Musikalische Erkenntnis des Tages

Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.

Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Holger Andrae » Dienstag 1. März 2016, 09:10

Ich bin da voll und ganz bei Rüdiger. Thommy, Du musst jetzt nicht auf Kuschelkurs gehen. Ich mag wortwitziges Spiegelvorhalten und ich mag die Diskussionen, die daraus entstehen.

Auch wenn es sich bei mir manchmal anders liest: Ich beobachte die neue Generation von Musikliebhabern und Musikern mit ziemlich großem Interesse und bewundere jene, die sich sowohl mit dem ganz neudischen Gesumsel beschäftigen (und vieles davon gut finden) und die gleichzeitig auch noch in den Klassikern stöbern. Hier stoße ich persönlich an meine zeitichen Grenzen und meine Geschmacksnerven wollen da auch nicht immer mitspielen. Aber: Es gibt hier keinen ersnthaften Angriff meinerseits. Alle Polemik kommt ausschließlich aus subjektiven Geschmackserlebnissen.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Raphael Paebst » Dienstag 1. März 2016, 11:44

salisbury hat geschrieben:
Drumtier hat geschrieben: Als musikalische Erklärung und sicher auch als gewisse Antithese der Anhänger zu diversen wechselnden Trends und Strömungen aber daran ist doch an sich noch nichts schlimm?


Drumtier, das verstehe ich so wie Du es meinst. Aus rein musikalischer oder historische Sicht macht der Begriff Sinn. Was ich nicht verstehe ist aber was anders, und wenn ich das alles richtig verstehe, geht es begrifflich und die Autentizität der Musiker (nicht der Musik). Und um deren Haltung zu ihrer Musik. Hier komm ich einfach gedanklich nicht rein. Ich spiele selbst bisweilen hobbymäßig Musik, manchmal auch mit Rüdiger. (Kacke, jetzt verkrall ich mich ja schon wieder in dem Thema). Aber ich habe lange gegrübelt, ob ich dabei eine besondere Attitüde als Person gegenüber unserer Musik habe. Öhem, nö. Ich möchte Spaß haben. Ich möchte gute Musik machen, ich möchte vielleicht sogar, dass es andere gut finden. Aber einen größeren übergeordneten Spiritus? Ähem, nein, irgendwie find ich da nichts. Ist das jetzt schlecht? Fehlt mir da jetzt was? Muss man, wenn man z.B. Death Metal spielt, eine "Death-Metal-Attitüde" haben? Und jetzt wirds noch bunter, wie kann jemand, der mich nicht kennt, wissen was für eine Attitüde ich habe, oder dass ich keine habe, und wie kann, noch einen Schritt weiter, ein Fremder diese (Nicht)Attitüde gar noch als "richtig" oder "falsch" beurteilen?

Ich kann mich an einen Satz erinnern, den ich schon häufiger gelesen habe. Hier? Im Deaf Forever? AUf Facebook? Ich glaub überall. "Diese Band hat die richtige Attitüde". Hier geht mein Gehirn auf Gedankenverhedderung, ich bekomme es nicht zusammen, wie ich es auch drehe und wende, ich renne gegen eine Wand aus Unlogik. Ich finde, den Satz kann man nicht sagen. Schon gar nicht ohne einen Zusammenhang zu erläutern.

Moment mal, kann das vielleicht mit diesem Okkult-Gedöns zusammenhängen? Selim Lemouchi z.B? Der hatte doch immer solche komischen Erleuchtugen, wo der Antikosoms mit ihm geredet hat oder so. Oder der Sabbathi von YEAR OF THE GOAT, der fühlt hier auch so überirdischen Kram beim Musikmachen. Vielleicht ist es ja das?

