SABIENDAS: Interview mit Jan Edel

19.05.2020 | 22:17

Welch ein Schlachtfest! Der dritte SABIENDAS-Satansbraten hat es nicht nur faustdick, sondern vor allem tödlich und wuchtig hinter den Ohren. So sollte einfach Death Metal anno 2020 klingen: brutal, abwechslungsreich und voll auf die Glocke. Jan Edel ist bei den Ruhrpottlern für die Vocals zuständig und stand uns im Zuge der "Repulsive Transgression"-Veröffentlichung Rede und Antwort. Und ein Fakt steht fest: Der Underground brodelt! Und zwar gewaltig!

Grüß dich, Jan! Wie geht es dir? Wie ist die Stimmung im SABIENDAS-Bandlager?

Hi Marcel. Die Stimmung ist ein wenig gemischt. Auf der einen Seite freuen wir uns tierisch darauf, dass das neue Album endlich rauskommt und über das neue Video. Frische T-Shirts liegen auch bereit. Es könnte eigentlich nichts schief gehen. Leider können wir gerade nicht auftreten und werden wohl aus der Album-Release-Show doch eine "Album-Already-Released-Show" machen müssen. Aber die Freude über das Album und die Rückmeldungen überwiegt.

Seit eurer letzten Scheibe "Column Of Skulls" sind knappe fünf Jahre ins Land gezogen. Magst du mir ein kleines Update geben, was bei SABIENDAS in dieser Zeit so passiert ist?

Nach der Veröffentlichung von "Column Of Skulls" haben wir uns erst mal voll auf Konzerte und Touren konzentriert. Wir waren in der Zeit 2016 mit ATOMWINTER und 2018 mit lokalem Support in Großbritannien und haben fleißig die Clubs und Festivals unsicher gemacht. Gegen Ende 2017 haben wir uns dann wieder ans Songwriting gemacht und der Prozess hat sich dann, von ein paar Shows unterbrochen, bis in den späten Herbst 2018 gezogen. Nach Abschluss der Aufnahmen im Frühjahr 2019 standen wir jedoch nach sechs Jahren wieder ohne Plattenfirma da und bis alles spruchreif war, war es dann auch schon wieder Herbst.

Ihr seid nun bei Massacre Records unter Vertrag. Erläutere uns doch kurz die Vorteile, bei solch einem renommierten Metal-Label zu sein?

Welche Vorteile das für uns langfristig haben kann, wird sich wohl noch herausstellen. Wir bringen ja gerade erst die erste CD bei Massacre Records raus. Was wir allerdings jetzt schon merken, sind der professionelle Vertrieb, Bemusterung von Händlern und Magazinen und die gesamte Promotion. Die Zusammenarbeit läuft sehr unkompliziert und kooperativ, man lässt uns bei kreativen Fragen freie Hand und wir sind in die meisten Entscheidungen eingebunden. Die Hauptvorteile sind Promotion und weltweiter Vertrieb.

"Repulsive Transgression" steht in den Startlöchern - eure nunmehr dritte Scheibe. Wie lange habt ihr im Endeffekt daran gearbeitet und mit welcher Zielsetzung seid ihr an die Arbeiten herangetreten?

Puh, so genau weiß ich das gar nicht mehr, aber ich würde sagen, dass es insgesamt etwas mehr als ein Jahr gedauert hat. Man muss aber erwähnen, dass wir quasi mittendrin nochmal für sechs Shows auf der Insel waren und noch zwei Festivals in Deutschland gespielt haben. Wir haben ja auch alle unsere normalen Jobs. Daher ist es schwierig, sich tagelang einzuschließen um Songs zu schreiben. So klischeebeladen das jetzt klingen mag, uns war durchaus bewusst, dass gerade das dritte Album immer besonders beäugt wird. Auf den beiden Vorgängern gibt es gewisse Stellen, mit denen der eine oder andere von uns nicht 100% zufrieden war. Das merkt man wohl nur als Band selbst, aber es ist eben da. Bei "Repulsive Transgression" wollten wir genau das vermeiden und die Songs waren erst fertig, als sie sich für alle gut und richtig angefühlt haben. Zusätzlich haben wir versucht die Songs eher nach einem klassischen Muster aufzubauen und nicht zu überladen. Dadurch werden die Stücke eingängiger und jeder Song hat sein Signature-Riff.

