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Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.
von Holger Andrae » Samstag 10. Mai 2014, 22:57
salisbury hat geschrieben:Holg, erstmal danke für die ausführliche Antwort. Ich glaube, wir verstehen uns im Großen und Ganzen ganz gut und ich habe auch manchmal Phasen, in denen man den neuen Kram gerne mal links liegen lässt und einfach auch die alten Sachen hört. Letztlich hab mich meinem Dad zusammen SAVATAGE - "Streets" gehört und auf englisch würd ich sagen: "It was a blast". Es war einfach hammergeil!
Thommy, mein schnuffeliger Blautierbruder, natürlich verstehen wir uns im Großen und Ganzen ganz gut. Ich finde Deinen emotionalen Beschreibungen hier imme absolut beeren-bombig, egal, ob ich Deine Meinung jeweils teile. Gerade, weil ich Deine Meinung so schätze, reagiere ich manchmal ebenso emotional auf Deine Aversion gegen meine heiß geliebten Generiker. "Streets" ist natürlich ein Blaster. salisbury hat geschrieben:In Sachen "Authentiziät" sind wir uns eigentlich auch einig. Genau das ist es, worum es mir letztendlich auch geht. Und es ist nun so, dass ich tatsächlich finde, dass bei fast jeder Band, die mir allmonatlich so unter kommt, ein Bemühen nach Authenzität erkennbar ist und bei fast allem werden sich Leute finden, die das dann auch tatsächlich authentisch finden. Dies wiederrum hat aber sehr wohl mit einer besseren und einfacheren Spiel- und Aufnahmetechnik zu tun. Die Masse der Bands hat deutlich zugenommen und wenn man fair ist, kann man auch feststellen, daß die Klasse durchschnittlich auch zugenommen hat. Nur, jetzt kommt der Knackpunkt: Es fällt nicht mehr so auf! Es kommt seltener vor, dass Dich etwas richtig flasht. Oder es flasht mich mit Band x, zwei Wochen später mit Band y und dann Band z, weil es ja so viel Gutes gibt, und auf einmal ist Band x schon wider vergessen. Und deshalb entsteht der Eindruck, "neue Musik" habe keine Langzeitwirkung mehr. Ja, das ist vielleicht sogar richtig, aber nicht, weil die Bands heute nicht mehr authentisch sind. Ganz im Gegenteil!
Du wirst Dir denken können, dass ich Dir bei der Argumentation mit der besseren Spiel- und Aufnahmetechnik nicht folgen kann. Was nützt mir vermeintlich bessere Technik, wenn sie falsch verwendet wird? Dann lieber analog aufnehmen und meinetwegen galvanisierten Kautschuk pressen als Triggerdrums und flat sounds oder eben Loudness War. Sabaton benutzen sicherlich extrem hochwertiges und modernes Aufnahme-Equipment und was bringt es? Ballermann-Rock. Das Argument mit der zu hohen Anzahl an neuen Bands ist natürlich absolut richtig. Selbst wirklich fantastische Bands wie Memento Waltz, Argus oder Woven Hand, höre ich nur einen Bruchtiel so oft, wie ich die ollen Kamellen von damals gehört habe. salisbury hat geschrieben:Warum ich hier so lang und breit schreibe ist, weil ich es ein wenig traurig finde, zu lesen, vor allem von solchen Musikfreaks wie ihr seid, neue Musik würde euch nicht mehr berühren. Und ich will, dass mir das NIEMALS passiert. Ich will 2020 mein 2014er-Lieblingsalbum genauso gern haben mein 1988er-Lieblingsalbum. Und ich tue aktiv was dafür dass es so bleibt. Hier mistspielen zu Beispiel. Was auch super funktioniert ist, versuchen, bewusst den Horizont zu erweitern, dann aber nach einer Weile das, was man alles so findet, zu selektieren und dann zu intensivieren. Ich habe festgestellt, dass am Ende immer die Sachen mit einer Langzeitwirkung hängen bleiben, die meine vorherigen Hörgewohnheiten gesprengt haben. Es gibt viele Beispiele, eines war Post-Rock, was ein gewaltiger Schritt für einen ist, der sehr auf Technik, Rhythmuswechels und Proggyness steht (Post-Rock ist langsam, repititiv und rein technisch ziemlich banal; es geht hier um den Sound), mit Rüdiger kam die eine oder andere Black Metal-Band, die ich sehr geil finde und Hörempfindungen ausgelöst hat, die ich vorher gar nicht kannte und mein aktuelle Spleen für Mädchenmetal ist auch was Neues, das ich früher eher ignoriert habe (warum darf es nicht mal etwas fröhlicher, bombastischer und kitschiger sein?).
