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Masters Of Rock - Vicocive

23.07.2008 | 13:22

10.07.2008, R. Jelinek's Destillery Area

Am Donnerstag geht es ausgeschlafen und schon leicht vorgewärmt bei sonnigem Wetter (im Gegensatz zum Anreisewetter) runter zum Festivalgelände, um SIRENIA anzuschauen, die ich persönlich nicht gut kenne, im Gegensatz zu meinem zweiten Mitfahrer Marco. Unten angekommen stellen wir jedoch fest, dass die Wechselstube immer noch keine Euros tauschen kann, was bereits seit zwölf Uhr der Fall ist. Wir selbst haben nur noch ein paar wenige Kronen, da wir an der Grenze nur ca. zwanzig Euro für einen McDonald's-Besuch gewechselt haben, weil der Wechselkurs am Grenzübergang nicht gerade günstig ist. Da wir nicht wissen, wann das Wechselgeld kommen wird, machen wir uns also auf nach Vicovize. Ein Polizist, der ausnahmsweise mal Englisch spricht, meint, es seien höchstens zehn Minuten zu Fuß. Er behält Recht.

Sehenswert ist auf jeden Fall, dass die Zelterei auch vor dem Vorplatz des Friedhofs keinen Halt macht und mitten auf dem kleinen Stückchen Parkanlage umringt von Geschäften in der Ortsmitte ein Dixi steht. Sehr gut (auch für mich), aber doch seltsam anzuschauen. Auf dem Rückweg, mit Kronen vom Geldautomaten und einem Bier bewaffnet, hören wir dann 'The Other Side', einen Song, der wie ich mir sagen lasse, eigentlich sehr gut ist. Kurz bevor wir zurück aufs Festivalgelände kommen, spielen SIRENIA dann noch 'My Mind's Eye' und ein weiteres Stück, und das war dann unser SIRENIA-Livegig. Schade.

Als KORPIKLAANI die Bühne betreten, fällt mir als erstes Sänger Jonne auf, der neuerdings einen Rastalook trägt. Die Stimmung ist wie immer sehr gut, und die Band legt gleich mit 'Let's Drink' los. Nach dem den Bandnamen tragenden Song 'Korpiklaani' geht es weiter mit einem Stück, das mir persönlich nicht geläufig ist, da ich leider nur die beiden Scheiben "Tervaskanto" und "Tales Along This Road" besitze.

Auf eine kleine Ansprache folgt direkt 'Vesilahden Veräjillä', das mir persönlich aber auf der CD besser gefällt. Hat für meinen Geschmack dort eine mystischere Stimmung. Es folgt ein Song der aktuellen Scheibe, dessen Namen ich wieder nicht kenne, und direkt dahinter 'Keep On Galopping'. Die Band spielt drei weitere Stücke, deren Namen mir nicht geläufig sind. Meine Notizen jedenfalls geben Songtitel her, die ich auf keinem Album der Korpis wiederfinden kann. Als zehntes Lied gibt es jedenfalls 'Happy Little Boozer', den Eröffnungssong des "Tales Along This Road"-Albums, bevor drei weitere neuere Lieder ertönen, von denen das letzte ein Instrumental ist. Den Set beschließt das Liedchen 'Beer Beer', welches mir auch ohne dazugehörige CD geläufig ist.

Alles in allem ein gelungener Auftritt mit viel Zuspruch, aber für meinen Geschmack sind KORPIKLAANI eine Band, die problemlos 30 bis 45 Minuten unterhalten kann, danach aber etwas an Abwechslungsreichtum vermissen lässt und mir deswegen etwas langweilig wird - zumindest, solange ich noch nicht vollends besoffen bin.

Für MINISTRY werden dann große Gitterstäbe am Rand der Bühne postiert, welche laut Berichten auch schon auf der regulären Tour zum Einsatz kamen. Jedenfalls weiß man nicht genau, ob diese eher die Band vor einem ausrastenden Publikum schützen oder die Gäste vor näherem Kontakt mit der wütenden Truppe auf der Bühne bewahrt werden sollen. Ein passender Anblick ist es allemal, und MINISTRY legen nach einem langen Intro mit ungezähmter Wut und dem Track 'Let's Go' los. Live haut dieser Feger vom letzten regulären Album ebenso in die Fresse wie auch die restlichen Stücke, und ich bin überrascht, dass ich dieses Mal keinen Lautstärkerekord wie seinerzeit in Wacken erlebe, wo ich mich noch nicht mal in Eingangsnähe mit meinem Nachbarn unterhalten konnte. Meine beiden Mitfahrer, die sich zu dieser Zeit am Zeltplatz aufhalten, teilen mir aber hinterher mit, dass sie keine andere Band so deutlich dort oben vernehmen konnten.

