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TIM LAMBESIS: Der Fall eines Idols

18.05.2014 | 22:56

Zum Gerichtsurteil gegen den AS I LAY DYING-Sänger: Persönliche Betrachtungen zweier Redakteure und Fans der Metalcore-Giganten.

Am 7.Mai 2013 wurde Tim Lambesis, bekannt als Sänger der NWoAHM-Band AS I LAY DYING, in San Diego von den örtlichen Behörden festgenommen. Lambesis stand unter dem Verdacht, einen Auftragsmörder auf seine getrennt von ihm lebende Ehefrau Meggan angeheuert zu haben. Nach drei Wochen kam Lambesis zunächst mit Hilfe eines Kautions-Agenten auf freien Fuß, musste sich jedoch im folgenden Herbst seinem Gerichtsverfahren stellen. Wiesen Lambesis' Anwälte zunächst noch auf ein raffiniert ausgearbeitetes Komplott gegen den 32jährigen Musiker hin, wuchs die Beweislast in Kürze auf ein erdrückendes Maß an, und fortan stand für die Öffentlichkeit in erster Linie die Frage im Raum, ob Lambesis womöglich aufgrund der maßlosen Nutzung von Steroiden den Verstand verloren hatte. Nachdem der Musiker zur Verfahrenseröffnung noch auf "nicht schuldig" plädiert hatte, gestand er im Laufe des Verfahrens seine Schuld ein. Am 16.05.2014 wurde Lambesis vom Bezirksgericht schuldig gesprochen und in Anwesenheit seiner Ehefrau sowie seiner ehemaligen Bandkameraden zu sechs Jahren Haft verurteilt.


"When I wake from this dream,
Will your smile still open my heart
And leave me transparent
?"
('Forever', 2003)

 

Es gab in der jahrzehntelangen Geschichte der Rockmusik unzählige widersprüchliche Persönlichkeiten, und mindestens so zahlreiche Diskussionen um die kontroversen Aussagen und Handlungen der - zumeist - Herren Berufsmusiker. Tim Lambesis zählte bis vor zwei Jahren nicht zu dieser Kategorie. Unter all den schrillen Popstars (denn nichts anderes stellen selbst Musiker der extremsten Sparten des Metals dar) gehörte Lambesis zu jenen Charakterköpfen, deren Verhalten und Öffentlichkeitsgebaren in vollständigem Einklang mit ihren Aussagen und Ansichten stehen. Fans und Journalisten, die mit diesen Persönlichkeiten in näheren Kontakt kommen, berichten von charismatischen, bodenständigen Menschen, deren weltanschauliche Botschaft sich mit ihrem Handeln zu 100% deckt. Ihre Bühnenauftritte stellen keine blendenden Protzveranstaltungen dar, sondern dienen bei allem Unterhaltungswert vor allem dem Zweck, den Anwesenden Musik und Inhalt so authentisch und ehrlich wie nur möglich zu vermitteln. Tim Lambesis war ein solcher Musiker, ein solcher Charakterkopf, und unter den Metal-Frontmännern des 21.Jahrhunderts nahm er beinahe eine Art Ausnahmestellung ein. Er vereinte vermeintliche Widersprüchlichkeiten wie die Brutalität seiner Musik und die sozialkritischen, friedensbejahenden Aussagen seiner Texte (Lambesis schrieb sämtliche Texte seiner Stammformation AS I LAY DYING), ihm gelang es mühelos, seine christlich geprägte, aber nicht dogmatisch gefesselte Weltanschauung glaubwürdig in zahllosen Liedern und Interviews weiterzugeben. Lambesis war verheiratet, adoptierte drei Kinder aus Äthiopien, engagierte sich in der Waisenbetreuung, und blieb trotz des wachsenden Erfolges und Bekanntheitsgrades von AS I LAY DYING bodenständig, freundlich, neugierig, beim Kontakt mit Fremden zuweilen auch ein wenig scheu und wachsam. Zugleich war seine Bühnenpräsenz geradezu physisch fesselnd: Lange bevor er in den letzten Jahren zu einem befremdlichen Muskelprotz mutierte, nahm er vom ersten Moment seiner Anwesenheit auf der Bühne an die gesamte Audienz für sich ein. In ihrer Unkapriziosität und Schlichtheit dürften die Shows von AS I LAY DYING selbst für Metalcore-Verächter eine faszinierend mitreissende Angelegenheit gewesen sein (zwei mal durfte AS I LAY DYING auch auf dem traditionsreichen Wacken Open Air auftreten).