So trist, wie es vielleicht geklungen hat, ist die Situation ja gar nicht. Ich erfreue mich ja durchaus an neu entdeckten und damals verschlafenen Perlen. Außerdem ist es ja nicht so, dass mich komplett neuen Stilistiken verschließen würde. Dann dürfte ich nicht am SC teilnehmen. Da finde ich ja durchaus Vieles recht gut und besser. Ich habe in den letzten Jahren ein kleines bisschen Rabenmusik mögen gelernt und auch Du hast immer wieder tolle Sache in der Proggelkiste (Woven Hand, Black Heart Procession), aber ich merke halt auch, wie viel 70ies Zeug mir fehlt und auch beim NWoBHM bin ich eben nicht gut aufgestellt. Das bockt mich immer noch total an. salisbury hat geschrieben:Das ist mein Weg, und so soll jeder seien eigenen finden. Auch die "musikalische Erkenntnis des Tages", dass einen die alte Musik viel mehr berührt als die neue, kann man bedenkenlos so stehen lassen, wenn das einen so, wie es ist, zufrieden stellt. Nur, die Aussage, dass die heutigen Bands zu verkrampft und seelenlos sein sollen, möchte ich gerne negieren und erwidern: Holg, du suchst einfach in der falschen Ecke. Vor allem dort hinzuschauen, wo andere sagen, es wäre "progressiv", kann ganz schnell in der Sackgasse landen. ABer das weisst du glaub auch selber  .
Hm, ich schaue ja aktuell gar nicht zwingend in die Prog-Schublade, weil ich das meiste zeitgemäße Progzeug nicht spannend finde. Dan lieber altmodischen Frickelprog wie eben Memento Waltz, die ja auch nicht wirklich proggy sind. salisbury hat geschrieben:Ach ja, in dem Kontext freue ich mich immer mehr, dass ich es geschafft habe, mit WOVEN HAND was "aktuelles" für dich zu finden, das dich offenbar sehr berührt. Es gibt aber mehr WOVEN HANDS. Dig them!
Ja, dafür nochmals VIELEN DANK.
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von Holger Andrae » Samstag 10. Mai 2014, 23:02
salisbury hat geschrieben:Jhonny hat geschrieben: Und dann natürlich das Alter: Als pubertierender Jugendlicher empfindet man Musik doch irgendwie anders.
Oh, das ist auch noch ein Punkt, den ich kommentieren möchte: Klar! Stimmt! Und ich wage zu behaupten, dass ich mit der Zeit auch gelernt habe, Musik diffenenzierter, bewusster, analytischer, wahrzunehmen. Der erste Schluck Whisky war übel aber dennoch geil, weil er schön besoffen macht. Heute geniesst man die Nuancen der verschiedenen Whiskeysorten. Ja, nicht nur die Bands werden besser, auch die Hörer entwickeln sich. Manchmal habe ich den Eindruck - und das mag jetzt etwas provokativ klingen - dass einige krampfhaft versuchen, sich das Hörgefühl von der ihn prägenden Phase zurück zu holen. Und dann auch von neuen Bands erwarten, dies zu reproduzieren. Das kann aber nur schief gehen. Dann hört man entweder nur Bands, die den Sound von früher kopieren, dann isses vielleicht kurzfristig mal geil, oder man hört gleich die alten Bands, verwehrt sich dann aber den Sinn für neues. Sich an den guten Whiskyrausch von früher erinnern, ist toll. Mal eine neue Sorte ausprobieren, diese zu vergleichen, zu analysieren und einzuordnen, ist mindestens genauso toll.
Interessanter Aspekt. Das kann ich für mich aber fast nahezu ausschließen. Ich lasse mich in der Regel zuerst immer völlig auf neue Scheiben ein und möchte auf gefesselt werden.
