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Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.
von salisbury » Sonntag 7. Dezember 2014, 13:35
Peter Kubaschk hat geschrieben:Wenn ich sehe wie viele Bands "plötzlich schon immer" Retro Rock gemacht haben, von denen bis vor einigen Jahren noch nie ein Mensch je gehört hat, dann frage ich mich schon auch, wie viel davon echte Leidenschaft und wie viel Kalkül und Aufspringen auf einen Trendzug ist.
Interessiert mich. Welche Bands sind das denn konkret? Vor ein paar Jahren gab es in der Tat kaum einen Markt für dies Musik. Und immer, wenn ein Markt da ist, gibt es Leute, die aufspringen. Andererseits ist finde ich es auch hier schon wieder problematisch, bei Musikern, die genaus dies tun, die Leidenschaft in Frage zu stellen. Würde ich Musiker finden und Zeit haben, würde ich selber gerne solche Musik spielen. Mit der zugehörigen Emotion. Manchmal bringt eine gewisse Medienpräsenz und ein Trend Leute erst erst auf die Idee, was ihnen gefallen könnte und was sie gerne machen wollen. Deshalb nochmal die Frage: Welche Bands genau meinst Du und welche Aussagen mach Dich glauben, dass diese ihr Arbeit ohne Passion durchführen?
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von Raphael Paebst » Sonntag 7. Dezember 2014, 13:39
salisbury hat geschrieben:Raphael Paebst hat geschrieben:Ohne das jetzt despektierlich zu meinen, Sally, du bist halt einfach kein Fan sondern interessierter Hörer, was ein großer Unterschied ist.
Klaro, Du hast damit völlig recht was die globalere Sichtweise angeht. Aber ich bin Fan von Bands. Also von fassbaren Personen mit Namen und Identität. Und hier kann ich genauso reagieren wie Du im Bezug auf "den Metal". Wenn mich eine Band, von der ich Fan bin, enttäuscht, regt mich das auf. Das ist auch schon oft passiert, so lang ich Musik höre. Ich hab mich über MEGADETH geärgert, über OVERKILL, ich war bitter von PSYCHOTIC WALTZ ("Mosquito"; heute nicht mehr) ettäuscht, aktuell von FATES WARNING und AMBERIAN DAWN und es gibt noch mehr. Hier ärger ich mich tatsächlich, was für einen Krampf die gemacht haben, meistens auch noch begleitet von einer großen Menge an Leuten, die das auch noch toll finden. Ich verstehe das Gefühl also. Aber "der Metal"? Das ist für mich so ein abstraktes Gebilde mit jeder Menge völlig unterschiedlicher Klänge und Protaginisten. Rüdiger hat sich zu Lebensaufgabe gemacht, ihn zu erfassen und zu inventarisieren. Ja, das verstehe ich, das geht in mein Hirn rein, das ist eine Art wissenschaftliche Tätigkeit, die aus einer Passion heraus entstanden ist. Ich werde mein Leben bis zu Ende mit er Erfassung und Funktionsweise des Ribosoms verbringen. In der Wissenschaft ist es extrem gefährlich, sich einizig von der eigenen Vorstellung leiten zu lassen, wie die Systeme funktionieren. Und im Metal? Ich finde dieses "System" ebenso hinreichend komplex, so dass ich überhaupt gar nicht in der Lage bin, zu einer Vorstellung zu gelangen, wie dieses zu klingen hat. Zumal dieser Zustand sich ständig verändert... Nein, es stimmt. Ich bin kein Fan von "dem Metal" oder "dem Prog". Es sind aber Theme, die mich sehr interessieren  Perfekt analysiert, Raf! .
Es geht dabei auch nicht wirklich darum, wie es klingt. In der, vermutlich illusorischen, Vorstellung vom Metal kommt ja etwas mehr dazu. Da kann ich eben "A Blaze In The Northern Sky" genauso hören wie "Control & Resistance", "British Steel" genauso wie Seven Churches", das sind Alben, deren Erschaffer, wenigstens zu ihrer Entstehungszeit, Metal waren, in die Musik mehr reingepackt haben, als nur Noten und Takte. Wie gesagt, da wird eine quasi-moralische Qualität der Musik beigestellt, die sich nicht endlich begründen oder beurteilen lässt. Das macht es ja so reizvoll und sorgt für die ewigen Streitigkeiten. Es geht weniger um Wissen als um Glauben. 
