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von Eike » Mittwoch 22. Februar 2023, 23:47
Martin van der Laan hat geschrieben:By the way, was um Himmels Willen hat Oberkaputnik G.G. ALLIN in diesem Thread verloren...??
Der ist ein Beispiel für tatsächlich grenzen- lose Menschenverachtung in seinen Texten. Und er ging im Privatleben - quasi in Fortsetzung der künstlerisch ausgerufenen Menschenfeindlichkeit - ähnlich konsequent suizidal gegen die eigene Person vor wie der DISSECTION-Kaputtnik, bloß eben auf Raten. Im Gegensatz zu Mr. DISSECTION war G. G. ALLIN jedoch weder Mörder noch Mitglied einer volksverhetzenden politischen Gruppierung (es sei denn, man möchte die abseits der Bühne nicht auffälligen MURDER DOLLS etc. auf Teufelkommraus als solche bezeichnen, obwohl sich deren kollektiver "Terrorismus" abseits der ganz offensichtlich schockrockend überzeichneten Songtexte - meines Wissens - ausschließlich gegen ein genau dafür zahlendes Publikum richtete). Die Faszination am Phänomen G. G. ALLIN ist mein persönliches guilty pleasure und spricht mich auf der Punkebene anscheinend vergleichbar dazu an, wie das der Nödtveidt bei Rüdiger auf der Blackmetal-Ebene tut. Bei beiden Musikern gingen Kunst und Leben anscheinend Hand in Hand - das war mein Bezugspunkt. (Allin soll abseits der Bühne für einen misanthropischen Asi-Junkie mit frühkindlicher Missbrauchserfahrung durch die eigenen fanatisierten Eltern allerdings vergleichsweise umgänglich gewesen sein - wenn man dem ihm nahestehenden Umfeld glauben schenken darf; andererseits: Wer würde sonst überhaupt noch den Umgang suchen? Wie er sich anderen Personen gegenüber verhielt, entzieht sich meiner Kenntnis.)
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Eike
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von Rüdiger Stehle » Mittwoch 22. Februar 2023, 23:55
Das mit dem Antisemitismus würde mich wirklich interessieren, weil die MLO-Ideologie der Band sich ja in weiten Zügen auch aus kabbalistischem Okkultismus nährt. Die ganzen Anbetungen der Dämonen jüdischen Ursprungs sprechen ja nicht unbedingt für eine Ablehnung jüdischer Traditionen, davon abgesehen, dass sie auch hieraus natürlich das Böse als das Heilbringende ansehen, aber das gilt ja für alle religiösen Traditionen, die sie aufgreifen, christlich, zoroastrisch, hinduistisch, heidnisch usw... Dass die Ideologie insgesamt indes ohne Weiteres als menschenverachtend zu qualifizieren ist, steht außer Frage und ist letztlich namentlich Programm des misanthropischen luziferianischen Ordens. Aber einen spezifischen rassistischen Hintergrund habe ich nie mitbekommen, und es würde mich wundern, wenn mir der entgangen wäre, denn die Szene in der wir uns bewegen, lässt ja selten mal etwas unentdeckt, das man gegen eine Band verwenden kann. "Reinkaos" geht aber ja letztlich sogar über allgemeinen Menschenhass weit hinaus, indem es letztlich einfach die Zerstörung jeglicher Ordnung, jeglicher Setzung, jeglicher Göttlichkeit und Naturgesetzmäßigkeit propagiert: Beliefs
The MLO believes in "Chaosophy": They believe that chaos is an infinidimensional and pandimensional plane of possibilities, in contrast to cosmos which only has three spatial dimensions and one linear time dimension. They also believe that, in comparison with the linear time of cosmos, chaos can be described as timeless in the way that it is not contained nor limited by one-dimensional time, and formless, because of its ever-changing and infinite number of space dimensions.[2]: 4–6
Militant neo-gnosticism and misanthropy is taught within the group, and they say that the true Satanist must not be a part of the modern society, as it is founded upon lies. The very fabric of this reality is a lie that hinders chaos from realizing itself.[2]: 8–13
These are the three dark veils before Satan, in their belief system seen as the three forces that were expelled from Ain Sof in order to make way for the manifestation of the "Black Light" in the "outer darkness" that soon became Sitra Ahra:
000 - Tohu - Formless chaos: Qemetiel ("crown of gods") 00 - Bohu - Emptiness/Nothingness: Beliaal ("without god") 0 - Chasek - Darkness: Aathiel ("uncertainty")[2]: 29,41,56–58
These three powers can be seen as the burning trident held high above the Thaumielitan. These three powers can also be viewed as wrathful reflections of Ain, Ain Soaf, and Ain Soaf Aur.