Sorry, alle anderen, ich wollte das wirklich nicht mehr aufbringen, aber ich hasse einfach ungelöste Rätsel...


also ich finde schon, dass man Musikern so etwas wie Authentizität zu- oder absprechen kann, wie auch anderen Menschen im Bezug auf Dinge, die sie tun, seien sie nun künstlerischer Natur oder anderer.
Nehmen wir mal zwei Beispiele, ein positives und ein negatives:

Da ist einerseits jemand wie Mark Shelton von Manilla Road, der sich rund um seine Shows und auf Festivals Zeit nimmt, mit allen Fans zu reden, mit dem man noch morgens um halb vier über Heavy Metal und heidnische Mythologie diskutieren kann und der im Prinzip seit Ende der 70er Musik macht, mit der er erst seit ein paar Jahren Erfolg in einem sehr begrenzten Sinne hat. Aber nicht mit der aktuellen Musik, sondern mit dem, was er vor bald 30 Jahren aufgenommen hat. Was macht der Mann nun? Nein, er nimmt nicht "Crystal Logic Pt. 2" auf, sondern eben "Mysterium" oder "The Blessed Curse".

Da ist auf der anderen Seite jemand wie Mille von Kreator, der seit Jahren erwähnt, dass er eigentlich keinen Metal mehr hört, dass er sich in eher intellektuellen, links-bürgerlichen Welten bewegt, sich für Kunst interessiert und was weiß ich noch alles. Was macht der für Musik? Platten wie "Hordes Of Chaos", bei denen er immer noch stumpfe Parolen zwischen Gewaltfantasie und Punk rausbrüllt, weil das eben ist, wofür Kreator steht und er damit sein Geld verdient und Erfolg in einem beträchtlichen Maß hat.

Ich finde schon, dass man da ohne allzu große onthologische Bauchschmerzen dem einen Authentizität zusprechen kann und dem anderen eben nicht. Und das sagt nicht unbedingt etwas über die musikalischen Qualitäten der letzten Alben von Kreator und Manilla Road aus, kann aber für jemanden, dem es wichtig ist, dass der Musiker hinter dem steht, was er da macht und der eben auch die Authentizität der Musiker wichtig findet, den Hörgenuss beeinflussen.

Das siind aber natürlich Urteile, die ich nur über Menschen fällen kann, die ich idealerweise persönlich getroffen habe, oder die sich in ihren öffentlichen Äußerungen so klar positionieren, dass klar ist, wie sie zu ihrer Musik und der Metalszene stehen.

Das Problem entsteht halt, wenn man von authentischer Musik im Sinne von "entspricht traditionellen Normen und Formen" auf authentische Musiker schließt, also jeder jungen schwedischen Band, die sich in Spandexhosen zwängt und den Maiden-Katalog im doppelten Tempo einspielt absolute Authentizität zuspricht.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon salisbury » Dienstag 1. März 2016, 13:05

Aaaah, ich glaube so langsam dämmert mir ein wenig, was damit gemeint ist. Ich finde das Thema - wie ihr merkt - sehr spannend und interessant, darüber könnte man fast sogar einen Artikel machen.

So langsam kristallisiert sich ein Gedanke heraus, der an Kants katergorischen Imperativ für richtiges Handeln erinnert. Für ihn ist das Handeln nur dann richtig, wenn es ein Zweck an sich und nicht aus einem Zweck heraus getan oder für einen Zweck getan wird. Hier also Musik um des Musizierens willen, also als Zweck an sich (was auch immer das im Konkreten heisst), ist authenthisch und in der Einstellung zur Musik (Attitüde) richtig, und Musik zu einem Zweck (Musik als Beruf, Musik zum Spaß haben, im Auftrag musikzieren,...) kann problematisch werden, vor allem wenn man dies allzu offen gezeigt wird.

