Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon Jesus » Dienstag 21. Mai 2013, 18:07

Sally, mein Freund!

salisbury hat geschrieben:Schafi, wo bleibt Deine geplante SWANS-Retrospektive? Ich freu ich da drauf!


Die kommt innerhalb der nächsten Tage. Ich versuche, den ersten Teil bis spätestens zum Wochenende fertig zu kriegen. Bis dahin darfst Du gerne mein Review lesen, welches hoffentlich kürzer und poetischer ausgefallen ist als das langatmige letzte.
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Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon Dr. Best » Dienstag 21. Mai 2013, 19:00

Dein Langatmiges letztes hat mich immerhin damals dazu bewegt, mir das Album überhaupt erst anzuhören. Scheint also nicht ganz verkehrt gewesen zu sein...
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Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon Jesus » Freitag 24. Mai 2013, 11:43

„Swans are these beautiful animals, who are in reality completely obnoxious. They’re hateful things.“
- Michael Gira


Soooooo... *räusper* Um mein Review zum neuen Werk "The Seer" ansprechend zu feiern, hier nun endlich die vor zig Jahrmillionen Jahren versprochene Retrospektive zu SWANS' illustrer dreißigjähriger Karriere. Der Einfachheit halber habe ich diese in drei Teile geteilt. Sind ja auch drei Jahrzehnte. Dürfte ersichtlich sein, ist ja keine Raketenwissenschaft. Nur Amateurmusikjournalismus. Betonung auf Amateur und Musik, weniger auf Journalismus. Das liegt mir nicht. Anyway, beginnen wir mit dem ersten Teil:

Part I: Bring da noise! (and end it...) — Die 80er

Geschichtsstunde. New York, Anfang der 80er: Post-Punk schwappte aus den UK ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Im Big Apple werden der dort frisch geborene Hardcore und der im Sterben liegende Post-Punk von drogensüchtigen Intellektuellen wie Lydia Lunch und Thurston Moore zu No Wave verhackstückt. No Wave ist ein Überbegriff für eine undefinierbare Melange aus den genannten Stilen sowie Noise Rock, post-avantgardistischen Versatzstücken von VELVET UNDERGROUND, dilettantischen Gitarrenrückkopplungsorgien, selbstgefälligem Warhol-Prunk und jeder Menge prätentiöser Selbstdarstellung.

Inmitten dieses kreativen Pools von kurzlebigen und verinzesteten Projekten gründet der gescheiterte Kunststudent und Weltenbummler Michael Gira beeinflusst von JOY DIVISION, THE STOOGES und SUICIDE seine eigene Band, die seinerzeit mehr ein Kollektiv ohne festes Line-Up war. SONIC YOUTH-Gitarrist Thurston Moore war ebenfalls kurzzeitig Mitglied dieser frühen Inkarnation von SWANS, zeitweise auch mal zwei Bassisten, ein Saxophonist und auch zwei Schlagzeuger. Eine wirkliche Band wurde erst später daraus. Ganz typische Elemente des frühen Sounds ist das monoton stampfende Schlagzeug als Fundament, auf das Gira seinen dunklen Sprechgesang entfaltet. Die simplen Gitarren dienen als hässliche Farbtupfer und tonnenschwere Abrissbirnen. Diese Elemente greifen auch später GODFLESH und NEUROSIS auf und vermetallisieren sie.

Zur Einstimmung etwas aus der Frühphase, die es härtetechnisch mit so ziemlich jedem modernen Drone Doom aufnehmen kann: 'Money Is Flesh' (live)

Und nun zur kurzen Alben-Retrospektive:

1982 - "Swans"
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Da Bandkopf Michael Gira aber auch gerne mal den ruhigeren Tönen im Bereich Jazz und Blues frönte, klang das selbstbetitelte und mit einem Saxophonisten aufgenommene Debüt doch merklich ruhiger, new-waviger und teilweise tanzbarer (!) als es die frühen Konzerte vermuten ließen. Parallelen zu den Zeitgenossen von KILLING JOKE kann Eike gerne aufzeigen, wenn er sie findet.

Anhören: 'Take Advantage' und 'Laugh'


1983 - "Filth"
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Die 1983er Langrille "Filth" definierte schon eher die Frühphase der Band. Mit liebreizenden Texten über Gewalt, Inzest, Sadomasochismus und Sex, umhüllt von dissonanten Klängen, traf das Album so ziemlich den Nerv der Outsider-Kultur und wird bis heute von allerlei Metalbands wie WEAKLING (die sich nach einem der Songs benannten) und AMEBIX als Inspiration zitiert. Neuzugang an der Gitarre ist Norman Westberg, der fortan nach Gira so ziemlich die einzige Konstante in der Band werden sollte.

