH mit "Scenes From Hell" geschaffen. Eine Gruppentherapie für eure Orientierung war da nur logische Konsequenz.


Mit einer Notenspanne von vier bis zehn Punkten dürfte SIGHs "Scenes From Hell" der Titel des bislang kontroversesten Top10-Albums unserer Soundcheck-Geschichte sicher sein. Meine Wertung liegt am obersten Rand des Spektrums, und doch kann ich jeden verstehen, der mit dem eigenwilligen Sound der Japaner nicht warm wird. Mirai Kawashimas Kompositionen sind bei oberflächlichem Hören wirr, wirken chaotisch und rastlos - ja, teils fast kakophonisch. Hektische Riffs, vielschichtige Orchester-Aufbauten, krasse, teils mehrfach überlappende Vocals (an denen auch Saxophonistin Dr. Mikannibal beteiligt ist) und eine Rhythmik die aufputschender sein kann als eine Überdosis Espresso. Ja, es ist nicht leicht, den Zugang zum fernöstlichen Seufzer zu finden. Doch wer eine Neigung zu abgedrehten Kompositionsweisen, zu tiefst morbidem Bombast, bizarrem Knochentanz und Horror-Soundtracks hat, der findet in SIGH eine der musikalisch anspruchsvollsten und dabei vielschichtigsten und eigenständigsten Metal-Truppen überhaupt. Die Art und Weise, wie Profi-Komponist Mirai seinen räudigen, reduzierten Black Metal mit opulenten Orchester-Partituren für Streicher und Bläser, und außerdem mit tollen Leadgitarren verbindet, ohne auch nur einen Millimeter tief in den Schmalztopf zu greifen, ist schlicht fabelhaft. Daher ist "Scenes From Hell" ein weiteres perfektes Exponat in einer langen Tradition großer, pechschwarzer Kunstwerke aus dem Hause SIGH.

Note: 10/10
[Rüdiger Stehle]

Schon der Opener 'Prelude To The Oracle' macht klar, woran man bei SIGH ist: wirre Riffs, irre Bläser und Orchesterabfahrten, kreischiger Gesang und dazu auch mal ein Metalsolo. Wahnsinn eben. Und genau das werden Fans erwarten und lieben, während andere stirnrunzelnd vor ihrer Stereoanlage sitzen und sich fragen, was denn da gerade passiert ist. Ich persönlich finde diese wirre Mischung höchst originell und in vielen Passagen sehr hörenswert, was vor allem an den meist smart eingesetzten Bläsern liegt, die selten deplatziert wirken. Kann natürlich auch daran liegen, dass die Japaner im Vergleich zu SHINING und ihrem "Blackjazz" noch fast eingängige Kost bieten. Dennoch, mit wenigen Ausnahmen ist "Scenes From Hell" ein gutes, abwechslungsreiches, im positiven Sinne anstrengendes Album, das Fans der Band mit Sicherheit glücklich macht. Respekt.

Note: 7,5/10

[Peter Kubaschk]

Japaner, so so. Na ja, verrückte Bands kamen schon immer aus Nippon. Nun also eine total abgedrehte Black-Metal-Kapelle. Und abgedreht stimmt. Da bläst und symphont es, dass die Schwarte kracht. Im Hintergrund werden schmeichelnde, bisweilen sogar großartige, hymnische Sequenzen intoniert mit genialen Melodien. Der symphonische Teil des Albums ist zeitweise meisterlich in seiner Eingängigkeit, und sogar dann, wenn er zumutend dissonant ist. Aber ich sagte Black Metal. Und das obligatorische Grunz-Hack macht alles zunichte, was mühsam aufgebaut wurde. Hier wird Kontrast so groß geschrieben, dass jeglicher Song auf der Strecke bleibt. Hier werden völlig zusammenhanglose Teile aneinandergereiht, dass es an den Nerven zerrt. Dabei ist der Opener "Prelude To The Oracle" noch ganz erträglich, aber spätestens mit dem durch den großen musikalischen Drehwolf gedrückten "L'art De Mourir" endet bei feinfühligen Gemütern wie ich es eines bin jegliches Verständnis. Dabei haben die Buben durchaus ein Ohr und ein Händchen für die große Melodie, ich bin nur nicht in der Lage, mich durch diesen anstrengenden Haufen widersprüchlicher Teile zu wühlen, um in jedem Lied die 40 Sekunden mir zusagender Musik zu finden, inmitten der konfusen Arrangements und willkürlich zusammengestetzten Songfragmente. Wohlgemerkt: Das liegt nicht notwendigerweise an der Band, das liegt an mir. Wenn man sich die Mühe machen würde, dieses Album zwei Dutzend mal zu hören, kann ich mir vorstellen, dass es sich zu einem echt interessanten Werk entwickelt. Aber bis dahin könnt ihr mich in der Klapse besuchen, deswegen: Das kann und will ich nicht wieder hören.