Ich war nie so richtig der Kantianer, vielleicht komm ich mit diesem Ansatz deshalb so schwer klar. Dazu bin ich ein absolut unreligiöser Mensch, der wohl nicht allzu sensibel gegenüber Kunst ist, die aus tiefem Glauben an was auch immer gemacht wird. Bei dem konkreten Beispiel: Ganz unabhängig von allem drum herum, gibt mir wohl KREATOR wohl mehr als MANILLA ROAD, auch wenn Mark Sheldon gemäß Raf Text besser/sympathischer wegkommt. Was aber nach meiner Analyse auch sehr viel mit der sehr auf die eigene Meinung getrimmte Formulierungen zu tun hat. Es wird schon bei der Wortwahl überdeutlich, dass Du, Raf Mark Sheldon sehr viel lieber magst als Mille, und mir kommt es so vor, also suchtest Du dazu noch einen edlen Grund - richtige Einstellung und so, um deine Gefühle bei der Musik zu bestätigen. Und hier kommt wieder das Ding, was mich manchmal so fuchst. Manchmal habe ich den Eindruck, man möchte mit dieser Echtheits/Authentizitäts/Attitidüde-Debatte eine Art "richtiges" Musikhören einführen, Musik hören auf eine moralische Ebene stellen und der Szenewächter ist eine Art Moralwächter, der schaut, ob die Musiker nach dem kategorischen Imperativ musizieren. Und das geht nicht. Zumindest bei mir nicht. Gar nicht. Kant für Musik ist out! Es geht rein um Emotion, für Kant der niedrigste aller Zwecke, und die Magie des Musikhörens basiert für mich auf dem individuell wahrgenommene Verhältniss (interrelationship wäre das richtige Wort hier) zwischen Werkebene (was der Musiker für Musik komponiert) und Wirkebene (wie die Musik bei mir ankommt). Natürlich kann der Antriebsgrund für den Musiker (also das was ich mal Konzept-Ebene oder Masterplan genannt habe) einen Einfluss haben auf das Endresultat haben, aber ich stelle für mich fest, dass es hier absolut keine Zusammenhänge zwischen "richtigen" und vermeintlich falschen (unauthentischen) Antrieben gibt. Ich liebe MAYFAIR, bei denen alles aus purer Liebe zu Musik entsteht und die null zweckgebundene Interessen darüber hinaus haben. Aber Bands, die sich - jedenfalls nach aussen hin - "nur" anstrengen, gute Musik zu machen, damit sie sehr viele Menschen gut finden (ambitionierte Berufmusiker wie BLUES PILLS oder, jaja, BEYOND THE BLACK natürlich), oder weil sie eine gewissen Marke entsprechen (offenbar KREATOR, sicher auch SLAYEr oder MAIDEN) können ebenso funktionieren (wobi ich doch oft öde finde, stimmt). Dafür fallen viele andere echtmetallische Herzblutmusiker bei mir aus der Gunst, weil dieser Aspekt bei mir offenbar keinerlei Reaktion verursacht...

Spannendes aber schwieriges Thema...aber ich glaub ich habe ein wenig Erkenntnis und Verständnis gewonnen. :subber:
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Rüdiger Stehle » Dienstag 1. März 2016, 13:36

Mayfair ist für mich übrigens ein Paradebeispiel für eine absolut 100% authentische Band. Nur mal so am Rande. Sie machen aus purer Liebe zur Musik einen sehr eigenwilligen, unkommerziellen, ungenerischen Sound, weil eben der Sound in ihnen ist. Das ist für mich quasi die Definition für Authentizität in der Musik. Und sie trifft hier auf eine Band zu, die kein Stück weit vermeintlichen traditionsmetallischen Szenekodizes entspricht, die aber trotzdem - jede Wette - von den durch dich gescholtenen Sprachrohren der traditionellen Szene (Umfeld DF, SMB, KIT etc...) eben für diese Authentizität und für die Freundlichkeit und Offenheit der Musiker besonders geschätzt wird, selbst von jenen, die mit der Musik nicht 100% klar kommen. Frag doch René mal, wie er und seine Band sich in dem besagten Dunstkreis angenommen fühlen... :subber:
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon salisbury » Dienstag 1. März 2016, 13:45

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Wenn du Spaß haben und mit Freunden zusammen gute Musik machen willst, die dir selbst und anderen gefällt, dann ist das für mich bereits eine derart weitgehend identifizierende Haltung der eigenen Musik gegenüber, die für mich völlig ausreicht, um mir als absolut 100% authentisch zu gelten.


