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STREAM OF PASSION: Interview mit Marcela Bovio

14.11.2005 | 17:28

Marcela Bovio genießt gerade eine sehr aufregende Zeit. Die Mexikanerin konnte nicht nur als hierzulande völlig unbekannte Sängerin auf der letzten AYREON-CD "The Human Equation" eine tragende Rolle übernehmen, sondern wurde quasi vom Fleck weg von Arjen Lucassen zu einer neuen Band überredet. Zusammen mit der schwedisch-amerikanischen Gitarristin Lori Linstruth, dem holländischen Schlagzeuger Davy Mickers, dem mexikanischen Pianisten Alejandro Millán und dem holländischen Bassisten Johan von Stratum bilden sie STREAM OF PASSION und haben mit "Embrace The Storm" kürzlich ihr erstes Album veröffentlicht. Auch wenn die letzten Zweifel darüber, ob es sich nicht doch wieder nur um eines von Arjens unzähligen Projekten handelt, am Ende des Interview nicht restlos ausgeräumt waren, so werden die nächsten Monate inklusive einer Europatour für Marcela und Co. vermutlich ziemlich spannend werden.

Elke:
Die Geschichte von STREAM OF PASSION wurde mit der letzten AYREON-Veröffentlichung begründet. Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als Arjen Lucassen dich einlud, bei "The Human Equation" mitzuwirken?

Marcela:
Ja, das kann ich sehr gut. Von Arjen zu hören war sehr, sehr aufregend für mich. Ich hatte ihm zwar einige Aufnahmen von mir geschickt, aber natürlich nicht mit einer Antwort gerechnet. Einige Wochen später bekam ich dann eine E-Mail von ihm, die besagte, dass er meine Stimme sehr mochte und mich gerne bei einigen Songs dabei hätte. Nach Holland zu fliegen und auf dem Album mitzuwirken war definitiv eine ganz tolle Erfahrung.

Elke:
Warst du zuvor schon einmal in Europa?

Marcela:
Nein, das war das erste Mal für mich, und mein Freund Alejandro (Millán, Pianist bei STREAM OF PASSION - d. Verf.) und ich haben natürlich die Gelegenheit genutzt, etwas herumzureisen, und waren sehr begeistert.

Elke:
Nach diesem Album hatte Arjen dann die Idee, STREAM OF PASSION mit dir als Sängerin zu gründen. Hättest du dir das jemals erträumt?

Marcela:
Nein, überhaupt nicht. Es war eine sehr aufregende Einladung für mich. Nicht nur, dass er mir anbot, die einzige Sängerin dieses Albums zu sein, er wollte auch, dass ich zusammen mit ihm die Musik und die Texte schreibe. Das war eine fantastische Gelegenheit.

Elke:
Hast du irgendeine Ahnung, warum Arjen, der ja zehn Jahre lang nur mit verschiedenen Projekten zu Gange war, plötzlich wieder eine richtige Band gründen wollte?

Marcela:
Eigentlich müsstest du das eher Arjen fragen. Ich nehme an, die Tatsache, dass ich sehr kreativ bin und mit vielen neuen Ideen ankam, inspirierte ihn dazu, ein neues Projekt zu gründen. Im Verlauf des Songwritings dachten wir jedoch, dass es am besten wäre, wenn wir das ganze als Band aufziehen würden, mit neuen Musikern, die neue Ideen einbringen. Und das war eine gute Entscheidung, denn jeder in der Band hat einen ganz anderen musikalischen Hintergrund, was viele unterschiedliche Einflüsse in die Musik eingebracht hat.

Elke:
Manch einer zweifelt daran, dass es sich bei STREAM OF PASSION um eine richtige Band handelt. Zum einen war Arjen lange Zeit nur als Projekt-Musiker aktiv, zum anderen lebt ihr viele tausend Kilometer voneinander entfernt. Was macht denn nun den Band-Charakter aus?

Marcela:
Allein die Tatsache, dass wir alle zum Songwriting beigetragen haben, bildet einen großen Unterschied zur typischen Arbeitweise eines Projekts. In Arjens bisherigen Projekten war er meistens derjenige, der entschied, was gemacht wird. Bei STREAM OF PASSION konnten wir alle unsere Ideen einbringen und jeder hatte ein Mitspracherecht. Auch wie wir uns untereinander ausgetauscht haben, ist eher typisch für eine Band.