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von Raphael Paebst » Sonntag 7. Dezember 2014, 13:47
salisbury hat geschrieben:Peter Kubaschk hat geschrieben:Wenn ich sehe wie viele Bands "plötzlich schon immer" Retro Rock gemacht haben, von denen bis vor einigen Jahren noch nie ein Mensch je gehört hat, dann frage ich mich schon auch, wie viel davon echte Leidenschaft und wie viel Kalkül und Aufspringen auf einen Trendzug ist.
Interessiert mich. Welche Bands sind das denn konkret? Vor ein paar Jahren gab es in der Tat kaum einen Markt für dies Musik. Und immer, wenn ein Markt da ist, gibt es Leute, die aufspringen. Andererseits ist finde ich es auch hier schon wieder problematisch, bei Musikern, die genaus dies tun, die Leidenschaft in Frage zu stellen. Würde ich Musiker finden und Zeit haben, würde ich selber gerne solche Musik spielen. Mit der zugehörigen Emotion. Manchmal bringt eine gewisse Medienpräsenz und ein Trend Leute erst erst auf die Idee, was ihnen gefallen könnte und was sie gerne machen wollen. Deshalb nochmal die Frage: Welche Bands genau meinst Du und welche Aussagen mach Dich glauben, dass diese ihr Arbeit ohne Passion durchführen?
Plakative und vermutlich falsche Antwort: Die, die bei Napalm und Noise Art unter Vertrag stehen, dazu noch AVATARIUM. Komplizierte und vielleicht weniger falsche Antwort: Lässt sich schwer sagen, da es eben einerseits Bands gibt, die diesen Sound schon lang spielen und jetzt, da der Trend da ist, endlich Aufmerksamkeit finden, andererseits gibt es junge Musiker, die natürlich von der Musik, die gerade läuft beeinflusst werden, wenn sie anfangen Musik zu machen, ob die dann wegen des Geldes auf den Zug Aufspringen, oder weil es eben das ist, was sie gerade selbst hören und geil finden, lässt sich nur schwer unterscheiden. Auffällig wird es immer dann, wenn Bands nur andere Bands aus der aktuellen Szene zitieren, ihre Einflüsse nur aus diesem Trend stammen und keine tiefere musikalische Vergangenheit hörbar (sei es in Interviews oder auf Platte) ist. Das merkt man aber in vielen Trends, die sich zumeist, je länger sie laufen, auf sich selbst beziehen und ältere Einflüsse verlieren. Wenn man sich z.B. die Linie von WISHBONE ASH über IRON MAIDEN, den melodischen Death Metal hin zum Metalcore anschaut, merkt man, wie da nach und nach die Bands der jüngeren Generation Einflüsse der älteren Generationen nicht mehr kennen und dann klingen halt 95% aller Modern-Metal-Bands nur noch nach IN FLAMES mit ein bisschen Hardcore-Spurenelementen. Das geht auch analog mit der Linie über DEEP PURPLE, RAINBOW, MALMSTEEN, STRATOVARIUS bis zu aktuellem Melospeedgedudel.
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von Holger Andrae » Sonntag 7. Dezember 2014, 14:32
Peter Kubaschk hat geschrieben:Na ja, ich finde es schon sehr vorstellbar, dass das Herzblut im Laufe der Karriere einer gewissen Routine weicht. Gerade bei den größeren Bands, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen, finde ich das sogar extrem naheliegend. So wie der Koch - um bei deiner Analogie zu bleiben - das gleiche Gericht, dass er einst selbst entdeckt hat nach Hunderten von Zubereitungen nicht mehr mit dieser anfänglichen Freude & Euphorie kocht. Und das kann man auch hören bzw. schmecken.
This. Peter Kubaschk hat geschrieben:Allerdings kann ich keine Überflutung durch "Konserven Metal", "Schlager Metal" und "Plastik Casting Metal" in meinem Leben feststellen. Der Anteil an Musik, die mir nicht gefällt, ist genauso hoch wie immer.
