Musikalische Erkenntnis des Tages

Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.

Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Rüdiger Stehle » Donnerstag 23. Januar 2014, 00:22

Jetzt habe ich zwei mehrseitige Texte zum Onkelz-Thema geschrieben, aber irgendwie fürchte ich, dass da die Positionen so festgefahren sind, dass das vergebliche Liebesmüh war, drum habe ich die Beiträge mal eingemottet und schreibe die Kurzform:

Die Ablehnung der Onkelz, die ja in unserem metallischen Paralleluniversum sehr weit verbreitet ist, kann ich gut verstehen. Für mich war das auch lange eine prollige Band von Prolls für Prolls, und ich hatte keinerlei Sympathien für sie. Wacken 2005 hätte ich derentwegen fast ausfallen lassen. Aber je älter ich werde, desto besser finde ich die Onkelz zumindest in Ansehung ihrer Scheiben der Jahre 1984 - 1993. Daher möchte ich auch das Empfinden nicht teilen, dass die Band musikalisch belanglos sei. Für mich eine durchaus originelle und gute Mischung aus Oi!, Punk, Rock'n'Roll, Metal und Deutschrock - und zwar schwerpunktmäßig chronologisch vom ersten zum letzten wandernd - die gerade Anfang der Neunziger auch ganz deutliche Einflüsse von Motörhead oder Rose Tattoo offenbart.

Wo ich auch nicht ganz deine Meinung teile, Holg, das ist bei der Vermutung, dass es die Truppe ohne fragwürdige lyrische Inhalte nicht geschafft hätte, übers Niveau einer Regionalband hinauszukommen. Im Gegenteil glaube ich, dass der Schlüssel zum Erfolg der Onkelz genau der gleiche ist wie bei Manowar: Beide Bands haben es in einem eindrucksvollen Umfang geschafft, mit ihrer Selbstinszenierung als Martyrer und Rebellen "der guten Sache", eine gigantische Gemeinde von Fans um sich zu scharen, denen die Musik gerade in Verbindung mit den Lyrics als Spiegel ihrer tiefsten Gefühle und Probleme dient, denen sie im Gefühl der Ausgestoßenheit die Illusion der "Familie" geben, und die eben in misslichen Lebenslagen viel Kraft aus der Message dieser Bands schöpfen. Die Onkelz liefern hiervon die Assel-Variante der kleinkriminellen Straßengang, während Manowar dem die Sword-and-Sorcery-Variante der edlen Kriegersippe gegenüber stellt, aber das Leitbild der Inszenierung ist dasselbe: "Alle sind gegen uns, wir stehen dennoch für Zusammenhalt, Stärke und Wahrhaftigkeit, bis zum Tod."

Diese Art von martialischem Pathos mag ich, und sie berüht mich, und zwar ganz gleich ob es heißt "If I should fall in battle, my brothers who fight by my side, gather my horse, and weapons; tell my family how I died." - oder "Nur die Besten sterben jung - du warst der Beste!"

Das war jetzt quasi zur Förderung des Ansehens der Onkelz geschrieben, und es wird als Konsequenz wohl eher Manowars Ansehen weiter schaden, aber dessen bin ich mir bewusst. Hat ja alles keinen Wert...
:P

Was eine potentielle Reunion angeht, ist mir das ehrlich gesagt ziemlich egal, da ich mir davon jetzt weder live noch auf Scheibe viel erwarten würde. Die wirklich guten Scheiben der Band kommen für mich aus den Jahren 1984-1993, danach ging es mir zu sehr in die mir etwas zu seichte Ecke des Deutschrocks. Aber ich zähle die Band halt zu den großen Originalen der deutschsprachigen Rockmusik, und da finde ich es generell gut, wenn die aktiv sind und bleiben, oder wieder werden. Die Ärzte beispielsweise kann ich persönlich mal gar nicht ab, trotzdem gehören sie irgendwie dazu und es wäre schade, wenn sie aufhören würden. As simple as that...