Ein Album ohne Click-Tracks, oder? Dadurch klingt die Platte wie aus einem Todes-Guss. Welche Gründe hatte das? Was kannst du uns generell zum ziemlich energischen und homogenen Sound des neusten Dampfhammers sagen?

Nun, ich kann mich selbst noch an Plattenaufnahmen in den 90ern erinnern. Da wurden mit einer Pilot-Gitarre die Drum-Tracks aufgenommen und die waren dann dein Click-Track. Bei unserem Album war es die Idee von Toni [Merkel, Drummer - Anm. d. Red.], wenn ich mich richtig erinnere. Wenn man das Ganze quasi live einspielt, entstehen winzige Ungenauigkeiten, wodurch der Sound insgesamt sehr natürlich rüberkommt und dadurch eine gute Dynamik entwickelt, Old School eben. Wir wollten unbedingt vermeiden, dass die Produktion so klingt wie mit dem Computer glattgezogen. Die Aufnahme ist dadurch ein echtes Unikat. Es kann Fluch oder Segen sein, wenn der Verantwortliche für den Mix selbst Bandmitglied ist. In unserem Fall passt es sehr gut. Ich glaube, Toni hatte schon beim Schreiben der Songs eine sehr genaue Vorstellung davon, wie das fertige Produkt klingen soll.

Was sofort auffällt: Ihr wütet noch ein wenig abwechslungsreicher und lasst trotzdem ziemlich heftig die Death-Metal-Keule kreisen. Wie wichtig ist für euch die Variation in eurer Musik, im Death Metal allgemein und liegt hierin auch der größte Unterschied zu "Column Of Skulls"?

Ich glaube, die Variation zwischen den Alben ist gar nicht bewusst herbeigeführt. Das liegt wohl eher daran, wie und wann die Songs entstanden sind. Auf "Restored To Life" sind auch Songs wie 'Necrophobia' oder 'Eternal Gloom', welche schon auf der EP waren. Die gehörten bei der Veröffentlichung des Album schon längere Zeit zum Repertoire und stammten alle ausschließlich aus Alex' Feder. Wir haben uns dann sehr schnell daran gemacht neue Songs zu schreiben. Manche sind da so etwas wie ein Brückenschlag auch vom alten zum neuen Line-up. Bei "Repulsive Transgression" sind wir wirklich mit zweieinhalb Jahren Abstand völlig frisch ans Werk gegangen und haben einfach mal ein paar neue Dinge ausprobiert. Ich finde 'Served Cold' ist da ein gutes Beispiel. Wie ich vorhin schon sagte, haben wir versucht die Songs einfacher zu strukturieren, mehr mit Variationen gearbeitet und tunlichst vermieden möglichst viele Riffs aneinander zu reihen. Jeder Song ist für sich wiederzuerkennen. Das war uns wichtig.

'The Human Centipede' ist ein ziemlich starker Start. Welche Parallelen hat der Song zum gleichnamigen Film und - Hands aufs Herz - was hältst du von ihm?

Inhaltlich bezieht sich der Song auf den zweiten Teil der Reihe, welchen ich ehrlich gesagt noch abgedrehter finde als den ersten Teil. Die grobe Handlung zeigt einen kleinen komplexbeladenen Parkhauswächter, der mit Ende 40 noch bei Mama wohnt und auch sonst ein ziemlicher Loser ist. Nun, dieser Typ sieht dann den Film "The Human Centipede", entführt dann Leute aus seinem Parkhaus und bastelt sich seinen eigenen Tausendfüßler. Während der Arzt im ersten Teil noch mit chirurgischem Plan vorgeht, benutzt der Protagonist im zweiten Teil eben Hammer, Säge, Präparationsnadel und Panzertape. Am Ende artet es in einer Gewaltorgie aus - "Repulsive Transgression" eben, ein kleines Stück "drüber". Es geht um Grenzüberschreitung und Tabubruch. Wenn man sich allerdings dann wieder die Realität anguckt, ist so ein Film bestenfalls absurd.