Es wird also dauernd auf Themen aus der Kabbalah aufgebaut, was man bei einem spezifisch anti-semitischen Hintergrund sicher in dem Maße kaum tun würde.
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von Rüdiger Stehle » Donnerstag 23. Februar 2023, 00:31
Das hier ist für mich die lyrische Essenz der "Reinkaos": Maha Kali - Dark Mother - Dance for me Let the purity of your nakedness awaken me Yours are the fires of deliverance which shall bring me bliss Yours is the cruel sword which shall set my spirit free
Devourer of life and death who rule beyond time In thy name I shall fulfill my destiny divine Maha Kali - Formless One - Destroyer of illusion Your songs forever sung - The tunes of dissolution
Kalika - Black Tongue of Fire - Embrace me Make me one with your power for all eternity Awaken within me the reflection of your flame Kiss me with your bloody lips and drive me insane
Jai Kalika! Jai Kali! Make me one with your power for all eternity Maha Kali, come to me!
Smashana Kali - I burn myself for thee I cut my own throat in "obscene" ecstasy I make love to abominations, embrace pain and misery Until my heart becomes the burning ground and Kali comes to me
O Dark Mother - Hear me calling thee Mahapralaya - Bring to me Through all illusions I shall see I shall cremate this world and set my essence free
Jai Kalika! Jai Kali! Without fear I will dance with death and misery Maha Kali, come to me!
"O Kali, thou art fond of cremation grounds So I have turned my heart into one, that thou may dance there unceasingly. O mother - I have no other fond desire in my heart. Fire of a funeral pyre is burning there." Ramprasad (1718-75)
Jai Maha Kali! Jai Ma Kalika! Jai Maha Kali! Jai Ma Kalika! Kali Mata Namo Nama! Kali Mata Namo Nama!
Jai Kalika! Jai Kali! At your left hand for endless victory Maha Kali, come to me!
Jai Kalika! Jai Kali! Mahapralaya - Will set our spirits free Maha Kali, come to me!
Und das Irrwitzige ist halt, dass man ähnliche Lyrik sicher oft in ähnlicher Form findet, im Bereich des Black Metals, dass aber selten einmal diese Ernsthaftigkeit drin steckt, die dich sofort spüren lässt, dass hier nicht einer einfach Horrorgeschichten vom Deibel & Co. erzählt wie weiland Onkel Cronos und King Diamond. Der Mann hat das eiskalt angekündigt, was folgen sollte, und auch eiskalt durchgezogen. Nicht, dass ich ihn dafür als Person bewundern würde, mitnichten, mitnichten. Für mich ist sicher nichts an seinem Suizid, das ich Heroisieren möchte. Aber seine ganze Vita macht das Album eben zu einem gespenstisch intensiven Manifest menschlicher Abgründe. Am 30.04.2006 kam das Album, am 24.06.2006 hat er es live vorgestellt, am 13.08.2006 war er tot, hat er sich selbst geopfert. Der Kali, die er in seinem letzten Song im Leben herbei gesehnt hat? Es war der letzte Song auf seinem letzten Album, es war der letzte Song seines letzten Gigs. Für mich ist das so spooky und so fesselnd, und nochmal zur Sicherheit: Ich will Nödtveidt weder verklären noch irgendwie rechtfertigen oder sein Verhalten im Leben relativieren. Trotzdem hat sein Wahnsinn eben für mich völlig unsterbliche Kunst erst möglich gemacht.