Jetz' isch's doch lengr wårrá!
:D
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Klaus » Donnerstag 23. Januar 2014, 00:32

Rüdiger Stehle hat geschrieben:gute Mischung aus Oi!, Punk, Rock'n'Roll, Metal und Deutschrock


- Oi! = Breslau!

http://www.youtube.com/watch?v=mZMckLI3z9E
http://www.youtube.com/watch?v=Q08JOtJ1bbI
http://www.youtube.com/watch?v=XKWjr2xred8
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Rüdiger Stehle » Donnerstag 23. Januar 2014, 00:38

Ja, die muss ich mir auch mal noch zulegen, die Breslau-Scheibe!
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Klaus » Donnerstag 23. Januar 2014, 00:46

Die LP hab ich damals bei Saturn oder ELPI gesehen (stand unter Heavy Metal) und hat mich, ob ihrer optischen und verbalen Stilistik, zunächst verwirrt, aber trotzdem gekauft. Super-Ding!
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Holger Andrae » Donnerstag 23. Januar 2014, 02:06

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Jetzt habe ich zwei mehrseitige Texte zum Onkelz-Thema geschrieben, aber irgendwie fürchte ich, dass da die Positionen so festgefahren sind, dass das vergebliche Liebesmüh war, drum habe ich die Beiträge mal eingemottet und schreibe die Kurzform:


Die Position mag fest gefahren sein, trotzdem hätte ich gern einen Deiner immer sehr lesenswerten Beiträge zu dem Thema gelesen. Natürlich kann man die (frühen) Onkelz-Texte mit jugendlicher Naivität oder ähnlichem abtun, ich war aus beruflichen Interesse auf einem Onkelz-Konzert und bekam dort leider alle meine Vorurteile bestätigt. Etliche Gruppiereungen, die mit erhobenem rechten Arm im Publikum skaliiert haben, ohne dass es irgendeine Reaktion seitens der Band oder Securuty darauf gegeben hätte. Erschreckend.

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Die Ablehnung der Onkelz, die ja in unserem metallischen Paralleluniversum sehr weit verbreitet ist, kann ich gut verstehen. Für mich war das auch lange eine prollige Band von Prolls für Prolls, und ich hatte keinerlei Sympathien für sie. Wacken 2005 hätte ich derentwegen fast ausfallen lassen. Aber je älter ich werde, desto besser finde ich die Onkelz zumindest in Ansehung ihrer Scheiben der Jahre 1984 - 1993. Daher möchte ich auch das Empfinden nicht teilen, dass die Band musikalisch belanglos sei. Für mich eine durchaus originelle und gute Mischung aus Oi!, Punk, Rock'n'Roll, Metal und Deutschrock - und zwar schwerpunktmäßig chronologisch vom ersten zum letzten wandernd - die gerade Anfang der Neunziger auch ganz deutliche Einflüsse von Motörhead oder Rose Tattoo offenbart.


Prollig? Ja, auch. Das allein würde mich aber gar nicht stören. Siehe zum Beispiel Rose Tattoo, die ja auch gern mal als musikalische Parallele genannt wird. Im Gegensatz zu den Australiern gelingt es den Onkelz aber zu keiner Sekunde griffige Melodien zu spielen. Da mich die Texte auch nicht erreichen, raischt die Musik eben komplett an mir vorbei. Obendrein finde ich den Gesang ganz furchtbar.