 

Tim

 

Doch dieser Artikel soll keine Lobeshymne auf einen gefallene Ikone des modernen Heavy Metals darstellen. Zwei Musikredakteure, zwei bekennende Fans von AS I LAY DYING, die zahllosen Konzerten der amerikanischen Metalcore-Vorreiter beiwohnen und Tim Lambesis erleben und persönlich kennen lernen durften, bringen ihre Fassungslosigkeit ob seines tragischen Sturzes zum Ausdruck, und denken darüber nach, was Lambesis' Fall für uns Musikfans persönlich bedeutet und über unser Verhältnis zu musikalischen Vorbildern aussagt. Wir ersparen uns die in der Tagespresse geführte Diskussion über den vermeintlich ach so gewalttätigen Heavy Metal. Hier geht es darum, was Musik für jeden Einzelnen ausmacht, den Kern, die unerklärliche Kraft, die uns packt und erschüttert, sobald auf einem Konzert die ersten Töne des Openers erklingen - und darum, wieso dieses Phänomen zwangsläufig eben auch mit den vermittelnden Musikern zusammenhängt und wir diese selbst als Erwachsene zu Idolen stilisieren, die untrennbar mit den Aussagen ihrer Musik verbunden sind.



"Only through struggle have I found rest
With a piece of me taken away
I begin to understand
"
('Through Struggle', 2005)

Oliver: AS I LAY DYING und Oliver, das war keine Liebe auf das erste Hören. Wirklich schlecht fand ich die Band zwar nie, jedoch wurde sie bei mir um 2006 herum, als ich zum ersten Mal ein paar Töne vernommen habe, unter "08/15-Metalcore" abgespeichert. Okay, Metalcore war zu der Zeit eh nur bedingt mein Terrain, aber nichtsdestotrotz ist das, aus heutiger Sicht, schon ein krasse (Fehl-)Einschätzung, die ich stärker kaum revidieren könnte. In aller Kürze: "An Ocean Between Us" ging nicht an mir vorbei; es folgten Live-Auftritte, es folgte ein gewisses Fan-Dasein. Jeder AS I LAY DYING-Song, den ich seitdem gehört habe, jedes wie auch immer geartete Erlebnis mit den Kaliforniern sorgte dafür, dass ich mich mehr und mehr mit der Band vertraut fühlte. Ich möchte gar sagen: verbunden. In den letzten Jahren waren die Amis für mich nicht mehr eine tolle Band unter vielen, sondern eine der tollsten unter verdammt wenigen. Warst du, Timon, mit den Jungs direkt warm?

Timon: Das kann ich so auch nicht behaupten. Ich sah die Band 2005 während eines Auslandsaufenthaltes in Phoenix (AZ) zum ersten Mal live. Ihr damals aktuelles Album "Shadows Are Security" war mir zunächst irgendwie zu wüst, der Gesang zu lärmend. Einer gewissen Faszination konnte ich mich damals allerdings schon nicht erwehren, und wahrscheinlich fand ich auch über die Texte von Tim einen ersten Zugang zu AS I LAY DYING. Irgendwie steckte da mehr dahinter, als bei den meisten anderen ähnlich gearteten Kapellen. Naja und die "An Ocean Between Us", die 2007 raus kam, war dann wohl die Initialzündung. Das war tiefgründige, durchdachte, mitreißende Musik, und aus den Texten sprach die für Tim Lambesis lange Zeit so kennzeichnende Demut, sowie Bescheidenheit, Fähigkeit zur Reflexion und zu sozialkritischem Denken... Das Album endet mit Lambesis' Worten "I'd rather be called weak than die thinking I was strong", das haut mich bis heute noch um. Unter dieser Prämisse hätte der Schock, als er verhaftet wurde, kaum größer sein können. Ist dieser Kontrast nicht unglaublich? All das, wie man die Band und insbesondere Tim erlebt hat, dieses Unpretäntiöse, zugleich diese Energie - und nun das. Wieso um alles in der Welt nimmt einen das plötzlich so mit? Was war an dieser Band, was war an diesem Sänger so besonders, dass unsereins sie auf ein so hohes Podest gestellt hat?



