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Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.
von Rüdiger Stehle » Mittwoch 11. November 2015, 13:32
Die Band Sabaton ist schon eine sehr gewaltige Reizfigur für die Szene, und ich kann durchaus auch nachvollziehen, was dich und viele andere Leute an der Band stört. Manches davon finde ja selbst ich grenzwertig bis ärgerlich, aber, und da muss ich dann bei allem berechtigten Subjektivismus dann doch noch mal einhaken, egal, was sich alles gegen Sabaton einwenden lässt, irgendwie kommen wir halt nicht drum herum, die Band definitiv und unzweifelhaft als Heavy-Metal-Band einzuorden. Meinetwegen als abschreckendes Beispiel dafür, wofür Heavy Metal heute auch steht, aber die Band aufgrund der negativen Aspekte aus der Metal-Definition heraus zu nehmen, das wäre genau das Vorgehen, das mir Peter - zu Unrecht - bei Metalcore vorgehalten hat.
Denn wenn man das Ganze einfach mal von der musikalischen Ausrichtung her angeht, dann findet sich an SABATON schlicht und ergreifend nichts, was aus dem metallischen Stilbereich ausbricht. Simple, stampfende Riffs, rauher Gesang, eingängige, mitsingbare Refrains, Doublebass und melodische Leads... Das ist alles nichts, was wir nicht von Accept, Grave Digger oder StormWarrior nicht auch kennen würden, und nichts davon ist auch nur im Entferntesten von Non-Metal-Bands oder Genres beeinflusst. Klar, wir haben eine Überdosis Keyboards, aber die finden wir auch bei Judas Priest 86, bei Dios "Rainbow In The Dark", bei Stratovarius oder bei Uriah Heep. Es ist nicht etwa so, dass Sabaton angetreten wäre, einen Mix aus Heavy Metal und deutschem Schlager zu machen, sondern die Band hat von der Technik her nichts anderes gemacht, als Darkthrone 1992, nur mit ungekehrtem Vorzeichen.
Wo Darkthrone sich alle Elemente des 80er-Metals heranzog, die garstig, dunkel, böse, gemein, abweisend und teuflisch waren, um daraus ein neues Extrem des Heavy Metals zu destillieren, da griff Sabaton in die selbe Kiste, nämlich die des 80er-Metals, zog aber genau die gegenteiligen Attribute heraus, um ihren neuen Sprit zu brennen: Das Eingängige, das Mitsingbare, das Schunkelige, das Polierte, den Hochglanz der Ritterrüstung und das bierselige Proletentum; alles fanden wir schon bei diversen 80er-Bands, alles kommt ganz eindeutig und zweifelsfrei zu 100% aus dem Metalkosmos, denn auch in den Achtzigern versuchten schon Metalbands den Mainstream mit kommerziellen Belanglosigkeiten, Peinlichkeiten und Schunkelliedchen zu knacken. Man kombiniere die Grundzutaten von Klassikern wie "Take On The World", "United", "The Final Countdown", "I Was Made For Loving You", "The Clans Are Marching", "Dr. Stein", "Can I Play With Madness", "Rock Your Bottom", "In Union We Stand" und "Metal Warriors", dann findet man sich irgendwo bei Sabaton wieder. Viele finden ja schon die genannten Songs nicht gut, andere finden sie gut, weil sie bei den jeweiligen Bands eben eher die schunkelige Ausnahme zum normalen Oeuvre sind, und nochmal andere finden sie gut, weil sie so eingängige Mitgrölhymnen sind.
Sabaton steht halt nur für solche Songs im Dauerfeuer und hat damit aus der Metalursuppe durch ein komplexes Brennverfahren alle schunkeligen, mitsingbaren und hymnenhaften Fuselstoffe für sich gewonnen und in einem edlen Brand vereint. Mag nicht jeder, der eine mag den Darkthrone-Laphroaig, der andere mag lieber den Sabaton-Jacky. Whiskys sind beide.