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Wo ich auch nicht ganz deine Meinung teile, Holg, das ist bei der Vermutung, dass es die Truppe ohne fragwürdige lyrische Inhalte nicht geschafft hätte, übers Niveau einer Regionalband hinauszukommen. Im Gegenteil glaube ich, dass der Schlüssel zum Erfolg der Onkelz genau der gleiche ist wie bei Manowar: Beide Bands haben es in einem eindrucksvollen Umfang geschafft, mit ihrer Selbstinszenierung als Martyrer und Rebellen "der guten Sache", eine gigantische Gemeinde von Fans um sich zu scharen, denen die Musik gerade in Verbindung mit den Lyrics als Spiegel ihrer tiefsten Gefühle und Probleme dient, denen sie im Gefühl der Ausgestoßenheit die Illusion der "Familie" geben, und die eben in misslichen Lebenslagen viel Kraft aus der Message dieser Bands schöpfen. Die Onkelz liefern hiervon die Assel-Variante der kleinkriminellen Straßengang, während Manowar dem die Sword-and-Sorcery-Variante der edlen Kriegersippe gegenüber stellt, aber das Leitbild der Inszenierung ist dasselbe: "Alle sind gegen uns, wir stehen dennoch für Zusammenhalt, Stärke und Wahrhaftigkeit, bis zum Tod."


Sehe ich nicht komplett anders, da diese Selbstinszenierung zu einem großen Teil daraus resultierte, dass man sich als missverstanden gesehen hat. Und als man kommerziell erfolgreich wurde, musste man eingestehen, dass ältere Texte teilweise unüberlegt formuliert und als Jugendsünden anzusehen seien. Wäre eben schwer gewesen, sich hin zu stellen und zuzugeben, dass man (zumindest Teile der Band) sehr wohl komplett hinter den Inhalten ihrer frühen Texte steht. Da war es einfacher vom Kult der Indizierungen zu profitieren, auf die Tränendrüse zu drücken und Stimmung zu machen. Genialer Werbeschachzug. Leider war der Rest der Nation so dämlich, darauf einzusteigen und der Band eine ihr nicht zustehende Plattform zu bieten. Da kann ich mich auch nicht frei von sprechen. Warum hat man denn damals nicht den Mut gehabt, sich umzubenennen und einen deutlichen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen? Man kann 15 Jahre später sehen, was unter einem Projektnamen wie DER W noch an Kaufkraft mit sich zieht. Wäre damals nicht anders gelaufen.

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Diese Art von martialischem Pathos mag ich, und sie berüht mich, und zwar ganz gleich ob es heißt "If I should fall in battle, my brothers who fight by my side, gather my horse, and weapons; tell my family how I died." - oder "Nur die Besten sterben jung - du warst der Beste!"

Das war jetzt quasi zur Förderung des Ansehens der Onkelz geschrieben, und es wird als Konsequenz wohl eher Manowars Ansehen weiter schaden, aber dessen bin ich mir bewusst. Hat ja alles keinen Wert...
:P


Ja, da hast Du wohl recht. Mit den Onkelz verglichen zu werden, kann eigentlich nur schadhaft sein.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon cgrage » Donnerstag 23. Januar 2014, 17:43

Onkelz Reunion wahrscheinlich am 20. Juni auf dem Hockenheim-Ring.
Eventuell Zusatzkonzert am 21. Juni.
http://www.rockhard.de/news/newsarchiv/ ... plant.html
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Dekalog der Elemente » Samstag 25. Januar 2014, 01:14

Holger Andrae hat geschrieben:Platz genug?
Ich habe die Onkelz immer als musikalisch völlig belanglos empfunden. Ohne den überflüssigen Bohei um ihre textlixh fragwürdigen Inhalte, wäre diese Band niemals über Regionalstatus hinaus gekommen. Am Ende dann auch noch unglaubwürdig und mit einem "Sänger" gesegnet, der offenbar nicht alle Latten am Zaun hat. Wenn so ein Geschwulst dann Geld kassiert für einen Plattenvertrag, dann ist das für mich eine absolute Verarsche.


Platz für die wirklich guten Bands zum atmen, wie du so schön schriebst.
Wie du selbst schreibst empfindest du die Band als belanglos. Anderen geht es da eben anders. Gibt auch genug Musiker die ich für völlig belanglos halte, deren Fans das wiederum anders sehen.

Klar wären sie im Normalfall niemals über den Regionalstatus raus gekommen. Nichts desto trotz haben sie sich lange gehalten und sich dann eben doch auch irgendwo in unserer Musiklandschaft etabliert.