Vielleicht bin ich da zu naiv, aber ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, dass dies bei einem andenen Musik schaffenden, egal aus welchem Antriebsgrund - anders ist. Auch der von Raf erwähnte Mille will mit seinen Leuten versuchen, gute Musik machen und allein das gefühl, dass dies gelingt, bringt den nötigen Spaß, oder nicht? Selbst wenn er diese Art von Musik an sich im Privat nicht mehr so richtig toll finden sollte.
Oder eben Joey Belladonna: Vielleicht mag ja die Texte nicht, und das Gesamtpacket ANTHRAX ist ihm auch moralisch nicht viel Wert, aber wenn der Wille allein, gute Musik zu machen, zählt, um die hundert Punkte für Authentizität einzuheimsen, sollte eigentlich jede jemals hier im Forum diskutierte Band diese 100 Punkte einheimsen. So why bother at all?

Anderum ist es aber doch so, dass allein das Bemühen, gute Musik zu machen und das intensive Fühlen derer noch lange nicht zu einem wertvollen Produkt führt. Das ist eher der Ursprung von allem. Der Rest ist Fleiß. Proben. Üben. Tüfteln. Verbessern. Arbeiten. Den Gedanken in die Tat umsetzen. Das ist auch für mich alles greifbar, das ist, was im Ohr ankommt, was eine Realtion auslöst, das kann man bewerten, beurteilen kann und hier entscheidet sich Gefallen von Nicht-Gefallen. Zumindest bei mir. Ich finde es aber zunehmend faszinierend, dass es vielleicht doch einen Ebene jenseits dessen gibt. Das war mir irgendwie noch niemals bewusst. Eventuell wäre es cool, wemm ich dahinter käme. Oder gefährlich. Bin mir da nicht sicher... ;-)
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Siebi » Dienstag 1. März 2016, 13:46

Mille ist in meiner Empfindung seit Jahren alles andere als authentisch. Der spielt wieder Thrash, weil das die Leute von Kreator hören wollen und vor allem wie geschnitten Brot kaufen. Sichert seinen Lebensunterhalt mit Musik, die er zwar nicht mehr von Herzen spielt, wie er selbst sagt, aber den Kühlschrank füllt. Legitim und zumindest finde ich die Aussage authentisch ehrlich, denn er könnte ja das Business-Spiel mitspielen und von geilsten Thrash aller Zeiten schwafeln, denn Kreator stehen eben dafür, für den Thrash. Da mir die Band bis auf wenige frühe Alben und die für mich geile "Endorama" wurscht ist, stört's mich ollen Szenewächter nicht. :D

Die Diskussion ist unterhaltsam, aber so sinnvoll oder sinnlos wie die generelle Diskussion über Kunst, deren Gefallen dem subjektiven Empfinden unterliegt. Aber deswegen sind wir ja hier, also... weitermachen!
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Holger Andrae » Dienstag 1. März 2016, 13:49