"All we have is not worth living for
If we do not know when to let go
"
('Losing Sight', 2005)

Oliver: Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass Lambesis für mich zunächst weder ein herausragender Sänger war noch mich seine Lyrics irgendwie tiefer berührt hätten; dreimal Ohrenwaschen und dann genaues Hinhören brachte Abhilfe im Bezug auf beides. Doch da war erst einmal einfach die Musik, die mich umgehauen hat, die aber schon genau für das stand, was Tim später auch ausmachen sollte, nämlich Schlichtheit. Das mag im Bezug auf eine harte Spielart des Metals irgendwie komisch klingen, trifft jedoch auf AS I LAY DYING zu wie auf keine zweite Band dieses Sektors. Ihr thrashiger Metalcore war immer in Bewegung, niemals langweilig und stets auf das Wesentliche reduziert. Das gilt gleichermaßen auch für die Live-Shows, wo die Band sich nicht großartig (künstlich) in Szene setzte und mit (mehr oder minder) bedeutungsschwangeren Ansagen um sich warf, wie so viele Bands das glauben tun zu müssen. Nein, es standen einfach fünf junge Männer auf der Bühne, die wussten, dass großartiger Krach und eine tolle textliche Message in Kombination mit einem leidenschaftlichen und authentischen Auftreten vollkommen ausreichen, um Menschen mitzureißen, zu begeistern, zu faszinieren. Tim Lambesis hat dies als Sänger und Frontmann seiner Formation verkörpert wie kein Zweiter. Ein Mann mit einer besonderen, faszinierenden Ausstrahlung, würde ich behaupten. Oder?

 

AILD Band Official

 

Timon: Ja, ich stimme dir voll und ganz zu. Eine Metalband, die Metal spielte, ohne das zu leben was andere Metalbands ausmachte. Und zugleich mehr als das: Ich fand es unbeschreiblich faszinierend, wie Lambesis in diese harte, aggressive Form von Musik seine sozialkritischen Gedanken und seine Glaubensansichten einbrachte. Dabei war er kein Prediger, kein Moralapostel - seine Texte waren fragend, oftmals Ausdruck innerer Unsicherheiten. Lambesis' persönliche Entwicklung lässt sich über die Jahre so ein Stück weit nachvollziehen. Und zusammen mit seinen Mitstreitern führte er ein Rocker-Dasein, das bodenständiger und menschlicher kaum hätte sein können. Zumindest machte es den Anschein. Nichtsdestotrotz war ich vor allem vom Ausmaß meiner persönlichen Enttäuschung überrascht. Als ich die Bilder von Tims erster Anhörung sah, als ich recherchierte, was sich zugetragen hatte, seine eigenen wirren Statements aus den Tagen nach seiner Freilassung auf Kaution las, registrierte ich völlig verblüfft, dass dieser Mensch so etwas wie ein Idol für mich gewesen ist - und mein Bild von ihm nun zerstört war. Ich, der ich letztes Jahr meinen 30.Geburtstag gefeiert habe. Ich war beschämt. Das ist doch Teenie-Kram! Musikalische Vorbilder schön und gut, Sympathien für eine starke Band, auch okay - aber offenbar hatte ich mehr an Tim Lambesis und AS I LAY DYING gehängt, den fünf Männern quasi einen gesonderten Platz zugestanden. Verrückt, als erwachsener Mensch einem Rockstar eine solch hohe Bedeutung beizumessen.