Elke:
Du hast die Texte geschrieben und Arjen den Großteil der Musik. Wie groß war der musikalische Einfluss der anderen Bandmitglieder?

Marcela:
Jeder konnte zu den Arrangements seiner eigenen Instrumente beitragen und auch generell Ideen beisteuern. Zum Beispiel im ersten Track des Albums, 'Spellbound', hatten wir zunächst noch keinen Schlagzeugpart. Dann kam unser Schlagzeuger Davy Mickers mit diesem unglaublichen Rhythmus an und veränderte den Song dadurch komplett. Das inspirierte dann auch die anderen, eigene Ideen zu verwirklichen, wenn sie besser waren als das, was ursprünglich geplant war.

Elke:
Fiel es dem One-Man-Team Arjen leicht, diese Vorschläge anzunehmen?

Marcela:
Ich nehme an, dass es manchmal ein kleiner Schock für ihn war, weil er normalerweise alles selbst macht. Aber es hat trotzdem sehr gut funktioniert. Die Tatsache, dass wir weit voneinander entfernt waren und unsere Ideen nur per Internet austauschen konnten, machte es für jeden erforderlich, seine Vorschläge sehr genau auszuarbeiten, bevor er sie verschickte. Ich denke, das half sehr dabei, die Ideen zu bündeln. Außerdem kennt Arjen unsere Vorstellungen und Einflüsse sehr gut.

Elke:
STREAM OF PASSION wurde als eine Art Gothic-Band angekündigt, aber ich erkenne nicht sehr viel Gothic-Einfluss in der Musik. Hast du eine Idee, wie ihr zu diesem Stempel gekommen seid?

Marcela:
Keine Ahnung (lacht). Ich denke, das Wort "Gothic" wird heutzutage allgemein auf Bands mit Sängerin angewandt, um somit auch gezielt ein bestimmtes Publikum anzusprechen. Es hat mit unserer Musik aber nur am Rande zu tun, die für mich eher eine Mischung aus Heavy, Prog und Rock darstellt, mit sehr viel Atmosphäre und einem düsteren Einfluss. Wenn man das jedoch als "Gothic" bezeichnen kann, dann sind wir das wohl auch.

Elke:
Das Songwriting lief komplett mit Hilfe des Internets. Habt ihr schon mal alle zusammen geprobt, bevor das Album aufgenommen wurde?

Marcela:
Nein, wir haben eigentlich noch überhaupt nicht zusammen geprobt, höchstens die Holländer untereinander oder wir Mexikaner. Wir haben aber nach den Aufnahmen viel Zeit miteinander verbracht, um ein Video zu 'Passion' zu drehen und Fotosessions zu machen, aber das war's auch schon. Wir freuen uns daher sehr auf die Tour im nächsten Jahr, das wird bestimmt sehr aufregend und interessant.

Elke:
Du hast einen Teil der Texte auf Spanisch geschrieben. Ist es für dich leichter, in deiner Muttersprache zu singen?

Marcela:
Es ist auf jeden Fall anders, auch wenn ich nicht unbedingt sagen würde, dass es leichter ist. Auf Englisch drücke ich mich meist etwas direkter aus, Spanisch gibt mir hingegen die Gelegenheit, vielleicht etwas poetischer zu sein. Es war schön, hier und da etwas auf Spanisch singen zu können, zumal es dem Album einen leicht exotischen Touch verleiht.

Elke:
Ich hatte kürzlich eine Diskussion darüber, wie schade es eigentlich ist, dass so viele Bands aus nicht-englischsprachigen Ländern ausschließlich auf Englisch singen. Was denkst du darüber?

Marcela:
Ich denke, besonders Menschen aus englischsprachigen Ländern können mit nicht-englischen Texten wenig anfangen. Es war toll, dass wir spanische Texte verwenden konnten, und bisher kamen sie auch gut an. Vielleicht ermutigt das andere Bands dazu, ebenfalls zum Teil in ihrer Muttersprache zu singen. Es gibt der Musik eine andere Qualität, weil man merkt, dass jemand sich viel wohler damit fühlt, sich in der Sprache auszudrücken, die er von klein auf gelernt hat.

