BLIND ILLUSION, REZET, FATEFUL FINALITY - Hamburg

15.09.2023 | 13:30

01.09.2023, Bambi Galore

Eine saftige Thrash-Abfahrt mit allen Schikanen!

Es ist Freitag. Mitten in meinem Urlaub. Es spielt eine meiner Alltime-Fave-Bands aus der Bay Area in meinem Lieblingsclub in Hamburg. In Kurzform: Der Frisco-Vierer BLIND ILLUSION beehrt uns im Bambi Galore. Mit am Start sind FATEFUL FINALITY aus dem Süden der Republik und REZET, mit denen man sich auf der Headliner-Position abwechselt. In Hamburg spielt der Gast aus Übersee zum Schluss, aber dazu am Ende dieser Geschichte mehr.

Los geht es also mit den mir unbekannten Baden-Württembergern FATEFUL FINALITY. Das Quartett gibt von Beginn an alles und überzeugt durch eine ansteckende Spielfreude, die sich schnell auf das Publikum überträgt. So ist vor der Bühne das Gezappel groß, was bei der Durchschlagskraft der wilden Bande aber auch kein Wunder ist. Geboten wird Thrash mit der groben Kelle, der aber trotzdem nicht eindimensional wirkt. Auch für mich als Nichtkenner des Materials ist der Unterhaltungsfaktor sehr hoch. Das liegt zum einen am charismatischen Auftreten des Fronters Simon Schwarzer, der mit herrlicher Gesichtsakrobatik begeistert. Man sieht ihm an, wieviel Freude er an dieser Musik und auch an diesem Auftritt hat. Sein Counterpart an der anderen Gitarre, Patrick Prochiner, ist da optisch etwas zurückhaltender, begeistert dagegen aber mit gekonnt aggressiven Gesangseinlagen und bildet so einen schönen Kontrast zur rauen, aber klaren Stimme seines Kollegen. Aber auch die coolen Riffs, die sich flugs ins Hirn fräsen, sorgen für bestes Entertainment. Die immer wieder klug eingebauten Gang-Shouts sorgen für zusätzliche Adrenalinschübe und da man auch in Sachen Animation des Publikums seine Hausaufgaben gemacht hat, vergeht dieser kurzweilige Auftritt wie im Flug. Das ist auf jeden Fall eine Band, die ich mal genauer unter die Lupe nehmen muss und deren nächster Auftritt in meinen Gefilden auf jeden Fall wieder besucht werden wird. Das Publikum scheint das ähnlich zu beurteilen, denn in der Getränke-Pause wird der sympathischen Truppe überall ein überzeugender Auftritt attestiert.

Es folgt REZET aus Schleswig. Die Band um Ober-Sympath Ricky Wagner scheint für die meisten Anwesenden die Hauptattraktion zu sein, denn im Gewölbe füllt es sich deutlich schneller als bei FATEFUL FINALITY. Kein Wunder, hat die Band doch bereits 2022 amtlich abgeräumt. Und auch sonst hat sich der Vierer aus Schleswig offenbar in die Herzen vieler junger Fans gespielt. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb hier vom ersten Ton an die Kuh fliegt. Liegt es an der Tatsache, dass man mit Nikolay Atanasov den Gitarristen der letzten AGENT STEEL-Scheibe in die Mannschaft geholt hat? Wahrscheinlich nicht, denn technisch versiert war die Musik von REZET auch in der Vergangenheit. Allerdings merkt man dem jungen Mann die Bühnenerfahrung an, denn auch er agiert sehr versiert und publikumsnah. Diese Eigenschaften ist man von Ricky Wagner gewohnt. Der Mann ist eine Frontsau, der die Menge anstachelt und der selbst in seiner Musik zu versinken scheint. Vollblut-Thrasher halt. Mein Problem ist allerdings, dass ich zur Musik von REZET nur bedingt Zugang finde. Keine Ahnung, woran es liegt, denn die Zutaten stimmen alle. Die Songs sind facettenreich, etwas komplex und mehr als kompetent gespielt. Aber trotz der mitreißenden Performance bin ich unter-euphorisiert. Liegt vielleicht auch am Gedanken an die Band, die noch folgen wird.

Nachdem Mister Biedermann uns in der Pause einige Schwänke aus der bewegten Historie seiner Band erzählt hat und wir schon gemerkt haben, dass er gewohnt gut drauf ist, ist das Erwartungsbarometer für den anstehende Auftritt noch höher als eh schon.