Oliver: Verrückt? Vielleicht, ja. Aber es ist auch einfach nur ehrlich und zeigt doch eines ganz deutlich: Wir Fans legen bei manchen Bands deutlich mehr in die Musik als man selbst manchmal glauben möchte. Klar, dass man sich viel mit den Klängen beschäftigt, die einen so richtig zur emotionalen Explosion bringen, das weiß man. Aber dass einen auch Begebenheiten abseits des unmittelbaren Bandgeschehens so mitnehmen können, hätte ich nicht für möglich gehalten, bis ich von eben dieser Nachricht hörte. Ein Kumpel schrieb mir eine SMS und umriss mit knappen Worten, was aktuell zur Debatte stand. Lambesis vor Gericht? Weil er seine Frau umbringenlassen wollte? "Nun gut, letztens stand auch Randy Blythe noch vor Gericht und da hat sich schließlich herausgestellt, dass ihn keine Schuld traf..." - dachte ich in meinem nicht mehr so jugendlichen Leichtsinn. Und dann die weiteren Nachrichten und vor allem die ersten Bilder aus dem Gericht; Tim hatte eine derart zusammengefallene Körperhaltung, dass ich wusste: Oh nein, der hat Scheiße gebaut - und fast parallel fiel auch ich irgendwie in mir zusammen. Noch immer hoffte ich auf ein großes Missverständnis, aber diese Nachricht wollte einfach nicht kommen. Ich wünschte, ich sehnte sie mir fast herbei. Doch warum nur? Jeden Tag tun viele Menschen auf der Welt Dinge, die ich ganz und gar nicht gut heiße. Doch das hier war anders. In meinem Kopf ratterte es. Gedanken wollten sich nicht sortieren. Der Typ, vor dem ich mich so gerne und hingebungsvoll im Moshpit zerlegt habe, dessen Texte ich mit voller Inbrunst mitgebrüllt und ihm bestätigend erwidert habe? Nein, nein...



"How many times has instinct let us down
Never to be thought through
Never to be questioned
"
('The Sound Of Truth', 2007)

Timon: Ja, und so gesehen sagt dieser tragische Fall eines Idols ja auch einiges über uns selbst aus. Mal abgesehen davon, dass kein Mensch davor gefeit ist, aufgrund irgendwelcher wie auch immer gearteter Umstände zum Verbrecher zu werden - das ist ja im Grunde genommen schon eine eher triviale Erkenntnis. Nein, ich wage zu behaupten, dass man selbst durchs ganze Leben hindurch seine Bezugspersonen hat: Die Eltern, Musiker und Fußballstars als Vorbilder und Jugendhelden, später gute Freunde, bestimmte Menschen die etwas leisten was man selbst auch erreichen will - aber eben auch Menschen, zu denen man aufsehen kann und möchte. Ob bewusst oder unbewusst. Menschen, die etwas verkörpern, dem man nacheifern kann. Menschen, die etwas in uns ansprechen, auslösen. Und da man sich als Metalfan ohnehin stets sehr bewusst und intensiv mit der Musik auseinandersetzt, die man hört, kann auch ein sich intensivierender Bezug zu den Protagonisten dieser Musik nicht ausbleiben. Oder übertreibe ich?

Oliver: Nein, absolut nicht. Dass uns Vorbilder ein Leben lang begleiten und Relevanz haben, ist wohl so offensichtlich wie wahr. Trotzdem muss ich wirklich an den Kopf fassen, wenn ich mir vor Augen, was da gerade eine Auswirkung auf meinen Gemütszustand hat: Der Sänger einer Band! Gut, es ist nicht irgendein Sänger und es ist auch garantiert nicht irgendeine Band, aber das ändert nichts daran, dass ich diesen Einfluss auf meine Person irgendwie lächerlich und absurd empfinde. Andererseits macht die Sache, wenn man jeden Selbstvorwurf des Teenie-Verhaltens mal außen vor lässt, doch auch irgendwie Sinn: Es gibt kaum einen anderen Bereich in meinem Leben, der für mich ausschließlich mit so starken Emotionen besetzt ist. Es ist eine Quelle der Energie, der Lebensfreude, vielleicht sogar ein Stück Lebenssinn. Die AS I LAY DYING-Quelle war sicherlich eine der größten, prächtigsten bei mir - und nun ist sie verunreinigt. Bis zur Ungenießbarkeit?