Elke:
"Embrace The Storm" erscheint gleich bei drei verschiedenen Labels. Was ist der Grund dafür?

Marcela:
Arjen arbeitet normalerweise sehr unabhängig. Er erschafft seine Projekte und bietet sie dann den Labels zur Veröffentlichung an. Wir begannen also mit dem Vertrag bei InsideOut, aber später interessierten sich Sony/BMG für die Veröffentlichung in den Benelux-Ländern, was wir nicht ausschlagen wollten, also haben sie sich mit InsideOut arrangiert. Sony/BMG ist ein sehr großes Label und unterstützt das Album in den Benelux-Ländern entsprechend stark. IronD kümmert sich unter anderem um Russland und die baltischen Staaten. Wir finden das toll, denn je mehr Leute für den Erfolg des Albums arbeiten, umso besser.

Elke:
Russland und die baltischen Staaten sind normalerweise kein typisches Absatz-Gebiet. Wie sind die Reaktionen dort?

Marcela:
Bisher sehr gut. IronD hat dort auch schon Sachen von AYREON herausgebracht. Gerade wenn man wie ich aus Mexiko kommt, ist das schon etwas Besonderes.

Elke:
Wurde das Video zu 'Passion' schon im Fernsehen gezeigt?

Marcela:
Ich denke nicht. Das Video diente eher dazu, die Band vorzustellen und um als Bonus-Material für die Special Edition des Albums verwendet zu werden. Für das Fernsehen werden wir sicher etwas anderes machen.

Elke:
Ich fand es bemerkenswert, dass Arjen auf den Band-Fotos gar nicht so groß aussieht, wie er tatsächlich ist. War das beabsichtigt?

Marcela:
(lacht) Ich weiß nicht, ob es wirklich beabsichtigt war, aber auf jeden Fall sollte ich neben ihm nicht so winzig wirken. Ich stand ca. vier oder fünf Meter vor ihm, damit wir aus der Kamera-Perspektive mehr oder weniger auf der gleichen Höhe waren. Ich bin nämlich nicht sehr groß, so um die 1,63 m, und wenn wir auf den Fotos direkt nebeneinander stehen würde, sähe das schon sehr merkwürdig aus.

Elke:
Ich habe gelesen, dass du eine umfangreiche musikalische Ausbildung genossen hast. Worin genau bestand sie?

Marcela:
Als ich jung war, besuchte ich eine Musik-Akademie in Mexiko, wo ich Grundlagen der Musik-Theorie, Gesang, Flöte und Rhythmik gelernt habe. Das war eine gute Basis für alles weitere. Als Teenager habe ich beispielsweise privaten Geigen-Unterricht genommen, später klassischen Gesang und Jazz-Harmonien gelernt. Ein bisschen von allem also. Ich war aber nicht auf einem Konservatorium oder auf einer Musik-Universität, es war eher Privat-Unterricht. Ich lerne gerne jeden Tag etwas Neues.

Elke:
Beruflich bist du aber als Software-Entwicklerin tätig. Das passt eigentlich nicht so ganz zusammen.

Marcela:
Überraschenderweise habe ich festgestellt, dass viele Leute, die meine Musik mögen, häufig ebenfalls mit Software-Entwicklung oder Computern im allgemeinen zu tun haben. Auf irgendeine verrückte Art passt es also schon zusammen.

Elke:
Die meisten dürften um Arjens musikalisches Schaffen Bescheid wissen. Was hat der Rest der STREAM OF PASSION-Crew bisher getan?

Marcela:
Alejandro und ich sind bei einer mexikanischen Band namens ELFONÍA. Wir spielen Progressive Rock mit einigen Jazz-Einflüssen. Lori (Linstruth, Gitarre) ist Frontfrau bei einer reinen Frauen-Metal-Band namens WARBRIDE. Sie ist beeinflusst von Michael Schenker und ähnlichen Metal-Gitarristen. Davy Mickers, der Schlagzeuger, spielt Progressive Rock und Metal und symphonisches Zeug. Johan van Stratum, der Bassist, steht auf Nu Metal und Hardcore und spielt in Holland auch in einer Hardcore-Band namens FORCEFEED. Alle zusammen bilden wir also eine sehr interessante Kombination von verschiedenen Stilrichtungen, die der Musik meiner Meinung nach sehr zu Gute kam.