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von Martin van der Laan » Donnerstag 23. Februar 2023, 00:44
Viele interessante Themen und Gedanken kommen hier hoch... mit G.G. ALLIN habe ich mich tatsächlich mal näher beschäftigt aus purer persönlicher Faszination und weil ein Freund Platten von dem Kerl hatte. Aber hier ist der DISSECTION-Thread. Meine Frage ist, ob all diese neo-gnosti-satano-paganen Kabbala-mystischen Musiker, Texter etc. wirklich so tief in den ganzen alten Philosophien drin steckten und diese verinnerlicht hatten, wie man uns glauben machen will. Oder haben sie auch nur ein paar Bücher gelesen? Religionsgeschichte und -psychologie sind sehr ernst zu nehmenden Disziplinen, und den unmittelbaren Zugang zu den alten Weisheiten wird schwerlich noch jemand haben. Außer er glaubt es in irgendeinem Betäubungsmittelrausch. Sagt mir ehrlich, liebe Leute... wie viel davon ist einfach nur eklektizistischer Vollquatsch und im Grunde nur ein stummer Schrei nach Liebe??? Ich weiß es nicht. Aber die systematische Philosophisierung einer suizidalen Depression bei einem maximal empfindsamen und kreativen Menschen wird dem Menschen an sich als lebensmüdem Individuum doch nicht gerecht. Mir kommt das alles komisch vor... wenn ich Texte im Bachelor-Arbeit Gestus lese über all diese vermutlich recht profanen Gemengelagen, aufgepeppelt mit satanischen Gegriffsankern. Hier Schreibende sind explizit ausgenommen von jeder Kritik dieser Art, sonst würde ich ja nicht in die Debatte einsteigen. Aber man kommt bei all den misantrophen Ideologien irgendwie nie weit, wenn man länger drüber nachdenkt. An Ende ist die Verneinung einfach nur bequemer und einfacher als das "Ja, trotzdem!!" Wenn mein Sinn in der Verneinung liegt, erkenne ich das Verneinte doch schon als Authorität an...? Na gut, ein bisschen (Schmalspur-)Philosophie am Abend. Wenn die DESTINY'S END zu Ende ist, höre ich noch ein bisschen DISSECTION. Gute Nacht, die Herren!
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von Eike » Donnerstag 23. Februar 2023, 01:00
Rüdiger Stehle hat geschrieben:Das mit dem Antisemitismus würde mich wirklich interessieren, weil die MLO-Ideologie der Band sich ja in weiten Zügen auch aus kabbalistischem Okkultismus nährt. Die ganzen Anbetungen der Dämonen jüdischen Ursprungs sprechen ja nicht unbedingt für eine Ablehnung jüdischer Traditionen [...] Es wird also dauernd auf Themen aus der Kabbalah aufgebaut, was man bei einem spezifisch anti-semitischen Hintergrund sicher in dem Maße kaum tun würde.