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von Martin van der Laan » Samstag 10. Mai 2014, 23:15
Sally, für mich geht es in Jhonnys Statement um etwas anderes (er kann mich ja gerne korrigieren, wenn ich falsch liege). Es gibt eine Phase im Leben, in der sich die Persönlichkeit herausbildet. Das ist bei dem einen früher, bei dem anderen später; aber die Musik, die einen dabei begleitet hat, wird immer etwas ganz Besonderes bleiben. Denn zur Persönlichkeitsbildung gehören auch ästhetische Aha-Erlebnisse, man findet heraus, in welcher Art von in Musik gegossener Lebenseinstellung man sich am ehesten wieder findet. Für welche Art von Botschaften man ein offenes Ohr hat, welche man für sich übernehmen kann, welche einen besonders ansprechen und stimulieren. Es gibt ein Zeitfenster im Leben, in dem man besonders offen und empfänglich ist, in dem man auf ganz besondere Weise hinhört, eben nicht analytisch und rational, sondern existenziell und unbedingt. Das ist etwas ganz Besonderes und Einmaliges. Meine Erweckungserlebnisse fallen in den Zeitraum 1987 bis 1991. Was in diesen Jahren und kurz davor passiert, hat mich geprägt. Darum interessieren mich auch JUDAS PRIEST, KISS, AC/DC etc. nicht. Das sind ganz typische Bands für eine Erweckungsphasenliebe. Ich hatte mich ja bereits in sehr jungen Jahren - inspiriert durch meinen Lieblingsonkel - mit "ernsthafter" Musik befasst. Ich habe mit elf, zwölf Jahren ganze Nächte lang in meinem Zimmer heimlich Beethoven-Symphonien gehört und auf Musik-Cassette überspielte Jazz-Platten meiner Tante (die Frau von dem Lieblingsonkel). Interessant an dem Alter ist ja, dass man noch völlig frei von Vorurteilen ist, zumindest wenn man sich in musikalischen Sphären bewegt, wo man nach landläufiger Meinung noch nichts zu suchen hat. Ich habe Thelonious Monk und John Coltrane genauso fasziniert zugehört wie Felix Mendelssohn und Jean Sibelius, oder Kraftwerk, The Smiths und Jean-Michel Jarre. Da ich aber viele Untiefen und Bedingtheiten solcher Musik noch nicht verstehen konnte als Kind, habe ich erst bei meinem Heavy Metal-Erstkontakt im Alter von ca. 13 etwas empfunden, das ich zuvor nicht kannte. Ich dachte: "Hey, das bin ich, das ist nicht nur musikalisch spannend, sondern packt mich auch im Innersten." Wenn man das zum ersten Mal erlebt, dann kriegt man eine Gänsehaut, die man Zeit seines Lebens nicht wieder vergisst. Zu den Entdeckungen meiner frühen Jahre habe ich erst später zurückgefunden und bis heute entdecke ich ständig Neues in allen Ecken und Winkeln des musikalischen Universums. Aber doch: dieses gigantische Gefühl, wenn ich "Dimension Hätross" oder "Gutter Ballet" oder "Act III" oder "Control & Resistance" oder "Nosferatu" oder "Into The Mirror Black" auflege, ist und bleibt für immer und ewig unvergleichbar.
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von salisbury » Samstag 10. Mai 2014, 23:41
Martin van der Laan hat geschrieben:Es gibt ein Zeitfenster im Leben, in dem man besonders offen und empfänglich ist, in dem man auf ganz besondere Weise hinhört, eben nicht analytisch und rational, sondern existenziell und unbedingt. Das ist etwas ganz Besonderes und Einmaliges. Meine Erweckungserlebnisse fallen in den Zeitraum 1987 bis 1991.