Langer Rede kurzer Sinn: Ich denke, dass das Herausnehmen von Sabaton & Co. aus dem Metal deutlich mehr dem von Peter gerügten Konzept ("Gefällt mir nicht, also kann's kein Metal sein.") entspricht, als das Herausnehmen von Bands wie Killswitch Engage oder Linkin Park; die eben offensichtlich mindestens ebenso sehr nicht-metallisch beeinflusst sind, wie sie metallisch beeinflusst sind.
Man sehe es mir nach, dass ich da noch eine weitere Runde einläute, aber bei aller Unterstützung des Primats der subjektiven Wahrnehmung meine ich doch, dass man so viel Objektivität behalten sollte, dass man Bands, die sich glasklar vollständig einer musikalischen Sprache bedienen, die aus dem Heavy Metal stammt, dann auch als Teil dieser Szene und dieses Stils betrachtet und bezeichnet. Dass es deswegen trotzdem nicht das sein muss, was ich selbst unter Heavy Metal verstehe oder von Heavy Metal erwarte, das steht dann auf einem anderen Blatt geschrieben.
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von Rüdiger Stehle » Mittwoch 11. November 2015, 14:22
Der Vollständigkeit halber sei noch gesagt, dass ich die unangenehme und peinlich berührte Gänsehaut durchaus auch spüre, wenn ich von Nichtmetallern oder Wochenend- und Party-Headbangern auf Sabaton, Wacken, Böhse Onkelz und Nightwish angesprochen werde. Keine Frage, da ticke ich nicht anders als Holg und Raf. 
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von Jhonny » Mittwoch 11. November 2015, 16:05
Rüdiger Stehle hat geschrieben:Der Vollständigkeit halber sei noch gesagt, dass ich die unangenehme und peinlich berührte Gänsehaut durchaus auch spüre, wenn ich von Nichtmetallern oder Wochenend- und Party-Headbangern auf Sabaton, Wacken, Böhse Onkelz und Nightwish angesprochen werde. Keine Frage, da ticke ich nicht anders als Holg und Raf. 
Das dürfte hier wohl allen so gehen. Hatte neulich auch ein Gespräch mit einem Metal-Fan, der sich primär auf EQUILIBRIUM und SABATON berief - und ich hatte das Gefühl, er käme zumindest aus einer anderen Metal-Welt. Trotzdem musste ich klar erkennen, dass er ein überzeugter Metal-Fanboy war, der auf Konzerte geht, CDs kauft und die Musik liebt. Wobei für mich ja der "Metal-Geschichte-Ausbuddeln"-Faktor essenziell dazu gehört, aber das geht sicher nicht allen so. Ansonsten stimme ich Rüdigers Ausführungen zur Metal-Zugehörigkeit von SABATON in allen Punkten zu, aber das dürfte ja schon klar geworden sein.
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von salisbury » Mittwoch 11. November 2015, 16:28
Holger Andrae hat geschrieben:Diese Argument mit der Weiterentwicklung ist in meinen Ohren etwas an den Haaren herbei gezogen und obendrein minimal am Thema vorbei.