Elke:
Hat deine Mitwirkung bei AYREON und STREAM OF PASSION einen Einfluss auf deine Hauptband ELFONÍA gehabt?

Marcela:
Ja, nach "The Human Equation" haben sich viele AYREON-Fans für uns interessiert. Und obwohl die Musik von ELFONÍA sich sehr von AYREON und STREAM OF PASSION unterscheidet, mochten die Leute es.

Elke:
Habt ihr mit ELFONÍA bereits einen weltweiten Plattenvertrag?

Marcela:
Nein, wir haben selbst ein kleines Independent-Label gegründet, über das wir die CDs vertreiben, und verhandeln hier und da Vertriebs-Verträge. Es ist quasi das andere Ende des Spektrums, wo wir mit Sony/BMG zusammenarbeiten, aber wir lernen mittlerweile viel von ihnen.

Elke:
Wie ist die Metal-Szene in Mexiko überhaupt? Gibt es dort viele interessante Bands?

Marcela:
Es gibt die unterschiedlichsten Bands, und das gefällt mir auch so gut an der Szene hier, dass sie so vielfältig ist. Es gibt alles von sehr extremer bis hin zu düster-atmosphärischer Musik. Die besten Bands, die ich kenne, sind ebenfalls nur bei kleinen Independent-Labels, aber durch das Internet können sie sich auch einem größeren Publikum vorstellen.

Elke:
Mit STREAM OF PASSION ist für Januar/Februar 2006 eine Tour geplant. Was erwartet uns da?

Marcela:
Ich denke, es wird eine sehr energiegeladene Show werden, denn wir freuen uns jetzt schon sehr auf die Tour. Und die Fans werden sich sicher freuen, dass wir einige AYREON-Tracks spielen werden.

Elke:
Wird Damian Wilson, der als Support Act bestätigt ist und bereits bei einigen AYREON-Scheiben mitgewirkt hat, dich gesanglich bei den AYREON-Songs unterstützen?

Marcela:
Er war mit Arjen bereits auf der STAR ONE-Tour, aber ich denke nicht, dass wir einige Songs zusammen bestreiten werden, obwohl das eine große Ehre für mich wäre, weil er ein großartiger Sänger ist. Bisher ist er aber nur für das Vorprogramm vorgesehen, wo er sich selbst nur auf der Akustik-Gitarre begleiten wird.

Elke:
Wirst du auf Tour auch Geige spielen?

Marcela:
Bestimmt, obwohl ich nicht gleichzeitig singen und Geige spielen kann, aber einige Parts werde ich schon spielen.

Elke:
Es dürfte schwierig werden, gleich mehrere Wochen mit Menschen in einem Tourbus zu verbringen, die man kaum kennt.

Marcela:
Das ist möglich, allein schon weit weg von zu Hause auf Tour zu sein, stelle ich mir nicht leicht vor. Aber jeder in der Band scheint sehr nett und umgänglich zu sein, so dass ich mich darauf freue, sie alle näher kennenzulernen.

Elke:
Ich habe noch eine Frage zum Booklet von "Embrace The Storm". Wer ist eigentlich Gjalt?

Marcela:
(lacht) Das ist Arjens Bruder, und er liebt es, in jedem Booklet einen Scherz über Gjalt zu machen. Dieses Mal haben alle außer Arjen selbst Gjalt im Booklet gedankt.

Elke:
Der wiederum "no samples, no synthesizers, no thanks to Gjalt" in seiner Liste hat. Okay, Geschwisterliebe halt... Wie sehen eure Pläne für die Zeit nach der Tour aus?

Marcela:
Im Moment konzentrieren wir uns ausschließlich auf die Tour und lassen uns überraschen, was danach passiert.

Elke:
Wird es denn ein weiteres Album geben?

Marcela:
Ich weiß, dass wir eine Option auf ein zweites Album haben, je nachdem wie sich "Embrace The Storm" verkauft. Ich würde sehr gerne ein weiteres Album aufnehmen, denn wir kennen uns musikalisch gesehen mittlerweile viel besser, so dass bestimmt etwas Interessantes dabei rauskommen würde.

Redakteur:
Elke Huber

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