Anhören: 'Power for Power' und 'Blackout'


1984 - "Cop"
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Auf dem Nachfolger wurde das Mantra "slower, harder, louder" weiter ausgebaut. Ein herrlich abartiges Stück Beinahe-Doom. Ausgefeilter, jedoch weniger spontan als der Vorgänger.

Anhören: 'Half Life' und 'Your Property'


1984 - "Young God"
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Eine kleine 4-Track-EP, die gewissermaßen die Krönung des alten, ruppigen Sounds darstellt und immer wieder gerne in Zusammenhang mit Kurt Cobain erwähnt wird, der irgendwann mal in einem Interview die Platte in seiner persönlichen Top 50 ansiedelte. Zwei der 4 Songs sind nach wie vor Live-Standard. Tönt so lieblich und zart, wie die Songtitel es versprechen.

Anhören: 'Raping a Slave' und 'I Crawled' (Aufgrund der besseren Klangqualität habe ich hier eine spätere Version mit Jarboe am Gesang gewählt)


1986 - "Greed" und "Holy Money"
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Nachdem die Band sich einen Ruf als vertonte Naturgewalt erspielt hatte, zeigte sie mit den beiden 86er Alben (heutzutage nur als Compilation erhältlich), dass es auch abwechslungsreicher und introvertierter zugehen kann. Ein junges Fräuleinwunder mit dem Namen Jarboe feiert ihr Debüt und leiht einigen Songs nicht nur ihre furchteinflößende Stimme, sondern spielt auch noch Keyboards und Piano. Man geht etwas subtiler zu Werke und präsentiert durchdachtere Songs, die ihre erdrückende Schwere nicht nur aus Krach beziehen. Abwechslungsreicher als die Vorgänger, aber ich ärgere mich nach wie vor, dass die beiden Alben nicht mehr separat erhältlich sind und auf der Compilation die Trackliste verändert wurde. So weiß ich nie, von welchem Album welcher Song ursprünglich stammt...

Anhören: 'Greed' und 'Fool'


1987 - "Children of God"
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Ein abwechslungsreicher Höhepunkt in der Karriere, der eine Symbiose der vergangenen Alben darstellt und die Vielschichtigkeit des Vorgängers ausbaut. Eleganter, feinsinniger und selbst die noch vereinzelt auftretenden knallhart repetitiven Krachmonster wirken reifer als zuvor. Nachdem man zuvor auch lyrisch durch die Augen eines jeden Serienmörders und Vergewaltigers sehen durfte, geht es hier etwas gemäßigter zu mit Religionskritik und eigenwilligen "Liebesliedern", die natürlich immer noch sehr düstere Mörderballaden sind, aber in deren Texten ein bisschen weniger blutige Messer und abgetrennte Genitalien vorkommen ;)

Anhören: 'New Mind' und das zart von Jarboe gehauchte 'Blackmail'


Nachdem das Video von 'New Mind' damals auf den Musiksendern relativ erfolgreich war, erschien im Jahr darauf der erste Versuch von SWANS, in den Mainstream einzusteigen. Eine Single mit dem Cover von JOY DIVISIONs 'Love Will Tear Us Apart'. Heute möchte niemand von der Band mehr darüber reden und tut es als großen Fehler ab. Aber zumindest deutet es den radikalsten Schritt in der Bandgeschichte an.


1989 - "The Burning World"
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Beflügelt vom Erfolg, überdrüssig des alten Rufs als Krawallgruppe und überredet vom Produzenten und zudem erstmals auf einem Majorlabel versuchten sich Gira und Co. nun an "Pop-Musik". Leider war es für den Mainstream nach wie vor zu düster und bedrohlich, wohingegen die alte Fanbase sich abwandte. Das Album wurde der größte Misserfolg der Band und wird seither konsequent ignoriert. Autsch. Sogar die Wiederveröffentlichung fand erst letztes Jahr statt, nachdem es über 20 Jahre lang nur zu horrenden Preisen erhältlich war. Und ich habe so einen horrenden Preis auch noch bezahlt... seufz. Wie dem auch sei: Das Album ist natürlich extrem anders. Baroque Pop, Psychedelic Folk, Gothic Rock, Neofolk, Darkwave usw. sind wohl alles passende Attribute. No Wave, Noise Rock, Post-Punk u.ä. sucht man dagegen vergeblich. Melodischer, glatter und hochglänzender. Ich mag's trotzdem sehr gerne und da sich ja Sally auf diese Retrospektive am meisten freut, würde ich ihm mal das aus dem Rahmen fallende Pop-Album als Anspieltipp empfehlen.