Note: 4,0/10
[Frank Jaeger]


Was ist das für eine wilde Achterbahnfahrt! Und nein, SIGH präsentieren sich nicht nur durchgeknallt und sperrig - das Chaos wirkt hier durchaus durchdacht und hat eine klare Struktur. Die ausgefallenen Arrangements werden gehüllt in ein ureigenes Soundgewand mit etlichen überraschenden Bestandteilen und verpackt in erstklassiges, originelles Songwriting. So etwas verdient absoluten Respekt, wenn der Wahnsinn zudem noch so gut inszeniert ist. Wilde Raserei verquickt mit großartigen Bläsern und symphonischen Elementen - das soll den Japanern in dieser Form erstmal einer nachmachen. Und die entrückten Saxophon-Parts werfen sogar ein gewisses Free-Jazz-Flair in die Runde. Das ist nicht nur Black Metal, das ist ein ganz individuelles Klanguniversum, auf das nur das Etikett SIGH passt. Das Faszinierende daran ist aber, dass sich aus dem eigenwilligen, hektisch-konfusen Treiben mit der Zeit sogar eine gewisse Eingängigkeit herausschält - wenn man dem Rundling die dafür nötigen Umdrehungen zugesteht. Innovativ, originell und ein Stück weit avantgardistisch - das sind die beeindruckenden Klangwelten von SIGH. Diese Erkundungstour lohnt sich, denn es gilt eine Menge zu entdecken und dabei möglicherweise sogar den eigenen musikalischen Horizont ein wenig zu erweitern.

Note: 8,5/10
[Stephan Voigtländer]

Hat man im Musikplenum erwähnt, dass auf "Scenes From Hell" echte Streicher und Bläser zu hören sind, diese Elemente nicht unsauber zusammengeklebt wurden, das Cover ansprechend ist und einige Tutenmelodien aufgrund ihres Trashappeals nicht abstoßend wirken, können keine weiteren positiven Anmerkungen dieses Album betreffend gegeben werden. Das Brummkreiselmoment reicht zwar aus, um die Flaggen im FREEDOM CALL-Märchenland am Erscheinungstag auf Halbmast gehen zu lassen, aber allgemein ist die Freude über die Absage an den verschlagenen Mainstream auch nicht so überwältigend, dass man sich mit Porree behängen möchte, um als lebendes Kunstwerk durch die Innenstadt zu zucken und damit dieser Ausgeburt der Freigeister zu huldigen. Eine Revolution schieben SIGH mit der tief durch Parolen watenden Unnatürlichkeit nicht an, zu unwesentlich und wenig vorkämpferisch ist ihre Platte. Vielleicht existiert in Japan aber auch rückständige Avantgarde, dann muss diesem Endprodukt als Vertreter der Geheimgattung prototypischer Charakter zugeschrieben werden. Derjenige, der ein solches Soundtheater mixen muss, ist ohnehin ein armer Mensch; dennoch wäre es der Verlängerung der Ohrenlaufzeit entgegengekommen, wenn nicht Mirai Kawashima, sondern jemand mit Abstand darüber gewacht hätte. Der verhunzte und widerwärtig veraltete Klang lässt die mit schalem Saitengerubbel unterlegten Black-Metal-Songs lächerlich wirken. Wer so ein Ergebnis anstrebt, kauft auch ausschließlich verkohlte Brötchen beim Bäcker. Wenn trompetet wird, knackt das Gebiss; von den anderen Beteiligten – immerhin Bass, Gitarre, Schlagzeug und das putzige Ghoul-Geknurre – ist in diesen Passagen zumeist nichts mehr zu vernehmen.

Note: 5,0/10
[Oliver Schneider]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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