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48.
TOM WAITS "Real Gone" Songwriter / Rhythm And Blues / Latin Jazz / Cubist Funk / Punk Rock Liedermaching
Der gute, alte Tom muss hier sehr, sehr häufig herhalten. Dies ist das vierte aber längst noch nicht letzte Album, das ich in dieser Reihung von ihm bespreche. Was hat es damit auf sich? "Real Gone" bedeutete nach den etwas anders gelagerten Musical-Eskapaden auf "Blood Money" und vor allem "Alice" ein Stück weit so etwas wie eine Rückkehr zum alten Stil, gleichzeitig aber auch den Aufbruch zu etwas Neuem. Neben gewohnt schönen und auch traurigen Balladen finden sich gewohnt rabaukende Heuler und Stampfer, doch auch zuvor von Waits ungehörtes wie Human Beatbox-Experimente, vermehrt rhythmusorientierte Stücke, auch politische Texte. Waits entwirft keine Manifeste, er plakatiert auch nicht, aber es gibt da gewisse Untertöne und konkretere Themen, die auf mehr verweisen als gut erzählte Geschichten. '
Don't Go Into The Barn' und '
Sins Of The Father' und könnte man zwar auch für sich stehen lassen, mindestens genausogut aber auch als Verweis auf die schuldbehaftete Besiedelungsgeschichte der USA interpretieren, aus '
Hoist That Rag' bei genauerer Betrachtung mehr als nur eine fantastische oder historische Piraten- und Plündergeschichte herauslesen. '
The Day After Tomorrow' schließlich schildert aus persönlicher Sicht die Heimkehrhoffnung eines Soldaten im Einsatz. Musikalisch hat sich mit "
Real Gone" zwar kaum weitreichend wohl aber grundlegend Neues getan, wenn man etwa an spätere Kollaborationen von Waits mit anderen Künstlern denkt, die auf Hip-Hop-Alben erschienen. Dazu passen dann die dezent eingeflochtenen Scratches seines Sohnes Casey genauso ins Bild wie die extremeren Vokalgrummeleien des Vaters. Reduziert wirken manche Stücke, reduziert auf einzelne Qualitäten des Meisters. Ballade grenzt sich ab gegenüber Rumpelsong und umgekehrt. Der Rahmen des Ganzen ist zwar sparsamer gezimmert, aber aus ihm heraus wagt sich Waits dann weiter vor als bisher. Alterswerk? Vielleicht. Letztlich aber doch nahezu zeitlos. Die Bandbreite ist ähnlich weit gesteckt wie einst bei "Mule Variations", doch beweisen muss sich der Künstler nichts mehr, nicht mehr jede Facette seines Könnens in die Winkel hinein ausleuchten. Stattdessen zieht er aber neuen Dreck aus diesen Winkeln, legt sie - je nach Stimmung des Songs - noch schräger an oder aber glättet sie im schlicht schönen '
Green Grass' wie schon lange nicht mehr.
47.
TOM WAITS "Small Change" Jazz / Blues / Songwriter
"Small Change" erschien 28 Jahre früher, nämlich 1976. Kurz danach sollte das eintreten, was von vielen Bio- und Diskograhpen als die Wende in Waits' Schaffen bezeichnet wird. Dabei zeichnet sich schon hier ab, dass Waits damals bereits - trotz der noch typischen "frühen" Beatnik- und Kaschemmen- und Szeneviertel-Thematik - seinen Kosmos deutlich erweitert hatte. Genau genommen hatte er das zuvor auch schon, aber egal... Hier jedenfalls findet sich neben klassischen Barjazz-, Lebens- und Liebesleid-Stücken wie '
Tom Traubert's Blues', '
The Piano Has Been Drinking' und '
Invitation To The Blues' mit dem Straßenverkäufer-Ruf '
Step Right Up' (hier in einer deutlich längeren und weicheren Live-Version), dem schmuddeligen '
Pasties And A G-String (At The Two O'Clock Club)' (ebenfalls länger und weicher als auf dem Album) und der musikalisch begleiteten, fast schon hörspielartigen Erzählung '
Small Change (Got Rained On With His Own .38)' (wie auch die anderen Live-Versionen noch verjazzter als im Original) bereits der Ansatz dessen, was sich schließlich auf späteren Alben von einer "szenigen" Verortung weiter emanzipieren würde: Die skizzenhafte Momentaufnahme, im Falle des Titelstückes auch die dabei mitschwingende, in wenigen Strichen angedeutete Lebensgeschichte, und auf musikalischer Ebene das einerseits cineastische, soundtrackartige, die textlich erzeugte Stimmung verstärkende Element - welches freilich bei Waits schon immer mitschwang, nun aber eigenwilligere, auch extremer werdende Formen findet, auch wenn es hier in allen Fällen noch sehr stark im Jazz verhaftet ist. Auf "Small Change" zeigt Tom bereits, wie findig und versiert er das Spiel mit Text, mit Musik, und vor allem mit deren Reibeflächen beherrscht, und dass er beides auf eine Zauberkünstlerart in den Dienst einer musikalischen Erzählung stellen kann, die Bilder, Stimmungen, Gefühle, Sinneseindrücke erzeugen, welche über reine Musik weit hinausgehen. Dass die dabei verwandten Formen lediglich geschickt komponierte, in sich nicht eigens neu kreiierte sind, schadet dem Album überhaupt nicht. Denn so schwingen stets Assoziationen mit, die Tom sich geschickt zunutze macht. Den Schritt vom Schwarzweiß- zum Farb-Film, mit eigens angerührter Farbpalette, machte er später, als er dafür bereit war. Hier aber reizt er zuvor noch einmal die Beschränkungen aus, bringt das Spiel mit Licht, Schatten, Übergängen und Kontrasten zur Vervollkommnung. Anders, altmodischer, aber deswegen nicht schlechter, als auf nachfolgenden Alben. Für modernere Hörer mag das vielleicht etwas gestelzt und arrangiert klingen. Für mich gerade richtig. Und für die meisten Leute, die nichts gegen Örtlichkeiten haben, bei denen es backstage wie auf dem Coverbild aussieht, wohl auch. Leider ergibt sich durch die oben angehefteten Live-Versionen der Stücke ein jazzigeres, aufgelösteres und weniger songorientiertes Bild des Albums. Aber was soll's, die sind schließlich auch cool.