Ich vermute, es liegt auch darin, wann und weshalb man sich urpsrünglich einmal in diese Musikart verliebt hat. Bei mir hatte das schon auch einen rebellischen Grund, aber es kamen sehr schnell andere Sachen hinzu. Do-It-Yourself-Attitüde, die ich im direkten Freundeskreis erlebte. Da entstanden Bands aus dem Nichts, die dann tatsächlich auch nich einen gewissen Erfolg verbuchen konnten. Da waren Leute in meiner Klasse, die einen Song auf einem RH-Sampler hatten. Ich war so etwas wie ein Roadie. Dabei hat man noch weitere lokale Bands kennen gelernt. Aber auch der internationale Zusammenhalt war enorm ansprechend. Tapetrading ging über die ganze Welt. Alle sprachen eine Sprache, die Aufbruchstimmung war an allen Orten zu spüren und als ich dann anfing selbst fürs Underground Empire zu schreiben wurde das alles noch intensiver. Der direkte Kontakt zu den Musikern, das war alles "echt". Die haben sich Stunden Zeit genommen, um Briefe zu beantworten. Das mag man jetzt als verklärten Unsinn von damals deklarieren und man mag die Frage stellen, was das mit dem Thema "authentisch sein" zu tun hat, für mich ist dieser SPirit aber bis heute nicht komplett verschwunden, nur eben anders ausgerichtet und vielleicht auch noch tiefer verwurzelt als damals. Ich höre bei Beyond The Black (das Beispiel wird hier ja andauernd heran gezogen) eben nicht diesen Do-It-Yourself-Gedanken und habe auch so meine Probleme mir vorzustellen, dass eine Band so aufgesetzt klingen will, wie es die Band in meinen Ohren eben klingt. In meinem Empfinden ist Rock'n'Roll eben nicht sauber und wer sauberen Rock'n'Roll spielt, klingt in meinen Ohren schon allein deshalb nicht wirklich authentisch, weil er meinen Grundgedanken der vorgegebenen Musikrichtung nicht bedient. Wenn John Coltrane eine Reggae-Scheibe aufgenommen hätte und behauptet hätte, es wäre Free Jazz, wäre es auch nicht authentisch für mich. Das ist jetzt arg schwarz/weiß gemalt, ich weiß, aber es erklärt vielleicht ein bisschen, meine Probleme mit diesem Saubermann-Rock. Wenn dann auch noch eine saucoole Motörhead Nummer so sauber nachgesungen wird, ist mein Verständnis komplett dahin. Cover man einen Song von Lemmy geht es einzig und allein darum, das Gefühl zu vermitteln und nicht vom Blatt die Noten korrekt zu treffen. Das ist maximal die halbe Miete für mich.

Mir ist klar, dass jüngere Hörer einen komplett anderen Ansatz an "authentische" Musik haben werden. ALlein, weil ihnen in den letzten Jahren anderes vorgelebt wird. Das wird mit jüngeren Musikern genau so sein. Insofern kann ich den Damen und Herren von Beyond The Black schon abnehmen, dass sie genau diese Musik machen wollen und sie wahrscheinlich gar nicht verstehen, warum so olle Zausels ihre Musik belächeln.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Raphael Paebst » Dienstag 1. März 2016, 13:53

Ein paar Anmerkungen zum Anfang:

1. Der Mann heist Shelton, nicht Sheldon. ;-)
2. Ich bin auch absolut kein Kantianer und finde Kants Texte unglaublich anstrengend, trotz oder gerade wegen meines Philosophiestudiums.
3. Ja, ich finde Mark Shelton sehr sympathisch, habe aber auch einfach häufiger mit ihm persönlichen Kontakt gehabt, zu Mille einfach gar nicht. Persönliche Sympathie spielt sicher auch eine Rolle, darum ging es mir aber weniger.