Mit 'Dungeon Keeper' gab es in den letzten Tagen eine ziemlich deftige Kostprobe der neuen Scheibe. Inwiefern steht der Song stellvertretend für die restliche Scheibe und steckt hinter dem einen oder anderen Track eine tiefgehende Geschichte, die du uns nicht vorenthalten magst?

Wenn ich mir die Single-Auskopplungen betrachte, stehen eigentlich alle drei Songs in ihrer Unterschiedlichkeit stellvertretend für das komplette Album. 'Dungeon Keeper' stammt von Alex [Rutkowski, Gitarre - Anm. d. Red.] und 'The Siege' komplett von Christian [Eichberger, Gitarre - Anm. d Red.]. 'Savagery And Bloodthirst' ist ein Gemeinschaftsprojekt und am Ende fügt sich alles zu einem Guss zusammen. 'Dungeon Keeper' ist der letzte Song auf dem Album und wir haben den mit Absicht so platziert, dass am Ende nochmal ein Highlight folgt. Für das Video standen 'The Human Centipede' und 'Dungeon Keeper' zur Auswahl. Bei erstem wären wir wohl beim Story-Teil thematisch sehr festgelegt gewesen, hehe. Die Story-Elemente im Backwood-Slasher-Stil passen da auch thematisch zum Gesamtkonzept des Albums. Wirklich tiefgehende Geschichten gibt es nicht zu erzählen. Vielleicht, dass wir bei 'Served Cold' und 'General Butt Naked' wohl ein paar winzige Stilbrüche eingebaut haben. Aber das hat sich einfach so ergeben.

Allen voran beeindruckt das ziemlich bockstarke Artwork. Was kannst du uns über den Zeichner sagen und in welcher Verbindung steht das Cover zu den Songs auf der Platte?

Das Cover stammt von Björn Lensig. Der hatte uns damals mal angeschrieben und meinte, er würde gerne mal ein Artwork für uns machen. Er macht normalerweise Illustrationen für Regelbücher oder Karten von Rollenspielen, T-Shirt Designs u.a. für AMON AMARTH, aber auch Artworks. Was mir sofort ins Auge gesprungen ist, war der Stil, welcher mich sofort an Lovecrafts "Ruf des Cthulhu", "Berge des Wahnsinns" oder "Stadt ohne Namen" erinnerte. Aber hier weniger die Figuren als vielmehr die Darstellung der Orte. Bei den Rollenspiel-Bildern kam mir sofort Robert E. Howard mit seinen Conan-Geschichten aus den 1930ern in den Sinn. Die Zusammenarbeit und die finale Ausarbeitung haben dann auch super funktioniert, da man sofort auf einer Wellenlänge war und Björn ziemlich schnell unsere Vorstellungen in Worte fassen konnte. So haben wir uns Entwurf für Entwurf vorgearbeitet. Wir wollten unbedingt ein klassisch gezeichnetes Artwork im Old-School-Stil der alten Helden haben. Die Verbindung zu den Songs liegt wohl hauptsächlich im Thema Kannibalismus als Tabubruch oder eben auch situationsbedingt gesellschaftlich akzeptiert (Überleben im Rettungsboot - 'Savagery And Bloodthirst'). Ich denke, dass der Kontrast, also Porzellan, feines Kristall, viktorianisches Esszimmer auf der einen und der Akt roher Gewalt auf der anderen Seite die Songs inhaltlich recht gut repräsentiert.

Auf den beiden vorherigen Scheiben waren Tendenzen zu Bands wie BOLT THROWER, BENEDICTION, CANNIBAL CORPSE oder MORBID ANGEL noch etwas deutlicher, ihr agiert auf der neuen Platte noch eigenständiger. Dennoch: Welche Death-Metal-Größen hatten auf dich und SABIENDAS den größten Einfluss?