Was Kevin betrifft, ja der Kerl ist n menschliches Wrack, n Junkie, Säufer und verantwortungslos. Vieles von dem was er getan hat ist auch nicht zu entschuldigen. Das trifft in der Musikwelt allerdings auch auf nen Haufen anderer Leute zu. Soll deswegen jeder seine CDs von den Onkelz wegwerfen?
Dann müssten das auch Dissection, Gorgoroth, Garry Glitter und Lostprophets Fans etc. tun.

Das Musikbiz ist nicht mehr oder weniger Verarsche als jedes andere Business in dem es um Geld geht.

Holger Andrae hat geschrieben:Warum hat man denn damals nicht den Mut gehabt, sich umzubenennen und einen deutlichen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen?


Selbst da hätte es noch genug Kritiker gegeben, die dann behauptet hätten, eine Namensänderung wäre bloß ein billiger Trick gewesen um die "wahre" Gesinnung der Band zu verbergen und im Grunde wären es ja doch immer noch die selben Menschen gewesen. Leichen im Keller werden immer wieder gern ans Tageslicht geholt und den Leuten vorgehalten. Da ändert auch ein anderer Name nichts dran. Die BILD würde ja auch nicht automatisch niveauvoller werden würde sie sich n anderen Namen geben.

Holger Andrae hat geschrieben:Im Gegensatz zu den Australiern gelingt es den Onkelz aber zu keiner Sekunde griffige Melodien zu spielen. Da mich die Texte auch nicht erreichen, raischt die Musik eben komplett an mir vorbei. Obendrein finde ich den Gesang ganz furchtbar.


Persönliche Meinung. Genauso richtig/falsch wie eine entgegengesetzte.

Holger Andrae hat geschrieben:Etliche Gruppiereungen, die mit erhobenem rechten Arm im Publikum skaliiert haben, ohne dass es irgendeine Reaktion seitens der Band oder Securuty darauf gegeben hätte. Erschreckend.


Ist mir zum Glück noch bei keinem der Konzerte auf denen ich war untergekommen. Möchte aber hier auch gar nicht bestreiten, dass sowas vorgekommen ist. Das auf Onkelz Konzerten leider auch viele primitive Affen mit fragwürdiger Gesinnung rumrennen kann und will ich auch gar nicht abstreiten.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Drumtier » Samstag 25. Januar 2014, 02:18

Feamorn hat geschrieben:Es ist einfach schön morgens auf der Fahrt zur Arbeit mal wieder festzustellen, dass manche Songs immer noch die Wirkung haben, mich sofort zu elektrisieren, seit ewigen Jahren schon und wohl bis in alle Ewigkeit.
Naja, kein Wunder, wenn die Platte zu meiner "metallischen Früherziehung" so wahnsinnig viel beigetragen hat. (Einige werden sich jetzt wieder alt fühlen, ich allerdings auch. ;) )

http://www.youtube.com/watch?v=D9rcK8AndS4

Leider hat der Hauptschaffende diese Art des Spannungsaufbaus, und vor allem die dann folgende heftige Entladung, scheinbar schon lange verlernt.

Da musste ich gar ned auf den Link klicken um zu wissen welche Band du meinen würdest. Hast aber natürlich recht, spannungs-, faustfaktor (weil die Diskussion wieder einmal aufgeflammt ist) und songwritingtechnisch ist dieser Song und die ganze Trilogie schon ziemlich unantastbar.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Loenz » Samstag 25. Januar 2014, 11:29

So ich nähere mich jetzt so langsam mal den Web 2.0 an, nachdem ich mich so einen Kram wie Facebook usw ja verweigere, teste ich mal diese Spotify Seite. Soll laut diversen Lauten, ja doch durchaus Laune machen.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon mike » Samstag 25. Januar 2014, 22:55

"No Sanctuary Here" von Chris Jones in stundenlanger Dauerschleife nervt gewaltig, obwohl ich den Song eigentlich ganz okay finde.
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