 

Tim 2012

 

Timon: Das ist so ein Punkt, der mir auch Bauschmerzen bereitet: Ich kann die Musik von AS I LAY DYING nicht mehr im gleichen Maße genießen wie vor dieser üblen Geschichte. Das mag für jeden anders sein, aber gerade wenn man mit Musik auch ganz bewusst die Menschen verbindet, die sie zelebrieren, oder sich gar mit den durch sie transportierten Inhalten auseinandersetzt, kann dieser Effekt nicht ausbleiben. Das halte ich für natürlich. Ist ein anderes Thema, aber es gibt auch so manchen Schauspieler, den ich nicht mehr sehen kann, seit ich diverse Details über seine Ansichten oder sein Verhalten hinter der Kamera erfahren habe. Im Falle von AS I LAY DYING ist das Ganze eben umso schmerzhafter, weil die Band - und allen voran ihr Frontmann - so unwahrscheinlich menschlich und bodenständig wirkten und agierten. Ich denke wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen: Egal was noch passiert - die Band ist Geschichte, und, ja, so toll ich die Musik nach wie vor finde, unsereins wird sie nie wieder unbelastet hören können. Diese Quelle ist, wie du sagst, versiegt. Es stimmt, AS I LAY DYING war eine Quelle der Energie und der Inspiration. Es ist bitter, und daran ist nun mal nichts zu ändern, dass diese Quelle ein derart abruptes und tragisches Ende nehmen musste.
Ein vermeintlich tröstlicher Gedanke ist mir aber gekommen: Trotz seiner unbestreitbaren Veränderung zum Negativen bleibt die Musik von Tim Lambesis ein Vermächtnis, und die Aussagekraft seiner Texte ungebrochen. Sein Sturz verstärkt geradezu die Schärfe und die unbequeme Wahrheit einiger seiner Aussagen. Was er über all die Jahre von sich gegeben hat, und wo er nun gelandet ist, das ist einfach durch und durch menschlich. Seine Musik sollte nun nicht allein als mahnender Hinweis auf die Abgründe der menschlichen Existenz gesehen werden. Lambesis war eine herausragende Persönlichkeit, er ist gefallen - doch das schmälert seine Leistungen, das, was er zahllosen Menschen gegeben hat, zunächst nicht. Nur müssen wir, die enttäuschten Fans, selbst Lehren aus dieser Tragödie ziehen. Das allerdings fällt schwer.



"Bound to learn the hard way
This is the human condition
There is nothing that can be said
To stop us from making mistakes
"
('beyond our suffering', 2010)

Oliver: Ich glaube, da sind wir nun unterschiedlicher Meinung. Zwar hast du Recht, wenn du sagst, die Musik kann auch für sich stehen und dass Fallen höchst menschlich ist. Aber gerade weil ich die Texte halt nicht nur "abstrakt" kennengelernt, sondern auch im Ansatz gelebt erfahren (oder das zumindest geglaubt) habe, kann ich hier keine Grenze ziehen. Für mich ist das - in diesem Fall - eine Einheit. Ich habe das Bild von Tim Lambesis vor Augen (wohlgemerkt nicht erst seit dem Vorfall), wenn mir Textfragmente von AS I LAY DYING durch den Kopf gehen. Früher taten sie das voller Strahlkraft, voller (subjektiver) Wahrheit. Das ist nun eingerissen, kaputt; bloß leere Worte. So bekloppt das klingen mag: Ich bin persönlich enttäuscht. Tim hatte mein Vertrauen; er hat es enttäuscht. Die vergangenen Auftritte, die ich miterleben, mitfühlen, im Publikum mitgestalten durfte, die ich für mich als teilweise essentielle Lebenserfahrungen bezeichne, die können mir sicherlich nicht mehr genommen werden. Das Hören der Platten allerdings ist nicht mehr das gleiche: Es vermischt sich dieses gewohnte Gefühl der Freude und des Ausrastens, das innerhalb von Sekundenbruchteilen wunderbare Erinnerungen aktiviert, mit dem schalen Geschmack von Lüge und nicht vorhandener Integrität. Das Ergebnis: Ein emotionaler Cocktail, dessen Bestandteile kaum benennbar sind und der mich unruhig, unzufrieden, aufgedreht, traurig, wütend, müde und wehmütig zugleich zurücklässt. Ob sich das noch einmal ändert? Ich befürchte nicht.