Hmm, der Fakt, dass du das so empfindest erklärt, warum wie hier eben noch Tage/Wochen/Monate und Jahre diskutieren können und niemals auch nur einen Millimeter näher kommen werden. Und Du erklärest sogar, warum: Man kann ein gewisses "Heavy Metal"-Gefühl (nur darum geht es hier) erzeugen und andere Wege gehen. Das ist völlig individuell und sicherlich auch abhängig von der musikalischen Sozialisierung
Das, was wir hier machen, ist Ursachenforschung betreiben, was genau dieses "Heavy-Metal-Gefühl" auslöst und woher das kommt. Und ich habe Heavy Metal in den 90iger eben ganz anders kennen gelernt als Du in den 80igern. Als "melting pot" der Vielfalt und Kreativität. Schon damals hat ein Herr K. Vorwörter, damals noch für das Rock Hard geschrieben, ich habe erst letztens eines gelesen (von 1997  ) und ich konnte mich voll damit identifizieren. Es war inhaltlich genau das, was ich ein paar Posts früher beschrieben habe. Götz lobte eine Gmeinschaft der Vielfalt, voller Erfindungsgeist, Experimentier-Freude, und vielen verschiedenen Einflüsse alle zusammen unter einer großen Decke, der Metal-Szene. Das war mein Ding, das ist immer noch mein Ding, von daher kommt mein Metal-Gefühl, deswegen bin ich hier. Und deswegen fahr ich auch gerne zum Rock Hard-Fest, denn da gibt es oft alles an Facetten, was der Metal so bietet, manchmal sogar noch etwas darüber hinaus. Klar, dass somit auch die Grenzen der Definition dessen, was sich Metal nennen darf, enorm weit geworden ist, und deswegen gibt es dann auch die Schubladen-Präfixe wie Black-, Death-, Symphonic-, Epic-, Doom-, Progressive-, und und und, damit man sich als Individualist schön abgrenzen kann. Aber ein metal-musikalischer Geist, der in alle erdenklichen Richtungen denkt, wird ganz logischerweise auch auf die Idee kommen, seine Fühler in Richtung Mainstream, also Pop oder gar Schlager auszustrecken. Finde ich gar nicht schlimm und selbst wenn ich es schlimm fände, wäre es völlig irrelevat, dann es ist schon längst geschehen. SABATON, unsere geliebten SABATON und all seine Brüder sind da, spielen fett mit, das schon seit Jahren, sie und ihre Erben werden nie wieder gehen, und ich gehe jede Wette ein, daß heute mehr Menschen diese Musik mit Metal assoziieren als...SATAN z.B  . Und wie Rüdiger so schön erläutert hat, haben diese Leute sogar recht. Alle musikalischen Ur-Elemente des Metal sind in ihrer Musik da facto enthalten, ob sich's dann "richtig" anfühlt, bleibt der Zell-Zell-Komminuation im Hirn jedes einzelnen überlassen. Aber nochmal zurück zur Szene: Ich stelle fest - nicht nur in dieser Diskussion - sie hat sich gewandelt. Die Hardliner - so scheint mir - wollen unter sich bleiben und bilden eine Art Trachtenverein für Musik, mit dem Ziel, die Traditionen und das bereits Etablierte zu bewahren, völlig abstruserweiser auch noch bei einer Musik, bei einem Szene-Spirit, der ursprünglich genau das Gegenteil gewesen sein soll? Aber nicht nur das, die gesamte Metal-Landschaft hat sich verschoben. Bei Millionen von Individualisten mischt sich am Ende stets gleiches mit Gleichem und es gibt Festivals mit nur Doom-Metal und Festivals nur mit Frauen-Stimmen und Festivals nur mit Extrem-Metal und alles existiert eher nebeneinander als miteinander und das ist irgendwie alles sehr schade  . Und Götz K schreibt jetzt fürs DEAF FOREVER und schreibt dort auch genau das Gegenteil von dem, was er vor 20 Jahren geschrieben hat. Ach ja, früher war vielleicht ja doch alles besser...
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von Peter Kubaschk » Mittwoch 11. November 2015, 17:17
Ja, da bin ich bei ganz vielem bei dir. Vor allem beim "90er-Spirit". Das habe ich nämlich auch alles so erlebt. Und auch bei deinen Beobachtungen, wie sich die Szene entwickelt, bin ich ganz bei dir. Größter Unterschied ist wahrscheinlich aber, dass wir immer einfach über die "Metal-Szene" sprechend und darunter alles packen, was da irgendwie hineingehört, während Raf/holg & Rüdiger eben von "Heavy-Metal-Szene" sprechen und dort alles mögliche ausgrenzen. Eben das, was ihrer Meinung nach da nicht hineingehört.