Ich denke darüber nach und ich glaube, dass so etwas bei mir nicht der Fall war. Jedenfalls nicht in diesem extremen Ausmaß. Ich wurde musikalisch sehr früh geprägt, durch meinen Dad. Beat- und Rockmusik der 60iger. Gitarrenmusik. Zeug, das ich auch heute noch sehr liebe. (daher auch mein Sinn für die aktuelle "Retro"-Welle und Psychedelic Rock). Der Schritt zu DEEP PURPLE und weiter zum Metal war nicht weit und logisch. (Ich war als Kind schon sehr analytisch). Alles, was davon aus weiter ging, ebenso. Ich bin ständig auf Entdeckungs- und Erweckungsreise. Das ist das, was ich vorher gemeint habe. Weil das Gefühl einfach zu geil ist, will ich auch alles tun, um das nicht zu verlieren. Und werde mich deshalb auch nicht auf eine bestimmte Phase festlegen, in der Musik besonders prägend war. Weil ich es nicht kann. Als wir vor einiger Zeit in einer Münchner Nerdrunde die drei besten Songs aller zeiten raussuchen mussten, fiel meine Entscheidung auf einen aus den 60igern (Kindheit), einen aus den Neunzigern (sog. Prägungsphase) und einen relativ aktuellen. Alle drei Songs bedeuten mir gleich viel.
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von Feamorn » Samstag 10. Mai 2014, 23:41
Ich finde das Thema ziemlich spannend, da ich mit dem Diskussionseinstieg relativ spät dran bin, hänge ich mich mal an ein paar der Gedanken von Sally. salisbury hat geschrieben:Die Masse der Bands hat deutlich zugenommen und wenn man fair ist, kann man auch feststellen, daß die Klasse durchschnittlich auch zugenommen hat. Nur, jetzt kommt der Knackpunkt: Es fällt nicht mehr so auf! Es kommt seltener vor, dass Dich etwas richtig flasht. Oder es flasht mich mit Band x, zwei Wochen später mit Band y und dann Band z, weil es ja so viel Gutes gibt, und auf einmal ist Band x schon wider vergessen. Und deshalb entsteht der Eindruck, "neue Musik" habe keine Langzeitwirkung mehr. Ja, das ist vielleicht sogar richtig, aber nicht, weil die Bands heute nicht mehr authentisch sind. Ganz im Gegenteil![/quote ] Ich habe festgestellt, dass am Ende immer die Sachen mit einer Langzeitwirkung hängen bleiben, die meine vorherigen Hörgewohnheiten gesprengt haben. Es gibt viele Beispiele, eines war Post-Rock, was ein gewaltiger Schritt für einen ist, der sehr auf Technik, Rhythmuswechels und Proggyness steht (Post-Rock ist langsam, repititiv und rein technisch ziemlich banal; es geht hier um den Sound), mit Rüdiger kam die eine oder andere Black Metal-Band, die ich sehr geil finde und Hörempfindungen ausgelöst hat, die ich vorher gar nicht kannte und mein aktuelle Spleen für Mädchenmetal ist auch was Neues, das ich früher eher ignoriert habe (warum darf es nicht mal etwas fröhlicher, bombastischer und kitschiger sein?).
Manchmal habe ich den Eindruck - und das mag jetzt etwas provokativ klingen - dass einige krampfhaft versuchen, sich das Hörgefühl von der ihn prägenden Phase zurück zu holen. Und dann auch von neuen Bands erwarten, dies zu reproduzieren. Das kann aber nur schief gehen. Dann hört man entweder nur Bands, die den Sound von früher kopieren, dann isses vielleicht kurzfristig mal geil, oder man hört gleich die alten Bands, verwehrt sich dann aber den Sinn für neues.