Es wird also dauernd auf Themen aus der Kabbalah aufgebaut, was man bei einem spezifisch anti-semitischen Hintergrund sicher in dem Maße kaum tun würde.[/quote]Ich weiß jetzt nach über zehn Jahren (das Album stand bei einer heutigen Ex-Freundin herum, und da sie da noch längst nicht meine Ex war, interessierte mich in dieser Phase erstmal ALLES was sie so hörte, egal ob es mir persönlich gefiel), auch nimmer, ob ich die Judenfeindlichkeit in dem Text eher als rassisch, als spirituell, als Gemengelage oder als gänzlich unspezifisch interpretiert habe. Das ist ohne Kontextwissen zum Künstler anhand eines einzelnen Werkstücks auch keine triviale Fragestellung. (Es hat mich - wie die Band selbst - dann aber auch nicht weiter interessiert. Es ist halt "nur" irgendsoein mehr oder weniger generischer Blackmetal und kein aufregend exzessiver Selbstvernichtungsbühnenschockrock auf auch musikalischem Kamikaze-Niveau für mich.) Allerdings ist es ja oftmals auch beim politisch aktiv agierenden und diesbezüglich auch hochmotivierten Antisemitismus der Fall, dass rassische Gesichtspunkte geradeheraus verneint oder schlichtweg zurückgestellt werden, etwa wenn ein gegenüber seinem Gastgeber Michel Friedman erstenmal offensiv heilhitlernder Horst Mahler im weiteren Verlauf des Interviews versucht, seinen Antisemitismus durch weitschweifendes Rumhegeln philosophisch zu begründen und rechtfertigen versucht, immer wieder - genau wie zahlreiche andere spirituell/esoterisch schwurbelnde Rechtsextremisten lange vor Himmler/Hitler und Co. - betont, er könne Friedman gar nicht dafür hassen, dass dieser qua seines Judentums bereits automatisch die böse Seite des Weltgeistes verkörpere, die gemäß einer höheren Vorsehung erst durch dessen Bekämpfung das Gute auf dialektischem Wege hervorbringen könne: Er verabscheue Friedman nicht als Mensch, er bedauere vielmehr dass es diesem aufgrund seines Judentums gänzlich unmöglich sei, diese tiefgründigen Erkenntnisse einer der deutschen Volkseele entspringenden Wahrheitsfindung überhaupt begreifen zu können, aber dies sei nun einmal die tragische Rolle, die das Judentum zwangsläufig spiele im Laufe der Welt. Ähnlich hat ein Eichmann sich weitaus tiefgehender in jüdische Bräuchen und Traditionen eingelesen als vermutlich die allermeisten seiner Opfer. Auf der anderen Seite gab es Menschen, deren tiefe Einarbeitung in die Ideologie des Antisemitismus sie erst dazu inspirierte, sich wegen ihrer aufgrund dessen als existentielles Problem empfundenen jüdischen Abstammung selbst zu töten. Tja, bei solcher geistigen "Besessenheit" und starrsinnigen Getriebenheit ist mir die akademische Frage, welchen ideologischen Überbau der gelebte und propagierte Antisemitismus hat, wirklich schnurzpiepe. Und da Menschen ohnehin weder rational-funktional konstruierte Automaten noch reine Geistwesen immakulöser innerer Logik sind sondern psychisch (re)agierende und physisch störanfällige Wesen, halte ich es auch für illusionär, dass irgendein Antisemit (oder sonstige Mensch) völlig wiederspruchsfrei nach irgendeiner bis ins minutiöse Detail ersichtlichen konsistenten Doktrin denkt, fühlt, handelt... Will heißen, in der Praxis wird deine These, dass glühende Kabbalah-Exegese einen spezifisch-antisemitischen Hintergrund rein logisch verunmöglichen müsse, immer mal wieder in sich zusammenkrachen wie eine noch so perfekt gefertigte Stabkirche, wenn die umliegende Temperatur zu hoch wird. Du und ich, Rüdiger, und daher werde ich mich Dir immer irgendwie nahe fühlen, tendieren aus meiner Sicht sehr dazu, alles immer ganz genau analysieren, nachempfinden, ordnen, verstehen, in einer inneren Schlüssigkeit erklären oder gar bewahren zu können. Aber letztlich sind wir beide und unsere Mitmenschen allesamt hochkomplexe Tiere, und dem werden wir mit einer buchstabengetreuen Auslegung menschlicher Äußerungen niemals gerecht werden können. Wir sind quasi "Sinn"-romantisch. Leider verlieren wir darüber manchmal die "Bodenhaftung", die es eher instinktiv-populistisch an die Tiernatur appellierenden (nicht nur) Antisemiten und anderen Politikern ermöglicht, ihre Absichten völlig losgelöst von irgendeiner reinen Logik auszuleben und voranzutreiben. Vielleicht gibt es ja auch ausschließlich physikalisch-chemisch-biologisch-psychologische Sinne und jenseits derer überhaupt keinen Sinn, außer den, welchen wir aus den realen Sinnen abgeleitet psycho-philosophisch erfinden und als soziokulturell-religiös-politisches Werkzeug nutzen? Bei aller Liebe zur Trennschärfe und intellektuellen Redlichkeit: Völlig verlieren sollte man sich in solchen zeitaufwendigen modellhaften Abstraktionen auch nicht, während das physisch konkrete Leben um einen herum in Echtzeit tobt. Ups, ich rede da ja wieder auch, wenn nicht gar noch vor allem anderen zu mir selbst. ALSO: Genug von meinem wirren Geschreibsel für heute!