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von salisbury » Mittwoch 11. November 2015, 17:46
Wow! Peter, das ist mal wieder sehr genial von Dir und ein wirklich einfacher Semantik-Trick, der so ziemlich alles klären und erklären dürfte! 
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von Rüdiger Stehle » Mittwoch 11. November 2015, 18:35
Zum Thema "90er Spirit" fällt mir zunächst mal ein, dass auch ich primär ein Kind der Neunziger bin, was meine Metal-Sozialisation angeht. Zwar habe ich Manowar, Helloween, Accept und Axxis schon 1988/1989 kennengelernt, aber richtig in die Szene eingetaucht bin ich erst Anfang der Neunziger. Mein 90er-Spirit war aber offensichtlich ein ganz anderer als der eure, denn mein 90er-Spirit war nicht inklusiv, sondern ganz ausdrücklich exkludierend. Ursache dafür war nicht zuletzt der mediale Umgang mit dem Phänomen Metal und seine Präsentation in Print und TV. Ich hatte ganz frisch den Metal für mich entdeckt, und ich wollte alles aufsaugen, was Metal war. Doch genau in der Zeit entschieden diverse Medien (Rock Hard, Metallah, Headbangers Ball, Super Rock, Metal Hammer usw...), dass man Metalfans doch lieber Nirvana, Bush, Nine Inch Nails, Soundgarden, Faith No More oder Blur servieren könnte, als die Klassiker der 70er und 80er, oder wahlweise die aktuellen Metal-Bewegungen wie Death und Black Metal. Und genau das habe ich gehasst, und zwar mit jeder Faser meines Leibes. Für die ganzen genannten Bands und für jene, die sie mir als Metal anpriesen, hatte ich seinerzeit wirklich nur Ablehnung, Hass und Abscheu übrig. Das war mein 90er-Spirit, und es dauerte bis ins neue Jahrtausend, bis ich ernsthaft meinen Frieden mit den genannten Bands und Stilen machen konnte. Und die Ursache dafür, war genau das, worüber Siebi sich beschwert: Medien, die mir permanent Sachen als Metal andrehen wollten, die einfach kein Metal waren, und die dafür sorgten, dass mein Metal medial zur Randerscheinung verkam. Davon einmal abgesehen, habe ich aber heute ganz und gar keine ausgrenzende Definition von Metal mehr. Meine ist sogar noch umfassender als die von Metal Archives, und das will ja bekanntlich viel heißen. Die nehmen zum Beispiel keine Praying Mantis auf... Im Endeffekt unterscheide ich drei Metaldefinitionen für mich, von denen zwei ernst gemeint sind, und die dritte ist zwar nicht ernst gemeint, aber sie fühlt sich trotzdem richtig an. 1. Metal im engeren Sinne: Alles, was sich aus der Tradition der Proto-Metal-Bands der 60er- und 70er ohne Crossover entwickelt hat oder was zweifelsfrei den traditionellen Genres und Subgenres zugeordnet werden kann (Heavy, Power, Speed, Thrash, Black, Death, Doom). 2. Metal im weiteren Sinne: Alles, was sich aus dem Hard'n'Heavy, Psychedelic Rock, Progressive Rock, Punk und Hardcore der 60er, 70er und 80er entwickelt hat, inklussive Crossover-Stile. Das erweitert die Definition laut 1 also um sämtliche nichtmetallischen hart rockenden Stile der Gitarrenmusik und umfasst im Gegensatz zu 1 nun eben auch Sachen wie Stoner Rock, Nu Metal, Metalcore, Post Rock, Drone, Crust, Folk Rock, Symphonic Rock, Blackmore's Night, System Of A Down, Limp Bizkit, Kid Rock, Tool, Skunk Anansie, Britpop usw... 3. Metal in meinem Sinne: Im Prinzip alles, was mir gefällt und was ich in der Sammlung haben will, getreu dem Motto. Ich bin Metal, es gefällt mir, also muss es auch Metal sein. Das ist exklusiv und inklusiv zugleich, weil damit Johnny Cash Metal ist, und Limp Bizkit nicht. Für mich haben die Definitionen 1 und 2 folgende praktische Relevanz: Wenn ich von "Heavy Metal" rede, dann meine ich immer Definition 1. Das ist meine Welt, mein Genre, meine Leidenschaft, mein Sammelgebiet, mein Archiv. Da will ich alles kennen, alles haben, alles katalogisieren. Hier bin ich zu Hause, und zwar unabhängig davon, ob ich eine spezielle Band jetzt toll oder öde finde. Bei Definition 2 rede ich normal nicht von "Heavy Metal", aber es sind Genres und Bands, deren teilweise große, teilweise marginale Nähe zum Metal ich sehe und respektiere. Hier gibt es Überschneidungen bei den Einflüssen, bei der Fanbase, bei Festivals und Events. Hier gibt es Bands, die ich mag und Bands, die ich nicht mag. Relevant, sammelnswert und spannend sind für mich hier nur die Bands, die ich wirklich ausgesprochen gut finde. Während mich bei Gruppe 1 auch schwache Alben guter Bands interessieren, ist bei Gruppe 2 allenfalls, wenn überhaupt, eine Band interessant, die mir 9er- und 10er-Alben auftischt.
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von Potti » Mittwoch 11. November 2015, 18:38
Hab erst gestern mal son bissken was von dieser teils ja durchaus hitzigen Diskussion mitbekommen. Auch wenn sich solche Diskussionen tatsächlich meistens im Kreis drehen, da ja nunmal jeder seine relativ gefestigte Meinung dazu hat, finde ich es trotzdem ganz interessant mal die unterschiedlichen Meinungen mitzubekommen. Jeder scheint ja hier unter dem "Metal- Gefühl" doch etwas anderes zu verstehen und das ist doch ziemlich unabhängig davon, was uns die Musikindustrie als "Heavy Metal" verkaufen will. Also das Ganze mit dem "Metal Gefühl" finde ich schon ein bisschen schwer greifbar und sehr subjektiv. Ich glaube das hängt ganz einfach zum Großteil davon ab wie und wann man zum Metal gekommen ist und ihn früher erlebt hat. Ich bin auch über "normale" Heavy Bands wie Warlock und Accept zum Metal gekommen, aber Metal war für mich persönlich und wohl auch für die meisten meiner Freunde keine echte Rebellion. Ich komme zwar auch aus einer Arbeiterfamilie aber mir hat es an nix wichtigem gefehlt und Probleme mit meinen Eltern hatte ich auch nicht. Zudem war ich Ende der 80er auch noch ziemlich unpolitisch, also gegen was hätte ich da rebellieren sollen? Auch als wir die ersten Metalschuppen im Ruhrpott besuchten, hatte ich nicht wirklich das Gefühl das hier gerade was echt rebellisches abgeht . (wohl im Gegensatz zu Siebi, aber das war ja wohl auch eine andere Zeit und ein anderer Ort) Ich hab mich auch als Langaariger damals nicht irgendwie wie ein Alien gefühlt , ich denke mal Ende der 80er war da der Weg eigentlich schon ziemlich geebnet. Wir fanden einfach die Musik geil und vor allen Dingen nicht so oberflächlich wie der ganze Pop- Charts-Kram. Man konnte einfach nur dasitzen, Musik hören und sich dabei Großartig und von der Musik erreicht fühlen fühlen, egal ob mit Alkohol und in der Gruppe  oder nüchtern und alleine zu Hause.) Ich denke das es für Metal-Fans jüngeren Semesters auch immer schwieriger wird, Metal als ernsthaften Gesellschaftsprotest zu sehen (born too late halt  ) Ich hab ja zumindest damals meine Eltern noch mit der Musik ein wenig geschockt, obwohl das gar nicht meine Intention war, aber selbst das wird heute immer schwieriger, wenn die Eltern halbwegs liberal und nicht "von gestern" sind. Heute rege ich mich da über wesentlich mehr auf und führe auch wesentlich hitzigere Diskussionen wenn es um Themen geht die mir wichtig sind. Ich schaue doch mit dem Alter wesentlich mehr über den Tellerrand als früher und habe heute bei vielen Themen eine wesentlich klarere Protesthaltung als früher (ich