Viellicht liegt es bei Dir auch daran, dass in Deiner Welt sehr viel Down Under Musik abläuft. Bei mir mag dieser Eindruck daher kommen, dass ich grundsätzlich traditionellen Metal mag (mochte) und ich den Eindruck habe, dass genau in diesem Segment sehr viel verwässert wurde in den letzten Jahren. Das ist natürlich ein sehr subjektiver Eindruck, denn offenbar mögen ja sehr viele Menschen solche Art des Metals. Peter Kubaschk hat geschrieben:Gerade beim "Casting" wäre ich sehr vorsichtig. Wenn ich sehe wie viele Bands "plötzlich schon immer" Retro Rock gemacht haben, von denen bis vor einigen Jahren noch nie ein Mensch je gehört hat, dann frage ich mich schon auch, wie viel davon echte Leidenschaft und wie viel Kalkül und Aufspringen auf einen Trendzug ist.
Ja, natürlich. Das ist für mich eigentlich auch nur ein Ausdruck, den mangels besserer Bezeichnung gern verwende. Allerdings kann ich für mich selbst sagen, dass diese Retrowelle auch bei mir ein erhöhtes Interesse an dieser Musik ausgelöst hat. Auch an den Originalen. So etwas kann natürlich auch bei einigen jungen Musikern der Fall gewesen sein.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
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von Holger Andrae » Sonntag 7. Dezember 2014, 14:37
Haris Durakovic hat geschrieben:Was mir im Falle von "Mainstream" und "zusammengecasteten Bands" ein Dorn im Auge ist, und das wird jeder Mucker ähnlich sehen, der seine letzten Cents in Equipment, Aufnahmen, Promotion usw. steckt: Sie haben das Glück, gut vermarktet werden zu können, Talent ist zweitrangig - dafür gibt es ja den Produzenten, der alles schön geraderückt... Und nicht falsch verstehen, ich will hier keinesfalls alle über einen Kamm scheren, aber vor allem bei den gecasteten Bands, die im Radio dauerrotieren, fehlt der Bezug zu einer oder mehreren Szenen. Sie haben in seltenen Fällen auf klebrigen Fußböden in Locations gepennt, in denen sie zuvor aufgetreten sind (Ausnahmen gibt es selbstverständlich auch hier) usw usf.
*unterschreib* Haris Durakovic hat geschrieben:Man würde bestimmt tolle Stimmen hören, würde man sich die Castingshows anschauen und der eine oder andere Song im Radio würde sich sicherlich auch im Kopp festsetzen (denn genau darauf sind die "Hits" im Mainstream ausgelegt) - ABER, und das ist für mich der entscheidende Punkt: Es gibt SO VIEL verdammt geile Mucke, die ich abseits des Mainstream noch nicht entdeckt habe, egal aus welchem Genre - da verbringe ich meine Zeit lieber damit, mich da durch zu hören, als mich mit dem zufrieden zu geben, was mir Radio und Mainstreammedien vorzusetzen versuchen... 
Ich gestehe, dass ich ab und an The Voice Of Germany schaue. Da sind wirklich gute SängerInnen dabei. Aber das Format an sich widerstrebt mir so sehr, dass ich kaum einen Interpreten danach kaufen würde. Wir haben Mrs. Greenbird im heimischen Sortiment. Die läuft sogar recht oft. Casting Show Sieger, der mir sogar gefällt.
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von Peter Kubaschk » Sonntag 7. Dezember 2014, 15:12
salisbury hat geschrieben:Peter Kubaschk hat geschrieben:Wenn ich sehe wie viele Bands "plötzlich schon immer" Retro Rock gemacht haben, von denen bis vor einigen Jahren noch nie ein Mensch je gehört hat, dann frage ich mich schon auch, wie viel davon echte Leidenschaft und wie viel Kalkül und Aufspringen auf einen Trendzug ist.