Wahrscheinlich hast du die Einflüsse bereits genannt. Bis auf Toni sind wir ja alle der 50 näher als der 30 und für uns waren eben die frühen 1990er Jahre und gerade die Alben aus dem Hause Morris-Sound prägend. Hinzu kommen wohl auch noch Ableger aus den Niederlanden und Polen. Anders als ein Rezensent höre ich bei uns eher keinen Schweden-Tod heraus. Aber das ist ja auch gut, wenn die Scheibe auf jeden anders wirkt und andere Assoziationen hervorruft. Wir haben nie versucht das Rad neu zu erfinden oder das Genre zu revolutionieren, sondern wollen einfach Alben machen, die wir selbst gerne hören würden.

Leider bleibt die Frage nicht aus: Wie beeinflusst das Corona-Virus das momentane Bandgeschehen? Was ist nach der Veröffentlichung von "Repulsive Transgression" noch in Planung?

Also bis nach Ostern haben wir quasi auch die Band ins Home-Office verlegt. Christian und Alex haben an neuen Songs gearbeitet und neues Material geschrieben. Leider wurde der Release-Termin des Albums verschoben und es sind ein paar Shows abgesagt worden, u.a auch die Release-Party. Wir holen die aber dann im Juni/Juli nach, wenn alles gut geht. Momentan kann man ja wieder etwas optimistischer sein. Zum Glück wurden die Shows einfach aufs nächste Jahr geschoben. Durch diese Verschiebung haben sich allerdings auch Zusagen für 2021 auf 2022 verschoben. Warten wir mal ab, wie es sich entwickelt.

Euer Drummer trommelt neuerdings für eine gewisse Kapelle namens SODOM. Wie wirkt sich seine neue Position für SABIENDAS aus und wie habt ihr reagiert, als Herr Angelripper anfragte?

Wir freuen uns für Toni. Das ist eine Gelegenheit, die er unmöglich ausschlagen kann. Was kaum jemand auf dem Schirm hat, ist die Tatsache, dass Toni seit Jahren auch der Drummer von BLACKFIRE, also dem Solo-Projekt von Frank Blackfire, war. Nach Franks Rückkehr zu SODOM und Huskys Ausstieg war der Schritt aufgrund des bestehenden Kontakts irgendwie naheliegend. Toni ist gerade dabei sich beruflich ausschließlich auf Musik zu konzentrieren. Er hat sich im letzten Jahr als Schlagzeuglehrer und Session-Musiker selbstständig gemacht und da ist der Sitz hinterm Schlagzeug einer der größten Thrash-Metal-Bands natürlich auch eine enorme Chance. Wenn also jemand gerne Stunden nehmen möchte, darf er oder sie sich gerne melden.

Um die nächste Frage direkt zu erschlagen, die sich manche vielleicht stellen: Nein, wir werden nicht leiser oder weniger unterwegs sein. Toni ist und bleibt der Drummer von SABIENDAS. Wenn es zu Überschneidungen kommt, wird unser Kumpel Marius, der eigentlich in der Dülmener Death-Metal-Band DEATH BY EXILE spielt, einspringen. Wir haben 2019 schon ein paar Shows mit ihm gemacht, als Toni seine Handgelenksverletzung auskurieren musste. Das hat wunderbar geklappt und die Chemie stimmt auch.

Dann sind ja alle Fronten geklärt, Jan. Ich habe ziemlich viel Freude mit "Repulsive Transgression" und wünsche euch mit der Scheibe alles erdenklich Gute. Noch einige Worte an unsere Leser deinerseits?

Erst einmal: danke für die Gelegenheit zum Interview. Leiht unserer neuen Scheibe ein Ohr. Bleibt gesund, haltet durch und besucht so viele Konzerte wie möglich, sobald es wieder geht. Gerade der Underground wird es nötig haben. Wenn es nicht geht, kauft oder bestellt einfach mal ein Shirt oder eine CD bei den Bands. Aber ich denke, alle sind heiß wie Frittenfett, dass es endlich wieder los geht.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Heißes Death-Metal-Frittenfett gibt es in Form von "Repulsive Transgression" ab dem 22. Mai.

Redakteur:
Marcel Rapp

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