weiss das das bei vielen eher anderherum verlaufen ist) Ergo hat sich das was als Metalgefühl definiert wird, doch zwangsläufig über die Zeit verändert. Mich kotzt heutzutage wesentlich mehr an, auch was den reinen Kommerz in vielen Bereichen angeht und somit wäre ich nach Siebis Definition mehr "Metaller" als ich es früher war (was ich aber selbst nicht so sehe, da mir die Musik auch früher schon viel bedeutet hat) Und natürlich muss es auch Schubladen geben (auch wenn man selbst nicht in welchen denkt) sonst gäbe es doch gar keine Szenen und diese Onlineseite hiesse dann z.B. "Dem HansFranz seine Musik -Magazin" Das eine ist halt nach aussen und das andere ist doch sein eigenes Gefühl Was ich nicht als Metal empfinde oder kein Metal-Gefühl erzeugt, kann RELATIV objektiv, doch trotzdem Metal sein, wie z.B Sabaton (is ja quasi der Running Gag hier  ) Sabaton und Avantasia liefen letztens mal im TV wo sie was von Wacken gezeigt haben und das erste was meine Freundin (die mit traditionellem"Heavy-Metal" nicht so wirklich was anfangen kann) sagte war: "Was ist das denn fürn weichgespültes Zeug, das soll Metal sein ???" Sabaton ist also im Mainstream angekommen aber wen interessierts, als was uns das verkauft werden soll. Ich grins mir einen und halte es weiterhin für Trallala Metal und wenn ein Arbeitskollege (kein Metal-Fan, war aber war trotzdem in Wacken) kommt und mir einen von Wacken und Metal erzählen will finde ich das echt nicht schlimmer als wenn er mir einen vom letzten Helene Fischer Konzert erzählen würde. (kann man ja auch notfalls ausdiskutieren ) Wichtig ist mir, das die Sabatons und Konsorten die anderen, kleineren, interessanten und kreativeren Bands, nicht erdrücken und verdrängen mit ihrer Präsenz. ...solange sie sie nur ergänzen, sollte man doch damit kein Problem haben. Wenn allerdings aus Kommerzgründen kaum noch anderes verfügbar wäre (was ich aber noch überhaupt nicht so sehe), dann hätte ich da auch nen gewaltiges Problem damit. Ich finde die Szene heutzutage wesentlich interessanter und breitgefächerter als früher und wenn man, auch als Folge davon, vielleicht mit solchen Bands (auch mit dem Etikett Metal) leben muss, dann habe ich damit kein Problem. Ich denke mal da wird man jetzt noch 20 Post schicken können, aber das führt zu nix … ausser evtl. zu einer interessanten Diskussion P.S. Und am WE freue ich mich erstmal auf das Slayer / Anthrax Package am Freitag und auf Shining am Samstag…. Da kommen bei mir bestimmt richtige Metalgefühle auf 
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von Feamorn » Mittwoch 11. November 2015, 18:49
Das was Peter da schreibt dürfte den Nagel in der Tat gut auf den Kopf treffen. Ich habe das Gefühl, dass hier über zwei verschiedene Sachen diskutiert wird. Aus der einen Richtung kommt "(Heavy) Metal" mit seinem Hintergrund als "soziales" Phänomen, eben das, wie es damals los ging (und ja, auch Black Sabbath kommen ja aus der Arbeiterecke), da ist die Musik Ausdruck eines gewissen Lebensgefühls (zu einer gewissen Zeit) und wurde so kennen und lieben gelernt. Aus der anderen Richtung kommt die Annäherung an den Metal also (größtenteils) rein musikalische Erfahrung, da fehlt dann einfach der Hintergrund einer gewissen (Jugend-) Kultur. Ich selbst komme wohl auch aus dieser Ecke, mit dem ganzen Ursprung aus den "unzufriedenen Arbeiterjungs" habe ich erst viel später Bekanntschaft gemacht, mein Weg zum Metal führte zum einen über die Musik und zum anderen über Textinhalte, die damals schon teilweise nicht mehr auf dem fußten, was im Ursprung mal da war.