Am wichtigsten und zutreffendsten finde ich die Gedanken, zu den "gesprengten Hörgewohnheiten". Ich glaube, das ist ein ziemlich schwerwiegender Grund, warum man etwas so richtig toll finden kann oder es eben nicht kann. Höre ich etwas, was mir (das "mir" ist hier ziemlich wichtig, aber dazu gleich) völlig, oder zu Teilen, neu ist, und gefällt, dann hat die Band gute Chancen, dass sie meine persönliche Referenz für diesen Aspekt wird. Gleichzeitig "verdirbt" sie aber unter Umständen auch die Rezeption ähnlicher Musik teilweise. Mit "verderben" meine ich, dass andere Bands (oder besser Alben, denn Bands verändern sich), die in eine ähnliche Kerbe schlagen, natürlich immer die Assoziation zu meinem "Patient Null" wach rufen werden, bietet dieses Neugehörte dann keinen anderen Aspekt, der mich wiederum begeistern kann, flasht es nicht, wie Du schreibst. Wichtig wäre hier eventuell noch zu beschreiben, dass "ähnlich" natürlich kein fest definierbarer Begriff ist, die Grenze liegt für jeden anders, was meiner Meinung nach daran liegt, dass jedem eben irgendetwas anderes an dieser Musik (oder Musik im allgemeinen) gefällt. Deshalb helfen auch Aussagen der Marke "wenn Du die Schlümpfe magst, musst Du auf jeden Fall auch noch Gargamel hören, der ist genau so toll", bzw. eher das Unverständnis, wenn eine Empfehlung aufgrund dessen nicht auf fruchtbaren Boden fällt (ist mir oft genug passiert). Denn man weiß ja nie genau, warum jemand eine Band jetzt toll findet. Ich beobachte bei mir, dass ich zwar einen relativ breiten Geschmack habe, aber seltenst viele Alben in einem Bereich richtig groß finde. So haben bei mir meine beiden ersten Metalbands, Blind Guardian und Iced Earth, den Bereich des "Power Metals", den ich wirklich gerne mag, fast komplett abgegrast (scheint zumindest so), denn in der Sparte habe ich seit über 15 Jahren nichts mehr gefunden, was mir annähernd so viel Freude bereitet hat, wie die Werke dieser beiden Bands. Das heißt aber nicht, dass da nicht noch was kommen kann. Mit dem Beispiel BG/IE komme ich dann noch zu einem anderen Punkt. Mir passiert es unheimlich oft, dass ich eine Band zu weiten Teilen super finde, und zwar bis zu genau dem Punkt, zu dem ich sie für mich entdeckt habe, und bis zu diesem Zeitpunkt voll erforscht habe. Habe ich mir jedoch einmal einen "kompletten" Überblick verschafft, tritt erstaunlich oft der Fall ein, dass ich danach erscheinende Alben einer solchen Band plötzlich sehr kritisch betrachte. Ich habe mir ein Bild gemacht, und dann kommt plötzlich ein neuer Pinselstrich, der vielleicht nicht mehr so recht zu meinem bisherigen Bild passt. So ging es mir eben beispielsweise bei Blind Guardian und Iced Earth. Ich habe KEINES der nach ca. '99 erschienenen Alben dieser Bands auch nur annähernd so gerne gehört, wie die vorherigen Sachen. Dieses Phänomen tritt bei mir die letzten Jahre immer seltener auf, was, so vermute ich, daran liegt, dass ich immer mehr Musik auf immer weniger Zeit unterbringe(n muss), und damit von nur sehr wenigen Bands einen "Gesamteindruck" erlange. Interessant ist, dass das Phänomen bei neuen Bands weniger stark zu Tage tritt, was vielleicht damit zusammen hängt, dass ein einzelnes neues Album ein weniger "großes"/"starkes" Bild zeichnet, wie ein kompletter, sich evtl. über Jahrzehnte erstreckender Albenkatalog. Ich bin eher gewillt, Veränderungen an dem Bild hinzunehmen, die Farbe war quasi eh noch nicht ganz trocken. So schafft sich jeder sein ganz privates Koordinatensystem der Musik. Und es kann jemandem, der Beispielsweise eine neue Retro-Band hört schnurtzpiepegal sein, ob die ja eigentlich nur Black Sabbath, Jethro Tull, Coven oder weiß der Geier wen in neuen Schläuchen verteilen, für ihn ist diese neue Band der Ursprung, und das wird sich auch nicht ändern. Ob er die "großen Alten" dann mag oder nicht wird an den oben genannten Gründen entschieden, vielleicht ja, vielleicht nein. Aber nur weil für viele Black Sabbath der Maßstab sind, weil sie "das" zuerst gemacht haben, sind sie es eben nicht für ihn, denn er hat sie nicht vor den "Nachahmern" gehört. Das nächste ganz große Thema sind dann natürlich die Emotionen und das "Lebensgefühl", unter deren Einfluss man Musik kennen lernt. Ich werde nie wieder 16 sein und das erste Mal "Nightfall in Middle-Earth" hören. Das ist vorbei, ich kann mir dieses Gefühl aber eben mit jener Platte wieder etwas in Erinnerung rufen, denn die Emotionen sind fest mit genau jener Musik verbunden. Aber ich kann nicht erwarten, dass ich nochmal ein gleiches Gefühl mit einer neuen Platte erreichen werde. Dafür kann ich eben eine neue Hochzeit aus Gefühlen und Musik mit anderer, neuer, Musik herbeiführen, bei der ich dann in 15 Jahren ein bisschen von heute zurück hole. Eigentlich wollte ich noch mehr schreiben, aber wie üblich ist mir mindestens die Hälfte der Gedanken über das erregte Tippen abhanden gekommen. Soviel also erst einmal hierzu.