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von Rüdiger Stehle » Donnerstag 23. Februar 2023, 01:07
@ Martin:
Ich bin da durchaus bei dir.
Natürlich haben sich die Spezialisten vom MLO am Ende einfach nur die dunklen Götter, Geister und Dämonen aus jedweder Mythologie heraus geangelt, diese zu einer elffaltigen Chaosgottheit umgedeutet, und darauf eine Ideologie aufgebaut, die nur sie selbst zu den sehenden Gnostikern gemacht hat, die sich dadurch berechtigt fühlen durften, die Welt in eben jenes Chaos stürzen zu wollen, das sie selbst zum Heil an sich gekoren haben.
Natürlich ist das eklektizistischer Vollquatsch, und vielleicht sogar auch ein - nicht ganz so stummer - Schrei nach Liebe. Mein Punkt ist nicht mehr und nicht weniger, als dass ER es ernst gemeint hat, und dass ICH das Gefühl habe, dass man das dem Werk anmerkt, wodurch es eine auf besondere Weise berührende, tragische Ernsthaftigkeit hat, die gleichermaßen abstoßend wie anziehend wirken kann. Am Ende eine Ambivalenz, die Kunst gut zu Gesicht steht.
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von Rüdiger Stehle » Donnerstag 23. Februar 2023, 01:15
@ Eike:
Ich bin ganz bei dir, dass eine intensive Befassung mit jüdischer Tradition es sicherlich nicht verunmöglicht, dass jemand ein Antisemit ist. Trotzdem hätte es mich halt aus dem Grund besonders interessiert, in welchem Text sich das geäußert haben sollte, weil ich eben in zahlreichen Lyrics von Dissection jüdisch-kaballistische Bezüge gefunden habe, aber niemals negativ im Sinne von Antisemitismus konnotiert. Das heißt nichts, denn ich kenne die ganzen Texte nicht auswendig. Solltest du den Text mal irgendwann finden, der dir insoweit kritikwürdig erschien, darfst du mir gerne Bescheid geben.
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von Eike » Donnerstag 23. Februar 2023, 01:32
Martin van der Laan hat geschrieben:[S]ystematische Philosophisierung einer suizidalen Depression bei einem maximal empfindsamen und kreativen Menschen wird dem Menschen an sich als lebensmüdem Individuum doch nicht gerecht.
Systematische Philosophierung ist allerdings gerade bei empfindsam und kreativen Menschen oft eine (nicht gerade heilsame!) Strategie, mit der eigenen Überforderung als lebensmüdes Individuum in einer als weniger empfindsam und kreativ wahrgenommenen Welt umzugehen: Weltverachtung ("sour grapes", um das Sichnichtanpassenkönnen zu kompensieren) und Rückzug in den Elfenbeinturm (weil das Rausgehen so schwer fällt). Martin van der Laan hat geschrieben:Aber man kommt bei all den misantrophen Ideologien irgendwie nie weit, wenn man länger drüber nachdenkt. Stimmt, das führt bloß weiter ins Abseits. Martin van der Laan hat geschrieben:An Ende ist die Verneinung einfach nur bequemer und einfacher als das "Ja, trotzdem!!"