Exakt Peters "Metal" vs. "Heavy Metal" hatte ich auch schon im Kopf, als ich einige frühere Beiträge hier gelesen habe. Klar passt vieles von dem, was heute in der Öffentlichkeit unter "Metal" läuft absolut gar nicht mehr in die ursprüngliche Definition, für mich ist das aber trotzdem "Metal", das ist halt einfach nichts was man mit dem ursprünglichen Begriff gleichsetzen sollte. Die ursprüngliche Musik hat jedoch so viel inspiriert und in Gang gesetzt, dass die "ursprüngliche Szene" die Deutungshoheit einfach nicht mehr haben kann. Metal ist für mich heute ein ähnlich allgemeiner Oberbegriff wie "Rock" oder "Pop" und nicht mehr präzise genug zu definieren, dass man sich alleine über diesen Begriff irgendwo einordnet. Die Grenzen sind so weit und in ständigem Wandel, dass sowohl ich mich nicht einfach als "Metaller" bezeichne und davon ausgehe, dass jemand anderes daraufhin weiß, was ich damit meine, als auch dass ich bei einem "Metaller" nicht weiß, was der meint. Ich bin von Anfang an so vielen "Metallern" begegnet, mit denen ich de facto 0% Überschneidungen in Musikgeschmack und sonstigen Ansichten hatte, und mit denen ich oft auch lieber nichts zu tun hatte.
Ich vermute, das ist, wenn man nicht erst Ende der Neunziger dazu gekommen ist, einfach noch deutlich anders erlebt worden. Wenn man heute sagt "ich höre Metal" sagt das genau eines, nämlich, dass man Musik hört, die einzelne gewisse Grundelemente beinhaltet. Nicht mehr, nicht weniger. Als wirklich identitätsstiftenden Begriff habe ich das schon zu meinen Anfängen '98 nicht mehr kennengelernt, und heute wird das noch deutlich weniger so aufgefasst werden. Das kann man blöd finden, vor allem, wenn man es anders kennt, aber die Bezeichnung für die Lebensauffassung ist im Laufe der Zeit einfach abhanden gekommen, und kennen tun sie nur noch die, die selbst dabei waren, oder die sich für die Historie der Musikrichtung interessieren.
Ich kann gut nachvollziehen, denke ich, dass Siebi und andere sich darüber so erregen, aber wie oben geschildert, "mein Metal" war niemals dieser, gestattet mir die Bezeichnung, "romantische" alte "Metal als Lebensauffassung" (wenn ich alles richtig aufgefasst habe), dafür kam ich einfach zu spät.
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von Feamorn » Mittwoch 11. November 2015, 18:57
Und eine kleine Anekdote zu Sabaton: Mein Gegenüber im Büro, kein Metaller, sondern aus dem Punk-/Punk-Rock-Bereich, hat im Sommer Abends in eine Übertragung des Sabaton Wacken-Auftritts reingezappt und mir danach selbst erzählt, was das für ein Rotz war und dass er das ja auch nicht als Metal verstehen würde. Also sieht auch nicht jeder der nicht in der Szene drin steckt Sabaton als vorbildlichen Vertreter jener an. 
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