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von Martin van der Laan » Samstag 10. Mai 2014, 23:45
salisbury hat geschrieben:Und eine neue HER NAME IS CALLA könnte in zehn Jahren zu einem ähnlichen Status gelangen. Und wenn nicht die , dann sicher eine andere aus 2014.
By the way, HER NAME IS CALLA machen nix Neues. Dadaismus gibt es schon seit 1916. Grundsätzlich bin ich aber bei Dir. Ich erinnere mich noch an ein legendäres Editorial im Metal Hammer von 1988, glaube ich, damals konnte man das Blatt echt noch lesen. Botschaft: Nee, meine Eltern sind doof und spießig, die hören immer NUR Heino. Ich will nie so werden wie die, darum höre NUR Slayer. Ich möchte nicht mit Menschen tauschen, die mit festen Vorstellungen, Ansprüchen und Angrenzungen durchs Leben gehen.
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von salisbury » Samstag 10. Mai 2014, 23:51
Fea, ohne ins Detail zu gehen, aber irgendwie denken wir schon ähnlich. Ich bin z.B auch kein nibelungentreuer Fan von irgendeiner Band und es ist mir ebenso egal, wenn ich einen neuen Sound von Band X entdecke, dass Band Y das ja schon vor drölfzig Jahren gemacht hat. Und "früher war alles besser" gilt für mich schon gar nicht, s.o. 
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von Martin van der Laan » Samstag 10. Mai 2014, 23:57
salisbury hat geschrieben:Martin van der Laan hat geschrieben:Es gibt ein Zeitfenster im Leben, in dem man besonders offen und empfänglich ist, in dem man auf ganz besondere Weise hinhört, eben nicht analytisch und rational, sondern existenziell und unbedingt. Das ist etwas ganz Besonderes und Einmaliges. Meine Erweckungserlebnisse fallen in den Zeitraum 1987 bis 1991.
Ich denke darüber nach und ich glaube, dass so etwas bei mir nicht der Fall war. Jedenfalls nicht in diesem extremen Ausmaß. Ich wurde musikalisch sehr früh geprägt, durch meinen Dad. Beat- und Rockmusik der 60iger. Gitarrenmusik. Zeug, das ich auch heute noch sehr liebe. (daher auch mein Sinn für die aktuelle "Retro"-Welle und Psychedelic Rock). Der Schritt zu DEEP PURPLE und weiter zum Metal war nicht weit und logisch. (Ich war als Kind schon sehr analytisch). Alles, was davon aus weiter ging, ebenso. Ich bin ständig auf Entdeckungs- und Erweckungsreise. Das ist das, was ich vorher gemeint habe. Weil das Gefühl einfach zu geil ist, will ich auch alles tun, um das nicht zu verlieren. Und werde mich deshalb auch nicht auf eine bestimmte Phase festlegen, in der Musik besonders prägend war. Weil ich es nicht kann. Als wir vor einiger Zeit in einer Münchner Nerdrunde die drei besten Songs aller zeiten raussuchen mussten, fiel meine Entscheidung auf einen aus den 60igern (Kindheit), einen aus den Neunzigern (sog. Prägungsphase) und einen relativ aktuellen. Alle drei Songs bedeuten mir gleich viel.