Interessiert mich. Welche Bands sind das denn konkret? Vor ein paar Jahren gab es in der Tat kaum einen Markt für dies Musik. Und immer, wenn ein Markt da ist, gibt es Leute, die aufspringen. Andererseits ist finde ich es auch hier schon wieder problematisch, bei Musikern, die genaus dies tun, die Leidenschaft in Frage zu stellen. Würde ich Musiker finden und Zeit haben, würde ich selber gerne solche Musik spielen. Mit der zugehörigen Emotion. Manchmal bringt eine gewisse Medienpräsenz und ein Trend Leute erst erst auf die Idee, was ihnen gefallen könnte und was sie gerne machen wollen. Deshalb nochmal die Frage: Welche Bands genau meinst Du und welche Aussagen mach Dich glauben, dass diese ihr Arbeit ohne Passion durchführen?
Och, das so ganz konkret zu benennen fällt mir tatsächlich schwer. BIGELF macht das seit 20 Jahren, wurde aber lange ignoirert. Vor 8 Jahren gab es eben THE ANSWER und noch ein oder zwei Jahre später THE DEVIL'S BLOOD. Und sonst? Nix. Heute kann ich nicht mehr zählen, wie viele "Retro Rock" und "Occult Rock" Alben pro Monat erscheinen, welche dann im Promo-Zettel oder in Interviews betonen, dass sie "schon immer die Musik der 70er als Vorbild hatten blabliblubb". Und wenn das dann 30+-jährige Musiker sind, dann frage ich mich schon, wo die alle in den letzten 10 Jahren waren und warum sie jetzt plötzlich diese Musik für sich entdeckt haben. Eigentlich will ich auch nur sagen: nur weil irgendwer eine 70er-Jahre Produktion fährt, muss der nicht mehr oder weniger Leidenschaft für seine Musik haben, als die ganzen modern klingenden Bands. Letztere sind halt anders aufgewachsen, anders mit Musik sozialisiert worden und machen Musik - und meinetwegen Heavy Metal - so wie sie ihn für sich kennengelernt haben. Ich habe halt oft den Eindruck, dass "Herzblut" und "Leidenschaft" gleichgesetzt wird mit Produktionstechnik und Klangbild. Dabei finde ich, dass das überhaupt nix miteinander zu tun hat. Da stört mich schon eher die Masse an Bands, die Profimusiker mittlerweile ins Rennen schicken, um immer im Business zu bleiben. Sei es Roland Grapow, Mat Sinner, Jorn Lande, Russell Allen, MIke Portnoy & Co., die allesamt auf einmal mit zig Bands und Projekten unterwegs sind. Da steckt dann eben offensichtlich in erster Linie mal der Zwang zur Erwerbstätigkeit als echte Leidenschaft dahinter. Da wirkt Musik dann in erster Linie als Job und nicht als Leidenschaft.
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von Haris Durakovic » Sonntag 7. Dezember 2014, 15:22
Peter Kubaschk hat geschrieben:Ich habe halt oft den Eindruck, dass "Herzblut" und "Leidenschaft" gleichgesetzt wird mit Produktionstechnik und Klangbild. Dabei finde ich, dass das überhaupt nix miteinander zu tun hat.
word!
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von Eike » Sonntag 7. Dezember 2014, 16:35
Peter Kubaschk hat geschrieben:salisbury hat geschrieben:[...]Manchmal bringt eine gewisse Medienpräsenz und ein Trend Leute erst erst auf die Idee, was ihnen gefallen könnte und was sie gerne machen wollen. Deshalb nochmal die Frage: Welche Bands genau meinst Du und welche Aussagen mach Dich glauben, dass diese ihr Arbeit ohne Passion durchführen?
Och, das so ganz konkret zu benennen fällt mir tatsächlich schwer. BIGELF macht das seit 20 Jahren, wurde aber lange ignoirert. Vor 8 Jahren gab es eben THE ANSWER und noch ein oder zwei Jahre später THE DEVIL'S BLOOD. Und sonst? Nix. Heute kann ich nicht mehr zählen, wie viele "Retro Rock" und "Occult Rock" Alben pro Monat erscheinen, welche dann im Promo-Zettel oder in Interviews betonen, dass sie "schon immer die Musik der 70er als Vorbild hatten blabliblubb". Und wenn das dann 30+-jährige Musiker sind, dann frage ich mich schon, wo die alle in den letzten 10 Jahren waren und warum sie jetzt plötzlich diese Musik für sich entdeckt haben.