So erklärt sich die "Gesamtscheiße" der Depression: Wenn das "Ja, trotzdem!" aus eigener Kraft unmachbar scheint, das passive Erdulden ohne Hoffnung auf Hilfe oder sonstige Besserung von innen oder außen (das "Jein... Vielleicht...) aber nur noch als sinnlose Verlängerung des Leidens scheint, dann bleibt nur noch die Verneinung als Ausweg aus der Misere. Manchmal als temporärer Trotz, der immerhin eine Selbstpositionierung in der Welt ermöglicht und so eine emotionale Bindung, die einen (wenn auch in der Depression) "hält". Bei einigen endet diese Verneinung, ausschließlich gegen sich selbst gerichtet, allerdings auch im Suizid; bei wieder anderen führt sie - über sich selbst hinaus erweitert - zum Amoklauf gegen wen-auch-immer als (vermeintliche oder tatsächliche) Mitschuldige an der eigenen unhaltbaren Lage. Martin van der Laan hat geschrieben:Wenn mein Sinn in der Verneinung liegt, erkenne ich das Verneinte doch schon als Authorität an...?
Das ist das kreuzdumme an Satanismus (und Amoklauf): Weltoffene Komplexität wird reduziert auf weltabgewandte(n) Binärität(/antipodischen Dualismus): Wirklich und möglich scheinen dann bloß noch die Kategorien "entweder-oder", "gut-schlecht", "Freund-Feind", "Erlösung-Verdammnis", "Leben-Tod". Das ist dann auch mit ein Grund, warum man gerade mit psychisch labilen, empfindsamen, träumerisch kreativen Menschen noch aufmerksamer, behutsamer, mitnehmender, zugewandter umgehen sollte als ohnehin schon mit allen Menschen: Sie sind ver-irr-barer und dadurch ver-führ-barer. Das sind wir in der Wurzel unseres Wesens aber alle. (Amen.)
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von Eike » Donnerstag 23. Februar 2023, 02:02
Rüdiger Stehle hat geschrieben:Eike hat geschrieben:DISSECTION(*) - 'Elizabeth Bathory'
(* Songtextlich weltanschaulich problematische Band, wobei dieser Song freilich vergleichsweise harmlos ist.)
Ist ja ein TORMENTOR-Cover, das Ding. Sehr schöner Song und in der Dissection-Version wirklich fast so toll wie mit Papa Attila am Mikro.
Das erklärt dann wohl auch, warum mich der Song stärker anspricht als alles andere bislang von DISSECTION gehörte: Zumindest "Recipe Ferrum!" von TORMENTOR (Danke dafür noch einmal, Rüdiger!) finde ich nämlich ganz und gar großartig. Das ist eher meine Art von (Black-) Metal, wie ich ja generell mit räudigem aber simpel eingängigem proto-, post- und punkig salopp tönendem und chaotisch wuselig ausfransendem Gelärme musikalisch mehr anfangen kann als mit allzu rigorosem, strengem, zentriertem Kram - und ironischerweise empfinde ich gerade die selbsternannten dogmatischen Chaosgötter(-Adepten) oftmals als bei aller Raserei doch irgendwie festgefahren; neben DISSECTION fallen mir da auch noch die schwarzlogenesk bauhüttentechnischen Architekten von WATAIN ein. TORMENTOR poltern auf "Recipe Ferrum!" zwar längst nicht so ungestüm drauf los wie die frühen VENOM, aber von nähmaschinendurchgetaktetem oder inversokathedralem Antikosmokabbalahblahblahmathematikertum sind sie zumindest dort glücklicherweise mindestens genausoweit entfernt. So, und jetzt suche ich das Original zur Coverversion!
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von Rüdiger Stehle » Donnerstag 23. Februar 2023, 02:09
Das Original war auf der "Anno Domini" (1989 als Tape in Ungarn, 1995 dann über Samoths Label Nocturnal Art Productions als CD und Vinyl). Da waren die noch konventioneller und rumpeliger als auf dem doch sehr progressiv-avantgardistischen Mindfuck "Recipe Ferrum!", aber ich denke diese Art Proto-Black dürfte für dich schon auch klar gehen. Selbe Ecke wie Master's Hammer, oder so. Und Attila war halt auch schon in den Achtzigern der Attila, der später "De Mysteriis" eingesungen hat. Unverkennbarer Sangesgott. https://www.youtube.com/watch?v=w7AtgbonKEk
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