Darauf möchte ich noch direkt antworten, weil ich das, was Du hier schreibst, Sally, sehr wichtig finde. "Ich bin ständig auf Entdeckungs. und Erweckungsreise". Ja, genau, ich auch!!!! Aber irgendwann habe ich zum ersten Mal erfahren, dass es so etwas überhaupt gibt. Das man Musik mit jeder Faser seines Körpers aufsaugen und verinnerlichen kann. Gut möglich, dass Du dieses Initiationserlebnis nicht so intensiv hattest. Aber vielleicht kannst Du Dir vorstellen, was es mit einem macht, wenn es denn dazu kommt. Wenn man zu ersten Mal die analytischen Distanz verliert und in den inneren Kern von Musik-Erlebnissen vordringt. Mein Dad hat auch einen feinen Musikgeschmack (von einigen Aussetzern mal abgesehen...), von ihm habe ich BEATLES, SIMON & GARFUNKEL, THE KINKS, STATUS QUO, CHEAP TRICK etc kennen und lieben gelernt, aber das war nicht wirklich ICH, das war ER, und ich habe diesen Teil von ihm geschätzt, aber nicht selbst gelebt. Das war zumindest damals mein Gefühl. Ich habe dann zunächst mal geschaut, was es so eigentlich alles gibt jenseits der Pop-Musik (die mich wirklich noch nie interessiert hat) und dann irgendwann platzte der Knoten, als ich eben Heavy Metal (damals schon in verschiedenen Variantionen und Steigerungen der Grundidee) entdeckte. Irgendwie habe ich auf diese Weise, durch dieses Erlebnis auch intensiveren Zugang zu anderer Musik gefunden, habe gelernt, mich im Innersten berühren zu lassen von Musik. Hmm, ein wirklich spannendes Thema...
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von salisbury » Sonntag 11. Mai 2014, 00:20
Holger Andrae hat geschrieben:Du wirst Dir denken können, dass ich Dir bei der Argumentation mit der besseren Spiel- und Aufnahmetechnik nicht folgen kann. Was nützt mir vermeintlich bessere Technik, wenn sie falsch verwendet wird? .
Um den Punkte ging es mir gar nicht. Dann muss ich das Pferd also andersrum satteln: Ich behaupte, dass es heute wie früher sehr viele Menschen gibt, die die Fähigkeit haben, 'authentische' Musik zu machen, als man sich vorstellen kann. In der Siebzigerm und Achtzigern hat aber nur ein Bruchteil dieser Leute überhaupt die Möglichkeit gehabt, Musik aufzunehmen. Damals war das noch eine große Kunst. Und teuer. Ergo haben sich viele nicht einmal Gedanken darüber gemacht, so etwas zu tun. Heute haben viel mehr Leute und Band die Möglichkeit, musisch kreativ zu sein und die auch aufzunehmen und auch wenn viele mittelmäßige daduch aufkommen, wird dennoch die Anzahl der wirklich guten als absolute Zahl größer. Und es ist auch einfacher, technisch gut zu spielen. Beziehungsweise, man muss das fast gar nicht mehr wirklich können, es wird aber so klingen. Das heisst, die Auswahl wird größer und damit die Selektion dessen, was wirklich herausragend ist, schwieriger. Und unter diesem Hintergrund "herausragend" (herausragend kann ja auch bedeuten: Holg findet sie und sie gefallen ihm) zu sein, bedarf einer besonderen Leistung und dies ist wiederrum heute viel schwerer als früher. Daraus wiederrum schliesse ich, dass die Bands heuer besser sein müssen als früher, denn nur wenn Du es wirklich drauf hast, wirst Du bemerkt. Okay, ganz wasserdicht ist das jetzt nicht. Aber, hey, schau mal, selbst Rüdiger und ich können heutzutage problemlos Mucke aufnehmen. Und wenn wir fertig sind, wird das vielleicht sehr ordentlich klingen. Und es wird keine Sau interessieren. Vor dreissig Jahren hätte das vielleicht Kult werden können. Jedenfalls in unseren Träumen  .
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von Holger Andrae » Sonntag 11. Mai 2014, 00:33
Hm, wenn ich bedenke, dass die ganzen NWoBHM Bands demos und selbst produzierte 7" veröffentlicht haben und dass in den 80ern die Do-It-Yourself-Mentalität (Demos, Fanzines, Trading) vorgeherrscht hat, kann ich dir hier auch nicht wirklich zustimmen.
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