Mit 'Watch Yourself' geht's dann direkt weiter, bevor ein Lied kommt, dessen Name ich im Gegensatz zu seiner Melodie leider nicht kenne. Mit dem Titelstück des letzten offiziellen Albums "The Last Sucker" und 'No W' geht es gleich weiter, bevor einem mit 'Waiting' der nächste Fetzen um die Ohren fliegt. Al Jourgensen bewegt sich eigentlich keinen Millimeter von seinem coolen Mikroständer weg, während der Rest der Band und ein wiedererstarkter Tommy "Prong" Victor die Breite der Bühne ausnutzen und mit dem Publikum kommunizieren. 'Worthless', 'Senor Peligro' und 'Rio Grande Blood' knüppeln mit den gewohnten Bush-Samples aus den Boxen, bevor 'Lies Lies Lies' ertönt. Die Tschechen drehen durch, soweit dieses Publikum eben durchdreht. Immer am mitmachen, aber nie am ausrasten wie z. B. in Wacken. Auf jeden Fall braucht ein zartes Mädel in den ersten Reihen hier keine Angst zu haben, erdrückt zu werden.

Al(ien) J. fragt, ob sie was Altes spielen sollen, und haut 'So What!' raus, was mich persönlich sehr freut, ist dies doch mein Lieblingslied von MINISTRYs Frühwerken. Mit 'N.W.O.' und 'Just One Fix' verabschiedet sich die Band dann vom Festival und von mir. Schade, dass ich diesen wuchtigen Live-Act nun nicht mehr auf der Bühne bewundern darf; schön, dass ich eines der letzten Konzerte erleben durfte.

Um halb zehn starten dann DEF LEPPARD, die ich mir als richtiger Altrocker natürlich im Sitzen von der Tribüne aus anschaue. Aber man hat auch hier eine perfekte Sicht aufs Publikum, auf die Bühne und auf die Leinwand. Und beim Sound müssen auf dem ganzen Gelände keine Abstriche gemacht werden.

Los geht's mit 'Let It Go' und 'Rocket', dem ersten Song, den ich bewusst von den Leppards im zarten Jungenalter wahrgenommen und mir noch von HR3 Hard 'n' Heavy mit Til Hofmeister auf Kassette aufgenommen habe. Die Stimmung ist mal wieder allererste Sahne, und der Platz ist gut gefüllt. Weiter geht's mit einem Lied der neuen CD, die ich leider noch nicht gehört habe. Es folgt eines meiner Lieblingsstücke: 'Animal'. 'Mirror, Mirror' (kein Coversong von BLIND GUARDIAN) und ein mir vom Titel her unbekanntes Stück werden nachgeschoben, bevor es eine Ballade namens 'Love Bites' (kein Coversong von JUDAS PRIEST) zu hören gibt.

DEF LEPPARD legen eine schöne Bühnenshow hin, an der es absolut nichts auszusetzen gibt, so dass man einfach sagen kann, dass diese Band auch nach so vielen Jahren live richtig überzeugt. Ein Basssolo beschließt die Ballade, und nach einem mir wiederum unbekannten Titel folgt 'Hysteria'. 'Armageddon It' und 'Photograph' gehen fast nahtlos ineinander über. Überhaupt fällt auf, dass Mr. Elliot wenige Ansagen macht und die Band die volle Spielzeit für Songs ausnutzt. Im Gegensatz zu einer gewissen Formation, die ihr eigenes Festival zur gleichen Zeit bestreitet und bei der DEF LEPPARD nicht auftreten (dennoch möchte der Verfasser anmerken, dass er auch ein MANOWAR-Fan ist). Es folgt der wohl bekannteste Hit dieser Band 'Pour Some Sugar On Me', bevor mit den Titeln 'Rock Of Ages' und 'Let's Get Rocked' die letzten beiden Songs kommen. Schöne Vorstellung.

Mit einiger Verspätung starten dann AVANTASIA. Was positiv beim Masters Of Rock auffällt: Jede Band bekommt ihre zugesicherte Spielzeit, egal, ob man aus welchen Gründen auch immer im Zeitplan zurückliegt.