Anhören: 'The River That Runs With Love Won't Run Dry' und 'God Damn the Sun'

To be continued. Next time: The 90s, the invention of post-rock as we know it, the end of SWANS (or is it?) and THE ANGELS OF LIGHT! Tune in!


edit: Kleine Korrekturen und zusätzliche Anspieltipps.
Zuletzt geändert von Jesus am Samstag 25. Mai 2013, 08:53, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon Dr. Best » Freitag 24. Mai 2013, 14:15

YOU.... Me not like YOU!! You no good for empty Geldbeutel :( But you good for Bildung :) Also tolle Aufarbeitung des Schwanengesangs, ich hör übermorgen mal überall rein!
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Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon Eike » Freitag 24. Mai 2013, 18:34

Danke! :subber:
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Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon Jesus » Samstag 25. Mai 2013, 15:12

Dr. Best hat geschrieben:YOU.... Me not like YOU!! You no good for empty Geldbeutel :(


King Diamond may just wants your soul, but Michael Gira wants your money! MUAHAHAHA!


Und weiter geht' im Text:


Part II: Sacrifices and Annihilation — Die 90er

1991 - "White Light from the Mouth of Infinity"
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Nach dem "Fehltritt" der brennenden Welt kehren die Schwäne zu einem post-punkig, wavig und gotisch angehauchtem Sound zurück. Es ist nicht annähernd so hart wie die Frühwerke, aber die E-Gitarre darf wieder aus dem Keller und ist sowohl in verzerrter als auch klar gespielter Form das treibende Element der meisten Songs. Jarboe Keyboard wird stärker in die Songs eingebunden und bildet nun einen integralen Teil ihrer Struktur. Die typischen Maschinen-Rhythmen des Schlagzeugs sind auch wieder in einigen der rockigeren Songs zu vernehmen (z.B. 'We Will Survive'), allerdings deutlich subtiler als zuvor. Giras Gesang ist ebenso melodisch und "poppig" wie schon auf "The Burning World" und Jarboe hat auch nie zuvor lieblicher geklungen ('Song for Dead Time'), doch lyrisch tun sich nach wie vor alle Abgründe der menschlichen Seele auf. Insgesamt schön tragisch, gotisch, mit angenehmen Lichtstrahlen, die in regelmäßigen Abständen die erdrückende Finsternis durchbrechen. Der weich produzierte Sound steht der Band meiner Meinung nach sehr gut und wenn ich mich recht entsinne, hatte ich das Album anno dazumal in meiner Top 111. Zwar bin ich mir nicht mehr hundertprozentig sicher, aber das dürfte auch mein erstes Album der Band gewesen sein. Zum Einstieg wahrscheinlich nicht die schlechteste Wahl und eines von vier SWANS-Alben, denen ich bedenkenlos die volle Punktzahl geben würde. Zudem ist es auch das erste Album, auf dem der Berliner Christoph Hahn als Sessionmusiker Gitarre und ZIther spielt. Hahn wird später fester Bestandteil von THE ANGELS OF LIGHT und den wiedervereinten Schwänen. Denn jede gute Band braucht einen Deutschen, der preußische Ordnung hält. Fragt nur mal Nick Cave, wo er ohne Blixa Bargeld wäre.

Anhören: 'Power and Sacrifice' und 'Failure'


1992 - "Love of Life"
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Das hier klingt zwar vom Stil her eindeutig nach dem Nachfolger von "White Light", ist aber nicht annähernd so beeindruckend. Halt nur ein solide gespieltes, wenig spannendes, belangloses Rock-Album mit Wave-Einschlag und der einen oder anderen Perle inmitten von unspektakulärem Füllmaterial. Es hilft auch nicht, dass dies das erste Album seit dem Debüt ist, auf dem Norman Westberg fehlt. Wenn man so wie ich alles von der Band sammelt, ist das zwar kein Fehlkauf, aber zum Einstieg würde ich es nicht empfehlen. Dafür sind dann doch zu wenig herausragende Songs enthalten.

