Zwischen Dunkelheit und Selbstermächtigung: CELESTIELLE

15.03.2026 | 23:09

Female Rage, neue Narrative und viel Atmosphäre: Ein Blick darauf, wie sich der Metal gerade verändert.

Ich bin ein großer Fan von Diversität im Metal. Nicht nur musikalisch, sondern auch auf weiteren Ebenen. Gerade im Kontext des Women's History Month lohnt es sich, den Blick auch auf Frauen zu richten, die diese Szene prägen und herausfordern.

Auch wenn manche denken: "Was wollen die denn noch? Ist doch schon alles erreicht", sind wir leider nicht so weit, wie manche glauben. Davon kann fast jede weiblich gelesene Person sprechen, die etwas erschafft und in der Öffentlichkeit steht, ob im musikalischen Kontext oder nicht.

Umso mehr freut es mich, wenn Künstlerinnen gewisse Grenzen sprengen und das Medium Metal nicht nur als audiovisuelle Unterhaltungsform nutzen, sondern auch als Ausdrucksform für Haltung, Perspektiven und eigene Erfahrungen.

 

Das Extreme wird vielschichtiger

Gerade im extremen Metal, ob Black oder Doom, passiert aktuell viel Spannendes. Das Genre wird weiblicher und vielschichtiger. CELESTIELLE ist dafür ein gutes Beispiel.

Nicht, weil hier ein klassisches "Female-fronted"-Narrativ bedient wird, sondern weil einiges neu definiert wird. Extreme Subgenres galten lange als besonders hermetisch: hart, roh, kompromisslos und männlich konnotiert. Umso interessanter ist es, wenn genau dort neue Stimmen auftauchen, die in vielerlei Hinsicht das Gegenteil tun.

Es geht dabei nicht nur um einzelne Songs oder Riffs, sondern um Kontext. Um die Frage, was passiert, wenn Identität, Verletzlichkeit und Haltung in einem Genre stattfinden, das auf den ersten Blick wenig Raum dafür zu bieten scheint.

Female Rage im Metal ist kein neues Phänomen. Schon KITTIE hat in der Nu-Metal-Ära Wut kanalisiert, heute stehen Künstlerinnen wie DELILAH BON mit Statements wie "Dead Men Don't Rape" offensiv für eine neue Direktheit. Wut war also immer da, der Unterschied liegt oft in der Perspektive.

Wut als kreative Kraft ist im Metal-Genre nichts Fremdes. Spannend wird es, wenn sie nicht plakativer Selbstzweck ist, sondern reflektiert, kontrolliert und künstlerisch verdichtet. Wenn es nicht um reine Zerstörung geht, sondern um Transformation.

 

Ästhetik trifft Haltung

Bildsprache transportiert Bedeutung. Gerade im düsteren Doom-Subgenre spielen visuelle Codes eine enorme Rolle.

Ästhetik und Klang greifen ineinander und machen eine bestimmte Kraft und Stärke sichtbar. Nicht als Pose, sondern als bewusst gewähltes Narrativ, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Zwischen Spiritualität und dem Extremen entsteht eine neue Ausdrucksform: ätherische, atmosphärische, fast mystische Komponenten treffen auf Härte.

Diese Verbindung von Härte und Transzendenz schafft Kontraste. Und Metal war schon immer ein Raum für Kontrast: Licht und Dunkelheit, Zerbrechlichkeit und Gewalt, Körper und Geist. Wenn Künstlerinnen diese Spannungsfelder für sich nutzen, entsteht etwas Eigenständiges und wie in diesem Fall etwas Spannendes.

 

Sichtbarkeit schafft Räume

CELESTIELLE steht dabei nicht allein. Auch Acts wie FEMINAZGÛL oder MYRKUR zeigen, dass düsterer, atmosphärischer Metal kein Monoteppich ist. Nicht im Sinne einer Vergleichswertung, sondern als Teil eines größeren Ganzen, das Sichtbarkeit schafft.

Es geht um Selbstbestimmung. Um die Kontrolle über das eigene Narrativ. Um Genre-Erweiterung.

Und ja, der weibliche Fokus ist hier ein naheliegendes Beispiel, aber nicht das einzige. Queere Artists, People of Colour, Menschen mit nicht-normativen Körpern: Intersektionalität gehört zu diesem größeren Ganzen.

Ein kleiner persönlicher Exkurs zu dem, was ich am Anfang gesagt habe: Ich bin ein großer Fan von Diversität im Metal. Meine Lieblingsband ist JUDAS PRIEST. In meinem Instagram-Profil steht "Safe Space" und eine Regenbogenflagge. Immer wieder erreichen mich Nachrichten, die das, milde gesagt, nicht gutheißen. Auch misogynen und homophoben Kommentaren begegnet man dort nicht selten. Genau solche Reaktionen zeigen, wie nötig diese Räume noch immer sind.

Es geht nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen. Mehr Raum für eine Gruppe bedeutet nicht weniger Raum für andere, oft sogar das Gegenteil. Sichtbarkeit schafft Raum. Und sie schafft Role Models.

Und vielleicht sind genau deshalb Acts wie CELESTIELLE wichtig in der Musiklandschaft: weil ihre bloße Existenz in manchen Kontexten bereits ein Statement ist. Und gleichzeitig sind sie weit mehr als nur das.

Redakteur:
Katja Latz-Voinich

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