Worum es mir geht: Es gibt viele Gründe, Musik zu machen und davon sind die allerwenigsten verwerflich, mal von denen im Rechtsrock abgesehen. Ist jemand Berufsmusiker, gerade auf einem, nennen wir es mal mittleren Erfolgslevel, dann bringt das seine ganz eigenen Zwänge mit sich, die ich sehr wohl respektiere. Wenn so jemand sein Leben lang von der Musik halbwegs leben konnte, hat er nach 30 Jahren Musikertum auch einfach keine große Alternative mehr, etwas anderes zu machen. Das ist ein bisschen wie bei Berufssportlern, die können, nachdem sie ihren Körper kaputtgemacht haben, auch nur noch als Funktionäre, Trainer oder Fernsehkommentatoren arbeiten, der Berufseinstieg als Bankkaufmann ist mit Mitte 40 einfach verdammt schwer, für jemanden, der die 50 anpeilt erst Recht. Sich da auf eine musikalische Formel zu verlassen, die regelmäßig ausreichend Geld in die Kasse spült, ist logisch, vernünftig und ich respektiere das jederzeit. Ein Musiker, der nicht von der Musik lebt, hat da natürlich größere Freiheit, da er kommerzielle Aspekte bei der Musik außen vor lassen kann. Das ist bis zu einem gewissen Grad der Unterschied zwischen Kunsthandwerk und Kunst, das eine ist ein Lebensunterhalt, das andere ein Lebensinhalt, sozusagen. Wenn ich also Musik aus nicht-kommerziellen Beweggründen mache, brauche ich andere, im Zweifelsfall sind das dann solche der Freude, des Spaßes oder meinetwegen auch spirituellere, die ins religiöse gehen. An dieser Stelle kommt es dann vermutlich seltener vor, dass Leute Musik machen, die sie selbst nicht gut finden, da sie ja mit ihrer Zeit sonst etwas anderes anfangen könnten.
Die Gründe, warum man sich für Metal im speziellen entscheidet, können dabei auch wieder unterschiedlich sein. Vielleicht hört man diese Musik einfach am liebsten, hat das seit jeher getan und ist einfach durch und durch Metalfan, vielleicht liebt man aber auch eiinfach die Herausforderung, technisch anspruchsvolle, komplexe Musik zu spielen, was sicher für viele Musiker im Prog und Extreme Metal ein Ansporn ist. Warum man das macht, ist letztendlich egal, denn auch hier liegt die ominöse Authentizität noch nicht verborgen. Sie liegt viel mehr dort, wo neben der Freude an der Musik auch ein generelles Interesse an dieser Art Musik und dem, was sich Szene nennt, dazugehört. Authentische Musiker interessierenn sich nicht nur für ihre eigene Musik, sondern für das Genre im allgemeinen, sie denken darüber nach, haben eine Meinung, wollen Teil einer Szene sein oder mit ihr interagieren.

Nehmen wir beispielsweise deine Favoriten von Mayfair, die ich gerade erst in Athen gesehen habe, wo sie zwischen extrem traditionellem Metal aufspielten, den du vermutlich eher langweilig findest und von einem sehr traditionellen Publikum abgefeiert wurden. Das sind authentische Musiker, die sich, zumindest im Falle von Rene, immer wieder im Metal Underground bewegen, eine Meinung haben und diese äußern und offenbar auch sehr viel Spaß und Interesse an dem haben, was im Heavy Metal so passiert, selbst wenn ihre eigene Musik damit nur am Rande zu tun hat. Zudem haben sie offensichtlich Spaß an ihrer eigenen Musik, sie kommt von Herzen und das merkt man auch auf der Bühne.

Wenn im Gegensatz dazu nun, um nochmal auf ihn zurückzukommen, ein Mille 'Flag Of Hate' live spielt und davor mit einer seiner üblichen "Ich will, dass ihr den Laden zerlegt"-Ansagen das Publikum animiert, dann ist halt klar, dass das nicht das ist, was der Mann privat momentan so denkt, fühlt und hören oder spielen würde. Das ist dann nicht authentisch, sondern eine (mehr oder weniger) gute Show.

Wenn nun ein Dave Mustaine nach seiner Bekehrung zum evangelikalen Christentum gewisse Songs aus seiner Jugend nicht mehr spielen will, dann ist das in dieser Hinsicht ehrlicher und authentischer, macht mir den Mann aber noch lange nicht sympathischer. Das ist vielleicht ein Indiz dafür, dass Sympathie und Authentizität nicht zwangsläufig zusammenfallen müssen.