'Twisted Mind' und 'The Scarecrow', die beiden ersten Lieder des letzten Albums, eröffnen diesen grandiosen Gig, der einfach nur eine Augen- und Ohrenweide darstellt. Jeder, der noch die Chance haben sollte, dieses großartige Konzert zu sehen, kann sich schon mal freuen. Ich persönlich darf das Ganze noch mal auf dem Wacken erleben - bin ich froh! Allen anderen sei gesagt: Tobi kündigt an, dass diese Show für eine DVD mitgeschnitten wird. Ob er nun tatsächlich nur diesen Auftritt meint oder ob er lediglich einen Teil der DVD darstellen wird, sei mal dahingestellt.

Es geht weiter mit dem kurzen 'Inside', bevor mit 'No Return' der erste Song der "Metal Opera Part II" erschallt. Als dann Bob Catley (MAGNUM) erscheint, um 'The Story Ain't Over' zu singen, ist es um den Verfasser dieser Zeilen geschehen, und diese Typen auf der Bühne hätten ab jetzt machen können, was sie wollen, sie hätten definitiv gewonnen.

Ein weiterer Gastsänger ist Andre Matos, der zwar nicht so mit den Armen fuchtelt wie Bob, aber dennoch bei uns einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt – was nicht an seinem Gesang liegt. Übrigens befinden wir uns nicht mehr auf der Tribüne, sondern artig in den vorderen Reihen.

Es folgt 'Shelter From The Rain' und die Hitsingle 'Lost In Space'. Nach 'I Don't Believe In Your Love' folgt der erste Song, den man schon einmal live gesehen haben dürfte: 'Avantasia'.

Als Musiker sind übrigens u. a. Felix Bohnke, Sascha Paeth und Oliver Holzwarth anwesend. Amanda Somerville singt ebenfalls, was dank der haufenweise online gestellten Blogs keine große Überraschung mehr darstellt, aber ihre Gesangsleistungen keineswegs schmälern soll. 'Serpents In Paradise' und 'Promised Land' beenden den regulären Teil des Sets. Selbstverständlich ist auch Jorn Lande mit von der Partie, und selbstverständlich ist jetzt noch nicht Schluss.

Wäre Alice Cooper persönlich auf der Bühne erschienen, so hätte die Überraschung nicht größer ausfallen können. An seiner Stelle kommt ein gewisser Herr Kai Hansen in Frack, Zylinder und Stock und singt den 'Toymaster'. Freilich hat man Herrn Hansen öfter gesehen als Mr. Cooper, aber wer hätte gedacht, dass dieser ihn vertritt? Und das auch noch so gut? Es folgt 'Farewell', eine auch ohne Michael Kiske megageile Ballade. Danach beginnt man eine sehr lang währende Vorstellung der einzelnen Mit-, Begleit-, und Gastmusiker, die aber ganz und gar nicht langweilig ist und irgendwie dazugehört. 'The Sign Of The Cross' ist das letzte offizielle Lied, das aber noch in einem Refrain-Teil ("We are the seven, judgement of heaven ...") von 'The Seven Angels' endet, in dem die Sänger diesen Teil singen. Bei der Erinnerung daran überkommt mich immer noch eine Gänsehaut.

Eines meiner schönsten Konzerterlebnisse überhaupt. Mehr kann ich dazu nicht sagen ...

... außer vielleicht, dass wir zusammen noch bei guter Musik bis tief in die Nacht feiern. Um halb fünf verschlägt es meine Mitfeierer zur Freude unserer Zeltnachbarn ins Zelt, ich aber sehe schon den Sonnenaufgang nahen und will mir diesen natürlich nicht entgehen lassen. Ich schleiche also an den regulären Zeltplätzen vorbei, bis ich einen der Biergärten finde, bei dem die Party noch in vollem Gange ist. Oder besser gesagt: gerade wieder startet. Denn wie ich im Laufe meiner Anwesenheit erfahre, bin ich der Einzige, der noch nicht geschlafen hat. Sei's drum, es wird gefeiert, versucht, sich auf Englisch oder einfach nur mit Händen und Füßen zu unterhalten, und mein Hut wird von einem zum anderen gereicht, bis ich ihn schließlich in fremde Obhut gebe. Schon mit dem Hintergedanken, ihn nicht mehr wiederzusehen, das tolle Werbegeschenk. Was diese Zeilen mit den Bands zu tun haben? Nun, nur so viel, als dass ich zwar nur noch eine Stunde im Biergarten (irgendwann am Nachmittag) geschlafen habe, aber dennoch so schnell keine Muße finde, mir andere Bands anzusehen.
[Gastautor Robin Geiß]

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