KNORKATOR - Nürnberg

19.01.2026 | 15:01

17.01.2026, Löwensaal

Aua!

Sah ich gestern noch eine Mischung aus Power-, Happy- und Viking-Metal, zieht es mich am heutigen Samstag zu ... ja, zu was eigentlich? Nun gut, ich frage die KI mal, in welche Schublade man KNORKATOR stecken kann:

"KNORKATOR lässt sich nicht in ein einziges Genre pressen – und genau das macht ihren Stil so unverwechselbar. Am besten beschreibt man ihre Musik als eine Mischung aus Metal, Industrial, Neue Deutsche Härte und satirischem Fun‑Rock."

Ob "Deutschlands meiste Band" für POWERMETAL.de relevant ist? Ich finde 134 Treffer auf unserer Webseite, darunter bereits 28 Konzertberichte und ganz aktuell in einer Pommesgabel-Podcast-Folge ein Interview mit Alf ATOR, dem Hauptsongwriter und kreativem Kopf hinter KNORKATOR.

Ich selbst habe meine ersten Erfahrungen mit der Band aus Berlin 2023 auf dem Summer Breeze gemacht, welche ich mindestens als "Beeindruckend!" im Hinterkopf habe. Aber wie das als Festival-Fotograf so ist: "Three Songs, no Flash" und ab zur nächsten Stage, zur nächsten Band. Heute nutze ich die Gelegenheit, mal ein ganzes Set zu sehen.

Dafür gilt es einmal mehr, den Berg zu erklimmen, um den heute ausverkauften Nürnberger Löwensaal zu erreichen. Aufmerksame Leser wissen, dass ich diese Anhöhe mehr als einmal verflucht habe.

In der langen Reihe vorm Eingang sehe ich ein extrem gemischtes Publikum. Kuttenträger kommen mit Punks ins Gespräch, viele Kinder warten mit ihren Eltern auf Einlass und selbst die älteste Generation hat den Weg auf den "Gipfel" erfolgreich bewältigt.

Die Formalitäten sind schnell erledigt und eine knappe Stunde vor Showbeginn stehe ich in der Halle.

Ich merke schnell, dass heute alle etwas anders ist als auf den anderen besuchten Konzerten. Es gibt keine Supportband, die Bühne ist gespickt mit Accessoires und auf einer Leinwand läuft eine Art "Preshow" mit lustigen Videos.

Die bereits anwesenden Besucher kriegen sich vor Lachen nicht mehr ein, als die Folge "Frauen im Straßenverkehr" aus der Reihe "Der 7.Sinn" auf dem Screen erscheint. Tja, 1973 war alles irgendwie anders. Anders waren garantiert auch die Bierpreise, aber es nützt ja nix. Noch schnell 4,50 Euro gegen ein Kaltgetränk tauschen, bevor es langsam aber sicher Richtung Graben geht.

In dem habe ich heute wie zwei meiner geschätzten Kollegen beziehungsweise Kolleginnen wirklich viel Platz. Das Licht erlischt und zum Intro von 'Jede Zelle meines Körpers ist glücklich', einem "spirituellen Tanzlied" von Astrid Kuby und Michael Mosaro erscheint Sänger Stumpen und der Rest von "Deutschlands meiste Band der Welt" auf der großen Bühne des Löwensaals. Mit den recht düsteren Tönen von 'Das Unheil' vom aktuellen Album "Weltherrschaft für Alle" startet die Show. Während der Sänger einen lila-weißen Rautenanzug trägt, ist der Rest von KNORKATOR in fröhlichem Lila gekleidet.

Bereit jetzt steht für mich fest, dass dies kein 08/15-Konzert wird. Stumpen hampelt wie wild barfuß auf der Bühne herum und ich habe Mühe, den agilen Sänger mit der Kamera einzufangen. Immer wieder setzt er zum Sprung an und landet auf em Wellenbrecher bei seinen Fans. Tochter Agnetha hingegen sitzt im hinteren Teil der Stage auf einem Stuhl und liest scheinbar teilnahmslos in einem gelbem Reclam-Heft. Ebenfalls eher unbeteiligt sitzt Gitarrist Buzz Dee, welcher sich als gnadenlos guter Instrumentalist entpuppt, am rechten Bühnenrand auf seinem Hocker.

Und dann erlebe ich ein Deja Vu. Wie schon auf dem oben genannten Summer Breeze werden wir Fotografen auf die Bühne gebeten.

Ich finde es natürlich klasse, mal ein paar eher ungewohnte Motive einzufangen. Doch dann ist es soweit unter großem Jubel der Crowd werden wir drei von Stumpen und Alf mit Poolnudeln "verprügelt" und aufgefordert, uns zu verpissen. Ein Grund, die Veranstaltung mit hochrotem Kopf zu verlassen und den Auftritt von KNORKATOR in Grund und Boden zu schreiben? Keinesfalls! Das alles und noch viel mehr macht eine Show von "Deutschlands meiste Band" eben aus. Dennoch muss ich mal ein paar Minuten vor die Tür, um das soeben erlebte bei Nikotin und Alkohol zu verarbeiten.

Mittlerweile hat sich Stumpen seines Anzuges entledigt und steht weiter barfüßig nur noch in goldener Boxershorts auf der Stage.