Auch wenn dir dein Spezi Luca Turilli im Interview voller Begeisterung erzählt, wie er an, von der Regierung gesponsorten, Hochleistungsrechnern sein Orchester programmiert und gesampelt hat und wie sehr er sich über die Orchestrierung seines letzten Albums freut, ist das authentischer, als wenn er einfach "Symphony Of Enchanted Lands III" aufnehmen würde, auch wenn er das vermutlich problemlos komponieren und einspielen könnte. Es wäre aber eben nicht das, was er machen will, also unehrlich und unauthentisch.

Um es nochmal zusammenzufassen: Authentizität ist nicht nötig, um gute Musik zu machen, wo sie vorhanden ist, kann dies jedoch die Freude, die ich beim Hören der Musik empfinde erhöhen, es gibt aber im Leben von Berufsmusikern Situationen, in denen Authentizität zugunsten eines halbwegs geregelten Einkommens aufgegeben werden muss, was ich jederzeit respektiere.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon salisbury » Dienstag 1. März 2016, 13:59

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Frag doch René mal, wie er und seine Band sich in dem besagten Dunstkreis angenommen fühlen... :subber:


Ich glaube er ist/oder war sehr frustriert, dass ausser Sympathie-Bekundungen niemals irgendetwas darüber hinaus kam. Anfragen, auf solchen Events zu spielen, wurde Absagen erteilt, und vor ein paar Jahren kam es glaube ich auch mal zu einer größeren Zerwürfnis, da hätten sie auf einem Underground-Event in Würzburg spielen sollen (ich hatte auch Ticktes), dann wollten/durften/sollten sich nicht, whatever. Damals hatte ich auch zum ersten Mal Idee, die Band einzuladen. Taina hat dann vorgemacht, wie das geht.

Jetzt läuft es zumindest in Griechenland, wo sie auf einem Metal-Event gespielt haben. Hab die Facebook-Bilder gesehen.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon salisbury » Dienstag 1. März 2016, 14:16

Holger Andrae hat geschrieben: Der direkte Kontakt zu den Musikern, das war alles "echt". Die haben sich Stunden Zeit genommen, um Briefe zu beantworten. Das mag man jetzt als verklärten Unsinn von damals deklarieren und man mag die Frage stellen, was das mit dem Thema "authentisch sein" zu tun hat, für mich ist dieser SPirit aber bis heute nicht komplett verschwunden, nur eben anders ausgerichtet und vielleicht auch noch tiefer verwurzelt als damals.


Ich hatte zwar damals keinen Kontakt zu Musikern (abgesehen vom der Herrenberger Jugendhaus/Probraum-"Szene") dafür aber erleichtert durch Facebook heute umso mehr. Viele nehmen sich Zeit und antworten schell und ausführlich. Das finde ich total super. das ist kein verklärter Unsinn. Ich würde diesen Fakt heute für mich aber nicht allzu (spirituell) überhöhen. Für viele Bands ist dies heute sogar überlebenswichtig, Kontakte zu knüfen, über die Musik hinaus präsent zu sein, damit überhaupt irgendjemand von ihnen Notiz nimmt und jeder wird zu einem Musikredakteur, der ein positives Review schreibt, nein der ÜBERHAUPT ein Review schreibt, erstmal freundlich sein. ;-). Das war damals nicht anders. Nur mit umgedrehten Vorzeichen. Damals warst Du froh, das der verehrte Musik überhaupt mit Dir kommuniert. Heute ist der Musiker froh, wenn überhaupt mal einer sich die Zeit nimmt, reinzuhören und einen Kommentar dazu zu verfassen. Es ist aber was, was auch mir sehr viel Spaß macht 8-). Ich glaube abgesehen von einer anderen Perzeption von Musik sind wir von unserer Einstellung, haha, also unserer Attitüde zur Musik sehr sehr ähnlich, Holg! 8-)
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