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System Of A Down (Listening Session) - Köln

10.04.2005 | 11:12

09.04.2005, Hyatt Hotel

“Most anticipated Album of the year”

Das am heißesten erwartete Album des Jahres. Keine Bezeichnung wird SYSTEM OF A DOWN und ihrem musikalischen Schaffen wohl gerechter, und gleichzeitig in keinster Weise. Denn einerseits wird "Mezmerize" wohl sicherlich schon in der ersten Woche vergoldet, andererseits gibt es wohl keine Band der Welt, an die sich so schlecht Erwartungen stellen lässt, wie an das amerikanisch/armenische Quartett um Mastermind Daron Malakian.
Bei jeder anderen Band kann man vor jedem neuen Album ungefähr sagen wie es sich (nicht) anhören wird. Bei SYSTEM OF A DOWN gibt es das erste Mal immer wieder, und wieder, und wieder.

Eine Handvoll Menschen der schreibenden (und sprechenden) Zunft haben sich aus diesem Grund in der sechsten Etage des Kölner Hyatt-Hotels versammelt, um sich im Angesicht des städtischen Wahrzeichens so cool wie möglich zu geben, während die ungemasterten Songs des ersten von zwei neuen SOAD-Alben dieses Jahres ("Mezmerize" erscheint am 17. Mai, die zweite Hälfte "Hypnotize" sechs Monate später) durch den Raum wirbeln.

Zum musikjournalistischen Ego gehört nebst ellenlanger Liste in den Favouriten, die Szene-technisch unzurechnungsfähig macht, auch der Verhaltenskodex, sich bei neuer Mucke nichts anmerken zu lassen, man hat ja sowieso alles schon gehört. Das sehr ruhige und instrumental spartanische Intro 'Soldier Side' lässt sich ja noch regungslos verkraften, Sätze wie "Welcome to the soldier side, where's no one there but me" kann man dem Frontdenker Serj zurechnen ohne gleich in Euphorie zu verfallen.
Der erste Brecher 'B.Y.O.B.' macht es einem da schon schwerer, "Why do they always send the poor? Why don't they fight the presidents?", alles klar, zumindest ist die Richtung für das neue Album klar: es wird härter, viel härter.
Nebst der gewohnten Punk/Hardcore-Mixtur und dem SOAD-typischen experimentellen Rumgefrickel wird dieses Mal extrem darauf geachtet, die Wurzeln im Metal offen zu legen (Songwriter Malakian begeistert sich für europäischen Black Metal à la SATYRICON).

Wird etwas total Abgedrehtes weniger verrückt, wenn man erwartet, dass es verrückt wird?

Wohl kaum, SYSTEM OF A DOWN gehen zum vierten Mal (wenn man die Remastering-Session für das "Steal This Album"-Ding als eigene Phase sieht) dermaßen ungezwungen und vielseitig zu Werke, dass man sich offen fragen muss, ob man solche Songs nur mit entsprechendem Schleudertrauma zusammenschrauben kann?
Klar, die extrem kindliche Soundspielerei ist wieder von der Partie ('Radio/Video' glänzt mit polka-esquem Medley), ebenso das lockere Gitarremrumgebolze ("My cock is much bigger than yours! My shit stinks much better than yours!" in 'Cigaro'), oder die extrem nachdenkliche Seite ("All you maggots! They look at you in disgusting ways, you never should have trusted Hollywood!" in 'Lost in Hollywood'), aber das stellt im Großen und Ganzen dann die einzigen Orientierungspunkte für den "Toxicity"-Einsteiger dar.

Groß umgebaut wurde vor allem im Sound, der wie gesagt sehr viel härter, und an sich sehr stark am klassischen Metal orientiert ist. 'Violent Pornography' ist trotz des medienkritischen Inhalts und des recht harten Refrains eine echt tanzbare Nummer, und 'Old School Hollywood' lässt fragen, ob Malakian über Umwege an PAIN geraten ist, denn so elektronisch/eingängig waren SOAD noch nie!

Beim fünften Track 'Radio/Video' geht selbst dem beinharten Mundwinkel-unten-Halter die Selbstbeherrschung flöten, während sich schon bei 'Cigaro' bei den meisten Kollegen wissendes Grinsen auf das Gesicht zauberte, der Powermetal.de-Mensch fassungslos den Kopf schüttelte und die Radiofritze hemmungslos mit dem Takt mitwippt.

Nach dem ersten Durchlauf verschwindet der Großteil der anwesenden Pressevertreter, nur der PM.de-Schreiber und der Radiomensch gönnen sich eine weitere Runde durch die unglaubliche "Mezmerize"-Scheibe, wobei dann Fragen aufkommen wie: Wenn die neue Scheibe so dermaßen hart und abgedreht ist, wo ist dann die Single, die mit Sicherheit vom Major-Label gefordert wird?
Allein 'Lost In Hollywood' könnte in die 'Aerials' und 'Chop Suey'-Fußstapfen treten, der Rest mutet aber viel zu kompliziert für den Viva-Weichgespülten ("Can you say: Brainwashing?") Otto-Normal-Geist an. Die Frage wirft die nächste auf: hat eine Band wie SYSTEM OF A DOWN überhaupt so etwas wie eine Single nötig?

Der zweite Durchlauf bringt die Gewissheit: trotz des stärkeren Einsatzes von Brecherriffs und Sound-Experimenten gibt beinahe jeder Song eine eingängige Hookline her, die Chaos-Aktionen, die bezeichnend für das Selftitled-Album waren, sind extrem zurückgefahren worden. MTViva-taugliches ist trotzdem nicht vorhanden, das ganze Album stellt eine "Ab-durch-die-Mitte"-Entwicklung im Sound der Band klar: keine 'Chop Suey!'-Balladen, keine 'Suite-Pee'-Krawallsongs, aber jede Menge neuer Elemente im Sound.

Während die "Steal This Album" eigentlich nur aus B-Seiten (die den Songs der "Toxicity" in nichts nachstanden) bestand, die aus demselben Aufnahmezyklus stammten, aus dem auch das Platin-Werk "Toxicity" hervorgegangen ist, hat man jetzt in einem kreativen Overkill ebenso viele Songs aufgenommen, welche auf zwei, verschiedenen und dennoch zusammengehörenden, Alben herausgebracht werden.

Das Ende der Listening-Session verlässt nahezu jeder mit vorher nicht vorhandenen, nachher aber umso erfüllten, Erwartungen, genau wissend das mit der 'Mezmerize' eins der heißesten Alben des Jahres ansteht.

Tracklist:

1. Soldier Side
2. B.Y.O.B.
3. Revenga
4. Cigaro
5. Radio/Video
6. This Cocaine Makes Me Feel Like I'm On This Song
7. Violent Pornography
8. Question!
9. Sad Statue
10. Old School Hollywood
11. Lost In Hollywood

Redakteur:
Michael Kulueke

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