Ich genieße den Rest der Show vom Bühnenrand aus. Von meiner Position sehe ich auch, dass Keyboarder und Sänger Alf in Badeschlappen hinter seinem Instrument steht.

Es sind diese kleinen Details, die mir ins Auge fallen. Es passiert so viel, man kann so viel entdecken. Eine komplette Show von Knorkator zu beschreiben, würde ein dickes Telefonbuch füllen. Und obwohl ein Track 'Ich verachte Jugendliche' heißt, geht die Band immer wieder auf die jüngere Generation vor dem Wellenbrecher ein. Da werden auch mal ein paar Tasten von einem mittlerweile zerstörtem Keyboard verschenkt. So eine enorme Interaktion mit Publikum erlebe ich eher selten.

Bei dem ganzen Spektakel, dem ganzen Klamauk, der dort auf der Bühne passiert darf man nicht vergessen, dass dort ausgezeichnete Musiker ihr Werk verrichten.

Egal, ob Buzz an der Gitarre, Philipp am Drumset oder Rajko am Bass. Alle beherrschen ihre Instrumente aus dem Effeff. Hier werden keine Backing Tracks oder Timecodes benötigt, alles wird live vorgetragen. Dazu empfehle ich jedem Interessierten, mal auf die Texte zu hören. KNORKATOR kombiniert Humor mit bissigen Kommentaren zu sozialen Rollen, Konsum, Politik oder menschlichen Macken. Die Texte spielen mit Kontrasten – zwischen Nonsens und Tiefsinn, Groteske und Emotion, Übertreibung und feiner Beobachtung. Mittlerweile kann man die Berliner Band schon fast als Familienunternehmen bezeichnen, wirkt doch Tim Tom, Sohn von Alf, als Gitarrist mit. Und auch Agnetha blättert nicht nur in ihrem gelben Heft, sondern nimmt stimmlich einer immer größer werdende Rolle bei KNORKATOR ein.

Neben astreinen Chorgesängen gemeinsam mit Tim Tom kann sich die Sängerin besonders bei der Ballade 'Weg nach unten' auszeichnen. Was für eine Stimme! Glockenklar und hell haut Agnetha den Song in die Menge, die jede Note mitsingt. Hallo Musikindustrie! Gebt der Dame die Möglichkeit, ihrer Leidenschaft nachzugehen! Während die Tochter bei mir für eine wohlige Gänsehaut sorgt, hat es sich Stumpen auf ihrem Stuhl gemütlich gemacht und fächert sich etwas Luft zu. Bei genauem Hinsehen erkenne ich, dass der Fächer aus (nachgemachten?) Dollarnoten besteht. Da sind sie wieder, diese kleinen Details. Der Sänger bedankt sich bei ihr und ist nach eigener Aussage froh, ihr Vater sein zu müssen.

Ich habe jetzt etwas vorgegriffen und spule den Abend noch mal kurz um acht Songs zurück. Ich habe irgendwie den Tag über zu wenig gegessen. Also hätte ich gerne meine 'Extrawurst', die mir KNORKATOR als Song vom 2000 veröffentlichten Album "Tribute To uns selbst" serviert. Ich kann förmlich die Spiegeleier riechen, die im Lied besungen werden. Dies hat allerdings weniger mit meiner Phantasie zu tun, vielmehr steht Stumpen jetzt auf der Stage vor einer Herdplatte und bereitet live und singend ein paar Spiegeleiner zu. Diese landen allerdings nicht bei mir, sondern im Publikum. Na gut, die Fans geben bereits seit langer Zeit Vollgas und haben sich das festliche Mal verdient.

Auch Tim Tom kann sich solistisch gesanglich ausleben. Zu 'Böse' haut Alfs Sohn einen Growl raus, dass einem Hören und Sehen vergeht. Dass er auch anders kann, beweist er mit seiner eigenen Band DER SONNE ZU NAH. Auch wenn es kein Metal ist, hört mal rein.

Ich drücke kurz die Fwd-Taste und sehe, dass Stumpen mal wieder einen Small Talk mit dem Nachwuchs hält. Er fragt eine junge Zuschauerin, ob sie den schon einmal Stagediving gemacht habe.

Sie verneint die Frage und die Eltern sind offensichtlich schockiert, als das Mädel wenige Augenblicke später auf der Bühne steht. Stumpen bildet eine Brücke zwischen Stage und Wellenbrecher, über die die junge Dame schreitet und unter frenetischem Jubel des Publikums eine Crowdsurfing-Einlage abliefert.

Das wird sie garantiert nie in ihrem hoffentlich noch langem Leben vergessen.

Nach einem kurzen Blick auf meine abfotografierte Setliste stelle ich fest, dass wir längst auf der Zielgeraden gelandet sind.

Mit den lauthals mitgesungenen 'Wir werden alle sterben' und 'Zähneputzen, pullern und ab ins Bett' endet nach 25 Songs und 135 Minuten ein sehr ereignisreicher Abend, welcher sicher nicht nur mir sehr lange im Gedächtnis bleiben wird.

Ab jetzt geht's bergab, keinesfalls für KNORKATOR, sondern nur für mich und die anderen Besuchern, die Stunden zuvor den Löwensaal ohne Sauerstoffgerät erklommen haben.

Text und Photo Credit: Andre Schnittker


Redakteur:
Andre Schnittker

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