46.
THE CURE "Disintegration" Pop / Rock / Wave
Jahaaa, das beginnt schon schön pathetisch und (bewusst etwas zurückgenommen zwar, aber letztlich eben doch) bombastisch mit feengleichem Säusel-Gebimmel und bedeutungsschwanger wabernden Romantik-Keyboards. Danach wird es ganz schwummrig und wasserfarben im Klang und bleibt auch so, bis sich die Scheibe nicht mehr länger dreht. '
Plainsong' eröffnet ein introvertiertes und sehr verträumtes Album von THE CURE. Die wandlungsfähige aber stets wiedererkennbare Band hat hiermit in den Ohren vieler ihr absolutes Meisterwerk geschaffen. Wem Robert Smiths weicher, leicht quengelig wirkender Gesang nicht zusagt, kann es gleich bleiben lassen. Der zweite Song kommt mit den charakteristischen verwaschenen Riffs und einer im Vordergrund stehenden Stimme daher. Natürlich sind auch wieder die träumerischen Feengesäuselbimmeleien mit dabei, man hat es hier ja ganz auf einen stetigen Fluss des Albums angelegt, dessen Faden nie abreißt. '
Pictures Of You' ist zugleich einer der bekanntesten Songs auf "Disintegration". Mit weich nachfederndem Trappelrhythmus und abermals träumerischem Gitarrenspiel und sachter Keyboarduntermalung schließt sich '
Closedown' nahtlos daran an, und langsam aber sicher sinkt man tiefer in das Werk hinein, ganz wie mit leichtem Fieber in ein altes Plüschsofa vor einem viel zu warmen Kachelofen.
Viel später, wenn Zeit schon längst keine Bedeutung mehr hat, kommt dann mit 'Lullaby' noch eine Hitsingle daher, wo Smith vom Spinnenmann aus einem Alptraum oder einer Kinderschreckgeschichte erzählt, wovon es dann auch noch einen
extended remix gab, und die auch
live immer wieder gerne gespielt und gehört wird, aber darauf sollte man das Album als solches keinesfalls reduzieren. Vielmehr hat man es hier mit einem Gesamtkunstwerk der Neuromantik zu tun, das vielen sicherlich zu schwülstig und langsam und dahinplätschernd sein wird. Macht aber auch nichts, weil das Album einfach prima Cocon ist, wenn die Welt da draußen gerade mal wieder zu neblig oder kalt ist und Menschen sowieso doof sind, sodass man lieber mal einen Tag komplett allein bei guter Musik im Bett verbringt.
45.
DEATH CAB FOR CUTIE "Transatlanticism" Pop / Rock / Indie
'
The New Year', '
Lightness', '
Passenger Seat' und '
We Looked Like Giants' sollten eigentlich genügen, um Freunde von kristallklarem Rock und Indiepop für "
Transatlanticism" zu begeistern. Dynamisch aber in gemäßigten Bahnen verlaufen die Songs von DEATH CAB FOR CUTIE darauf. Viel nachdenkliches, viel gefühlvolles und viel Liebe zum Detail bei größtmöglicher Eingängigkeit und einigen naturbelassenen Flächen und Kanten lassen die Musik auch beim x-ten Hören noch frisch klingen, selbst wenn sie "unspektakulär" daherkommt. Flirrend leicht zwar, aber mit Tiefgang.
So, das war heute mal etwas länger,
noch etwas TOM WAITS-lastiger und für manche vielleicht auch noch etwas abseitiger als sonst, aber auch wenn der Herr Waits wohl vielen zu kauzig sein wird oder manche gar hinter dem Todestaxi bloß eine weitere Abwegigkeit vermuten mögen (selbst schuld), so ist immerhin "Disintegration" ein Klassiker, der regelmäßig Erwähnung findet, sobald es irgendwo um THE CURE geht, und die sind schließlich keine Unbekannten. Gerade noch die Kurve in Richtung Mainstream gekriegt, wa?
[Also, das nächste Mal ist wieder 'ne bekannte Metalband dabei (versprochen!), wenn auch mit deutlich ruhigerem Stoff. Außerdem gibt's dann Alternatives mit tüchtigem Metal-Anteil, was Modernes zum Drüberaufregen (aber mit wenigen Sekündchen BLACK SABBATH drin), sowie etwas nicht mehr ganz so modernes aber dafür stimmungsvolles für schummrige Stunden (mit wenigen Sekündchen METALLICA drin).]
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)