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Fates Warning - Köln

18.11.2007 | 18:51

14.11.2007, Live Music Hall

Obwohl FATES WARNING zuletzt vor knapp zehn Jahren eine Deutschland-Tour absolviert haben, stand zu befürchten, dass die Live Music Hall eine Nummer zu groß sein und die Kulisse eher spärlich ausfallen würde. Und was zunächst Mutmaßung war, wird letztlich Gewissheit. Selbst als der Haupt-Act für riesige Glückshormonausschüttung sorgt, kann man problemlos von hinten nach vorne marschieren, ohne dabei zig Leute umzumähen. Die Stimmung ist dennoch gut - wenn man die Prog-Reserviertheit berücksichtigt.

Bei PAGAN'S MIND sind die Reihen erwartungsgemäß noch viel lichter als beim Headliner - und als das Deckhaar einiger Anwesender. Aber die Norweger treffen auf ein unkompliziertes Publikum, das mit den Tracks schnell warm wird und wahrscheinlich nicht mal dann Unmut äußern würde, wenn die schlechteste Combo der Welt auf der Bühne stünde. Davon sind die Paganisten jedoch Lichtjahre entfernt. Ihr Progressive Power Metal, der letztmalig Anfang der Neunziger als progressiv durchging, hat gute bis sehr gute Momente, aber es fehlen ein paar echte Straßenfeger mit den richtigen Hooklines, die man beispielsweise von den Deutschen POVERTY'S NO CRIME zu hören bekommt. Nichtsdestotrotz sorgen "God's Equation"-Songs wie das von einem thrashigen Leitriff angetriebene 'Atomic Firelight', 'Alien Kamikaze' und das DAVID BOWIE-Cover 'Hallo Spaceboy' sowie das abschließende 'Through Osiris' Eyes' für Kurzweil.

Über das technische Niveau der Jungs muss man nicht viele Worte verlieren - da hakt auch live nichts. Der besonders während der Ansagen etwas verschämt über die Bühne schleichende Sänger Nils K. Rue schummelt allerdings ganz fies. Um zu gewährleisten, dass er auch die hohen Töne trifft, hat er sich vor der Show in knackig sitzende Jeans schießen lassen. Jede Minute rechnet man damit, dass der Gute ohnmächtig zu Boden fällt, was wider Erwarten nicht passiert. Und so können seine Kollegen und er einen gelungenen Auftritt zum Abschluss bringen.

In der kurzen Umbaupause läuft 'ne CD mit OPETH, A PERFECT CIRCLE, MASSIVE ATTACK und OSI, was darauf hindeutet, dass demnächst tatsächlich progressive Musik kommen wird. Und wenn es nicht geplant war, die OSI-Nummer 'Standby (Looks Like Rain)' nahtlos in das 'Disconnected Part 1'-Intro übergehen zu lassen, möchte ich ab sofort Richie Kotzen heißen.

Als FATES WARNING ihre Positionen eingenommen haben, die letzte Silbe von "You are disconnected" verklungen ist und die ersten 'One'-Töne angeschlagen werden, schießt der Adrenalinspiegel nach oben, wo er bis zum Ende verharren soll. Und spätestens beim Refrain des Openers schreit man heraus, was absolut kein Geheimnis ist: DAS ist die beste Prog-Metal-Band im Stromgitarrenuniversum! Dabei ist es völlig egal, an welchen Punkten man das festmacht. Songs: Nach 'Life In Still Water', 'Another Perfect Day', 'The Eleventh Hour', 'Point Of View', 'Still Remains' (bei dem ich besonders gute Sicht habe, da ich drei Meter über dem Hallenboden schwebe) und den verschiedenen 'A Pleasant Shade Of Gray'-Teilen ist alles klar. Spielvermögen: Jim Matheos sieht mit seiner Wollmütze heute zwar aus wie der Gitarrenschlumpf, zaubert aber zusammen mit Frank Aresti Sachen hin, die technisch anspruchsvoll sind UND dermaßen viel Feeling haben, dass alle Skalenrammler ihre Instrumente aus Respekt verbrennen sollten, Joey Vera ist die Grimassen schneidende Bass-Groove-Maschine, während Tour-Schlagzeuger Bobby Jarzombek punktgenau trommelt (SPOCK'S BEARDs Nick D'Virgilio gefiel mir als Mark-Zonder-Ersatz allerdings einen Tick besser, weil er mehr swingt). Was gibt's noch? Richtig, Gesang: Ray Alder. Ende der Durchsage. Okay, der Sympathieträger scheint leicht heiser zu sein, was aber nicht negativ ins Gewicht fällt und höchstens dazu führt, dass er die Songs noch intensiver durchleidet als sonst.

Mein Zeitgefühl verlässt mich irgendwann, so dass ich nicht sagen kann, wie lange die Amis insgesamt spielen (es sind auf jeden Fall gefühlte fünf Minuten). Was ich allerdings mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass sie sich ein SCORPIONS-Cover klemmen, weil es niemand hören will, und dass dieser Abend neben der sensationellen Musik eine noch viel sensationellere Erkenntnis bereithält: Jim Matheos kann lächeln. Man glaubt es kaum. Er kann es nur kurz, aber er ist gesichtsmotorisch dazu in der Lage - so richtig mit Mundwinkel himmelwärts stellen und allem, was nötig ist. Da trollt man sich nach einer fantastischen Vorstellung und dem Rausschmeißer 'Nothing Left To Say' doch noch seliger zum Ausgang.

Redakteur:
Oliver Schneider

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