SIAMESE, CHAOSBAY und COLD CULTURE - Nürnberg

25.02.2025 | 11:43

26.01.2025, Hirsch

Ein langer und spannender deutsch-dänischer Melo-Core- und Alternative-Rock-Abend.

Es ist Sonntag, die Straßen sind frei, Lust auf einen spannenden Musikabend ist vorhanden, also nichts wie los. Nach einer längeren Fahrt, denn es geht diesmal in den Hirsch nach Nürnberg, finden wir uns etwa eine Viertelstunde vor Beginn auch schon am SIAMESE-Merch-Stand wieder, an dem Sänger Mirza Radonjica fleißig verschiedene Devotionalien und Shirts verkauft. Auf das ihm zugeworfene "Verausgabe dich nicht, du musst nachher noch Action machen!" lacht er und sagt, dass er gerne vor dem Auftritt am Merch sei und ihm der Kontakt mit den Fans Energie geben würde. Das soll sich später bewahrheiten, aber zuvor werden ja noch zwei andere Bands einheizen.

Die Halle ist gut gefüllt, als COLD CULTURE die Bühne betritt. Die Jungs sind ebenfalls Dänen, die sehr spontan den eigentlichen Opener BLACKGOLD ersetzt haben, der aufgrund eines medizinischen Problems leider ausfällt. Die Post-Hardcore Band mit elektronischen Einflüssen schlägt sich aber sehr gut, schon als Sänger Mads die Bühne in Streetwear gekleidet betritt, werden sie sehr freundlich empfangen.

Trotz der Spontanität liefert die Band eine überragende Show, in der sie alle ihre bisher geschriebenen Lieder spielt, sechs an der Zahl. In jedem Lied ist ein anderes Instrument hervorgehoben, so hört man in 'Cold' die Drums, die von Gábor gespielt werden, besonders heraus. Nach dreißig Minuten ist Schluss und COLD CULTURE hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Vielleicht sind wir heute Zeuge der ersten Gehversuche einer Band, von der wir in Zukunft noch einiges werden hören dürfen.

Die deutsche Metalcore-Band CHAOSBAY hat sich in den letzten Jahren einen guten Ruf erspielt. Vier Top-Alben und vor allem die Reviews auf unserer Seite sprechen eine klare Sprache. CHAOSBAY ist heiß, was zuletzt auch Kollege Frank Hameister festgestellt hat. Doch was zuerst auffällt, ist, ähm, blumig. Was trägt denn der Gitarrist Alexander Langner da für eine Hose? Ist das Core, ist das Prog oder ist das eine ehemalige Tagesdecke aus dem elterlichen Schlafzimmer? Dazu ein schwarzes Jackett und eine Gitarre in Grünmetallic. Es geht auf den Karneval zu, aber Berlin ist jetzt nicht gerade die Hochburg der Pappnasen. Auch Bassist Matthias Heising fällt auf, er trägt so etwas wie einen roten Jogginganzug. Kann man machen, dann sollte man aber auch mit der Aktion überzeugen.

Jetzt aber Musik. Tatsächlich trifft der Begriff Progressive Metalcore den Stil ganz gut. Zu meiner Freude singt Jan Listing gemischt, manchmal klar und manchmal im kraftvollen Shouts, eine gut funktionierende Mischung aus Power und Melodie. Ich bin mit dem Songmaterial nicht besonders gut vertraut, erkenne aber den Opener, den Titelsong des aktuellen Albums "Are You Afraid?". Gute Frage, wenn man sich umsieht, was in der Welt so passiert... Aber das ist jetzt kein Thema, Musik taugt als Eskapismus-Werkzeug ziemlich gut und bei der tollen Stimmung kann uns allen der Rest mal gestohlen bleiben.

Die Setliste besteht vor allem aus neuen Stücken, von denen mir vor allem 'Maniac In The Mirror' ins Ohr geht. Insgesamt finde ich zwar ein paar der Breakdowns ziemlich generisch, aber die gehören einfach zum Stil. Gegen Ende gibt es dann noch eine Coverversion von THE POLICE, das Stück 'Message In A Bottle' wird heftig durch den Core-Wolf gedreht, funktioniert aber durchaus ordentlich. Das Lied kennt wohl jeder und so entsteht ein großer Chor. Witziges Higlight des Sets: Alex fordert zu einem "Strudel" auf, was mit Humor genommen wird und daraufhin in einem Moshpit endet.

Als SIAMESE zu 'Home' auf die Bühne tritt, ist der Jubel ohrenbetäubend. Die Fans haben sichtlich Bock und die Band wird mit offenen Armen empfangen. Doch schon beim ersten Song fällt auf: Mirza wird gesanglich mit Samples und Tonband unterstützt. Das klingt natürlich voller, wird aber im Laufe des Konzertes immer weniger eingesetzt, habe ich den Eindruck. Live präsentiert sich die Band energiegeladen und mitreißend, sodass diese Unterstützung schnell zur Nebensache wird.

Die Setliste ist eine gelungene Mischung aus verschiedenen Schaffensphasen der Dänen. Mit Klassikern wie 'Soul & Chemicals' und 'Cities' aus dem Album "Shameless" bedienen sie ihre langjährigen Fans, während drei Songs von "Super Human" die neueren Anhänger abholen. Ein wenig verwundert bin ich allerdings darüber, dass "Elements", ihr aktuellstes Album, weniger Platz im Set findet als das etwas ältere "Home". Gerade von einer Tour zum neuen Werk hätte ich mir hier mehr Fokus auf das junge Material gewünscht.

Ein absolutes Highlight des Abends ist 'Rather Be Lonely'. Hier verlassen Sänger Mirza Radonjica und der Gitarrist Andreas Kruger die Bühne und begeben sich mitten ins Publikum, um den Song akustisch zu performen. Ein Gänsehautmoment, der durch Mirzas Aufforderung, sich hinzuhocken, damit auch wirklich jeder die beiden sehen kann, fanfreundlich zelebriert wird. Dadurch entsteht eine intime Atmosphäre inmitten der Menschenmenge, jeder einzelne Anwesende scheint sich in diesem Moment ganz besonders mit der Band verbunden zu fühlen. Ein magischer Moment in einem Konzert, das für mich gerne noch ein paar Lieder von "Elements" mehr hätte bieten können. Zusätzlich, versteht sich.

Aber bei 90 Minuten Spielzeit darf ich eigentlich nicht meckern und die grinsenden Gesichter um mich herum zeigen, wie sehr die Band auch in den größeren Clubs angekommen ist, denn vor kurzem spielte man noch vor ein paar Dutzend Zuschauern, wie Mirza eingangs verraten hat. Den Hirsch hat man heute Abend aber fast komplett gefüllt, wer weiß, wie groß die Hallen für die nächste Tour werden sein müssen.

Fotocredit: Katharina Jäger

Redakteur:
Frank Jaeger

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