Ich habe KOLLEGAH ja immer eher belächelt, weil er zwar technisch was draufhat, aber immer nur wieder die immergleiche, überzogene, dumme, testosteronstrotzende und gewaltverherrlichende Möchtegerngangsterkacke für 14-Jährige gemacht hat, und dazu gab es billige bis hochglänzend sterile Electrobeats, die an koksende Anzugträger im Neonlicht und neureiche russische Klischeemafiosi erinnerten.
Nu isser sich gewissermaßen treu geblieben, was das total überzogene Image und die fast schon selbstzweckhafte Technikzurschaustellung angeht - aber eben nur fast.
Denn endlich kommt mal was wirklich Neues von ihm, es wurde auch langsam Zeit, aber dafür ist es dann auch technisch extrem ausgereift geworden, wie ich es von deutschem Rap bislang kaum gewohnt war, jedenfalls nicht aus dieser Ecke. Dazu kommt interessantes Storytelling, auch dies wieder auf eine total überzogene Art, es fängt zwar noch halbwegs moderat an wie eine (zunächst noch subtile) Persiflage auf das Lieblingsthema einiger Rapper, Verschwörungstheorien, steigert sich dann immer wahnhafter rein, und schließlich kippt es völlig in Richtung comichaft überzeichneter Endzeitszenarien, und die Storywendung legt dann die Pointe offen: Alles an diesem Track lief erzähltechnisch auf die PC-Spiel-Charakter-Perspektive eines dieser modernen Adventure-meets-Egoshooter-Szenarien heraus, inklusive pompöser Steigerung hin zum furiosen Showdown.
KOLLEGAH punktet in '
Armageddon' wieder mit seinen Markenzeichen:
a) Vergleiche, die auf teils markant schräge Weise das Bezugssystem wechseln:
"Die Menschen verschließen die Augen und machen die Schotten dicht wie Grog und Whisky."
b) Mehrfachreime, die sich über lange Passagen erstrecken können:
"Irgendwo aus der Bospuruspassage schwadronieren marodierende Robotersoldaten
und stark mutierte Komodowarane mit Oktopustentakeln
in das Staatsgebiet des naheliegenden Kosovoalbaniens.
Charismatische Natoratsmitglieder stehen unter Zwang
des Wunderklangs asiatischer Stradivarispieler.
Patriarchische Nazistaatenführer attackieren Stalingrad
mit martialischen Kamikazefliegern.
Radikalislamische Partisanenkrieger brennen den Vatikan
und zentraleurasische Kathedralen nieder.
Kroatische Drogenkartelle bekriegen Dromedarfelle
tragende botswanische Nomadenstämme."
und im besten Fall kommt beides zusammen:
"Errichte ein Camp in den Gewölben einer Burgruine,
entwickle im Untergrund ne submarine Flugmaschine
mit der ich die Welt überflieg wie Buchkapitel
und mich von jetzt auf gleich in Luft auflös' wie Rußpartikel."
Falls das aktuelle Album "Bosshaft" durchweg ähnlich gut sein sollte, und falls dazu auch noch die Beats stimmen, könnte ich tatsächlich drüber nachdenken, ob ich mir das irgendwann vielleicht sogar hole. Und das hätte ich wirklich nicht mehr erwartet, dass mich der Kerl noch überraschen kann.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)