Anhören: 'Her' und 'The Golden Boy That Was Swallowed by the Sea'


1995 - "The Great Annihilator"
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Nach dem offenbar vorschnell veröffentlichten Vorgänger ließ sich die Band wieder ein bisschen Zeit für die Aufnahme des großen Zerstörers und lud sich auch wieder Gitarrist Westberg für die Sessions ein. Ein bisschen Post-Punk findet sich wieder, die mehrstimmigen Gesangsharmonien werden häufiger eingesetzt, das ganze Album klingt zugänglicher und eingängiger, ohne dabei wie "The Burning World" in Richtung Mainstream zu schielen. Stattdessen wirkt die Band nun geschliffener, konzentriert sich mehr auf simpel-eingängige Songs, die sich hauptsächlich als geradlinig nach vorne rockender Gothic Rock mit Pop-Hooks ('Celebrity Lifestyle') definieren lassen, deutet aber vereinzelt auch leicht post-rockende Pfade an. Natürlich ist es immer noch keine Sonnenschein-Musik, aber trotz der bedrückenden Stimmung ('Alcohol the Seed'...) so furchtbar melodisch und catchy, dass es ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert. Kein Meisterwerk wie manch eine Platte der Band und auch nicht einflussreich wie einige andere; Neulinge allerdings können unbesorgt mal ein Ohr riskieren.

Anhören: 'I Am the Sun' und 'Blood Promise'

Stupid useless fun fact: Man vergleiche 'Mother/Father' mit Jarboes Part in COBALTs 'Pregnant Insect'...


1996 - "Soundtracks for the Blind"
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Dieses schizophrene Werk besteht aus 2 CDs voller eigenwilliger Collagen, wavigen, punkigen und ambienten Songs, Bordunmusik sowie dem Stil, den die Band noch weiter perfektionieren wird: Post-Rock — und wirkt trotz der Stilvielfalt erstaunlich homogen. Quasi eine avantgardistische Post-Rock-Oper. Ein dermaßen atmosphärisch dichtes und beklemmendes Werk haben die Jungs erst wieder letztes Jahr geschaffen. Hier kann man (oder zumindest ich) knapp zweieinhalb Stunden wirklich in einer anderen Welt versinken. Solange einen der eine oder andere Stilbruch von Jarboe nicht wieder zurück auf die Erde holt, denn das rotzig punkende 'Yum-Yab Killers' oder das technoide 'Volcano' kommen ziemlich unerwartet ;) Das ist allerdings leicht zu verzeihen, denn das Kernstück des Albums bilden harmonische Post-Rock-Epen wie 'Helpless Child' (!), 'Animus' (!!) und 'The Sound' (!!!), die von GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR als Einflüsse genannt wurden; oder auch experimentelle Soundscapes wie 'The Final Sacrifice' (!!!!) und 'I Was a Prisoner in Your Skull', bei denen man jede Note und jeden Brummton aufsaugen muss. Sally! Post-Rock und gelangweiltes Gewaber! Genau richtig für Blautiere!

Nach "Children of God" und "White Light from the Mouth of Infinity" für mich der dritte 10-Punkte-Volltreffer der hässlichen Entlein. Und obwohl viele Fans der Band dieses Album für eines ihrer besten oder gar ihr bestes halten, würde ich nichtsdestotrotz betonen wollen, dass dieses 140-minütige Kaleidoskop verschiedener Stile und minimalistischer Klanglandschaften alles andere als leicht verdaulich ist. Hier muss der Hörer schon ordentlich Arbeit hineinstecken, um Vergnügen zu erfahren.

Demnächst kommen entweder die Lichtengel dran oder noch ein paar irreguläre Schwanen-Alben (Live, Compilations, etc.). Mal sehen, was zuerst fertig wird. Damit wären es halt 4 statt der geplanten 3 Parts, aber in kleinen Stücken schreibt sich das einfacher.
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Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon Jesus » Montag 27. Mai 2013, 10:50

Part III: Live and Death — Das Ende und andere Annehmlichkeiten

1986 - "Public Castration Is a Good Idea"
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Da die frühen Alben bis 1986 allesamt mit einer eher mäßigen Produktion gesegnet waren und SWANS live sowieso beeindruckender klingen als auf Konserve, stellt dieses Live-Album das Nonplusultra der frühen "Krach-Phase" dar. Brachial, roh, stellenweise minimalistischer als auf Platte, oftmals ausschweifender und dissonanter — hier werden alle Extreme der Band und alle Möglichkeiten eines Live-Auftritts ausgelotet und in ein entsprechend massives Klanggewand gehüllt. Den Konzerten aus jener Zeit sagt man allerlei Mythen nach, so sollen manche Zuschauer sich aufgrund des Lautstärkepegels übergeben oder eingemacht haben. Das ist zwar äußerst zweifelhaft, aber ich kann zumindest verstehen, wenn dem einen oder anderen Fan noch eine Woche nach dem Konzert das Gehör fehlte.