 

Tim 2013

 

Timon: Diesen Gefühlscocktail kenne ich. Und im Grunde geht es mir seither mit der Musik von AS I LAY DYING genauso. Was ich meinte ist tatsächlich eher eine abstrakte Ebene, wenn man quasi von einem eher philosophischen Standpunkt aus betrachtet, was die Musik und die Texte von Tim Lambesis noch "wert" sind. Diesen Wert sehe ich nicht geschmälert. Doch das persönliche Erlebnis ist nicht mehr dasselbe. Tatsächlich, ich verspüre auch diese Enttäuschung - von einem Menschen, den ich nur einmal kurz persönlich getroffen habe. Als hätte man auch als Fan in der Masse eine Beziehung zu diesem Menschen gehabt, die nun zerbrochen ist und nicht wieder repariert werden kann. Das ist in der Tat nicht zu ändern. Nichtsdestotrotz stoße ich hier auf ein Schlagwort aus den früheren AS I LAY DYING-Werken: Vergebung. Ob aus christlicher oder rein zwischenmenschlicher Pespektive - jeder noch so wütende Fan muss auch seinem Idol früher oder später vergeben können. Im eigentlichen Fall, also das was sich zwischen Tim und seiner Frau abgespielt hat, oder auch zwischen ihm und seinen Eltern, seiner Band, seinen Freunden - sollte jemals ein auch nur ansatzweise normaler Umgang zwischen diesen Menschen zurückkehren, wird dies nicht ohne Vergebung möglich sein. "Without forgiveness my soul is lost" heißt es in 'Within Destruction', und das kann ein Atheist ebenso unterschreiben wie ein Christ; ohne Vergebung sind zwischenmenschliche Verwerfungen nicht zu kitten, ohne gegenseitige Vergebung verbittern und vereinsamen wir.
Vielleicht schweife ich hier etwas ab... Aber ist das nicht ein Paradebeispiel dafür, wie tiefgründing Lambesis' Gedanken waren? Wie ungemein persönlich und berührend die Musik von AS I LAY DYING stets war? Tja, das ist nun vorbei. Vergänglichkeit, Vergeblichkeit.... "The only constant is change. There's only growth or decay..." Oh Mann... Es ist ebenso bitter wie großartig, nicht? Und nun? Was bleibt? Sind wir überhaupt in der Lage, ein Resümee aus dieser Tragödie zu ziehen?

 

Oliver: Ein finales Resümee in Sachen Tim Lambesis ist für mich absolut nicht möglich. Eines bin ich mir nur gewiss: Ich werde nicht weniger Emotionen in all die Musik legen, die ich so liebe, und ich werde Musiker mit Sicherheit auch nicht kritischer oder möglicherweise distanzierter betrachten als zuvor. Denn auch wenn ich an dieser Stelle nun einmal einen Tiefschlag einstecken musste, überwiegen die positiven Gefühle viel zu sehr, um auch nur daran zu denken, demgegenüber eine innere Blockade aufzubauen. Ich werde weiterhin Platten abfeiern, weiterhin mit Gänsehaut durch Moshpits wirbeln und dabei Texte brüllen, die mir persönlich mal mehr, mal weniger bedeuten. So lange mich unsere geliebte Kunstform noch derart berühren kann, darf ich mich - trotz seltener, aber möglicher Tiefpunkte - einfach verdammt glücklich schätzen. Ich hoffe, das hört niemals auf.



"And in the same way that everything good in life
Can be taken away
So can all this pain
"
('Overcome', 2012)

 

Tim 2010

 

 

Von: Oliver Paßgang, Timon Krause

Redakteur:
Timon Krause

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