Hypothese: Denkbar, dass es einige dieser Bands schon vorher gab, oder immer mal wieder kurzlebige ähnliche Projekte, die aber von den Promofirmen nicht derart vermarktet wurden, weil der Markt halt noch nicht da war und die griffigen Schlagworte noch nicht bereitlagen? Du weißt doch selber, dass PR-Zettel-Ersteller ganz offensichtlich nicht immer die hellsten Leuchten sind... Oder auch denkbar, dass diese Bands früher einfach Kosten-Nutzen-Rechnungs-mäßig noch wenig Sinn drin sahen, für ihren zwar geliebten, aber eben unangesagten Sound noch zusätzlich in eine PR-Agentur zu investieren? Oder einfach erst gar kein Signing bekamen? Oder trotz Eigenvertrieb in den einschlägigen Magazinen nicht stattfanden, weil ihre Scheiben dort auf Halde liegen blieben oder mit Kürztrezis unter dem Stichwort "altbacken" abgespeist wurden, bis der große Hype dort Türen und Ohren und Hirne für Vergleiche mit den großen Zugpferden öffnete? Manchmal braucht es einfach ein paar allgemeine, große Reizworte, bis eine mit Herzblut gemachte Sache einige Jahre später zu einer Marke mit zugehöriger Schublade und zugehörigem Werbevokabular wird. Da kann man niemandem vorwerfen, das dann für sich zu nutzen, indem man ein paar Selbstbezeichnungen umstellt und sich plötzlich mit den Neo-Retros vergleicht statt mit alten Helden, die außer ein paar Siebzigerdinosauriern kaum noch wer kennt von der jüngeren Käuferschicht.
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von Raphael Paebst » Sonntag 7. Dezember 2014, 20:55
Eike hat geschrieben:Peter Kubaschk hat geschrieben:salisbury hat geschrieben:[...]Manchmal bringt eine gewisse Medienpräsenz und ein Trend Leute erst erst auf die Idee, was ihnen gefallen könnte und was sie gerne machen wollen. Deshalb nochmal die Frage: Welche Bands genau meinst Du und welche Aussagen mach Dich glauben, dass diese ihr Arbeit ohne Passion durchführen?
Och, das so ganz konkret zu benennen fällt mir tatsächlich schwer. BIGELF macht das seit 20 Jahren, wurde aber lange ignoirert. Vor 8 Jahren gab es eben THE ANSWER und noch ein oder zwei Jahre später THE DEVIL'S BLOOD. Und sonst? Nix. Heute kann ich nicht mehr zählen, wie viele "Retro Rock" und "Occult Rock" Alben pro Monat erscheinen, welche dann im Promo-Zettel oder in Interviews betonen, dass sie "schon immer die Musik der 70er als Vorbild hatten blabliblubb". Und wenn das dann 30+-jährige Musiker sind, dann frage ich mich schon, wo die alle in den letzten 10 Jahren waren und warum sie jetzt plötzlich diese Musik für sich entdeckt haben.
Hypothese: Denkbar, dass es einige dieser Bands schon vorher gab, oder immer mal wieder kurzlebige ähnliche Projekte, die aber von den Promofirmen nicht derart vermarktet wurden, weil der Markt halt noch nicht da war und die griffigen Schlagworte noch nicht bereitlagen? Du weißt doch selber, dass PR-Zettel-Ersteller ganz offensichtlich nicht immer die hellsten Leuchten sind... Oder auch denkbar, dass diese Bands früher einfach Kosten-Nutzen-Rechnungs-mäßig noch wenig Sinn drin sahen, für ihren zwar geliebten, aber eben unangesagten Sound noch zusätzlich in eine PR-Agentur zu investieren? Oder einfach erst gar kein Signing bekamen? Oder trotz Eigenvertrieb in den einschlägigen Magazinen nicht stattfanden, weil ihre Scheiben dort auf Halde liegen blieben oder mit Kürztrezis unter dem Stichwort "altbacken" abgespeist wurden, bis der große Hype dort Türen und Ohren und Hirne für Vergleiche mit den großen Zugpferden öffnete? Manchmal braucht es einfach ein paar allgemeine, große Reizworte, bis eine mit Herzblut gemachte Sache einige Jahre später zu einer Marke mit zugehöriger Schublade und zugehörigem Werbevokabular wird. Da kann man niemandem vorwerfen, das dann für sich zu nutzen, indem man ein paar Selbstbezeichnungen umstellt und sich plötzlich mit den Neo-Retros vergleicht statt mit alten Helden, die außer ein paar Siebzigerdinosauriern kaum noch wer kennt von der jüngeren Käuferschicht.