Anhören: 'Coward' und 'A Screw'

Natürlich wird der Youtube-Sound der Sache nicht ganz gerecht, aber diese neuere Aufnahme von 'Coward' verdeutlicht vielleicht das intensive Erlebnis besser.


1996 - "Die Tür ist zu"
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Diese Mischung aus Live-Album und Raritäten-Compilation erschien kurz vor "Soundtracks for the Blind" und bietet der Phase entsprechend eher ausladende, post-rockige bis dronende Klänge. Eine ausladende Jam-Session mit pointierten Ausbrüchen. Klingt im Prinzip wie die neueren Alben von EARTH oder JESU. Dazu alternative Versionen älterer Songs wie z.B. das rein akustische 'M/F'. Auch hier wird verdeutlicht, dass die Band live immer wieder anders klingt als im Studio.

Anhören: 'Ligeti's Breath/Hilflos Kind' und 'YRP'


1998 - "Swans Are Dead"
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Wie der Name schon andeutet, wurde dieses Album als Abschiedsgeschenk zur Auflösung der Band veröffentlicht und bietet neben der bereits weiter oben verlinkten Killer-Version von 'I Crawled' ein paar komplett umgearbeitete Versionen alter Songs (darunter auch einige von Giras und Jarboes Solo-Werken und dementsprechend "Fremdmaterial"), ein paar neue Stücke und die von "Soundtracks" und "Die Tür" bekannte Experimentierfreude in Sachen Post-Rock und Drone. SWANS ist eine der wenigen Bands, bei denen sich der Kauf mehrerer Live-Alben tatsächlich lohnt, weil keines so klingt wie das letzte. Während die meisten Bands halt nur die gleichen alten Kamellen eins zu eins runterzocken, wird bei den Schwänen immer etwas anderes serviert. Die folgenden Anspieltipps gibt es sogar nur auf dieser Platte zu hören, Studioversionen wurden nie veröffentlicht.

Anhören: 'Feeling Happiness' und 'Not Alone'


Part IV: Lady Gaga, get outta my cunt — Die Wiedergeburt

2010 - "My Father Will Guide Me up a Rope to the Sky"
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Tja, und nachdem die letzte Platte von THE ANGELS OF LIGHT quasi eh schon nach SWANS klang und man seiner Vergangenheit wohl nicht entkommen kann, reaktivierte Gira seine alte Band, diesmal mit festem Line-Up. Für alles andere verweise ich auf mein Review :)

Anhören: 'No Words/No Thoughts' und 'Little Mouth'


2012 - "We Rose from Your Bed with the Sun in Our Head"
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Von den bisherigen Live-Alben dürfte dies das "normalste" sein, was aber damit zusammenhängen könnte, dass die Band auf ihren neuen Studio-Alben ebenso organisch klingt wie live (und nicht anders herum). Mit dem Verkauf dieser Platte wurde eigentlich "nur" das neue Album finanziert und dementsprechend gab es den Neugierigen erste Ausblicke auf "The Seer". Trotzdem unterscheiden sich alle Songs, die nicht von "The Seer" stammen, noch recht deutlich von den Studioversionen. Eine eher relaxte Scheibe, die mehr Wert auf psychedelisch-bluesige Jamsessions legt. Nicht so essentiell wie die "Public Castration" und "Swans Are Dead", aber hörenswert.

Anhören: 'Sex God Sex' und 'Eden Prison'


2012 - "The Seer"
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Man baute den Post-Rock weiter aus, wird psychedelischer, zitiert häufiger Kraut-Rock und bietet mehr coole Gastauftritte. Siehe mein Review

Anhören: 'Avatar' und 'Lunacy'

Die Retrospektive zu THE ANGELS OF LIGHT kann noch etwas dauern, ich müsste mich erst noch in die Frühwerke stärker reinhören. Aber bis dahin haben alle Interessierten (also alle zwei oder vielleicht sogar drei ;)) hiermit was zu hören.
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Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon Eike » Montag 27. Mai 2013, 14:01

merci beaucoup
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Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon the seeker » Dienstag 28. Mai 2013, 18:53

sehr interessant
kenne bisher The Burning World und Wight Light..., werde mich demnächst wohl mal mit dem Seher beschäftigen
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Re: Swans, Jarboe, Angels of Light & Michael Gira

Beitragvon Jesus » Montag 17. Februar 2014, 14:52

Anfang Mai erscheint das neue Album "To Be Kind", diesmal veredelt mit Gastauftritten von u.a. der lieblich-knuffeligen Annie Clark aka ST. VINCENT. Falls es irgendjemanden außer mir interessiert :grins:
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