Als ich mich nach einer Tube Frischluft und feiner Unterhaltung wieder in die heiligen Katakomben begebe, stelle ich mit erschütternden Augen fest, dass es deutlich leerer geworden ist. Die Hamburger Jugend scheint offenbar entweder in erster Linie wegen REZET hier gewesen zu sein oder sie muss rechtzeitig schlafen gehen. Man weiß es nicht. Ihr Fehler, denn bereits beim eröffnenden BLIND ILLUSION-Oldie 'Vengeance Is Mine' ist klar, dass das Quartett aus Frisco auch heute wieder 110%ige Vollbedienung abliefern wird. Obwohl diese Nummer ja beinahe als Thrash-Oldie durchgeht, klingt sie noch immer knusprig und frisch. Dies unterstreicht wohl die These, dass "The Sane Asylum" seiner Zeit einfach sehr weit voraus war. Die queren Taktwechsel sitzen im Schlaf und auch Gitarrenhexer Doug Piercy kommt aus dem Grinsen nicht heraus als er merkt, dass die Anwesenden ziemlich steil gehen. Weiter im Text geht es mit dem völlig falsch betitelten 'Slow Death', denn langsam ist hier mal gar nichts. Wie immer, bin ich völlig geplättet über den Drumstil von Andy Galeon. Der junge Mann, den man ja schon bei DEATH ANGEL mit offenem Mund bewundern konnte, agiert einfach völlig einzigartig. Das beinahe als "niedlich" zu bezeichnende Kit mit den gewohnt ungewöhnlich aufgehängten Toms vermöbelt er mit einer Vehemenz, dass ich schon beim reinen Zusehen ins Schwitzen gerate. Ihm scheint das aber überhaupt nichts auszumachen, denn er wirkt bei aller freigesetzten Energie beinahe entspannt. Ein wahrer Künstler! Es folgt die Single des aktuellen Albums "Wrath Of The Gods". Auch hier muss man über den Songtitel schmunzeln, denn gradlinig ist auch hier wenig. 'Straight As The Crowbar Flies' wird vom Publikum abgefeiert als gäbe es kein Morgen und plötzlich entsteht sogar so etwas wie ein Mosh-Pit im Bambi. Einem alten Knochen wie mir ist das zwar eine Spur zu schubsig, aber die Band scheint davon noch angestachelter zu agieren. Vor allem Mister Piercy grimasselt andauernd in die ersten Reihen und ist so wild unterwegs, dass ich mehrfach befürchte, er purzelt gleich von der Bühne. Das passiert so einem Profi natürlich nicht, aber die Energie ist schon mächtig ansteckend, wie auch meine Nackenmuskulatur am nächsten Tag bestätigen wird. Mit 'Race With The Devil' kommt ein weiterer Kracher zum Einsatz, der auch die Interaktionen der beiden Gitarren-Zauberer wunderbar dokumentiert. Grinsende Gesichter wohin man schaut. 'Smash The Crystal' ist dann wieder so eine Granate vom Debütalbum und hier geht der Moshpit dann so richtig ab! Tiefton-Masseur Tom Gears zupft sich die Finger blutig - ich bin im siebenten Thrash-Himmel! Hier spielt für mich die aktuell beste Band dieses Subgenres! Blindes Verständnis auf der Bühne und Songaufbauten, die einfach nachhaltig zünden. Klingt jetzt, als seien alle Nummern mit dem bösen Wort "Grower" zu umschreiben, aber genau das meine ich nicht. Bei BLIND-ILLUSION zünden Nummern immer sofort und bleiben trotzdem auf lange Zeit im Ohrwurm-Zentrum haften. Totspielen ist da für mich nicht möglich, so auch nicht beim vom völlig durchgeknallten Video bekannten Smasher 'Protmolecule', der in zehn Jahren sicherlich auch als Klassiker gehandelt werden wird. Der Titelsong des aktuellen Albums beendet dann den regulären Teil der Show, aber die Menge fordert weiteres Futter. So gibt es mit 'Death Noise' und 'Race With The Devil' noch zwei extrem schmackhafte Zick-Zack-Thrasher, die nochmals sehr deutlich aufzeigen, mit welcher technischen Spielklasse wir es hier zu tun haben. Wenn man dann bedenkt, wie viele Dekaden diese Granaten bereits auf dem Buckel haben und wie frisch sie auch heute noch klingen, ist man umso sprachloser. Natürlich geht die Band nicht von der Bühne, ohne dass unser Frontakrobat eine paar Spagat-Übungen vollbracht hat. Die Gelenkigkeit des Altmeisters ist wirklich beeindruckend und scheint sich nicht nur auf seine musikalische Denkweise zu beschränken. Bei mir knackt es schon im Gebälk, wenn ich mich bücke und er kommt mit den Fußspitzen an seine Nase. Es bleibt nur ein Begriff für diese Band: Wahnsinn!

Ich hoffe, dass das nächste Album genauso ein Überflieger wird wie "Wrath Of The Gods", welches ja mein Jahres-Highlight war.

So geht Thrash!

Redakteur:
Holger Andrae

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