Die Bands gibt's in der großen Menge sicher auch. Seit ein, zwei Jahren wird ja alles gesignt, was nur mal ne Orgel gerochen hat und das Wort "analog" schreiben kann. Da sind dann Bands dabei, die sich vor zwei Wochen gegründet haben und welche, die seit zwanzig Jahren im Keller musizierten und die erst jetzt einen Deal kriegen. Gerade aber bei Labeln wie Rise Above werden momentan solche Bands fast im Monatstakt rausgehauen und da sind klar auch Truppen dabei, die auf einen Trend aufspringen, z.B. THE OATH, die "Okkult-Rock-Sensation". Früh war jedenfalls JEX THOTH dabei, erst noch unter TOTEM, das dürfte spätestens zeitgleich zu TDB gewesen sein.
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von salisbury » Sonntag 7. Dezember 2014, 21:13
Peter Kubaschk hat geschrieben: Eigentlich will ich auch nur sagen: nur weil irgendwer eine 70er-Jahre Produktion fährt, muss der nicht mehr oder weniger Leidenschaft für seine Musik haben, als die ganzen modern klingenden Bands...Ich habe halt oft den Eindruck, dass "Herzblut" und "Leidenschaft" gleichgesetzt wird mit Produktionstechnik und Klangbild. Dabei finde ich, dass das überhaupt nix miteinander zu tun hat.
Beids sind völlig verständliche und unprobleatische Aussagen, mit denen ich 100 % übereinstimme. Peter Kubaschk hat geschrieben:Da stört mich schon eher die Masse an Bands, die Profimusiker mittlerweile ins Rennen schicken, um immer im Business zu bleiben. Sei es Roland Grapow, Mat Sinner, Jorn Lande, Russell Allen, MIke Portnoy & Co., die allesamt auf einmal mit zig Bands und Projekten unterwegs sind.
Das stimmt. Das darf dich auch stören. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass ich unfair finde, wenn immer die Musiker den Blame dafür abkriegen. Ich hab ja nur einen geringen Einblick in die Geschäfte, aber durch meine Tätigkeit hier durfte ich mit dem einen oder anderen Musiker reden. Und jeder, der sich dafür entscheidet, mit Musik sein Geld zu verdienen, MUSS mehrgleisig fahren, ausser er hat das ausserordentliche Glück, von eine Welle mitgerissen zu werden, wie momentan die RIVAL SONS oder BLUES PILLS. Vielleicht bin ja auch ich zu naiv. Gewiss, sonst wäre ich kein Wissenschaftler geworden. Viel zu viel Arbeit bei viel zu schlechter Bezahlung. Da musste schon ne Passion für mitbringen, und Musiker sein ist ähnlich. Ich glaube, sogar, schlimmer und zermürbender. Auch die größeren Namen im Rock machen viele Sachen gleichzeitig. Guckt Steven Wilson an. Aber natürlich fällt immer alle Häme und Missgunst auf die Musiker! Weil sie mehrer Projekte gleichzeitig machen. Weil sie überpräsent sind. Weil sie auf Trends aufspringen. Und man wirft ihnen vor, dass sie nicht mehr mit Herz und Leidenschaft musizieren. Aber das ist ja nicht mir in der Musik so, auch im Sport. "Was ist der Jan Ullrich für ein Mega-Depp weil er gedopt hat". (Wie jeder Profi-Radfahrer). Warum es das getan hat und was da für ein System dahintersteckt, interessiert indes die wenigsten... 
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